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Markus Gerwinski

Das Lied der Sirenen

Kapitel 1: Ankunft in Peltern

Der Nieselregen hatte sich gelegt und dicht über dem Horizont zeigte sich ein verwaschener Fleck aus Licht inmitten der grauen Himmelsdecke. Ruhig und ohne Hast befreite sich die Sonne aus ihren Schleiern, um wenigstens der letzten Stunde des Tages ein wenig Helligkeit zu spenden. Ihr Schein verbreitete sich sanft über das von Widersprüchen angefüllte Bild des Dorfes, zu dem sich die Straße hinabschlängelte.
Der Rauch der Kochfeuer zerfaserte über wuchtigen Schornsteinen, die stolz aus den Ziegeldächern stabiler Steinhäuser emporragten. Ein halbes Dutzend von ihnen erhoben sich pompös direkt an der Straße und kündeten vom Wohlstand dieses Ortes. Auch die Holzhütten, die sich gleich dahinter aneinanderreihten, wirkten alles Andere als ärmlich. Die rötlich flackernden Lichter, die aus dem einen oder anderen Fenster lugten, vermittelten ein Gefühl von Behaglichkeit und Wärme.
Die heruntergekommenen, strohgedeckten Hütten unten am Wasser erweckten hingegen einen verlassenen Eindruck. Einige wenige standen noch immer aufrecht und Rauch über ihren Dächern kündete von den Bemühungen der Bewohner, die feuchte Kälte der See aus ihren Behausungen fernzuhalten; aber die meisten waren nicht mehr als Gerippe aus halb vermoderten Holzstangen, Leinwand und Stroh, ebenso zerfallen wie die Boote, die in einer langen Reihe umgedreht in der Nähe lagen. Die Dünung leckte immer und immer wieder an dem hellen Streifen aus Sand, der sich nach links und rechts vom Dorf davon zog, um in einem weit ausholenden Bogen das Meer zu umarmen.
Es wurde Jeral verspätet bewusst, dass das Ruckeln aufgehört hatte und er warf einen fragenden Seitenblick auf den Kutscher. Wie stets sah er nur eine Hutkrempe, die das Gesicht fast vollständig von ihm abschirmte.
„Ist das Peltern?“, fragte er, um das Schweigen zu brechen, und hob den runenverzierten Stab, um mit dem unteren Ende auf das Dorf zu deuten. Ihm war bewusst, dass seine Stimme müde klang, aber das hatte sie auch schon vor Antritt dieser Reise getan.
Der Kutscher wandte ihm das derbe Gesicht zu und setzte zu einer Antwort an, aber eine spöttische Stimme kam ihm zuvor. „Nein. Das ist Graldacor. Der Tempelturm hat sich nur schon schlafen gelegt.“
Jeral drehte sich müde zu dem Sprecher um, der seinen Rappen neben den Wagen gelenkt hatte. Er wandte sich gleich wieder ab, als ihm das inzwischen viel zu vertraute, knappe, zynische Lächeln begegnete, das den Mittelpunkt des Dreiecks aus den hohen Wangenknochen und dem spitzen Kinn des Söldners einnahm.
„Was Ihr nicht sagt, Varamur“, erwiderte Jeral in dem halbherzigen Versuch, dem Söldner Contra zu geben. „Ich hatte schon gedacht, wir wären im Kreis gefahren und wieder in Fardasse gelandet.“
„Das da unten ist Peltern, Herr“, warf der Kutscher in entnervtem Ton ein. „Ihr seid am Ziel.“
„Naja, fast“, begann Varamur wieder, ohne den Spott in seiner Stimme abzumildern. „Das hängt davon ab, ob Ihr darauf besteht, noch heute Abend Euer neues Domizil zu beziehen.“ Er deutete nach Süden, zum linken Ende der Bucht. Dort wurde die gleichförmige Silhouette der Hügellandschaft, die sich dunkel vom lichtgrauen Himmel abhob, von einem Auswuchs unterbrochen, der einem angefaulten Zahn ähnelte.
Jeral versuchte, den Söldner mit einem wütenden Blick zu bedenken, doch ihm wurde noch rechtzeitig bewusst, wie kläglich das wirken musste. Mit einem Seufzer lehnte er sich wieder auf dem Kutschbock zurück und richtete den Blick geradeaus. Aus der beabsichtigten bissigen Bemerkung wurde ein trübsinniges: „Lasst und weiterfahren.“
Das Klappern der Hufe setzte wieder ein und die Stöße von Steinen und Bodenwellen fingen erneut an, Jerals Rücken zu martern. Er heftete den Blick auf den Straßenrand und versuchte, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren. Die Straße war breit und gut ausgebaut, mit Abflussgräben an den Seiten, die auch während der Regenfälle der letzten Tage verhindert hatten, dass sich der festgestampfte Lehm in Morast verwandelte. Ein gut gepflegter, sauberer Meilenstein durchquerte sein Blickfeld und verkündete die Entfernung nach Fardasse.
Eine Erinnerung an weiches, blondes Haar streifte ihn.
Mit einem erneuten, tiefen Seufzen schloss Jeral die Augen und überließ sich dem Holpern des Wagens.