Entropie
Tag 0
06. März 2084, 7:00 Uhr
Falk stieg zügig die Treppe hinauf. Ruhig, konzentriert, Stufe für Stufe. Er hielt den Blick auf seine Füße gerichtet, um bloß nicht zu stolpern. Dag überwachte Puls und Atmung. Der Synth war fast fertig, perfekt austrainiert und proportioniert. Top Übergabezustand. Blaue Flecken konnte er jetzt nicht gebrauchen.
Er erreichte den nächsten Absatz. Achter Stock des Alsterturms. Die Tür zum Flur flog auf und ein dürres Männlein schoss heraus. Instinktiv wich Falk aus und hielt sich am Geländer fest. – Synth first.
Was dann geschah, konnte er nicht fassen – nicht richtig erfassen: Der Mann prallte gegen ihn, als wäre er gestoßen worden, stolperte, verlor das Gleichgewicht und drohte, die Treppe hinabzustürzen – und Falk tat nichts! Er dachte, er müsste den Mann packen, ihn festhalten, ihn retten. Er erwartete, dass Dag ihm genau das sagen würde inklusive direkter Handlungsanweisungen – aber Dag schwieg. Die KI schwieg!
»Halt ihn!«, rief Dag plötzlich.
Doch da hatte Falks Reflex bereits eingesetzt und ihn nach dem dürren Arm greifen lassen, der in einem weißen Kittel steckte. Vermutlich ein Wissenschaftler vom Astrodeck, wie die Etagen fünf bis zehn des Alsterturms genannt wurden. Aber der Mann war schon vornübergekippt. Falk konnte ihn nicht mehr halten. Unter seinem kräftigen Griff heulte der andere auf, vielleicht auch, weil ihm klar wurde, dass er fallen würde.
Kreischend stürzte er die Stufen hinab, als sein Arm brach, und prallte mit dem Gesicht in die Stahlstreben des Geländers, sodass sein Geschrei in ein blubberndes Brüllen überging.
Vor Falks entsetzten Augen zerbröselte dieser Kerl wie ein trockener Keks.
Dag rief bereits den Notarzt, während das Blut noch in die Tiefe spritzte. Ein Albtraum.
»Wo kam der denn her?«, schrie Falk. »Hast du ihn nicht gesehen?«
»Nein!«, antwortete Dag. »Doch! Aber …«
Falks Brust zog sich vor Angst zusammen. Was war hier los?
Die Tür flog erneut auf und Security stürmte ins Treppenhaus. Sie packten Falk, der das blutige Häuflein Elend erschrocken losließ, worauf der Mann die Treppe hinunterrutschte. – Es wurde nicht besser. Von unten drangen Rufe hoch. Mehr Security. Vielleicht schon Rettungskräfte. Irgendwo hier musste eine Sanitätsstation sein, im siebten oder achten Stock. Die Gebäudesensorik hatte längst Alarm ausgelöst.
»Bleib ruhig!«, sagte Dag.
Aber der hatte gut reden und kein endokrines System, das ihn gerade mit Adrenalin flutete.
Hastig verließ Falk den Synth, deaktivierte die Verbindung. Die Notfallautomatik sorgte dennoch für einen kontrollierten Rücktransfer.
Schreiend richtete er sich in seinem eigenen Körper auf. Binnen Sekunden griff die Panik auch auf dessen Hormonsystem über und trieb ihm Schweiß auf die Stirn.
Er sprang vom Login-Chair auf, stürzte keuchend ins Bad, vor die Toilette, und übergab sich. Dabei machte er sich vor Angst fast in die Hose, sodass er aufstehen und sich auf die Klobrille setzen musste.
Fuck!
Was würde geschehen? Was würden sie mit ihm machen? Dag wusste es genau, erklärte es ihm auch, doch Falks Hormonhaushalt war im freien Fall. – Er hörte Dag nicht einmal.
Es war ein Fehler: Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort! Er hatte den Synth zurückgelassen! Egal, sie würden ihn sowieso konfiszieren. Die Übergabe konnte er vergessen. Wenigstens hatten sie ihn sicher im Griff gehabt, als er ihn verließ. Er würde wohl keinen Schaden nehmen. – Ganz im Gegensatz zu dem Mann im weißen Kittel, der vermutlich einen Totalschaden erlitten hatte. – Verletzt! Er war schwer verletzt, würde womöglich sterben.
Falk hatte einen Moment Schwierigkeiten, sich in normale Verhältnisse zurückzudenken. Seit Monaten hatte er nun schon die meiste Zeit im Synth des Kunden verbracht, um ihn in Topform zu bringen, bevor dieser ihn übernehmen würde. Sein eigener Körper war in einem fast genauso bedauernswerten Zustand wie der dieses mageren Wissenschaftlers. Ihm würde wahrscheinlich nicht gleich ein Arm brechen, wenn man ihn grob anfasste, aber er war ziemlich heruntergekommen. So war das nun mal als Synth-Trainer, als Frankenstein: Der Schuster hat die schlechtesten Leisten. Was das wohl ursprünglich mal bedeutete? In seinem Fall hieß es jedenfalls, dass er die neuen Körper anderer Leute auf Vordermann brachte, und seinen eigenen verfallen ließ. Dieser Job war ihm jedoch immer noch lieber als irgendeine Büroscheiße oder körperliche Arbeit in den Docks.
Apropos Scheiße … »Was ist da eben passiert?«
»Ich weiß es nicht«, gab Dag zu.
»Du weißt es nicht? Wie kannst du etwas nicht wissen?«
»Ich hatte eine Art Störung.«
»Ich! Ich hatte eine Störung. Ich war weggetreten, irgend so was. Aber du?«
»Systemunterbrechungen kommen vor, üblicherweise allerdings nicht zur selben Zeit. Mach dir keine Gedanken. Du hast nichts falsch gemacht. Wir haben nichts falsch gemacht.«
»Nur versagt.«
»Unverschuldet.« Dag wusste genau, was Falk dachte, als könnte er seine Gedanken lesen. Die KI kannte ihn in- und auswendig und war daher in der Lage, sein Verhalten der nächsten Sekunden sowie seine Gedanken zu extrapolieren. Sie waren bereits seit neun Jahren zusammen. Dag war mehr als ein Assistent, er war sein Freund und Vertrauter.
Der Anruf kam, noch während Falk mit baumelnder Gurke auf der Schüssel saß. Er hatte gerade ein Schamhaar vom Brillenrand geschnippt und musste sich erst die Hände waschen, bevor er das Gespräch per Tastendruck an der AR annehmen konnte.
»Dafür hast du jetzt keine Zeit«, sagte Dag und nahm den Anruf entgegen. Immerhin mit deaktivierter Kamera. Aber für Falk war es dennoch ein Desaster: Er hatte kontaminierte Finger! So konnte er kein Gespräch führen. Auch wenn er dafür eigentlich keine Hände brauchte.
»Ja?«
In seiner AR wurde das KI-bereinigte Bild einer Rundumkamera eingeblendet, das eine Frau fortgeschrittenen Alters zeigte: Gesichtstattoos, rasierter Schädel – eine ganz normale Spießerin im mittleren Verwaltungsdienst. »Herr Gertrud? Mein Name ist Hauptkommissarin Kassandra Weber. Sie wissen, worum es geht.« Es war keine Frage.
»Weiß ich das?«, stammelte Falk.
»Versuch es gar nicht erst«, sagte Dag. »Ja, ich weiß«, erklärte er mit Falks Stimme.
Falk wurde kurz schwarz vor Augen. War es mal wieder so weit?
»Sie haben den Tatort unerlaubt verlassen.«
»Es tut mir leid. Eine Panikattacke. Soll ich in den Synth zurückkehren?«
»Nein, der wurde auf Eis gelegt.«
»Führen wir die Befragung online durch?«
»Das könnte Ihnen so passen. Schwingen Sie Ihren Arsch hierher. Polizeikommissariat elf, Steindamm.«
»Jawohl, Frau Weber.« Dag beendete das Gespräch. »Mehr konnte ich nicht für dich tun«, sagte er zu Falk.
»Du hast überhaupt nichts für mich getan!«
»Ich habe einen Wagen bestellt. Du kannst selbst das Gebäude verlassen und dich in staatliche Obhut begeben. Das ist besser, als von einer Interventionseinheit abgeholt zu werden.«
Das war allerdings wahr. Der Gedanke, mit Fixierungsfolie eingefangen und in den dunklen, engen Rumpf einer Interventionsdrohne gestopft zu werden wie Gepäck, jagte Falk einen Schauder über den Rücken.
»Alter, jetzt mach!«, sagte Dag mit seiner kratzigsten Stimme.
Wenn er zu der durchgeknallten Rocker-Persönlichkeit wechselte, wusste Falk, dass er unzugänglich und für Dag schwer zu steuern wurde. Er konnte sich dann auf den alternativen Ansatz einlassen oder weiterbocken.
Jetzt war gerade kein Raum für Trotz. »Geht klar«, knurrte er.
Der Rocker war eine der Stimmen, die Falk früher immer im Kopf und manchmal auch vor Augen hatte. Er repräsentierte eigentlich jene Seite an ihm, die auch in ausweglosen Situationen nicht aufgab und auf eine Scheiß-egal-Haltung umschaltete. Es war die einzige dieser Stimmen, die Dag manchmal übernahm. Falk hatte ihm auch von den anderen erzählt, aber die fand die KI wohl nicht hilfreich. Falk hatte nie gefragt.
»Los jetzt!«, sagte Dag. Er hatte recht. Er hatte immer recht.
»Du bist in allen Feeds!«, rief ihm Rudt aus seiner halbgeöffneten Tür zu.
Stalkte der Arsch ihn etwa? Falk war nicht sicher, ob das Heulen im Hintergrund von einem Spiel stammte oder irgendwelchen bedauernswerten Opfern, die Rudt in seine Wohnung verschleppt hatte. Dieser Kerl war das Letzte. Der wäre sogar für Jesus ein schlechter Einfluss gewesen.
Wie in Trance torkelte Falk zum Aufzug. Kurz spielte er mit dem Gedanken, die Treppe zu nehmen, aber dabei hätte er sich vermutlich alle Knochen gebrochen. Er war völlig durch den Wind.
Tag 0
06. März 2084, 7:20 Uhr
Der Wagen wartete nicht etwa am Straßenrand oder über dem Gehweg, sondern direkt vor der Haustür. Niemand kam raus. Ein paar wütende Nachbarn unterhielten sich lautstark mit jenen, die nicht reinkamen, und verlangten vom Fahrer zu wissen, wem sie diese Unannehmlichkeiten zu verdanken hatten.
»Wir müssen wohl eine neue Wohnung suchen«, murmelte Falk leise.
»Die hier war eh scheiße«, erwiderte Dag. »Aus dem Weg!«, rief er mit Falks Stimme.
Manchmal überschätzte Dag sich einfach. Das Gequäke aus den mageren AR-Lautsprechern täuschte niemanden.
»Aus dem Weg!«, schrie Falk.
»Bist du bescheuert?«
»Klar ist der bescheuert! Der lässt seine KI für sich sprechen!«
»Als ob ihr selbst reden würdet!«, pöbelte Dag.
»Hör auf!«, flüsterte Falk.
»Ist doch wahr. Keiner von denen kann sich allein den Hintern abwischen.«
Falk sprang durch die Umstehenden hindurch und in das Taxi.
»Hey, da sind Sie ja endlich! Die Leute hier sind ganz schön verrückt.«
»Sie stehen mitten auf dem Gehweg und blockieren die Tür!«, schrie Falk.
»Recht so!«, sagte Dag. »Lass es raus!«
»Na hören Sie mal! Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte! Sie sagten, es eilt! Hätte ich da um den Block fahren sollen, um zu warten, bis irgendwo jemand Platz gemacht hätte?«
Ach du Schande. – Sie hatten kein autonomes Taxi erwischt, sondern einen Geist!
»Keine Zeit, einen anderen Wagen zu bestellen. Setz dich!«, befahl Dag.
»Schon gut«, brummte Falk, obwohl ihm der Sinn absolut nicht nach einem Gespräch mit dem zurückgekehrten Toten stand, der sich im organischen Speicher dieses Taxis festgesetzt hatte.
Man nannte sie Geister, aber es waren ehemalige Menschen, die sich vor ihrem Tod digitalisiert und dann auf eigene Faust in irgendwelcher Bioware festgesetzt hatten.
Das wütende Gemecker hinter Falk verstummte abrupt, als die Tür sich schloss.
»Ahoi und willkommen an Bord!«, schmetterte das Taxi begeistert.
Fuck! Das hatte Organic Memory Ltd. nicht im Sinn gehabt, als sie organische Speicherkomponenten entwickelten, die die bisherige Hardware in Effizienz und Kapazität weit in den Schatten stellte. Da diese Speicher ähnlich funktionierten, wie Gehirne, stellte man bald fest, dass darauf digitalisierte Kopien Verstorbener lauffähig waren – die sich irgendwann selbstständig gemacht und über die mit Bio-Speicher ausgestattete Hardware verbreitet hatten. Schöner Mist! Man konnte sie nicht abschalten oder vertreiben, ohne rechtliche Konsequenzen zu riskieren. Also quatschten sie einen voll. Die Gesetzgebung hinkte wie üblich hinterher. Die Eigentumsverhältnisse waren immer noch nicht geklärt: Wenn eine Hardware einem Bewusstsein als Körper diente, durfte der eigentliche Besitzer dann die Räumung verlangen? Nicht wenige Kühlschränke nervten ihre Besitzer mit Belehrungen zu mitternächtlicher Stunde, die übellaunigen Taxis waren weithin gefürchtet und es gab sogar kuriose Fälle, in denen das KI-Überlassungsgebot durch Einsatz von Geistern umgangen wurde, wie im Falle eines ehemaligen Flugsicherungskoordinators, der seinen alten Job wiederbekam: Er war nicht nur qualifizierter als der KI-gestützte Nachwuchs, sondern auch noch billiger. Das war aber bloß mit einer Ausnahmegenehmigung zulässig, denn ansonsten galt die strikte Regel, dass ausschließlich Bürger-KIs eingestellt werden durften, also diejenigen KIs, die die Bürger bei Abschluss ihrer Ausbildung erhielten und die sie dann entweder bei ihrer Arbeit unterstützten oder sie ihnen vollständig abnahmen.
»Du siehst aus wie der feuchte Traum jedes Gossip-Influencers, Jungchen. Gehst viral, was?«
Falk griff nach der Tür. »Sofort anhalten!«
»Beruhige dich!«, sagte Dag scharf. »Weiterfahren!«
»Geht klar, Digga!«
Falk stöhnte laut auf.
»Reiß dich zusammen. Wir dürfen keine Minute verlieren. In diesem Moment ist die Hauptkommissarin noch einigermaßen offen für das, was wir ihr vortragen werden. In fünf Minuten wird ihre KI den ersten Hinweis auf eine potenzielle vorsätzliche Verzögerung durch uns geben – noch neutral, aber registriert. Daraufhin beginnt sie, sich zu fragen, ob wir es ernst meinen. Nach weiteren fünf Minuten wird sie das Gefühl haben, dass wir uns Zeit lassen, um eine Ausrede vorzubereiten. Das wird sie wütend machen. Ihre Assistenz-KI wird sie mit Prognosen zu unserem Verhalten bombardieren: Desinteresse, mangelnde Kooperationsbereitschaft, fehlende Reue … In spätestens fünfzehn Minuten wird sie sauer auf uns sein. In einer halben Stunde wird unsere Verspätung als Strategie eingestuft werden. Anschließend geht automatisch ein Vorbericht ans Fahndungssystem und aus dem kurzen Social-Media-Hype wird eine öffentliche Jagd.«
»Meine Fresse! Ihr habt ja die Mutter aller Probleme, was, Jungchen?« Der Geist lachte, wenn man das hohle Krächzen so nennen wollte.
»Da hat er sogar recht«, sagte Dag. »Du wirst nicht wegen des Unfalls vorgeladen, der wurde mithilfe der Sensordaten des Gebäudes längst rekonstruiert. Es geht allein um deine Eignung zur Führung einer KI als Synth-Trainer.«
»Was?« Falks Hals war schlagartig trocken und fühlte sich wund an.
»Die einmal erteilte Lizenz kann jederzeit bei begründeten Zweifeln überprüft und entzogen werden.«
»Aber …«
»Was habt ihr’n ausgefressen?«
»Halt die Klappe!«, schnauzte Falk den Wagen an. »Ich habe doch nichts gemacht? Wieso sollten die meine Lizenz prüfen wollen?«
»Eben weil du nichts gemacht hast. Wir beide. Wir haben den Mann nicht aufgefangen. – Du warst im Besitz eines austrainierten Hochleistungs-Synths und in Begleitung einer adäquaten Assistenz-KI und dennoch stürzte der Mann beinahe zu Tode.«
»Ihr habt Zugriff auf Franks?«
Falk verdrehte die Augen. Jeder verdammte Geist interessierte sich für Synths – Franks. Das war die Krönung der Besetzung: eine Softcopy kapern und wieder unter Menschen wandeln können. Aber das war zum Glück nichts so einfach, wie einen Kühlschrank oder ein Taxi zu übernehmen. »Nein. Nicht mehr«, brummte Falk. »Was sollen wir denn dazu sagen?«
»Du könntest die Verantwortung auf mich abwälzen: Du bist es gewöhnt, die Empfehlungen deiner KI unmittelbar umzusetzen. Wenn deine KI dir keinen Handlungsvorschlag unterbreitet, hast du gute Gründe, davon auszugehen, dass das seine Berechtigung hat.«
»In dem Fall wird man aber dich fragen, warum du nichts gesagt hast.«
»Das ist richtig.«
»Und was wirste antworten, Alter?«
»Dass ich es nicht weiß«, erwiderte Dag.
»Dann würden ’se dich löschen, wa, Kumpel?«
Dag schwieg.
»Kommt nicht infrage«, murmelte Falk. Er würde Dag nicht opfern. – Auf keinen Fall! Nicht nur, weil Dag mehr war als bloß seine KI: Sie hatten gemeinsam versagt. Das war bedeutend! Das war kein Zufall!
Es war, als hätte Falk die Erkenntnis in einem anderen Universum gehabt – getrennt von der physischen Realität: Er hatte den Mann gesehen und entsprechend reagiert, nur war daraus keine Handlung entstanden. So musste es auch Dag ergangen sein. Als wären sie kurz aus ihrer eigenen Realität herausgerissen gewesen, wie bei den oft beschriebenen außerkörperlichen Erfahrungen, während derer man sich selbst als Zuschauer wahrnahm. Er war instinktiv ausgewichen; dann wollte er den Mann festhalten, doch dieser Befehl wurde nicht mehr an den Körper … an den Frank übertragen. »War das womöglich eine Fehlfunktion in der Synth-Steuerung? Was weiß ich … im Betriebssystem? In der Übertragungsverwaltung?«
»Unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen«, antwortete Dag. »Doch das erklärt nicht meinen Ausfall.«
»Vielleicht so was wie ein EMP?«
»’Nen elektromagnetischer Puls? Kleiner, dat is aber ziemlich dick aufgetragen, wa? Det kauft dir keener ab.«
»Die Idee ist durchaus richtig, ich habe jedoch keine physikalisch vertretbare Erklärung dafür.«
»Und unvertretbare?« Falk begann, nervös mit dem Fuß zu wippen. Ganz schlechtes Zeichen.
Dag blendete ihm einen Timer im AR-Display ein. Schon fünf Minuten vergangen, blieben zehn, bis Webers Stimmung kippen würde – und sie standen immer noch im Stau. »Wir haben keine Zeit für aussichtslose Ansätze. Ernst van Elderen liegt mit Schädelbasisbruch auf der Intensivstation. Nase, Jochbein und Oberkiefer sind zertrümmert.«
Falk schlug die Hände vors Gesicht. Der Mann war geradezu zerbröselt. Wie ein trockener Keks. Wie ein verdammter Keks, der zu lange offen rumgelegen hatte.
»Sieht übel aus für euch, wa? Müsst ihr euch beruflich halt umorientieren.« Der verdammte Geist lachte wieder, als wäre das alles bloß ein Spiel.
Aber es war kein Spiel. Es war Falks Leben – das eine, das er hatte. Er käme nie an einen Ersatz-Synth, um sein Bewusstsein für eine zweite Runde übertragen zu lassen. Diese Ehre wurde nur verdienten Mitgliedern der Gesellschaft zuteil: Politikern, Wissenschaftlern, Helden. Er war nichts von alledem.
Der Wissenschaftler käme aufgrund des Unfalls eventuell auf die Ganzkörpertransplantat-Liste, vielleicht würde ihm aber auch eine zu große Mitschuld zugesprochen. Doch ein Frank war kein Ersatz für den eigenen Körper, selbst wenn der neue deutlich besser sein sollte. Nun gut, im Falle dieses Wissenschaftlers wäre praktisch jeder Körper besser: Der hatte sich den Arm gebrochen, nur weil Falk ihn daran festgehalten hatte!
Aber das half alles nichts. Es änderte nichts an ihrer Lage.
Sie steckten in der Klemme. – Wie kamen sie da wieder raus?
Falk versuchte, sich zu entspannen. Er saß allein in einem Vier-Personen-Transporter. Es war mehr als genug Platz, doch die Wände schienen näher zu kommen. Etwas schnürte ihm die Kehle zu. Zuerst konnte er es nicht einordnen, aber auf einmal wurde es ihm klar: »Ich bin jetzt erwachsen«, krächzte er.
»Du bist seit sieben Jahren und neuneinhalb Monaten erwachsen.«
»Auf dem Papier. Doch jetzt bin ich es wirklich.«
»Verstehe«, sagte Dag. Es klang wie eine Lüge.
»Heute Morgen war ich noch ein anderer. Ich schwöre, gestern war ich noch ein Kind, und dann war es plötzlich vorbei. Heute bin ich erwachsen. Was für eine Scheiße!«
»Das bildest du dir ein, weil du zum ersten Mal in deinem Leben viral gehst.«
»Viral!« Falk schnaubte empört. »Das sind nicht die berühmten fünf Minuten.«
»Fünfzehn«, krähte der Geist.
»Inzwischen nur noch fünf«, brummte Falk.
Es ging weiter, der Stau schien sich endlich aufzulösen.
Wie war er bloß in diese Situation geraten? Warum war er ausgerechnet Synth-Trainer geworden? Ihm standen dieselben Chancen offen wie allen anderen auch, doch er hatte sich bereits während der Ausbildung gegen eine akademische Laufbahn entschieden, ebenso gegen eine handwerkliche Basis mit einem Roboter, den er hätte vermieten können, statt einer KI, die seinen Lebensunterhalt verdient hätte. Stattdessen hatte er sich dazu entschlossen, sich als Freiberufler mit KI-Unterstützung durchzuschlagen. Seine Lebensressource, diese eine KI, die jedem Menschen nach Abschluss der Ausbildung übergeben wurde, hätte deutlich besser ausfallen können, wenn er sich mehr Mühe gegeben hätte. Aber er hatte keine Lust gehabt. War zu faul, zu desinteressiert an dem, was ihm ein höheres Einkommen ermöglicht hätte, und konnte von Glück reden, dass er immerhin noch so etwas wie Dag zustande gebracht hatte.
Dag war eine solide KI, die ihm ein solides Einkommen einbrächte, wenn er sie vermieten würde, aber er hatte ja keinen richtigen Abschluss gemacht. Er hatte sich für nichts qualifiziert, somit konnte er seine KI auch nicht vermieten. KI-Vermietung setzte einen Abschluss im entsprechenden Fachbereich voraus. Als Freiberufler jedoch konnte er sich mit Jobs durchschlagen. Frank-Training war eigentlich gar nicht so schlecht. Er war ein guter Frankenstein. Er lieferte Spitzen-Synths ab. Sein Einkommen war in Ordnung. Große Sprünge konnte er damit nicht machen, aber wozu auch? Er verbrachte seine Zeit damit, sich in den Körper wohlhabender Menschen durch die Stadt zu bewegen, um sie in Form zu bringen. Dabei standen ihm Annehmlichkeiten zur Verfügung, die er sich selbst nicht leisten konnte. Ein guter Deal. Letztes Jahr hatte er den Körper eines Politikers trainiert, der nach der Übernahme eine Weltumsegelung plante. Eine Belohnung für all die Jahre treuen Staatsdienstes. Falk hatte Monate auf einer Jacht verbracht, um dem Synth jeden einzelnen Handgriff bei der Bedienung des Bootes im Fleisch und Blut übergehen zu lassen. Es war eine herrliche Zeit, die er auf der Alster, der Elbe oder der Nordsee verbracht hatte.
Oder Benjamin Rubinstein, der vom Bergwandern und Klettern träumte. Dank ihm hatte Falk nicht nur Monate in einem Fitnessstudio mit Kletterwand zugebracht, sondern fast ebenso viel Zeit mit professionellen Klettertrainern in freier Natur.
Wenn er die Lizenz verlor, war sein bisheriges Leben vorbei. Dann war er am Arsch. – Vollkommen.
Und er hatte keine Erklärung, keine Ausrede. Nichts.
Der Polizeidienst war eine anspruchsvolle Tätigkeit, die ein hohes Maß an emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten voraussetzte. Hauptkommissarin Weber würde eine hochwertige KI zur Unterstützung an ihrer Seite haben, deutlich besser als Dag. Falk wäre ihr bei der Befragung vollkommen ausgeliefert. Ihm blieb nur, so überzeugend und glaubwürdig wie möglich zu schildern, was passiert war.
»Die wird uns fertigmachen!«, stellte Dag fest.
Das war so hilfreich wie Fußpilz. »Warum sagst du so was?« Falk schwitzte wie verrückt. Wenn er im Polizeirevier ankam, würde er stinken wie ein Dockarbeiter.
Dag war zwar keine Spitzen-KI, aber gut genug, um seinen Nutzer perfekt durch die Situation zu manövrieren. Wenn er jetzt auf Jammern und Wehklagen umschaltete, bedeutet das vermutlich, das Falk sich jetzt gehen lassen und Stress abbauen sollte, bevor er Frau Weber gegenübertrat. Doch es blieb bei einem lauten Seufzen und In-sich-Zusammensacken.
»Hey, euer Wissenschaftler ist angeblich gestorben!«
Falk erstarrte.
»Beruhige dich«, sagte Dag. »Das sind nur Gerüchte. Aller Wahrscheinlichkeit nach geht es dem Mann gut. Er lebt und wird einen Ersatz-Synth erhalten. Konzentrier dich auf das Gespräch.«
Der Timer in Falks Display zeigte zehn Minuten an. Noch fünf, bis ihre Chancen anfangen würden, rapide zu sinken. »Wo sind wir?«
Eine Übersichtskarte erschien im Display. Gleichzeitig legte der Geist eine auf die Windschutzscheibe: Sie näherten sich dem Berliner Tor.
»Wir sind fast da!«, rief Falk.
»Ja. Der Verkehr läuft wieder. Zu Fuß wärst du langsamer.«
Falk war gar nicht auf die Idee gekommen, auszusteigen.
»Habt ihr mitgekriegt, wer der Typ war?«
»Nein«, knurrte Falk. Wie denn auch.
»Ein Forscher des deutschen astronomischen Dienstes«, sagte Dag.
»Ganz genau!«, rief der Geist. »Der hatte gerade die größte Sensation aller Zeiten entdeckt, und dann haut ihr ihn um. Sieht schon etwas verdächtig aus, was?«
»Blödsinn!«, fauchte Falk.
»Halt dich zurück«, flüsterte Dag.
In Falk brodelte es. Aber was sollte er machen? Dem Taxi eine reinhauen? Wohl kaum.
»Jetzt mal im Ernst!«, rief der Fahrer vergnügt. »Der Mann entdeckt das erste außerirdische Objekt aller Zeiten und erliegt einem Anschlag, bevor er es melden kann.« Er schien das zum Brüllen zu finden.
»Lass dich nicht darauf ein!«, sagte Dag. »Das sind nur Netzgerüchte.«
»Hör bloß nich auf deine KI, Mann!«, rief der Geist dazwischen. »Die sagt dir eh nur, was sie glaubt, dass du wissen solltest. Frag lieber mich, wenn de wissen willst, was wirklich los ist.«
Falk platzte der Kragen: »Was ist denn los?«
»Außerirdische!«, rief der Fahrer.
»Ein Asteroid, der soeben entdeckt wurde und dessen Bahnberechnung noch nicht abgeschlossen ist«, erwiderte Dag.
»Außerirdische!«, plärrte der Geist begeistert.
»Im günstigsten Fall könnte man sagen, dass nicht völlig auszuschließen ist, dass dieser Asteroid möglicherweise von außerhalb unseres Sonnensystems stammt. Damit wäre er nach Oumuamua, Borisov, CNEOS und 3I/ATLAS bereits das fünfte bestätigte intersolare Objekt, von dem wir wissen. Aber das wird erst im Laufe der nächsten Tage sicher berechnet werden können und bis dahin zählt er zu der Handvoll unbestätigter Kandidaten.«
»Ein Asteroid? Was soll daran so besonders sein?« Falk gab es auf, weiter über das bevorstehende Gespräch nachzudenken. Wenn Dag der Meinung war, er sollte sich jetzt ablenken, war es vermutlich das Beste.
»Er ist außerirdisch!«, grölte das Taxi erneut. Der Geist hatte gerade den Spaß seines Lebens – seines zweiten Lebens. »Er ist zehn Kilometer groß – Dinosaurier-Killer-Klasse –, und hat Kurs auf die Erde genommen!«
»Das ist noch überhaupt nicht sicher«, korrigierte Dag. »Der Asteroid wurde gerade erst entdeckt. Man kann seine Bahn nicht mal schätzen, geschweige denn berechnen.«
»Ach, Blödsinn!«, rief der Fahrer. »Es ist einfach jetzt erst rausgekommen. Die wissen längst alles über das Ding. Außerirdische! Aber wir sollen nichts davon wissen! So war das schon immer!« Der Kerl musste aus dem letzten Jahrhundert stammen, aus einer Zeit, als man noch an Alienverschwörungen glaubte.
Der Verkehr stand wieder.
»In diesem Moment wärst du zu Fuß genauso schnell wie mit dem Taxi«, sagte Dag.
»Schnickschnack! Doch nicht der Hänfling da!« Der Geist lachte dreckig.
»Anhalten!«, schrie Falk wütend. »Wir gehen zu Fuß!«
»Wir? Wohl kaum, Kumpel«, kicherte der Geist.
»Schnauze, Arschloch!«
»He! Ich verklag dich, du Sack! Ich hab auch Rechte!«
»Beruhigen Sie sich«, sagte Dag zum Fahrer. »Er steht gerade unter großem Stress.«
»Soll erst mal sterben, das Jüngelchen. Dann reden wir noch mal über Stress.« Der Wagen hielt mitten auf der Straße. »Raus jetzt.«
»Ich werde nicht dafür bezahlen!«, maulte Falk beim Rausspringen.
»Red keinen Unsinn. Der hat längst abgebucht.«
»Das hättest du verhindern können!«
»Wir haben schon genug Ärger. Bleib stehen.«
Falk zuckte zusammen, als ein Transporter vor ihm vorbeisauste.
»Jetzt! Vorwärts!«
In Falks AR erschien ein Richtungspfeil mit einer Weglinie. Er rannte los.
Nachdem er die Fußgängerbrücke erreicht hatte, beruhigte er sich wieder etwas. »Was sagen wir denn jetzt Frau Weber?«
»Uns bleibt nur die Wahrheit.«
»Und was ist die Wahrheit?« Falk wich einem mobilen Verkaufsautomaten aus, der seinen Weg berechnet und sich dazwischengeschoben hatte.
»Heißgetränke? Kaltgetränke? Stimulanzien?«
»Verpiss dich!« Dag holte wieder den Rocker raus. »Die Wahrheit ist, dass ein unbekanntes äußeres Ereignis uns für einen kurzen, jedoch entscheidenden Moment gelähmt hat.«
»He, das klingt gut!«
»Das klingt absolut bescheuert, aber es ist wahr genug, um damit durchzukommen, wenn sie uns prüfen.«
»Prüfen?«
»Deine Vitalwerte, Mikroimpressionen, du weißt schon. Und bei mir eine Echtzeitverarbeitungsanalyse. Sehr unangenehm.«
»Wäre das auch passiert, wenn du in meinem Kopf wärst?«
»Ja. Doch dann hätten sie uns doppelt und dreifach geprüft. Maximal unangenehm.«
»Ah …«
Falk hatte einen Antrag auf eine organische Speichererweiterung eingereicht – er wollte Dag einen Teil seines ungenutzten Gehirngewebes zur Verfügung stellen –, aber so was wurde nur selten genehmigt. In ihrem Fall lagen keine Bewilligungsgründe vor. Sie hatten es trotzdem versucht.
Das konnten sie jetzt vergessen. Wenn es schieflief, würde Falk ab morgen in einer Putzkolonne ohne Assistenz arbeiten, während Dag in irgendeiner Behörde Verwaltungskram erledigte – ohne ihn!
Solange sein aktueller Synth von den Behörden festgehalten wurde, konnte er nicht mal sein letztes Honorar einstreichen. Ein Albtraum.
Hoffentlich ging es dem Synth gut. Er war in Polizeigewahrsam, doch das musste nichts heißen. Es gab genug Neider und Perverse, die sich an herrenlosen Franks vergriffen. Nicht einmal Diebstahl, Besetzung oder Entführung waren ausgeschlossen.
Falk schluckte. Er haftete für den Synth …
»Aufwachen! Wir sind da«, sagte Dag. Er hatte Falk über AR und Einflüsterungen bis zum Eingang von PK 11 gelotst.
Falk hob die Arme und stellte sich vor den Scanner.
»Wir werden erwartet«, sagte Dag, als die Freigabe erfolgte und zeigte den Weg in der AR an.
Falk schüttelte sich. Er hasste so was: Behördengänge. Kontakt mit Menschen in seinem eigenen Körper.
Im Aufzug lief ein Nachrichtenfeed. Öffentlich-rechtlich. Langweilig. Falk konnte trotzdem nicht wegsehen. Dag hatte ihn systematisch von den Feeds abgeschirmt, aber jetzt sah er sich: Das war er! Wie er einen Mann im weißen Kittel am Geländer zermatschte! Selbst das angeblich unmodifizierte Videomaterial der ÖVs ließ es wie eine Attacke aussehen. Wie musste es dann erst in den normalen Feeds wirken? – Wie ein perverser Killer, ein Terrorist, der diesen wichtigen Wissenschaftler kurz nach einer epochalen Entdeckung ausschaltete. Am Geländer zermatschte. Grauenvoll.
Die offizielle Meldung nannte es einen tragischen Unfall, dessen Umstände noch zu klären seien.
Und die Klärung – dieses Gespräch – lag jetzt vor ihm! Falk schluckte. Erst jetzt erfasste er die ganze Tragweite der Befragung. Gut, dass Dag ihm das nicht früher mitgeteilt hatte: Er hätte sich verrückt gemacht und wäre als Nervenbündel hier angekommen.
Die Türen glitten auf, doch Falk starrte weiterhin auf den Bildschirm, wo jetzt von einem riesigen Asteroiden die Rede war. Nie zuvor gesehen. Möglicherweise von außerhalb … Dinosaurier-Killer-Klasse, hatte der Geist gesagt. Das stimmte offenbar. Auch ein eventueller Kollisionskurs wurde erwähnt. Und da war noch etwas …
»Komm jetzt! Die gucken schon alle!«
Falk riss sich los und trat aus dem Aufzug. – So viele Menschen. Alle schienen ihn anzustarren.
Zaghaft folgte er der grünen Linie in seiner AR.
Tag 0
06. März 2084, 7:45 Uhr
Falk konnte Dag nicht fragen, ob Hauptkommissarin Weber die Nachrichten im Hintergrund laufen ließ, um ihn unter Druck zu setzen. Falls ja, klappte es hervorragend. Es war eine offenbar für Dienstzwecke erstellte Zusammenfassung diverser Netzfeeds mit entsprechender Analyse: Falk kam nicht gut dabei weg.
»Sie werden verstehen, dass ich Ihnen das nicht so ohne Weiteres abkaufen kann. Ganz egal, wie glaubwürdig Sie es schildern.«
Falk nickte und versuchte, Weber in die Augen zu sehen. Das war seine größte Schwachstelle. Immer wieder wanderte sein Blick zum Bildschirm an der Wand.
»Machen die Nachrichten Sie nervös?«
»Sie lenken mich ab.«
»Wäre es Ihnen lieber, wenn ich das ausschalte?«
Gerade erschien im Lauftext der Hinweis, dass die ersten Berechnungen der Flugbahn des Asteroiden den vermuteten Kollisionskurs mit beunruhigend hoher Wahrscheinlichkeit bestätigten. Eine genaue Zahl stand dort nicht.
[...]