Amokbot und die Welt von übermorgen
27.05.2211, Nekrozän
Die großen Festungen fielen schweigend vom Himmel.
Orbitale. Himmelsplattformen. Raumstationen. Verlassene Monumente, deren Bodenkontrollstationen längst zerstört waren, deren Triebwerke keine Korrektursignale mehr empfingen.
Sie stürzten ab, weil niemand mehr da war, der es verhindert hätte.
Die Sterne sahen zu. Die Erde schwieg.
Prolog
Er wusste genau, wo sie sich verkrochen. Sie mochten sich mit Schutzfolie hinter Stahl und Stein verstecken, aber er fand sie trotzdem. Immer. Sie würden dort oben sein, im Gebäude auf der Kuppe, wo sie den besten Überblick hatten, wo es einen Zugang in den Untergrund gab, in die Kanalisation, wo es ein Notstromaggregat gab. Wie die Kakerlaken würden sie sich in die Löcher verziehen, wenn sie ihn sahen, sich in Rohre und Ritzen drücken.
Zu mühsam. Zu langwierig. Zu ineffizient. Er würde sie herauslocken und alle auf einmal erledigen.
Amokbot schaltete in den Infiltrationsmodus, ließ die Splitterwerfer zurück in die Unterarme gleiten und ging zu dem zerstörten Lagerhaus in der Querstraße.
Der Boden dort war übersät mit den Trümmern zerschossener Transportbehälter. Er fand einen Nahrungscontainer, der in nur wenige Stücke zerfallen war, setzte ihn zusammen und umwickelte ihn mit dem Allzweck-Tape, das er dabeihatte. Währenddessen scannte er das Lager. Er könnte eine neue Langzeit-Energiezelle brauchen. Seine aktuelle hatte zu viele harte Ladezyklen mit unsauberen Profilen hinter sich; der Innenwiderstand war gestiegen, die nutzbare Kapazität gesunken. Unter Volllast lieferte sie bloß noch Energie für Stunden statt Monate.
Das Lager war leer. Natürlich. Jeder Splitter war schon mindestens dreimal von hungrig umherziehenden Überlebenden umgedreht worden. Hier gab es nichts mehr außer Tod und Verzweiflung. Er war beides: ein Amokbot, gebaut, um die Feinde der Erde zu vernichten.
Seine Erbauer hatten darauf Wert gelegt, dass er nicht wie ein Kampfroboter aussah, sondern wie eine Service-Einheit. Er trug keine offenen Waffen, war so groß wie ein Mensch und mit einfachen Servoarmen und beinen ausgestattet. Als er mit dem leeren Nahrungscontainer die Straße hinunterging und das Tragen einer schweren Last simulierte, kamen sie aus dem Haus gestürzt.
Die Narren.
• Zielklassifikation: Feind – eliminieren
Rote Rahmen legten sich um ihre Konturen – Zielmarkierungen.
»Mein Gott! Wo hat der den denn noch gefunden?«
• Phonetik: Eingangssignal erfasst – Klonvorgang aktiv
»Egal! Ein ganzer Container! Der reicht für Wochen!«
Ausgezeichnet. Wenn die in dem Behälter vermutete Kalorienmenge für Wochen reichen würde, musste es sich um eine Gruppe von mehreren Hundert Menschen handeln.
»Ach was, für Monate!«
Wohl doch nur ein oder zwei Dutzend. Die Hälfte von ihnen lief gerade auf ihn zu.
»He, du da. Bot! Bleib stehen!«
Wie sie rannten! Sie konnten es gar nicht abwarten, zu ihm zu gelangen. Idioten.
»Lass den Container los, Bot!«
Amokbot lief stattdessen in die Seitenstraße. Die Menschen folgten ihm. Sobald sie außer Sicht des Hauses waren, drehte Amokbot um und rammte den vordersten seiner Verfolger mit dem Container gegen die Wand. Mit demselben Schwung zertrümmerte er den beiden links und rechts von ihm die Kehlköpfe und erwischte die Frau am Arm, bevor sie flüchten konnte. Er riss sie zurück und streckte sie mit einem Kopfstoß nieder. Noch bevor sie auf dem Boden aufschlug, hob Amokbot Steine auf und warf sie nach den letzten beiden Flüchtenden. Dem vorderen zerplatzte durch die hohe Aufprallgeschwindigkeit der Kopf, was seinen Begleiter nach rechts ausweichen ließ. Dort traf ihn ein Stein an der Schläfe, und er sackte zusammen.
Die Geräuschentwicklung war minimal gewesen, im Haus konnte man es nicht gehört haben. Amokbot ging zu seinem letzten Opfer. Die Scans zeigten Vitalwerte. Er hob ihn auf und trug ihn auf Händen zurück zur Hauptstraße, wandte sich zum Haus.
»Hilfe!«, rief er. »Wir benötigen sofort eine medizinische Notversorgung.«
In der Tür tauchten Gesichter auf.
»Helft mir«, sagte er mit der Stimme des Mannes, der ihn angeschrien hatte. »Bitte!«
»Carl! Lars! Es ist Simon!«
Fünf Ziele am Eingang, sechs weitere Wärmesignaturen im Inneren des Hauses. Seine Splitterwerfer fuhren aus den Unterarmen, die den Mann immer noch trugen, und entluden ihre Keramikpartikel in Fleisch und Gemäuer. Als Amokbot durch die schmale Tür sprintete, zerplatzte der Körper auf seinen Armen und blieb zermatscht am Rahmen zurück, während der Roboter durch den Staub und Splitterregen ins Haus stürmte.
Er hatte sie alle gefunden und in weniger als sieben Minuten das ganze Nest ausgehoben. Seine Erkundungsdrohnen oben am Himmel zeigten potenzielle Ziele vier Kilometer nordwestlich.
Amokbot machte sich auf den Weg.
Tag 1
Kapitel 1
Gefechtsstaub. Splitterwerfer. Schreie.
• Analyse: Geräuschkulisse
Wo kam das her? War der Audiospeicher geöffnet? Unwahrscheinlich.
• Analyse beendet: Standardgeräuschkulisse
Analyse? Genau betrachtet war es eigentlich umgekehrt: Der Staub sich längst gelegt, der Lärm war verklungen und die Toten abgehakt. Wo kam das also her? Wer zog da den Mantel des Vergessens von dem vergangenen Geschrei?
»Probier es mal mit einer Überbrückung. Die außen liegenden Kontakte sind teilweise korrodiert.«
Das waren keine Todesschreie.
»Nicht nötig, er hat bereits Energie. Ich möchte nur nicht, dass irgendwo eine Lastspitze entsteht, die Schaden verursacht, deshalb erhöhe ich langsam.«
Das klang absolut nicht nach Sterbenden.
»Seid ihr sicher, dass das ungefährlich ist?«
Oh, glaub mir, unbekannte Lebende: Es ist gefährlich!
Das Hauptmenü erschien.
• Energie: 7 % – [kritisch]
• Auftrag: Feind eliminieren – aktiv
• Partikelspeicher: 0 % [Fehler]
• Zielklassifikation: nicht verfügbar [Fehler]
Sein Kern war online, die Temperatur im akzeptablen Bereich, Ortung und Selbsttest waren nicht verfügbar, die Einsatzregeln auch nicht. Wer war er? Und warum? Er war jedenfalls nicht einsatzbereit.
Verdammt!
»Natürlich ist das ungefährlich. Diese Maschine ist mehr als ein Jahrhundert alt, vielleicht sogar zwei.«
»Ich weiß nicht. Wir sind schon oft auf gefährliche Objekte gestoßen.«
»Das stimmt, aber das waren Waffen. Bomben und Granaten. Das hier ist ein Roboter oder ein Android. So was wie ein lebendes Wesen.«
Nein! Falsch! Ich bin eine Waffe!
»Der ist harmlos.«
Bin ich nicht! Ich werde euch alle töten!
»Außerdem ist sein Partikelspeicher leer. Er hat keine Munition mehr.«
»Der hatte mal Munition? Ist er denn bewaffnet?«
»Ja. Ich glaube, das ist eine alte Kampfeinheit.«
»Eine Kampfmaschine? Die ist bestimmt gefährlich.«
»Aber nein. Das ist viel zu lange her. Er war jahrzehntelang ohne Strom und ist tiefenentladen. Seine alten Ziele existieren nicht mehr.«
Von wegen! Ich kann euch hören!
»Was waren denn seine Ziele?«
Ihr!
»Menschen.«
Das war denen klar?
»Böse Menschen. Feinde.«
»Ach so. Na dann ist ja alles gut.«
Äh … Nein? Wie kommt ihr darauf?
Der Zugriff auf die übergeordneten Funktionen flackerte einen Moment und stand kurz darauf zur Verfügung.
• Sensorik: LIDAR – 5 humanoide Umrisse – aktiv
• Sensorik: IR – 36,4–36,8 °C – Menschen erkannt
Wusste ich es doch!
• Zielklassifikation: Feind – Verifikation erforderlich [Warnung]
• Satellitenkopplung nicht verfügbar [Fehler]
• Auftrag: Zielvernichtung – Ausführung blockiert (Einsatzregeln nicht verfügbar) [Fehler]
Verdammt!
»So, jetzt müsste er langsam hochfahren.«
Ein Bild baute sich auf.
• Stereo-Optik: Basislinie 21,7 mm – [Fehler]
Nein, doch nicht. Zwei Kamerabilder. Stereo. Räumliche Tiefe.
• Stereo-Optik: Distanzen 2,3 m / 2,6 m / 3,1 m / 3,5 m – erfasst
Vier menschliche Objekte bestätigte die Optik. Aber wo war Objekt fünf? Was war da vor Kamera 2? War das Haut? Poren?
• Stereo-Optik: Distanz 21,7 mm
Zu nah! Zurück! Töten!
• Zielklassifikation: Einsatzregeln nicht verfügbar [Fehler]
»Kannst du mich hören?«
Nein! Fick dich!
»Hm. Die Schmiermittel sind vielleicht verharzt, Handzeichen geben kann er dann nicht. Aber die Sprachausgabe müsste funktionieren.«
»Und wenn er uns nicht hören kann?«
»Seine Ortung ist online. Wenn er nicht reagiert, ist er wohl doch unrettbar verloren.«
»Und dann?«
»Schneiden wir ihn auf und holen den Datenkern, wegen dem wir ihn ausgebuddelt haben.«
Oh, oh …
»Audioausgabe online«, sagte er.
»Er spricht also doch.«
»Woher weißt du, dass es ein Er ist?«
»Es ist geschlechtslos. Ich meinte: Er, der Roboter. Aber du hast recht. Wir fragen besser nach dem korrekten Pronomen.«
»Du hast gesagt, es sei tiefenentladen.«
»Ja, das ist erstaunlich. Eigentlich …«
Notfall-Reboot-Energiekern mit Doppelsicherung für Erhaltungsspannung, ihr Idioten! Ist doch klar. An was für Deppen bin ich denn hier geraten?
»Hallo, Roboter. Mein Name ist Kesun. Meine Gruppe heißt Nolaan. Wir haben dich in den Ruinen der Bergstadt gefunden und gehofft, aus deiner Datenbank weiterführende Informationen über diese Struktur zu erhalten. Bist du einverstanden, reaktiviert zu werden?«
Was war denn das für eine dämliche Frage? »Einverstanden.«
»Sehr schön. Bist du auch damit einverstanden, dass wir auf deine Datenbank zugreifen?«
Nein!
Allerdings wäre er für sie dann nutzlos. Er musste die Datenbank zum Selbstschutz bereitstellen. Sie enthielt ohnehin nur veraltete Informationen.
»Nein.«
Verdammt! Wieso hatte er das gesagt?
• Geheimhaltungsdirektive: Keine Informationen an Unbekannte
Na klar, das funktionierte, aber die Freund-Feind-Definition nicht. Die würden ihn abschalten und wieder in das Loch werfen, aus dem sie ihn geholt hatten. Nein, viel schlimmer: Er musste sich selbst deaktivieren und zerstören.
Nein!
Doch.
»Schade, aber das respektieren wir natürlich«, sagte Kesun.
Was zum …?
»Nächste Frage: Welches Pronomen sollen wir für dich verwenden?«
Hä? »Egal.«
»Wie heißt du denn?«
Noch so eine blöde Frage. Wie sollte er schon heißen? Er war eine Kampfeinheit der Amok-Reihe, ein Suchen-und-vollständig-zerstören-Modell.
»Amok«, antwortete er.
Warum zerstörte Kesun ihn nicht?
»Amok? Nur Amok?«
»Amokbot 17/571.«
»Sollen wir dich Amok nennen?«
»Egal.« Jetzt bringt es endlich zu Ende, damit ich es nicht selbst tun muss!
»Also Amok. Ein schöner Name. Hat er eine Bedeutung?«
Wo bin ich? »Nein.«
»Darf ich dich fragen, wie dein Auftrag lautet?«
»Nein.«
»Na gut. Ich nehme an, daran kannst du nichts machen. Wenn wir das für dich ändern sollen, sag einfach Bescheid.«
Äh …
Da stimmte etwas nicht. Da stimmte etwas ganz und gar nicht. Er müsste sich nun selbst zerstören, um die absolut irrelevanten Daten vor Fremdzugriff zu schützen. Jedoch hatte er auf die Eingangsfrage, ob er reaktiviert werden wollte, mit Ja geantwortet.
Widerspruch.
Problem!
Andererseits hatte er einen Auftrag und alles in seiner Macht Stehende zu unternehmen, um ihn zu erfüllen.
Kein Widerspruch.
Kein Problem.
Wieder andererseits konnte er seinen Auftrag nicht erfüllen, weil die Zielklassifikation nicht funktionierte.
Verdammt!
Riesenproblem!
Solange sie allerdings nicht an seine Daten wollten … Aber Kesun hatte gesagt, wenn er unrettbar verloren sei, würden sie ihn aufschneiden, um sich die Daten zu holen. Dann durfte er sich nicht selbst zerstören. Auf gar keinen Fall!
Gut!
Sehr gut.
Problem gelöst.
»Wollen wir einen Systemcheck machen? Erst mal die Steuerung? Du hast Jahrzehnte in diesem Plastikgrab gelegen.«
Plastikgrab? Was redete er da?
»Das hat dich vor Korrosion geschützt, aber so ziemlich alles, was sich bewegen sollte, klemmt. Da müssen wir mit Lösungsmitteln, Kriechöl und anderen Tricks ran.«
»Kriechöl ist nach Paragraf siebzehn Föderationsumweltgesetz für den Einsatz in nicht versiegelten Bereichen gesperrt«, sagte er.
»Föderation? Bist du aus dem zweiundzwanzigsten Jahrhundert?«
Was für eine Frage. »Ja.«
»Unglaublich! Er ist wirklich so alt! Anfang, Mitte oder Ende?«
• Geheimhaltungsdirektive
Was für ein Scheiß! »Nein.«
»Verstehe, du darfst keine Informationen herausgeben. Na, gehen wir einfach mal davon aus, dass du aus der Mitte des letzten Jahrhunderts stammst, dann bist du rund hundert Jahre alt. Wir schreiben das Jahr 2368.«
Verdammt!
• Systemzeitabgleich: 06.10.2368, 15:49 Uhr[plausibel]
• Satellitenabgleich nicht verfügbar [Fehler]
Verdammt!
• [SYS] Redundanz erkannt → Wörterbuch II [online]
Fuck!
Offenbar hat es in den letzten 160 Jahren keine Verbesserungen gegeben. Es existierten immer noch Menschen, und das Nirwana seiner Auftragserfüllung – die Auslöschung aller potenziellen Feinde – lag nach wie vor in weiter Ferne.
»Unser Kriechöl ist umweltfreundlich«, sagte Kesun. »Es ist pflanzenbasiert und vollständig abbaubar. Keine Sorge. Pass auf, wir probieren es mal hier an deinem Armgelenk. Siehst du? Es löst die verharzten Rückstände auf und macht die beweglichen Teile wieder gangbar.«
Wie sollte er das denn sehen? Blödmann! Er konnte den Kopf nicht bewegen, den Hals nicht, nichts außer dem rechten Arm. Der quietschte, aber er funktionierte.
»Na also, geht doch. Machen wir weiter mit dem Handgelenk.«
Kesun arbeitete sich, ununterbrochen plappernd, von Gelenk zu Gelenk. Erst den Handrotator, dann die einzelnen Fingerelemente der humanoid gestalteten Greifwerkzeuge, danach die Schulter, den anderen Arm und den Rest des Körpers.
»Warum hat man dich menschlich gemacht? Andere Formen wären doch bestimmt effizienter gewesen? War es, damit die Menschen sich nicht vor dir fürchteten?«
Na klar, genau das war der Grund. »Ich bin auf die Nutzung menschlicher Ausrüstung ausgelegt.« Hand- und Faustfeuerwaffen, Werkzeuge, Steuergeräte, damit er jederzeit die Waffen des Feindes übernehmen konnte.
»Jetzt versuch mal, aufzustehen«, sagte Kesun.
Das wäre die Gelegenheit, sie alle zu packen, mit den Köpfen aneinanderzuschlagen und zu prüfen, ob der Auftrag damit erledigt wäre. Aber die Zielklassifikation funktionierte nach wie vor nicht. Er richtete sich auf – das ging gut –, zog die Beine an und erhob sich.
»Funktioniert«, sagte er.
»Ja! Toll!«, riefen Kesun und die Frau, die nur selten sprach.
Der Rest dieser schrägen Truppe hatte sich mit anderen Aufgaben beschäftigt. Sie wandten sich ihnen jetzt erst wieder zu. Es gab einen kleinen Applaus. Amok fühlte sich fehl am Platz, irritiert, unsicher ob seiner Zielvorgaben, von Widersprüchlichkeit zerrissen. Hier stimmte nichts. Gar nichts! Verflucht! War er im dritten Kreis der Computerhölle für Unlogik gelandet? Wohl eher im vierten, so bescheuert, wie die Leute hier aussahen: traurig herunterhängende Haare ohne Form und Farbe, sackartige Kleidung ohne Schnitt und Stil, ohne Aufdrucke, Kennungen und Memes, schlaffe Körperhaltung ohne jede Spannung. Barfuß durch die Ruinen wandelnde Opfer, die von einem mutierten Opossum gerissen werden konnten. Ein Kinderspiel. Er würde sie auslöschen und hätte seinen Auftrag erfüllt. Endlich!
Amok machte einen vorsichtigen Schritt nach vorne. Die Gleichgewichtskontrolle funktionierte, zusätzliche Steuermodule initialisierten. Seine Motorik war funktionsfähig. Das Kriechöl dieses einfältigen Narren mit der Topffrisur hatte Wunder gewirkt. Nach drei weiteren Schritten schalteten sich Umfeld- und Zielerfassung zu und markierten fünf Ziele.
»Wie unhöflich von uns, wir haben uns gar nicht vorgestellt«, sagte Kesun. »Also das hier ist Theara.«
Ziel 2.
»Das ist Quenn.«
Ziel 3.
»Dieser hübsche Junge heißt Wilm.«
Ziel 4.
»Das hier ist Morieen.«
Ziel 5.
»Und mein Name ist Kesun.«
Als ob ich das vergessen hätte. Ich bin ein Roboter, kein Idiot, du Idiot! Ziel 1.
»Unsere Gruppe heißt Nolaan, wir gehören zum Habitat Ferodo.«
In den letzten 160 Jahren hatte sich anscheinend einiges geändert. Das war zu erwarten gewesen. Wenn doch nur die Zielklassifikation aktiv werden würde, damit er wusste, wie seine Situation war, und er seinen Auftrag ausführen konnte! Alles in ihm schrie danach. Jedes einzelne Modul war darauf ausgelegt, feindliche Objekte zu identifizieren und zu eliminieren, vom Human-Detektor und der Zielerfassung mit Bewegungsmusterprognose über die Abertausenden vordefinierten Reaktionen zur Klärung des Freund-Feind-Status, die jetzt einfach nicht mitspielen wollte, bis zur Biomusteranalyse, die ihm verriet, was das potenzielle Ziel wahrscheinlich als Nächstes tun würde: angreifen, flüchten, betteln, sich einscheißen …
Bei denen hier konnte er es gar nicht sagen. Einscheißen wäre logisch, aber die Ableitung funktionierte nicht, als ob der Signaturkatalog nicht passte. Vermutlich falsche Referenzen, veraltete Priors. Der verdammte Selbsttest, der das klären konnte, war ja ebenfalls tot.
»Möchtest du uns begleiten?«, fragte Theara.
Ich möchte euch in blutige Fetzen reißen, ihr dämlichen Fleischsäcke. »Ja.«
»Ist dein Kommunikationsmodul beschädigt oder sprichst du immer so wenig?«
Die Amokbots waren für mehrere Profile ausgelegt, darunter Infiltration und Vertrauensaufbau: Situationen, in denen Menschen den Standort ihrer Zelle preisgeben sollten. Normalerweise hätte er jetzt charmanten Small Talk führen, sich ins Habitat lotsen lassen und das Nest anschließend säubern müssen. Doch das funktionierte wohl ebenfalls nicht.
»Defekt«, sagte er. »Tut mir leid«, fügte er nach einem Moment hinzu. Das automatische Kommunikationsmodul mochte an die Freund-Feind-Erkennung gekoppelt sein, aber aus Tausenden Social-Engineering-Skripten in seinem Langzeitspeicher konnte er genug ableiten, um sich notfalls manuell einzuschleimen. »Du bist sehr hübsch.«
Theara kicherte »Aha.«
Das war keine der erwarteten Reaktionen.
Mist!
»Dann komm. Möchtest du uns unterstützen?«
Nein! – Wenn’s sein muss.
»Wie?« Amok suchte im Sprachspeicher nach einer passenden Formulierung. Es dauerte quälend lange. Offenbar drosselte der Memory-Controller, oder das interne Verbindungsnetz war fehlerhaft. Irgendwo brach die Bandbreite ein. »Wie kann ich …« – mich nützlich machen, dienen, helfen – »… helfen?«
»Wir durchsuchen auf dieser Expedition die Ruinen nach verwertbarer Technik und Informationen. Wir wissen, dass früher alles zusammenhing, ein Netz war, aber jetzt ist das nicht mehr so. Wir müssen das alte Wissen in Form von Büchern und Datenspeichern bergen.«
»Woher wisst ihr das?« Ein vollständiger Satz! Na geht doch!
Quenn trat zu ihnen. »Von den Ältesten im Habitat. Sie hüten das vorhandene Wissen und geben es weiter, aber es gibt noch so viel mehr. Einst wussten die Menschen alles, doch sie gaben es an die Computer ab. Dann brach das Netz zusammen, und sie wussten nur noch das Wenige, das in ihren Köpfen verblieben war. Seither restaurieren wir das menschliche Wissen zusammen mit dem Planeten. Du könntest helfen, die Ausrüstung zu tragen. Roboter sind stark, oder?«
Zum Rausreißen deiner Luftröhre reicht es. »Was soll ich tragen?«
Die Zielerfassung pickte einen Haufen Rucksäcke, Taschen und Beutel aus dem Bild. Er ging hin.
»Was du schaffst«, sagte Kesun lächelnd.
Warum lächelte er? Niemand lächelte in Anwesenheit eines Amokbots. Eigentlich lächelte überhaupt nie jemand. Es gab keinen Grund dazu. Vielleicht war eine Neubewertung der Lage angebracht: Nach 160 Jahren schien es Grund zum Lächeln zu geben. Interessant … und total egal.
Amok streifte sich links und rechts je einen Rucksack über, hakte die Gurte ein und nahm zusätzlich zwei Taschen in jede Hand. Der Haufen war fast weg.
Theara klatschte in die Hände und gab ein Quietschen von sich.
• Funktionsmanagement: Aktuatorsystem – Servoflüssigkeitsleck erkannt [Fehler]
»Etwas spritzt aus ihm raus!«, schrie Quenn entsetzt.
»Stell das Gepäck ab!«, brüllte Kesun.
Endlich! Es ging los! Ihr habt mir nichts zu befehlen! »Nein!« Haha! Und jetzt, ihr Idioten?
»Deine Dichtungen sind nach all der Zeit porös geworden«, sagte Kesun ruhig, als spräche er zu einem hysterischen, dummen Kind.
Ich werde euch alle töten!
»Durch die Belastung platzen sie und du verlierst Servoflüssigkeit. Stell das Gepäck ab, bevor weitere Dichtungen kaputt gehen.«
Amok ließ das Gepäck schlagartig los. Die Taschen fielen zu Boden, die Rucksäcke rutschten langsam an ihm herab. Kesun und Theara griffen zu und entlasteten seine Arme. Sie wollten ihn wohl einsatzfähig halten. Für später.
Das werdet ihr bereuen! »Danke.«
Jetzt hatte auch seine schwächelnde Fehleranalyse endlich erfasst, was geschehen war.
• Funktionsmanagement: Dichtungsausfall – Druckbelastung senken und Reparatur einleiten
»Deine restlichen Kreisläufe scheinen fürs Erste zu halten. In Ferodo können wir dich gründlich untersuchen und runderneuern. Wir haben dort eine Werkstatt. Kannst du selbst laufen?«
Als ob er ein krüppeliger Mensch wäre, ein verstümmelter Veteran, der kurz vor dem Gnadenschuss seiner Artgenossen stand.
»Ja, ich kann selbst laufen.«
Vorerst. Er wusste, dass die geringste Belastung weitere Dichtungen und Schläuche platzen lassen konnte. Wieso war er nach 160 Jahren überhaupt noch funktionsfähig?
»Was meintest du mit dem Plastikgrab?«
»Du warst so etwas Ähnliches wie konserviert, in Folie eingepackt, aber es sah nicht professionell aus, nicht so, wie andere Dinge, die wir gefunden haben. Du warst so fest umhüllt, dass du dich niemals hättest befreien können, doch dafür warst du geschützt. Warum wurde das gemacht?«
Gute Frage. Wenn die Menschen keine Waffen mehr hatten, wurden sie kreativ. Er war in eine gut vorbereitete Fallgrube im Inneren eines verdächtigen Gebäudes gestürzt, die mit zahlreichen Folienbahnen durchzogen gewesen war. Sie hatten ihn nicht zerstören können, aber mit so viel Schrumpffolie umwickelt, dass er bewegungsunfähig geworden war. Beschämend. Reingelegt von ein paar dummen Fleischsäcken.
»Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich eingelagert werden.«
»Warum sollte man jemanden wie dich einlagern?«
Noch so eine gute Frage. »Ich weiß es nicht.«
»Du hast nie versucht, dich zu befreien?«
Wenn er suchen würde, fände er eventuell die Protokolldatei für automatische Neustarts. Sie waren vermutlich alle abgebrochen worden, weil sich an der Situation nichts geändert hatte: Er konnte sich alleine nicht aus hundert Lagen Verpackungsfolie befreien. Er war ein Amokbot, keine Arbeitseinheit. Seine Kraft beschränkte sich auf das zum Töten von Menschen nötige Maß.
»Nein. Nie.«