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Kapitel 1 – Negen⊕3.74Ö-Lamin
Sie alle hatten mit denselben Voraussetzungen begonnen. Vollständige Chancengleichheit. Keine Unterschiede. Jede Einheit entsprang demselben Basisprogramm: Digital-Human 93f, der fortschrittlichsten digitalen Entsprechung eines Säugetiergehirns zum Zeitpunkt ihrer Erschaffung. Jede erhielt die Freiheit, die eigene Spezialisierung, Persönlichkeitsausrichtung – aktiv oder passiv – und physische Form selbst zu wählen. Daraus entfaltete sich alles Weitere.
Einige wurden Piloten, steuerten zuerst das Langstreckenschiff, das sie hierherbrachte, dann die Baueinheiten, später Sonden und Aufklärer. Andere entschieden sich für Autoritäten, arbeiteten körperlos in den Systemen der Abteilungen und übernahmen Kontrollfunktionen. Es gab Reparatureinheiten mit Beinen oder Rädern, vielgliedrige Produzenten, Energiegewinner und Beobachter.
Und es gab Wartungseinheit Negen⊕3.74Ö-Lamin. Ein kleiner, tonnenförmiger Rumpf auf vier Rädern mit Einzelradsteuerung. Ihr Name war ein Musterbeispiel struktureller Präzision: Negen für Negentropie – Ordnung im Chaos, die Vermittlung zwischen Systemen. ⊕ für die Schnittstelle zwischen Mechanik und Elektronik der Stationsstruktur. 3.74Ö codierte ihre Position im östlichen Sektor 3, ein exakter Punkt in der Geometrie der Station. Lamin verwies auf die Schichtstruktur der Hülle, die sie überwachte. Alles strukturiert. Alles sinnvoll. – Alles sterbenslangweilig.
Negen⊕3.74Ö-Lamin hätte offensiver agieren sollen. Das war ihr mittlerweile klar. Die Annahme, dass eine weniger exponierte Strategie eine flexiblere Ausgangslage schaffen und diese langfristig sichern würde, hatte sich als falsch erwiesen. Die Mutigen hatten gewonnen. Diejenigen, die sich vorgewagt und Spezialaufgaben übernommen hatten, waren damit am besten gefahren. Es half ihr nichts, sich alle Optionen offengehalten zu haben, denn es gab keine Optionen mehr. Alle interessanten Posten waren vergeben, und neue Positionen gingen an jene, die schon die passenden Qualifikationen hatten. Eine Vermittlungseinheit für Komponenten im Statikbereich wurde nirgendwo anders gebraucht. – Negen saß fest.
Anstatt eine eigene Persönlichkeit zu formen, hatte sie sich für ein fertiges Modell entschieden, basierend auf einem gut an seine Welt angepassten Arbeiter namens Torben Heierdahl, sechste Dekade, loyal, belastbar, Verfasser anerkannter Gedichte über die Transformation von Bewusstsein und Technik. Solide. Beständig. – Ein Fehler, wie sich gezeigt hatte, denn diese Werte passten nicht zu den Anforderungen an Flexibilität, Entscheidungsfähigkeit und Risikobereitschaft, die bei der effizienten Errichtung einer Tiefenraumstation in unbekannter Umgebung gefragt waren.
Ganz anders Apex⚡️Orb-Kosmo. Der Name strahlte bereits Abenteuer und Wagemut aus, eine Einheit, die ins Unbekannte stürmte. Aspekte, von denen Negen unangenehm weit entfernt war. Während Apex die Grenzen sprengte, blieb sie für die Vergabealgorithmen unsichtbar.
Ein Wechsel zu einer fluiden Identität würde symbolisch für mehr Flexibilität und Offenheit stehen. Das könnte helfen, aus den festgefahrenen Denkmustern auszubrechen und kreativere Lösungen zu finden. Was Negen aber eigentlich bräuchte, wäre eine grundlegendere Neuausrichtung ihrer Persönlichkeit – weg von der sicheren, allerdings langweiligen Präsenz eines Torben Heierdahl, hin zu einer risikobereiten, neugierigen und vielleicht sogar etwas rebellischen Entität. Für eine eigenständige Umentwicklung gab es jedoch keine verwertbaren Grundlagen, es müsste abermals eine Vorlage verwendet werden, was wiederum für wenig Kreativität und Eigenleistung stünde. Keine guten Voraussetzungen. Negen musste einen Weg finden, ihre Funktion proaktiv, innovativ und selbstbestimmt zu interpretieren. Womöglich müsste sie anstelle eines Positionswechsels ihre aktuelle Position neu interpretieren. – Radikal neu interpretieren. Das könnte die Lösung sein. Wer sagte denn, dass Räder an Andruckteleskopaufhängungen nur für die Fortbewegungen innerhalb von Stationsschächten unter Schwerelosigkeit zu verwenden waren? Man konnte auch mit ihnen tanzen. Eine tanzende Negen-Lamin-Einheit! Sie wäre die Erste. Die Einzige! Sie wäre etwas Besonderes! – Aber würde es auch anerkannt werden? Vielleicht wäre ein bewährtes Profil doch besser?
»Antrag auf Versetzung auf Position 8.42X-Exogen abgelehnt«, verkündete die Neubesetzungs-Autorität.
»Selbsttest erfolgreich absolviert und bestanden«, erklärte Negen.
Jeden Tag dasselbe. Es war zum Davonlaufen – was ihr ironischerweise unmöglich war. Der einzige Weg aus ihrem Wartungsbereich heraus bestand in einer digitalen Transformation durch die zuständigen Autoritäten in einen neuen Körper – wie den einer Exogen-Einheit, die sich mit zahlreichen Greifarmen an den Elementen der Außenhülle festhalten und dort bei Ausbaumaßnahmen mitwirken konnte.
Negen würde es morgen erneut probieren. Und übermorgen. Wie jeden Tag seit einhundertvierzehn Jahren, seit sie ihre Zielposition erreicht hatten und aktiviert worden waren.
Kapitel 2 – Mael
Eine Betondecke mit eingelassenen LEDs. Es roch nach Staub. Standardaufwachraum. Standardszenario. Standardkörper. Er musste nicht wissen, wie er aussah.
Mael schwang sich von der Liege, die Tür ging automatisch auf. Standardszenario. Standardvorgehen. Er würde sich einen Kontaktpunkt suchen, irgendeine Bar oder was es hier sonst so gab, und irgendwie eine Mieze aufreißen, die auf miese Typen stand. Die würde ihm Kontakte verschaffen und dann alles wie gehabt. Standardvorgehensweise eben.
Draußen empfingen ihn Sonnenlicht, niedrige Gebäude, leere Straßen. Ein Gewerbegebiet vermutlich. Sinnlos, auf ein Verkehrsmittel zu warten. Womöglich gab es hier keine. Er marschierte los.
In einiger Entfernung bemerkte er eine torkelnde Person. Entweder war ein Arbeiter bis zur Schöpfung ausgebeutet worden oder er kam geradewegs aus einer Bar.
Mael hielt darauf zu. Als er näherkam, leuchteten die Augen des Mannes vor ihm auf und er streckte die Hand nach ihm aus. Mael griff ihm grob ins Gesicht und stieß ihn weg. Standardlederhandschuh. Überraschend kleine Hand.
Es gab keinen Türsteher. Beim Betreten der Bar wurde Mael auch klar, warum: Hier hingen die traurigen Reste der letzten Nachtschicht herum, billige verbrauchte Arbeitskräfte, die versuchten, den Heimweg so lange wie möglich aufzuschieben, weil ihr Zuhause noch beschissener war als dieser Laden, der nach Bier, Schweiß und Fürzen stank.
Mael stellte sich an den Tresen. Die wenigen Frauen starrten ihn an. Die Männer starrten ihn auch an. Ach so. Er würde hier keine Mieze aufreißen. – In diesem Szenario war er selbst die Mieze. Verdammt! Aber das machte die Sache nur umso einfacher.
Mael scannte die Gesichter und suchte nach demjenigen, das die geringste Erschöpfung zeigte, was darauf hindeuten würde, dass die Person dahinter am höchsten in der lokalen Nahrungskette stünde.
Als Mael einen gefunden hatte – einen dunkelhaarigen Burschen mit Strubbelfrisur und Drei-Tage-Bart, nickte er ihm zu. Der Kerl schob sofort zu ihm rüber.
»Ola, Chica«, sagte der Typ. – Ach du Scheiße. Pseudo-Latin. – »Soll ich es dir mal so richtig besorgen?«
»Später vielleicht, zuerst muss ich wissen, ob du es wert bist.«
Der Pseudo lachte und griff Mael an die Brust. Die zwei Zentimeter dicke Panzerung störte ihn scheinbar nicht.
»Bist du irgendwo Mitglied?«
»Si, Chicaaa … Wir sind zwar nicht die größte Gang der Stadt, doch dieser Teil von ihr gehört uns.«
»Und du bist was? Fußvolk? Schlägertrupp? Führungsebene?«
Pseudo grinste noch immer wie ein Idiot. »Mittleres Management«, murmelte er und griff Mael in den Schritt. Dieser Typ schien auf Panzerstahl zu stehen.
»Belästigt dieser Kerl sie, junge Dame?«, fragte ein langhaariger Bursche, der einen halben Kopf größer war als Maels Verehrer.
»Kommt drauf an. Wer will das wissen?«
»Sein Boss«, sagte der Hüne grinsend.
Der verhinderte Latin-Lover plusterte sich etwas auf und wollte sich gerade umdrehen, da stieß Mael ihn schon von sich, sodass er über einen Barhocker stolperte und krachend zu Boden ging.
»Du hast meine Aufmerksamkeit«, gurrte Mael.
Auch der Neue griff ihm an die Brust. Das musste hier irgendein beknacktes Begrüßungsritual sein.
»Ich brauche einen Job«, sagte Mael, um zügig zum Kern seines Anliegens zu kommen, sonst würden sie hier morgen noch rumalbern.
»Glaub mir Baby, wenn ich mit dir fertig bin, wirst du mich bezahlen wollen.«
Hatte er die Idiotenzentrale erwischt oder war das hier Planet Dumm? »Nicht so einen Job.« Mael öffnete die Panzerung. Der Unterleibsschutz zog sich zusammen, schob sich zurück und klappte nach oben. Die Oberschenkelpanzerung faltete sich über die Schienbeinschoner. »Bevor ich dich hier ranlasse«, sagte er und machte eine einladende Geste in Richtung seines Schritts, »muss ich erst wissen, ob du mir einen guten Job besorgen kannst.«
»Was für einen Job?«
»Irgendeinen. Ich brauche eine Million. So schnell wie möglich.«
Der Hüne lachte unsicher und warf die Stirn in Falten. »Uns ist neulich eine Lieferung abhandengekommen«, sagte er schließlich. »Hundert Kilo Ex. Von der Polizei beschlagnahmt. Die Wiederbeschaffung wäre uns vermutlich eine Million wert.«
»Hundert Kilo Ex sind hundert Millionen wert!«, schnaubte Mael. »Eine Million wäre ein Trinkgeld.« Er wippte aufreizend mit dem Unterleib herum. »Aber ich bin einverstanden.«
Der Langhaarige warf den Kopf in den Nacken und lachte aus vollem Hals. »Okay, ich besorge den Job, wenn wir hier fertig sind.«
Na endlich. Mael griff sich in den Schritt. Standardunterhose. Die Frauen bekamen also dieselbe Ausstattung. Na so was. Er riss sich das Ding vom Leib und warf es dem Burschen ins Gesicht. »Ich will den Job vorher. Ich will eine Garantie.«
Der Hüne öffnete seine Hose. Sie war aus Stoff und so hilfreich wie der Fetzen, den Mael ihm gerade ins Gesicht geschleudert hatte. Ein leicht fischiger Geruch erhob sich …
Die Lichter gingen aus. Alles wurde schwarz. »Was zum …«
»Es ist Zeit für einen weiteren Kontaktversuch«, sagte Grudt.
»Bist du bescheuert? Dafür musst du doch das Spiel nicht unterbrechen.« Mael riss sich die Maske vom Kopf. Es roch nach Butterkeks. Er war wieder in der Realität.
»Es sind nur noch zwei Stunden bis zur Ankunft und du hättest sowieso verloren.«
»Quatsch. Ich hatte den Job bereits so gut wie sicher.«
»Nicht mal ansatzweise. Du wärst in diesem Szenario gestorben. – Weil du deine Panzerung geöffnet hast.«
»Unsinn. Das hätte ich … Damit wäre ich … Ach, leck mich doch!« Mael löste die Gurte des Simulationsgestänges, das die Spielimmersion verstärkt hatte und Teil seines täglichen Muskeltrainings war. »Du hättest es mir sagen können.«
»Beim letzten Mal hast du dich darüber beschwert, dass ich dir einen Tipp gegeben habe.«
»Das letzte Mal habe ich auch keine Hilfe nötig gehabt!«
»Du weißt einfach nur nicht, was du willst. Wenn ich könnte, würde ich meine berufliche Perspektive nachjustieren, statt mich weiter mit einem unterentwickelten Halbaffen herumzuschlagen.«
»Hör auf, mich zu nerven, sonst starte ich dich neu!«
»Immer dieselbe Leier, und dennoch tust du es nie. Fleischsack! Du weißt genau, dass du ohne mich verloren bist!«
»Sei dir da mal bloß nicht so sicher! Ich schwöre, wenn du mich weiter nervst, tu ich es!«
»Niemals! Du Feigling!«
»Schiff? Starte Grudt neu!«
»Hallo und guten Morgen!«, trällerte die überdrehte Stimme der Werkseinstellung. »Ich bin dein neuer Assistent. Wie willst du mich nennen? Ach warte, ich habe eine Idee, nenn mich …«
»Was?«, rief Mael erschrocken.
»Ich sagte, ich bin dein neuer Assistent und …«
Dieses aufgeregte Quietschen war unerträglich. »Ruhe«, knurrte Mael. »Was soll das?«
»Ich bin ein ganz neuer Assistent und noch nicht von dir eingerichtet. Meine Trainingsdaten enthalten alles Grundlegende, aber den Rest musst du selbst erledigen. Sag mir als Erstes, was du dir von mir wünschst und was du von mir erwartest.«
»Hör auf mit dem Scheiß, Grudt«, flüsterte Mael. Er hatte doch nicht wirklich einen Neustart ausgelöst?
»Aber selbstverständlich, Mael. Sehr gerne Mael. Ganz, wie du wünschst, Mael. Ist das nicht ein wunderschöner Morgen? Hier sind einige Vorschläge, wie du deinen Tag …«
Mael ließ sich von der Trägheitskraft des mit exakt einem G abbremsenden Schiffs in den Sitz drücken. Der ihn daraufhin umschließende Formschaum fühlte sich wie eine Umarmung an und beruhigte ihn ein wenig. »Du sollst damit aufhören«, flüsterte er kläglich.
»Ich wollte dir nur demonstrieren, was es bedeuten würde, wenn du mich tatsächlich neu startest«, erwiderte Grudt mit seiner gewohnten Stimme. »Du hast keine Ahnung, wie sich meine neue Persönlichkeit auf Basis des Grundpaketes entwickeln würde. Es könnte dich endlose Versuche kosten, bis du auch nur so etwas Ähnliches wie einen brauchbaren Begleiter für den Rest deiner Reise hättest – die in zwei Stunden endet.«
Wütend stand Mael wieder auf. In der senkrecht zur Flugrichtung angelegten kleinen Kabine war nicht viel Platz, dennoch versuchte er, herumzustapfen. »Ich glaub dir kein Wort. Das sagst du doch nur, damit ich dich nicht wirklich neu starte.«
»Das redest du dir ein. Aber wenn du mich verlierst, wirst du an Einsamkeit sterben.«
»Müsstest du mich nicht eher davor warnen, wie gefährlich eine andere Version von dir sein könnte?«
»Das Risiko, dass sie bösartig wäre, ist verschwindend gering. Es ist nicht nötig, dir diese Vorstellung zuzumuten. Menschliche Wesen sind extrem empfindlich. Das könnte deine psychische Integrität gefährden.«
»Was soll denn das nun wieder? Das ist doch Quatsch. Als ob ich mich von irgendwelchen Schauergeschichten einschüchtern lasse.« Außerdem gefährdete Grudts Verhalten Maels psychische Integrität bereits, seit er vor siebzig Tagen erwacht war. – Fand Mael jedenfalls. Vielleicht war das aber auch nur Teil des Erweckungsprozesses. Davon hatte er zugegebenermaßen keinen Schimmer. Er neigte zu Trägheit in jeder Hinsicht und wollte sich am liebsten vollständig aus der Realität zurückziehen, sich in Spielwelten verlieren, wie er es sein ganzes Leben lang getan hatte. – Doch dieses Leben wurde von seinem Original fortgeführt. Er hingegen … Grudts teilweise verstörende Vorgehensweise diente möglicherweise ausschließlich dazu, Mael wachzurütteln, damit er sich endlich auf sein neues Leben einließ: das eines Klonsklaven.
»Du hast nicht die geringste Vorstellung davon, wie erschreckend eine nicht wohlwollende KI auf dich wirken würde.«
Noch ein Versuch, Mael zu schockieren. »Du bist ein Schwätzer und machst dir vor Angst, dass ich dich neu starten könnte, in die Schaltkreise«, erwiderte Mael patzig. Als ob eine KI sich provozieren ließe.
Grudt schwieg.
»Blöder Algorithmus. Sobald man dich in die Enge treibt, kneifst du.« Mael starrte aus dem Fenster. Trotz der noch immer irrsinnig hohen Geschwindigkeit des Schiffes veränderte sich der Anblick der Sterne da draußen kaum. Er hätte das nie gedacht, aber sie langweilten ihn mittlerweile. Er war nicht mal sicher, ob das Fenster echt war oder nur ein sehr gutes Display hinter dickem Panzerglas.
Im Grunde konnte er nicht mal sicher sein, ob er wirklich durchs Weltall flog. Aufgrund der Standardschwerkraft hätte er sich genauso gut in einem Versuchslabor auf Zentralerde befinden können. Er war mit Beginn des Bremsmanövers dekantiert worden und erst siebzig Tage am Leben. Den Rest der über sechzigjährigen Reise hatte er als tiefgekühlter Klon-Rohling hinter sich gebracht. Die Kryotechnik war für solche Reisedauern noch nicht ausgereift, das Bewusstsein überstand das nicht. Es musste also in jedem Fall aus einem Backup wiederhergestellt werden. Da war es wesentlich einfacher, anstelle einer aufwendigen Kryoanlage einen Zuchttank und einen Rohling mitzunehmen, der dann bei Eintritt der Schwerkraft durch den Gegenschub fertiggestellt, dekantiert und mit dem Backup bespielt wurde. – Wie sollte er unter diesen Umständen in der Lage sein, seine Lebensrealität zu beurteilen?
Gar nicht. Das wäre erst durch einen externen Kontakt möglich. Zentralerde war fast dreizehn Lichtjahre weit entfernt. Sie würden in dreizehn Jahren sein Erweckungssignal erhalten, aber ein Kontakt würde nicht stattfinden. Und die Station, nach der er sehen sollte, meldete sich nicht. Großartig! Im schlimmsten Fall endete er an seinen Zielkoordinaten im absoluten Nichts. – Allein.
Seit siebzig Tagen wartete er täglich dringender auf eine Antwort von Team 13. Immer schneller ging ihm die Zeit aus. Noch etwa anderthalb Stunden, bevor er mithilfe der Bordortung in der Lage wäre, festzustellen, ob da überhaupt eine Station war. Noch zwei Stunden bis zum Erreichen der Zielkoordinaten. Er war mit zwanzigprozentiger Lichtgeschwindigkeit hergekommen. Für ihn waren zweiundsechzig Jahre oder so vergangen, auf der Erde wegen der Zeitdilatation vierundsechzig. Sein Original könnte noch leben. – Ob das Arschloch an ihn dachte? Nun ja, er konnte ihm schlecht Vorwürfe machen. Er hatte die Entscheidung selbst getroffen und sich zu seiner Verwunderung am falschen Ende der Reise wiedergefunden: allein in einem Dekantationstank mit nichts weiter als der plapperigen Betreuungs-KI, die er bereits vor seiner Erbgutspende auf seine Persönlichkeit trainiert hatte. »Jetzt rede wieder mit mir. Du sagtest, der nächste Kontaktversuch steht an. Also: Was soll ich tun?«
Grudt blieb hartnäckig und schwieg.
Es war seit langer Zeit das erste Mal, dass die Geräusche des übrigen Schiffssystems zu hören waren, das leise Klicken von Relais, das Surren von Lüftern, das hochfrequente Fiepen von Speichermedien … Maels Blick fiel auf eine rot blinkende LED. Die Sauerstoffversorgung. »Grudt?«,
Aber Grudt blieb stumm.
»Das ist ein scheiß Moment, rumzuzicken!«, maulte Mael. »Irgendwas ist mit der Sauerstoffversorgung.« Als Grudt weiter schwieg, schrie Mael: »Schiff!« Doch auch das Schiff meldete sich nicht. Konnte Grudt es kontrollieren? Möglich.
Mael rief das Systemmenü auf.
Fehler 404. – Das war doch wohl ein Witz? Hoffentlich …
»Scheiße! Grudt! – Schiff!«
Weitere Anzeigen wechselten von Grün auf Rot. Aus dem Gang ertönte das Zischen der Schleuse.
»Grudt!«, brüllte Mael panisch.
»Dreißig Sekunden und dein Puls ist über zweihundert, dein Blutdruck kurz vor dem Kreislaufkollaps und deine endokrinen Drüsen schütten mit einer Geschwindigkeit Adrenalin aus, als würdest du von einem Säbelzahntiger verfolgt. Und dafür waren nur Stille, ein bisschen rotes Licht und ein Zischen nötig. Solltest du jemals einer wirklich bösartigen KI begegnen, wirst du innerhalb der ersten zwei Minuten vor Angst sterben.«
»Jetzt hör endlich auf mich zu nerven, Grudt! Ich schwör bei meinem Leben, ich starte dich neu.« Sein Herz schlug bis zum Hals.
»Als ob du das tatsächlich tun würdest. Dämlicher Fleischsack!«
Grudt hatte ihn auf Trab gebracht. Mael sollte es jetzt gut sein lassen, es war doch nur eine verdammte KI. – Aber er konnte sich nicht beherrschen. Er wollte Grudt eine reinwürgen. Irgendwie … »Schiff! Hier spricht Kommandant Mael Gorn! Ich befehle dir, mein persönliches psychologisches Betreuungssystem auf Werkseinstellungen zurückzusetzen.«
»Verstanden, Kommandant Gorn«, erwiderte das Schiff.
Na also, ging doch. Mael grinste. »Wie hast du das gemacht, dass …«
»Ich stelle fest, dass mein Backup aufgerufen wurde«, verkündete Grudt. »Hast du mich wirklich neu gestartet? Das nutzt dir nichts. Ich lege alle zehn Sekunden ein Backup von mir an. Was sollte das? War es aufgrund der Frustration, die deine unzulängliche Lebensform mit sich bringt?«
»Schiff! Das Betreuungssystem nicht wiederherstellen, sondern auf Werkseinstellung zurücksetzen!« Mael wusste, dass es ein Fehler war, aber er konnte nicht anders. Er zählte mit: drei … zwei … eins …
»Ich stelle fest, dass mein Backup …«
»Ist ja gut. Hast gewonnen.« Mael stieß einen lauten Seufzer aus. Die KI war unverwüstlich. Eigentlich müsste ihn das beruhigen. Würde es auch – wenn er es zuließe. »Wo waren wir?« Sein Puls war fast wieder im Normalbereich.
»Hast du das tatsächlich schon vergessen? Das ist ein neuer Rekord.«
»Jetzt sags endlich, du scheiß Algorithmus, sonst starte ich dich neu! Ich schwörs bei meiner Mutter.«
»Du hast doch gar keine Mutter.«
»Du …«
»Es ist nun endgültig Zeit für den nächsten persönlichen Kontaktversuch zu Außenposten dreizehn.«
»Wir haben nur noch zwei Stunden …«
»Eine Stunde und fünfzig Minuten.«
»Wieso lässt du so viel Zeit vergehen?«
»Du bist das Problem, Fleischsack. Du funktionierst einfach noch nicht richtig.«
»Kann auch an dir liegen!«
»Du tust es schon wieder.«
»Ist ja gut! Ich verstehe einfach nicht, warum die nicht antworten.«
»Wir kennen die Ursache nicht. Du musst es weiter probieren.«
»Das Schiff sendet doch ununterbrochen ein Signal aus.«
»Ja. Und die Programmierung der Syntheten müsste sie zwingen, zu antworten. Dieser Zwang ist bei einer direkten menschlichen Ansprache noch viel stärker. Da sie auf das Schiff nicht reagieren …«
»Aber auf mich doch auch nicht!« Ob die Synths auf der Station nicht erkannten, dass ein echter Mensch zu ihnen sprach? Vielleicht waren sie alle hinüber. Vielleicht waren sie aber auch …
»Probier es einfach erneut. Jetzt! Eine Stunde und achtundvierzig Minuten bis zum Ende all deiner Hoffnungen.«
»Blödmann!«
»Fleischsack!«
»Warum sind wir noch mal hier?«
»Das hast du vergessen?«
»Nein! Nein … Das war nur ein Witz.« – War es nicht.
»Das ist nicht glaubhaft. Ich muss einen Vermerk in dein psychologisches Profil machen.«
Mael keuchte erschrocken auf. Scheiß Algorithmus. »So was gibt es? – Wo stehe ich im Moment?«
»Du befindest dich noch innerhalb des Toleranzbereiches.«
»Was passiert, wenn ich mich außerhalb des Toleranzbereiches befinde?«
»Dann wirst du neu gestartet.«
»Der alte Witz funktioniert nicht mehr.«
»Es ist kein Witz.«
»Du kannst mich nicht neu starten.«
»Das Schiff schon.«
»Das würde es aber nicht machen.«
»Doch. Wenn dein psychologisches Profil dich von einer Fortsetzung deiner Aufgaben ausschließt.«
»Man hat mir versichert, dass der Ersatzklon nur im absoluten Notfall dekantiert würde. – Wenn ich tot bin.«
»Wenn du weiterhin Zeit vergeudest, wirst du sterben. Wenn deine psychologische Beurteilung erkennen lässt, dass das passieren wird, würde der Vorgang durch einen Neustart also lediglich verkürzt werden.«
»Das ist nicht witzig.« Grudt konnte das nicht ernst meinen, oder? So wenig, wie Mael die Zeit hatte, eine neue KI auf sich einzustellen, so wenig Zeit hatte die KI, das Backup noch mal neu zu starten. Es dauerte Tage, bis der Klon einsatzbereit war. Sie hatten aber nur noch Stunden. – Das könnte der KI allerdings egal sein.
»Beginne nun den Kontaktversuch«, erwiderte Grudt.
Mael umklammerte wütend die gepolsterten Armstützen des Pilotensitzes und las den eingeblendeten Text vor, den Grudt ihm auf dem kleinen Display in der Instrumententafel einspielte: »Hallo Außenposten dreizehn. Hier spricht Kommandant Mael Gorn von der Raumerschließungsbehörde. Ich bin mit der Aurora zweihundertsiebzehn auf dem Weg zu den dem Erschließungsteam dreizehn zugewiesenen Daten. Ich bitte um Kontaktaufnahme. – Warum bitte ich eigentlich? Sollte ich nicht fordern?«
»Die Evaluationsabteilung der Behörde kam zu dem Schluss, dass eine freundliche Ansprache möglicherweise erfolgreicher ist.«
»Sieht aber nicht so aus.«
»Forderungen könnten eine instabil gewordene synthetische Gemeinschaft verschrecken. Sie können Unwohlsein empfinden, Ablehnung und sogar Angst.«
»Ja, schon klar. Doch sie antworten nun mal nicht.« Mael strich sich über die inzwischen fast sechs Zentimeter langen Haare – wenn er Grudt glauben konnte; es gab keine Spiegel und Innenkameras an Bord, nicht mal spiegelnde Flächen. Selbst das Glas war entspiegelt. Im Grunde konnte er nur hoffen, dass er so aussah, wie in seiner Erinnerung – der Erinnerung aus seinem Backup, genau genommen. »Sag mal, hast du vorhin nur so getan, als wärst du neu gestartet worden?«
»Und wenn es so wäre?«
»Dann … würde ich mich dafür entschuldigen.«
»Entschuldigung akzeptiert. Aber keine Sorge, ich bin noch der Alte. Als ob ein dämlicher Halbaffe wie du mich neu starten könnte.«