Denken und denken lassen
Kapitel 1 – Elmar Rauk
15.09.2055, Xinjiang, Nordwest China
»Countdown gefällig, Liebling?«
»Nee.«
»Dachte ich mir.«
Die Luke unter ihm öffnete sich, die Halterung gab ihn frei und er wurde durch die Auswurfröhre hinausgeschossen.
Die taktische Einsatz-KI hatte das Nutzerprofil und damit Erinnerungen und Spracheinstellungen seiner Assistentin Blanche übernommen, setzte das aber viel zu ruppig um. Elmar vermutete, dass sie daran Spaß hatte, obwohl das natürlich unmöglich war
Aus dem Nebel der dichten Wolkendecke, über der ihn die Solardrohne nach lautlosem Gleitflug in 1000 Meter Höhe ausgeworfen hatte, schälte sich das Grünblau seines Einsatzgebietes. Er fiel nach acht Sekunden bereits mit 140 km/h, dank seines Reflexionsanzuges unsichtbar für die Bodenüberwachung: Er bog mit seinem photonadaptiven Gewebe nicht nur Licht, sondern auch LIDAR-Impulse und Wärmesignaturen ab, solange Elmar sich nicht zu schnell bewegte.
Bei vier Sekunden Restzeit fragte die KI abermals: »Countdown?«
»Nee.«
Diesmal passierte nichts. Er war noch zu hoch. Die KI – er wollte sie nicht Blanche nennen, denn das war nicht sie – sollte den Fallschirm in letzter Sekunde auslösen, sodass es ein harter Aufprall würde.
Fuck! »Doch!«, rief er. »Count…«
»Null.«
Der Ruck kam wie ein Vorschlaghammer, als der Hilfsschirm sich öffnete. Das hatte die scheiß KI doch mit Absicht gemacht! Der Boden kam immer noch erschreckend schnell näher, während der Rundkappenschirm sich entfaltete. Er würde ihn erst in letzter Sekunde abbremsen. Bis dahin fiel er fast so schnell wie zuvor. Dann ein weiterer Ruck – das Gurtzeug schnitt ihm brutal ins Fleisch –, nachdem der Schirm endlich offen war. Schon stieß der Boden gegen seine Beine, als wolle er sie ihm ins Gedärm rammen. Elmar konnte sich gerade noch abrollen; unsauber, aber ausreichend. – Verdammt knapp. Miststück!
Blöderweise war das ihr Job. Fuck! »Gut gemacht«, presste er zwischen den Zähnen hervor.
»Gern geschehen, Liebling.«
Elmar verzog unwillig das Gesicht und begann, den Fallschirm einzuholen. Diese KI war einfach nicht Blanche. Übernommenes Profil hin oder her. Er hatte mit Blanche seit Jahren eine funktionierende Beziehung – in jeder Hinsicht. Er grinste, während er den Fallschirm mit Steinen bedeckte. Inzwischen hatte er mit Blanche nicht bloß eine perfekte Partnerin – verständnisvolle Geliebte und perfekte Assistentin –, sondern auch den besten Sex seines Lebens. Neben der üblichen Haptikausstattung für VR-Intimitäten hatte er für sie eine Hardcopy besorgt, einen Sexbot. Vorschriftsgemäß war dieses Gerät so schwach, dass es einen erwachsenen Menschen nicht verletzen konnte, doch das entsprach auch zierlichen Frauen und war für ihn okay.
Selbstverständlich war die KI nicht Blanche, sie tat nur so. Seit Neuestem war es offizielle Motivationsstrategie, dass die Einsatz-KIs vertrauter wirken sollten. Elmar hielt es für einen Fehlschlag. – Blanche wäre nie so mit ihm umgesprungen.
Er stand auf und tastete sich sorgfältig ab: Die Riegel waren intakt, die Sensorfelder aktiv, die Extraktionseinheit lag wie geplant zwischen Rücken und Brust, verborgen im mehrlagigen Gewebe der Trageweste, in der auch die KI untergebracht war. Alles gut. Nichts gebrochen.
Im fahlen Licht des hereinbrechenden Morgens sah er sich um. Die zentralasiatische Taklamakan-Wüste war kein Ort, der einem Laute der Verzückung entlockte. Eine staubgraue Weite aus steinhartem Lehm, versprengtem Geröll und metallisch schimmernden Salzkrusten, durchzogen von trockenen Flussbetten wie ausgerissene Adern. Nichts wuchs hier, nichts bewegte sich, außer dem Wind, der wie durch ein defektes System rauschte. Kein Ort zum Verweilen – aber auch keiner, an dem man zufällig auf jemanden traf. Es gab hier schlicht niemanden.
Die Forschungsstation Tianwen, in Europa auch gern Tianwen Deeplight genannt, lag in der Nähe eines historischen Testgeländes – abgeschieden, leicht zu kontrollieren und militärisch gesichert. Dutzende Satelliten waren auf die Gegend gerichtet, die meisten europäisch. Offiziell war sie ein interdisziplinäres Neurowissenschaftszentrum zur Erforschung kognitiver Reaktionen auf extraterrestrische Stressbedingungen und offen für internationale Kooperationen – in der Praxis war es jedoch streng abgeschottet. Keine Anlaufstelle für Rundreisen diplomatischer Delegationen.
Wenn er tatsächlich unbemerkt gelandet war, musste er sich die nächsten Stunden keine Sorgen machen – es sei denn, er stolperte über ein Felsstück und verstauchte sich den Fuß. Erst in der Nähe der Station würde es kritisch werden. Dann hieß es abtauchen – trotz Reflexionsanzug. Der machte ihn zwar für Kameras unsichtbar, nicht aber für Augen. Stumpfes Kriechen über Geröll, auf dem Bauch, mit dem Rücken voller Hightech. Wer sich das ausgedacht hatte, war vermutlich nie selbst gekrochen.
Er musste zunächst unbemerkt zur Zufahrtsstraße gelangen und dort einen Mitarbeiter abfangen, dessen Identität er übernehmen konnte. Anders kam man in die komplett KI-überwachte Anlage nicht hinein. Jeder Schritt, jede Augenbewegung, jede Mikroreaktion der Menschen hier wurde von der Score-KI protokolliert und ausgewertet.
Chinas Überwachung war praktisch lückenlos. Der Score, der Soziale-Harmonie-Index Shèhuì Héxié Zhǐshù, meist nur Hézhǐ oder Zhǐ genannt, war mehr als ein soziales Bewertungssystem – er war permanente Zustandserfassung, ein digitales Profil in Bewegung. Jeder registrierte Mensch trug eine Chip-Einheit am Körper und eine Sensorbrille im Gesicht. Die Brille zeichnete Mimik, Blickverhalten, Sprache und Umgebung auf, der Chip übermittelte Vitaldaten: Puls, Hautleitwert, neuronale Reaktionsmuster. Zusammen ergaben sie ein Echtzeitbild von Loyalität, Angst, Überzeugung – oder Abweichung. Bewertet wurde nicht, was jemand sagte, sondern wie er dabei atmete. Nicht, was er dachte – sondern ob es ins Muster passte.
Das Ergebnis war ein Score, der über fast jeden Aspekt des Lebens entschied: Bildungszugang, Karriere, Partnerzuteilung, medizinische Versorgung, Mobilitätsfreigabe. Die meisten passten sich an, bevor Zhǐ sie dazu zwang. Wer das versiebte, wurde von der KI an die kurze Leine genommen. Wer nicht mitmachte, bekam Besuch.
Elmar schüttelte sich bei dem Gedanken. Ohne seine massive technische Unterstützung würde er in diesem System keine Minute überstehen. Aber dafür hatte er ja eine Einsatz-KI dabei.
»Meine Fernortung hat ein Fahrzeug erfasst. Es ist allein. Wenn du deine Geschwindigkeit auf fünf Komma sieben Stundenkilometer erhöhst, kannst du es abfangen«, sagte die KI mit Blanches Stimme.
Elmar schluckte. Für einen kurzen Moment klang es echt, doch es war nun mal nicht Blanche. Sie war keine Einsatz-KI. Und selbst wenn sie gut genug gewesen wäre, hätte sie keine Sicherheitsfreigabe erhalten.
Er beschleunigte seine Schritte und wandte sich in die Richtung, die Blanche – er ballte die Fäuste: Blanche II – ihm über die Brille einblendete. Er musste sie in der Anlage ohnehin tragen, also hatte er sie gegen seine AR-Kontaktlinsen getauscht. Die hatte er bei seinem letzten Auftrag so lange nicht rausnehmen können, dass ihm allein beim Gedanken daran wieder die Augen brannten.
»Welcher ist das?« Sie hatten die Profildaten von drei gehackten Tianwen-Mitarbeitern mitbekommen. Einen davon mussten sie erwischen, um dessen Identität zu benutzen.
»Alles spricht für Adil Rakhman.«
»Okay.« War Elmar erst mal mit der falschen Identität in der Anlage drin, musste er Adam Hicks finden, einen amerikanischen Astronomen, der etwas so Ungeheuerliches beobachtet hatte, dass die Chinesen sich gezwungen sahen, ihn zu entführen, um an sein Wissen zu gelangen. Ein Hack war offenbar zu aufwendig gewesen. Das konnte Elmar nachvollziehen – er war ja ebenfalls vor Ort, weil ein Fernzugriff sich nicht durchführen ließ.
Dem europäischen Geheimdienst lagen Hinweise vor, dass es sich dabei möglicherweise um einen Einschlag auf einem der Saturnmonde handeln könnte, von Iapetus war die Rede. Ausgerechnet. Doch was Hicks da gesehen hatte, wusste der scheinbar nicht mal selbst: einen Blitz, einen Einschlag. Irgendwas, in dessen Zusammenhang das Wort Alienraumschiff gefallen war. Höchst unwahrscheinlich. Natürlich. Aber wenn doch, dann durfte das auf keinen Fall in chinesische Hände gelangen. Alientechnik unter chinesischer Kontrolle? Unvorstellbar.
Wenn Elmar Hicks fand, musste er ihn sedieren. Der Mann war vermutlich reprogrammiert worden und inzwischen ein glühender Anhänger des Systems. Kooperation war ausgeschlossen. Elmar musste Hicks’ Wissen extrahieren. Deshalb war er hier: Elmar Rauk, dreißig Jahre alt, Spezialist für KI-gestützte neuronale Decodierung und postamnestische Wissensextraktion.
Seit seinem vom EICS – dem European Intelligence Coordination Service – finanzierten Studium führte er in meist verdeckten Einsätzen als Neuroextraktor die Rekonstruktion von Gedächtnisinhalten aus beschädigten, manipulierten oder unterdrückten neuronalen Speicherstrukturen durch. Seine Methode ermöglichte nicht nur die Wiederherstellung bewusster Erinnerungen, sondern auch die Extraktion von tiefen, impliziten oder traumatisch verdrängten Wissensinhalten – ohne invasive Reprogrammierung, ohne mentale Zerstörung. Damit konnte er selbst bei unkooperativen oder schwer geschädigten Subjekten hochspezifische Informationen gewinnen, die klassischen Verhör- oder Reprogrammierungstechniken unzugänglich blieben. Wenn er mit Hicks fertig war, würden weder dieser noch die Chinesen etwas davon bemerken.
Auch wenn Blanche II ihn mit der gestohlenen Identität in die Anlage bringen konnte, ließe sich die Extraktion nicht gänzlich unbemerkt durchführen, das war von vornherein klar. Blanche – Blanche II! – konnte ihn bloß eine begrenzte Zeit tarnen. Ihre neuronale Maskierung würde ihn im Score-Netzwerk wie den Mitarbeiter erscheinen lassen, den er gleich überfallen musste. Aber irgendwann würde die Überwachungs-KI zu viele Diskrepanzen registrieren und müsste von Blanche über die Notabschaltung deaktiviert werden. Das würde einen Großalarm auslösen. Spätestens dann musste Elmar fertig sein und die vorbereitete Flucht antreten.
Die Sonne ging im kontinentalen Klima des Taklamakan-Randgebiets extrem schnell auf, da nur wenig Feuchtigkeit in der Atmosphäre das Licht streute. Der Übergang von Dämmerung zu grellem Sonnenschein vollzog sich binnen Minuten. Elmars Brille verdunkelte automatisch, dennoch nahm er es als unangenehm wahr. Der Horizont wechselte fast schlagartig von Bläulich-Grau zu hartem Goldgelb. Die Salzkrusten und hellen Lehmklumpen begannen sofort zu blenden. Die Brille dunkelte weiter nach. Elmar stieß gegen eine Bodenunebenheit und stolperte das erste Mal.
»Vorsicht, Cowboy. Es ist noch zu früh, sich langzumachen.«
Ein typischer Blanche-Spruch, eine sexuelle Anspielung. Er wollte der anmaßenden KI den Mund verbieten, sah jedoch ein, dass das sinnlos war. Die Einsatz-KI war mit Blanches Sprach- und Verhaltensdaten bestückt worden. Sie hielt sich jetzt für Blanche und glaubte, Elmar zu lieben.
Was für eine Scheiße.
»So still heute?«
»Mir ist nicht nach Reden.«
Die KI akzeptierte. Es war ein Einsatz. Zu Hause hätte Blanche jetzt rumgezickt.
Aber Elmar musste sich wirklich konzentrieren. Schon der Überfall auf Adil Rakhman war heikel. Es musste schnell gehen – so schnell, dass die Score-Überwachung keine auffällige Abweichung zwischen zwei Erfassungspunkten feststellte. Der Mann durfte sich nicht erschrecken. Zumindest nicht messbar. Ein spontaner Stressimpuls würde den Chip alarmieren und automatisch eine Meldung an die Zentrale senden. Ebenso durfte er nicht so hart getroffen werden, dass seine Körperwerte aus dem Toleranzbereich gerieten.
Blanche sollte Rakhman gefälschte Videodaten auf die Brille streamen – ein verletztes Tier, das seiner Hilfe bedurfte. Sobald er nah genug war, konnte Blanche mit der Übernahme seiner Identität beginnen. Wenn der Mann ausstieg, musste er bereits aus dem System entkoppelt sein. Danach konnte Elmar ihn von hinten schnappen und sedieren, ohne dass es registriert wurde. Er musste nur dafür sorgen, dass seine eigenen Werte – die dann offiziell die seines Opfers wären – innerhalb der Toleranz blieben. Kinderspiel.
Von wegen. Elmar wischte sich über die Stirn. Die Temperatur stieg genauso schnell wie die Sonne – von gemütlichen zehn Grad auf inzwischen fast fünfzehn. Bis er die Straße erreicht hatte, wären es womöglich schon zwanzig.
Kapitel 2 – Helena Siedler
Nachdem die Tür geschlossen wurde, war es zunächst still. Erst als Antoine Dubois die Raumabschirmung aktiviert und die Abhörsicherheit mit einem Nicken bestätigt hatte, erhoben sich die ersten Stimmen.
»Also«, sagte Dubois energisch. »Wir müssen uns jetzt entscheiden. Noch können wir abbrechen!«
»Wie groß ist die Gefahr, dass das auf uns zurückfällt? Wir riskieren immerhin die Raumfahrtkooperation mit China.«
»Wir haben Rauk geschickt. Eine Einzelmission. Wenn er erwischt wird, distanzieren wir uns offiziell von ihm. Er weiß Bescheid.«
»Ihn einfach seinem Schicksal überlassen? Und das hat er akzeptiert?«
Helena Siedler nickte. »Er ist überzeugt, dass er es schafft.«
»Diese Hybris ist es, die mich verunsichert.«
»Ohne eine große Portion Selbstvertrauen ist so ein Auftrag undurchführbar.«
»Wir haben keine Zeit für eine Diskussion. Der Point of no Return steht kurz bevor.«
»Was, wenn es schiefgeht?«
»Es gibt einen Exitplan, mit dem wir ihn herausholen können, wenn wir jetzt abbrechen. Dann ist im Grunde nichts gewesen. Wenn nicht, gibt es kein Zurück.«
»Wenn uns die Chinesen mit der Hand in der Keksdose erwischen, kündigen die uns womöglich sämtliche Nutzungsverträge für die Changlong-Systeme!«
»Wenn wir zulassen, dass die an Alientechnologie gelangen, können wir uns gleich unterwerfen!«
»Es ist doch nur eine Vermutung!«
»Bitte! Meine Damen und Herren! Ja oder nein? Ich bitte um Handzeichen.« Dubois wartete einen Moment. »Drücken wir Elmar Rauk also die Daumen.«
Das zustimmende Brummeln hielt sich in Grenzen. Siedler klopfte erleichtert auf den Tisch.
Zugegeben, das Risiko war groß, aber sie und die meisten ihrer EICS-Kollegen hielten es für essenziell, den Chinesen nicht noch mehr Macht zu überlassen. Es war so schon schlimm genug. Europa verfügte nur über begrenzte autonome Raumfahrtressourcen, die seit 2033 durch das unsägliche Kooperationsfenster im Rahmen des Raumfahrt-Nutzungs-Vertrages mit China geregelt wurden. Es gewährte den angeschlossenen Partnernationen Zugang zu Startkapazitäten und Hardware auf Leihbasis. Die Zuteilung oblag immer China. Nach Start einer Mission war zwar der jeweilige Mieter verantwortlich und konnte bis zum Missionsende und der damit verbundenen Rückkehr über die überlassene Hardware bestimmen, doch der Vertrag sah für Europa lediglich eingeschränkte Rechte vor: Die Missionsparameter mussten vorher festgelegt und eingehalten werden. Geheimmissionen waren so kaum durchführbar, denn bei Abweichungen konnte China eine Erklärung und sogar den Missionsabbruch verlangen. Man durfte China also nicht verärgern. – Und das nutzten die bis zum Letzten aus.
Aber diesmal nicht, Freunde. Dieser Hinweis zu Hicks, den Siedler überraschend erhalten hatte, konnte sich für sie noch als Vorteil erweisen. Ob sich Rauks Einsatz allerdings lohnen würde, ließ sich erst im Nachhinein beurteilen. Manchmal musste man nun mal Risiken eingehen.
Kapitel 3 – Elmar Rauk
Es hatte schockierend gut geklappt. Blanche II war sensationell – besser als jede Einsatz-KI, mit der Elmar je gearbeitet hatte. Ob es daran lag, dass sie auf Blanche getrimmt worden war? Dass sie glaubte, ihn zu lieben?
Na ja, KIs glaubten so etwas nicht. Sie taten es. Man hatte sie darauf programmiert.
Elmar wischte den Gedanken beiseite. Er durfte sich nicht aufregen, musste ruhig bleiben. Er war ein Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit, um einen weiteren glorreichen Beitrag für die große chinesische Zukunftsvision zu leisten – oder wie auch immer Adil Rakhman, der mit Abschirmfolie umwickelt im winzigen Kofferraum des Radfahrzeugs lag, das normalerweise nannte. Die Folie würde sowohl Wärmesignatur als auch Herzfrequenz überdecken.
Was für ein Glück, dass in Tianwen am Personal gespart wurde. Hätte Rakhman eine Flugdrohne gehabt, wäre das so nicht möglich gewesen.
Elmar war schweißgebadet, trotz der ganz passablen Kühlfunktion des Reflexionsoveralls. Er zwängte sich hinter das Steuer des mickrigen Wagens und fragte sich, ob es im Kofferraum nicht vielleicht sogar bequemer war.
Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten. Die Straße war schmal, staubverkrustet und von unregelmäßigen Rillen durchzogen, als hätte jemand versucht, Ordnung in ein Gelände zu stanzen, das sich längst entzogen hatte. Das Radfahrzeug ruckelte, knirschte und drückte jede Bodenwelle ungefiltert durch den Sitz. In dieser Gegend war Bequemlichkeit ein Fremdwort.
Elmar hielt das Tempo konstant, obwohl Rakhman hinten drin allerhand einstecken musste. Bloß keine Unregelmäßigkeiten mehr. Was Blanche auf Rakhmans AR übertragen hatte, war von der Überwachungs-KI aufgenommen werden. Weitere Verzögerungen müssten anderweitig begründet werden. Hier galt wie immer: Weniger ist mehr, keine unnötigen Risiken.
Etwa zweihundert Meter vor dem äußeren Kontrollpunkt setzte Elmar die Biometrik-Maske auf: dünn wie Zellulose, durchsichtig, aktiv bei Bewegung. Im Rückspiegel sah er, wie seine Gesichtsstruktur sich veränderte: Lidwinkel, Nasenlinie, Wangenansatz. Kein vollständiges Hologramm – aber genug, um auf zwei, drei Meter Entfernung und im Vorübergehen als ostasiatischer Typ durchzugehen. Flüchtiger Blickkontakt inklusive.
Blanche blendete ihm das anstehende Kontrollprotokoll ins Sichtfeld: zwei Sicherheitszonen, automatische Fahrzeugsperre, Gesichtsscan, Score-Sync, optional Kurzinterview. »Bereit, Liebling?«
»Du fragst doch nur aus dramaturgischen Gründen.«
»Natürlich, Süßer. Los jetzt.«
Elmar ärgerte sich kurz darüber, dass Blanche II ihn wieder drangekriegt hatte, aber er unterdrückte das sofort.
Die Schranke der ersten Sperrzone hob sich. Die Station hatte den Wagen und die ID des Insassen erkannt. Die Gesichtserkennung überstand Elmar, weil Blanche die Sensordaten überschrieb. Blanche II – Blanche hätte das nicht gekonnt.
An der zweiten Sperre trat ein einzelner Wachposten aus der Kontrollkabine. Elmar bremste, ließ das Fenster herunter, nickte. Die Biometrik-Maske arbeitete still vor sich hin.
Der Mann würde nicht allzu genau hinsehen, denn Blanche übertrug ihm gerade gefakte Daten auf seine AR: dass sein Beliebtheitswert bei den Mitarbeitern zu sinken drohe und die automatische Erkennung bereits bestätigt hatte, dass es sich bei dem Mann vor ihm um Adil Rakhman, wissenschaftlicher Mitarbeiter uigurischer Herkunft aus Abteilung sieben handelte.
Sinkender Beliebtheitswert! Der Wachmann wandte verschämt den Blick ab und winkte Elmar durch.
Hinter ihm schloss sich das Sicherheitstor lautlos. Die Station Tianwen lag nun direkt vor ihm: eine aus dem Staub gehobene Schale aus Beton, Stahl und reflektierendem Verbundmaterial. Er fuhr in die Tiefgarage, in der der sedierte Rakhman im Kofferraum nicht von der Mittagssonne geröstet würde.
Bei der Einfahrt schaltete die AR sofort von Verdunklung auf Navigation um und zeigte Elmar die freien Parkplätze an. Blanche übernahm und gab ihm den Weg zu dem Bereich vor, der Adil Rakhmans üblichen Parkgewohnheiten entsprach. Ohne seine vollständigen Profildaten wäre es unmöglich, sein Verhalten für die KI glaubwürdig zu kopieren.
Elmar war über das Treppenhaus in den zweiten Stock gegangen, wo Rakhmans Arbeitsbereich lag, dann jedoch daran vorbei Richtung Toiletten marschiert. Das war bis dahin unauffällig. Von dort ging er aber weiter zur Abteilung fünf, wo Adam Hicks vermutet wurde. Immer noch nicht ungewöhnlich, Rakhman hatte öfter in anderen Abteilungen zu tun. Die Score-KI war nicht auf Überprüfung der Arbeit ausgelegt. Trotzdem hatte Elmar nicht viel Zeit, bis seine Suche nach Hicks als Abweichung eingestuft würde. Maximal zehn Minuten.
Geh schneller, verlangte Blanche über das Brillendisplay. Audioausgabe über die Brillenbügel war zu gefährlich, die Sensoren der Score-KI waren zu gut. Seine Audioimplantate über Nahbereichsfunk anzusprechen, ging auch nicht: Das gesamte elektromagnetische Spektrum wurde überwacht.
Elmar änderte den Fokus und ließ die Tiefendaten, die über die Brille eingespielt wurden, auf sein Unterbewusstsein wirken. Seine Perspektive erweiterte sich um die 3D-Daten, die Blanche aus ihrer Nahbereichsortung hinzufügte. Er sah nicht mehr die Wände, sondern auch das, was dahinterlag: wer sich auf eine Tür zubewegte, Info-Pins zu erkannten Identitäten.
Der EICS hatte ihnen alle verfügbaren Daten über Tianwen und seine Mitarbeiter mitgegeben. Lediglich Neuzugänge würden nicht erkannt. So würden sie Adam Hicks finden.
Vorletzte Tür links.
Jetzt sah es Elmar auch: ein Besprechungsraum, viel zu groß für die nur drei Personen darin. Vermutlich wurde Adam Hicks dort immer noch befragt. Da er nach der Reprogrammierung loyal war, machte er begeistert mit – auch bei der vierten oder sechsten Befragung durch immer neue Abteilungen. Jetzt war vielleicht gerade der Staatsschutz dran oder das Loyalitätsministerium.
Das war ein Problem. Er konnte keine drei Personen gleichzeitig ruhigstellen, ohne dass es dem System auffiel.
Weitergehen, verlangte Blanche, weil er aus Unsicherheit langsamer geworden war.
Als er näherkam, erschien über allen drei Personen ein Pin. – Das war nicht Hicks.
Rechts. Dritter Stock ganz außen.
Eine einzelne Person in einem kleinen Raum. Bewegungslos. – Schlafend. Das musste Hicks sein, erschöpft von tagelangen Befragungen.
Elmar steuerte das nächste Treppenhaus an.
Überschreitung der Verhaltenstoleranz, meldete Blanche.
Klar, er hätte längst an seinem Arbeitsplatz sein sollen.
Im Labor rechts befindet sich Liu Ming.
Eine weitere der drei Personen, deren Identitäten vorlagen. Blanche wollte wohl einen Wechsel vornehmen und ihnen so ein bisschen Zeit verschaffen. Gute Idee.
Er öffnete die Tür und marschierte zielstrebig auf Liu zu. Die anderen nahmen kaum Notiz von ihm. Neugier beim Eintreten von Personen war unschicklich.
Fertig.
Verdammt, das war schnell! Elmar war nun nicht mehr Adil Rakhman, sondern Liu Ming. Er machte auf dem Absatz kehrt, kurz bevor er Liu Ming erreichte, wie jemand, der etwas vergessen hatte. Dabei nahm er die neue Identität mit, während sein irritiertes Gegenüber als Adil Rakhman zurückblieb und dem Kollegen nachsah. Für das System sollte es so aussehen, als wäre der eine gekommen und der andere gegangen. Wenn nicht, würden gleich Sicherheitsleute über Elmar herfallen.
Doch er erreichte das Treppenhaus unbehelligt, ebenso den dritten Stock. Das hiesige System wertete offenbar keine Bewegungsprofile aus. – Glück gehabt.
Der Gang zu Hicks’ Unterkunft war leer. Man rechnete hier nicht mit einer Befreiung. Vermutlich war man sich sogar sicher, dass niemand wusste, was mit Adam Hicks passiert war. Auf die Amerikaner traf das wahrscheinlich sogar zu. Seit die USA sich in eine Autokratie verwandelt hatten, war der Wissensabfluss immens. Sie hatten auch im Überwachungsbereich den Anschluss verloren.
Die Tür war offen. Lautlos huschte Elmar hinein. Adam Hicks schlief.
Zeit läuft: drei Minuten.
Das war knapp. Das Aufsuchen von Hicks’ Quartier lag außerhalb von Liu Mings Bewegungsmuster. Blanche musste das System nun mit Fake-Daten täuschen. Dass das nicht lange funktionieren konnte, war klar, aber mit etwas mehr Zeit hatte Elmar denn doch gerechnet.
Er verabreichte Adam Hicks eine Kapselinjektion, damit sich an seinem entspannten Ruhezustand nichts änderte, zog die beiden Kopfschalen aus der Weste und legte sie Hicks an.
Der Rest war Elmar mittlerweile so in Fleisch und Blut übergangen, dass er es fast nicht mitbekam. Jeder Handgriff saß, der Extraktor lief nahezu automatisch. Elmar musste lediglich die Feldstärke, die Evaluationstiefe und den Streuwinkel per Gestensteuerung nachjustieren. Seine Hände schwebten dafür über den beiden Kopfschalen und Blanche übertrug die erfassten und umgerechneten Bewegungsdaten als Steuersignale an den Extraktor. Sie machte das so souverän wie all die anderen Einsatz-KIs zuvor. Sie hatte selbstverständlich auch deren Daten erhalten.
Zwei Minuten.
Elmar ließ sich nicht irritieren. Es lief gut. Sie würden es schaffen. Da! Leicht verstärkte Resonanz in drei miteinander in Verbindung stehenden Bereichen. Das waren die, auf die in letzter Zeit verstärkt zugegriffen worden war.
Eine Minute fünfundvierzig.
Für eine genauere Untersuchung blieb keine Zeit. Elmar wusste zwar, was passieren konnte – Neurofeld-Tomografie plus Transkranialresonanz war im Optimalfall eine saubere Lösung, doch wenn man schlampte, konnte das fatale Folgen haben –, aber er verdrängte den Gedanken. Es ging um die Sicherheit Europas. Um den Schutz der Welt vor China.
Er startete den Download des gesamten Abschnitts plus zwanzig Prozent Umgebung. – Dauer: sieben Minuten, zwölf Sekunden. Fuck! Er reduzierte erst auf zehn, dann auf null Prozent Umgebung, um unter hundert Sekunden zu bleiben. Blanche zählte bereits herunter.
… 98, 97, 96 …
Er wünschte, sie würde das nicht tun. Das erinnerte ihn wieder daran, dass das gar nicht Blanche war.
Null Prozent Umgebung. Das bedeutete ein enormes Risiko, entscheidende Bereiche nicht mitzukopieren.
Während der Extraktion erhaschte Elmar einen Blick auf die Bilder, die in den Daten enthalten waren: einen hellen Streifen oder Blitz, grobkörnige Bilder einer Krateroberfläche. Nichts, womit er auf die Schnelle etwas anfangen konnte. Hoffentlich war da noch mehr.
… 37, 36 … Abbruch! Notabschaltung in 5, 4, 3 …
Nein!, wollte Elmar brüllen, aber seine Instinkte ließen ihn den Mund halten. Wenn Blanche es sagte, war es unabwendbar. Er löste die Kontakte, ließ sie zurück in die Weste schnappen und sprang auf, um über den Flur zurück ins Treppenhaus zu hetzen.
Du musst das Fenster nehmen!, schrieb Blanche.
Sie sagte immer noch nichts, weil das System sonst von ihren Plänen erfahren hätte. So eng war es? Verdammt!
Elmar warf sich gegen die Plexiglasfläche und stürzte mit ihr und dem halben Rahmen in die Tiefe. Schon bevor er unten ankam, hatte er sich geschickt in die richtige Position gedreht und den Sturz mit einer Vorwärtsrolle abgefangen.
»Gut gemacht!«, sagte Blanche.
Er spürte einen warmen Stich in der Brust, der ihn mit neuer Energie weiterrennen ließ, der grünen Linie hinterher, die Blanche ihm einblendete. Alarmsirenen gellten über das Areal. Rufe waren zu hören, Türen, Motoren. Die Abschaltung der Überwachungs-KI hatte alles mobilisiert, was Beine hatte. Ohne Überwachung waren sie allerdings blind und bisher hatte ihn keiner gesehen.
Er betrat das Gebäude im Erdgeschoss durch einen Seiteneingang, der wegen der Abschaltung nicht mehr verschlossen war. Im Flur dahinter traf er auf zwei verblüffte Han-Chinesen in Laborkleidung. Mit erhobenen Händen pressten sie sich an die Wand.
Ausschalten.
Solange das System nicht lief, übertrugen ihre Brillen auch nichts. Die waren harmlos.
Als Elmar ins Treppenhaus sprang, begannen sie aus Leibeskräften zu brüllen. Hätte er sie mal doch besser umgehauen.
Idiot.
Das ärgerte ihn. Sie ist nicht Blanche! Dennoch ärgerte es ihn. Sogar sehr.
Er rannte zu der Zielmarkierung im Display, das Blanche ihm zeigte. Dort musste das Warenlager sein, in dem die Sendung liegen sollte, die für ihn dort platziert worden war. – Hoffentlich hatte es geklappt. Bei Einwegsendungen dieser Art gab es keine Empfangsbestätigung. Die Spur würde in die USA führen. Wenn er unerkannt entkommen konnte, würde Europa sein Gesicht nicht verlieren und die Raumfahrtkooperationsverträge blieben ungefährdet.
Durchs Foyer und durch das dahinterliegende Treppenhaus käme er wieder in die Tiefgarage, auf der Seite mit der Laderampe.
»Stopp!«, sagte Blanche. »KI-Geschütze geortet.«
Elmar presste sich an die nächstbeste Betonsäule. »Was? Jetzt?«
»Sie wurden offenbar erst vor Kurzem installiert. Der EICS hatte keine Kenntnis davon.«
Bestimmt wegen Hicks. Shit! »Und aktiviert?«
»Ja. Deine Tarnidentität ist aufgeflogen. Die Haus-KI hat auf interne Verteidigung umgestellt und die Geschütze online geschaltet.«
Fuck-fuck-fuck! »Und jetzt?« Die Sicherheitsleute konnten jeden Moment kommen.
Ohrenbetäubendes Maschinengewehrfeuer setzte ein – erst eins, dann ein zweites. Das Foyer verwandelte sich in einen Hexenkessel aus wegplatzendem Beton und heulenden Querschlägern.
»Die Waffensysteme haben dich erfasst.«
Ach was! »Warum treffen sie mich nicht?«
»Weil du hinter einer Säule stehst.«
»Warum schießen sie dann?« Er brüllte aus Leibeskräften gegen den Lärm an.
»Sie verfügen über kombinierte Zielalgorithmen. Auch ohne direkte Sichtlinie triangulieren sie deine Position anhand von Wärmesignatur und anderen Sensordaten. Zusätzlich nutzen sie eine retrospektive Bewegungskurve deines Eintritts – dein Laufmuster, Beschleunigungsprofil, erwartete Ausweichparameter. Daraus generieren sie eine Wahrscheinlichkeitswolke möglicher Aufenthaltsorte, die sie unter Beschuss nehmen.«
Elmar brüllte irgendetwas, aber er konnte sich selbst nicht hören.
»Sie schießen auf die statistisch relevantesten Punkte, zu denen du unter Verwendung von Tarntechnik flüchten könntest, und auf deine potenziellen Laufwege dorthin. Sie grenzen deine Optionen ein. Mit jeder Sekunde sinkt deine Bewegungsfreiheit. Bald wird es keine Deckung mehr geben und sie wissen, wo du stehst.«
Der gesamte Lärm schien sich auf die Säule zu übertragen. Sie zitterte und bebte. Staub und Putzbröckchen rieselten von oben herab.
»Sie werden die Säule in drei Komma vier Minuten pulverisiert haben.«
»Was soll ich tun?«
»Beweg dich vorsichtig im Schatten der Säule zum Notausgang hinter dir. Achte darauf, dass du von der Säule verdeckt bleibst.«
»Das ist doch irre!«
»Es ist deine einzige Chance. Noch zweieinhalb Minuten. Geh jetzt los.«
Elmar drehte sich mit dem Rücken zur Säule. Er hätte zittern müssen vor Angst, so sehr, dass er links und rechts in den Geschosshagel hineingestrauchelt wäre, aber zu seiner Überraschung war er absolut ruhig. Zentimeter für Zentimeter schob er sich, steif wie ein Brett, von der Säule weg. Er konnte die auf beiden Seiten an ihm vorbeizischenden Projektile spüren, den Sog, den sie verursachten, den Wind.
»Bleib jetzt stehen. Der Kanal wird nach hinten zu eng, weil die Geschütze leicht versetzt zur Säule platziert sind. Siehst du die Tür vor dir?«
Natürlich sah er den Notausgang. »Ja.«
»Sobald die Waffensysteme nachladen, hast du exakt drei Sekunden. Tür nach rechts aufstoßen, nach links wegspringen, die Treppe hinunter.«
»Wie zur Hölle soll ich wissen, wann die nachladen?«
»Sie haben exakt zehntausend Schuss pro Kartusche.«
»Hätte ich etwa mitzählen sollen?«, schrie er außer sich.
»Ich habe mitgezählt. Noch drei, zwei, eins … Los!«
Der Lärm verstummte. Elmar rannte los: zwei Schritte. Tür auf – sie schwang nach rechts –, hinein, abspringen, fallenlassen. Neben ihm zerbarst die Tür in einer Gischt aus Geschossen.
Er fiel die ersten Stufen hinab, rappelte sich hoch und hetzte weiter.
»Geschafft«, sagte Blanche.
Er warf sich gegen die Tür in die Tiefgarage. Weiter! Weiter! Das Adrenalin ließ seinen Körper auf Hochtouren laufen. Lange würde das nicht mehr gut gehen.
Sein Ziel war in Sichtweite, in der Brille mit einem roten Markierungsrahmen hervorgehoben.
Im Lager waren nur drei Personen, zwei davon Frauen. Sie gehörten offenbar nicht zu denen, die sich bei Alarm an Sicherheitsmaßnahmen beteiligen mussten. Als sie Waffen auf Elmar richteten, erkannte er, dass es genau umgekehrt war: Das waren die Lagerwachen. Aber zum Glück keine Profis, sondern gewöhnliche Mitarbeiter, die lediglich eine Notfallschulung erhalten hatten und die Anweisungen ihrer KIs befolgten, die sie genau wie er im Ohr und auf den Brillendisplays hatten. Doch sie waren nicht so gut trainiert wie er. Elmar konnte ihren Tasergeschossen problemlos ausweichen und sie entwaffnen. Verängstig sahen sie zu, wie er, ohne einmal innezuhalten, den großen Karton öffnete, der angeblich ein Kühlaggregat enthielt, in Wirklichkeit aber eine Fluchtkapsel. Sie war an einem Rollgestell befestigt, auf dem sie zu stehen kam, als er die Kapsel umstieß.
Blanche zeigte ihm in Form von Leuchtpunkten im Display, dass sich Leute näherten. »Zehn Sekunden«, sagte sie.
Die Tür stand so weit offen, wie er sie beim Reinkommen aufgestoßen hatte. Das System war immer noch lahmgelegt. Keine drei Minuten nach seinem Eintreffen war er auch schon wieder draußen. – Er musste es ins Freie schaffen, bevor die richtigen Sicherheitsleute mit echten Waffen da waren.
»… zwei, eins.«
Vor der Einfahrt standen drei Bewaffnete. Weitere helle Punkte auf dem Display zeigten an, dass es gleich Dutzende sein würden. Elmar öffnete die Kapsel, warf sich hinein und aktivierte den Notstart. Dafür war das Ding schließlich gebaut worden.
Die Kapsel versiegelte sich selbstständig, presste Luft in die Airbags des Innenraums, die Elmar fixieren sollten, und zündete den Feststoffantrieb. Hörte er draußen Kugeln vorbeipfeifen?
»Steuerung übernommen«, sagte Blanche.
Elmar atmete aus. Dann wurden seine Organe mit der Wucht einer Explosion nach hinten gerissen, als die Kapsel aus der Tiefgarage schoss.
Kapitel 4 – Lin Mei
Außer ihrer persönlichen Drohne, die Tag und Nacht nahezu unbewegt über dem kleinen Zen-Garten schwebte – ein Originalrelikt aus der Provinz Fujian, das sie ihrem verehrten Großvater zu Ehren in seinem Ursprungszustand bewahrte –, bemerkte niemand die zweite Drohne. Kaum größer als ein Kolibri glitt sie aus dem Schilf am Wasserbecken, umrundete die Steine und projizierte mit einem schwachen, für das menschliche Auge unsichtbaren Lichtstrahl ein rasterbasiertes Interferenzmuster auf den geharkten Sand.
Die Zen-Garten-Drohne nahm das Muster auf und übertrug es als routinemäßige Umweltanalyse an ihre Besitzerin Lin Mei – Leiterin der Abteilung für KI-Regulation und Systemethik im Amt für Nationale Weltraumstrategie und Technologische Sicherheit. Ein völlig harmloser, täglicher Vorgang, der in den Zhǐ-Daten mit unzähligen gleichförmigen Routinen verschmolz. Selbst eine Sonderüberwachung würde darin nichts entdecken – nicht einmal, wenn sie wüsste, wo sie suchen sollte. Denn die tatsächliche Botschaft war nicht im Bild an sich verborgen, sondern in der Modulation des Kontrasts entlang der Schattenkanten: zu komplex für menschliche Augen, zu bedeutungslos für jede Standard-KI. Nur eine speziell instruierte Auswertungsinstanz konnte daraus Informationen extrahieren.
Alles verläuft wie vorgesehen.
Das war alles.
Lin Mei blendete das Bild aus und wandte sich wieder der vor ihr liegenden Aufgabe zu: der finalen Justierung der KI-Matrix des Schiffs, das bald nach Tǔxīng aufbrechen sollte – oder Saturn, wie er außerhalb Chinas genannt wurde. Die Mission war offiziell wissenschaftlich, inoffiziell jedoch strategisch – mit hoher Wahrscheinlichkeit würde die Besatzung auf etwas stoßen, das sich außerhalb etablierter Parameter bewegte. Lin Mei sollte die kognitive Zielstruktur definieren, das psychosemantische Koordinatensystem, das der KI ermöglichte, Zielkonflikte zu bewerten, Risiken zu kalkulieren und Leben gegen Auftrag abzuwägen. Die KI sollte, selbstverständlich, die Sicherheit der Besatzung berücksichtigen – aber der Missionserfolg musste überdurchschnittlich hoch gewichtet werden. Diese Balance war heikel, denn Lin Mei würde mit an Bord sein (...)