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Markus Gerwinski

Das Lied der Sirenen

Kapitel 10: Der Kobold

Jeral zog das arkane Schwert aus seiner Scheide, ergriff es mit beiden Händen und richtete es auf das Dreieck. In einem tiefen Atemzug sammelte er magische Kraft, ehe er kraftvoll den Bannspruch intonierte: „Kehre in deine wahre Gestalt zurück, KOBOLD!“
Als das letzte Wort verklungen war, kauerte in der Mitte des Dreiecks eine Gestalt, die einem Kind ähnelte. Ein Hemd und Beinlinge, die vollständig aus grellbunten Flicken zu bestehen schienen, klebten in nassen Falten an einem dürren Körper. Die Füße steckten in leuchtend roten, spitzen Schuhen. Die Gestalt hatte die Beine eng an den Körper gezogen und hielt sie mit bleichen, knochigen Händen umklammert. Der Kopf ruhte mit gesenkter Stirn auf den Knien, sodass der wilde, weißblonde Haarschopf das Gesicht vollständig verdeckte.
Jeral beachtete die mitleiderregende Pose nicht weiter und hielt weiterhin die Schwertspitze starr auf die Gestalt gerichtet. „Sieh mich an!“
Als die Gestalt den Kopf hob, verlor sie jede Ähnlichkeit mit einem Kind. Ein zu breites Grinsen entblößte zu große Zähne unter einer gewaltigen Hakennase. Falten eines Alters, das kein Sterblicher je erreichen konnte, umgaben den Mund, die Wangen und die boshaft leuchtenden, viel zu großen Augen.
„Zu Diensten, oh großer Zauberer!“ Die quäkende Stimme des Kobolds schien vor Spott zu triefen. „Welch große Tat hast du vollbracht, mich armseligen Wurm in deine Gewalt zu bringen! Ewig dankbar werde ich dir sein, dass du mich verschonst und mir die Freiheit schenkst ...“
„Schweig still!“
Der Kobold verstummte.
„Was weißt du über die Schriften Magister Drahniers? Sprich!“
„Drahnier? Drahnier? Oh ja – ein weiser Narr, ein närrischer Weiser. Er schrieb bei Tag und bei Nacht, wann immer er weilte zwischen jenen Steinen.“ Der Kobold stand auf und deutete auf den Turm. Aufrecht reichte er Jeral etwa bis zum Bauchnabel. „Bei Nacht schrieb er sie im Kerzenschein, bei Tag im Sonnenlicht. Er schrieb sie mit Tinte und dem Kiel einer Gänsefeder auf den getrockneten Häuten von Rindern ...“
„Schweig still! Sag mir nur, wo die Schriften sind!“
„Nicht hier, oh großer Magier, nicht hier! Keine von ihnen wirst du finden in den Resten des Turms.“ Der Kobold setzte ein meckerndes Lachen und eine spöttische Verbeugung hinterher.
„Wo sind sie?“
„Ich weiß es doch nicht, oh großer Magier, ich weiß es nicht. Doch vermag ich sicherlich, sie zu finden, so du die Freiheit mir schenkst! Nur öffne dieses Dreieck, oh großer Magier und ja, so schnell ich kann, werde ich auf die Suche nach den Schriften mich begeben, oh ja ...“
Statt einer Antwort murmelte Jeral einige Worte, so leise, dass sie fast im Geräusch der nahen Brandung untergingen.
„Ich weiß es nicht!“ Das starre Grinsen des Kobolds blieb unverändert breit, doch für einen Moment geriet ein schmerzhafter Zug hinein. „Sie sind fort, verschwunden, nicht mehr hier. Oh großer, mächtiger Magier, hab Erbarmen! Vier Jahre endete die Welt für mich an Trümmerstein und Staub, direkt vor meiner Nase! Wie soll ich's wissen?“
„Ich kenne deine Fähigkeiten, Kobold!“ Jerals Schwertspitze wich nicht von der Brust des Wichtes. „Und deine Grenzen. Du kannst nicht offen lügen. In den vier Tagen, die ich dich jagte, hast du immer wieder gespottet, ich würde die Schriften nicht finden. Du weißt, wo sie sind oder was mit ihnen geschehen ist. Wo sind sie?“
„Gib mir die Freiheit, mächtiger Zauberer!“ Der Kobold fiel auf die Knie und streckte ihm flehend die knochigen Hände entgegen. „Gib mir die Freiheit und ich werde sie finden und zu dir bringen! Doch lass mich hier, die Schönheit deiner Welt genießen, Sterblicher! Öffne das Dreieck und noch vor dem Abend wirst die Schriften du in Händen halten!“
„Was ist mit den Schriften geschehen? Sprich!“
„Er schrieb bei Tag sie und bei Nacht ...“
Jeral wiederholte seine gemurmelten Worte. Der Kobold krümmte sich zusammen und schlang sich die knochigen Arme um den Leib.
„In seinen Schreibtisch tat er sie“, keuchte die Kreatur in mitleiderregendem Ton. „Eine hölzerne Lade, zwei Spannen breit und tief. Dort lud er die Last seines Wissens ab, ein Pergament auf dem anderen, sauber gestapelt ...“
„Was ist daraus geworden, nachdem der Turm einstürzte?“
„Die Lade hielt, bewahrte all das Wissen, das der Magister den Sirenen abgerungen! Stabil war die Lade, großer Zauberer, aus gutem Buchenholz und fest verfugt! Ein wack'rer Tischler, meisterhaft, doch ohne Meistergrad, da nur aus einem Dorf er kam statt von der städtischen Zunft ...“
„Auf welchem Weg sind die Schriften verschwunden? Sprich!“
„Ein Mensch nahm sie mit sich und ging damit fort! Wohin? Wohin? Ich weiß es doch nicht! Doch ich werde sie finden, großer Zauberer, ich werde ...“
„Wer nahm sie mit sich? Drahnier?“
„Nicht der närrische Weise, oh nein, oh nein! Er ließ es liegen, ließ all sein Wissen liegen, ging ohne es auf große Fahrt, den Sirenen sich zu stellen, oh ja ...“
„Wer nahm die Schriften mit sich? Sprich!“
„Er kam, als der Turm in Trümmern lag und ich armer Wurm darunter. Er kam und nahm sie mit, sie zu verbergen. Oh großer, mächtiger Zauberer, ich flehe dich an, hab Erbarmen mit mir und gib mich frei! Die Schriften wirst noch heute Abend du in Händen halten und niemals werd' ich deine Leute stören, dein Heim dir zu richten in jenem Unglücksturm! Nur lass mich frei, ich flehe dich an, öffne das Dreieck und lass mich frei ...“
„Schweig still! Beantworte nur meine Frage: Wer war es, der die Schriften an sich genommen hat? Sprich!“
„Nichts wirst weiter du von mir erfahren!“ Die Stimme des Kobolds überschlug sich zu einem schrillen Kreischen und er sprang auf die Füße. In den viel zu großen Augen loderte das Feuer verzweifelten Trotzes. „Gib mir die Freiheit, Magier! Jedes Versprechen, jeden Dienst magst du mir abverlangen, doch gib mir die Freiheit, sonst wirst kein weiteres Wort du von mir hören –“
Ein drittes Mal murmelte Jeral seinen Zauberspruch. Der Kobold stieß einen schrillen Schmerzensschrei aus und brach in die Knie, um sich in Qualen am Boden zu winden.
Stille kehrte ein, als der Kobold zur Ruhe kam. Weit draußen nahm die Brandung einen neuen Anlauf, um sich gegen das Ufer zu werfen. Auf Jerals Stirn mischte sich der Nieselregen mit vereinzelten Schweißperlen.
„Nichts wirst du erfahren“, kam ein raues Geflüster von den Lippen des Kobolds. Langsam stemmte er sich auf Hände und Knie. Das Grinsen auf seinem Gesicht war zu einer Fratze des Hasses verzerrt. „Gib mir die Freiheit, Magier! Öffne das Dreieck und du wirst wissen, wer Drahniers Lebensfaden zerschlagen und seine Schriften genommen hat – und wer auch die deinen zu nehmen versuchen wird, sobald du das erste Wort über die Sirenen niederschreibst!“ Der Kobold erhob sich auf die Füße und stemmte herausfordernd die Fäuste in die Hüften. „Öffne das Dreieck und lass mich ziehen, Magier! Mein Handel gilt! All meine Kraft sei dein, um dir die Schriften zu verschaffen und jegliches Wissen, das du hier brauchen wirst, oh ja, das du brauchen wirst, um dich vor dem Schicksal Drahniers zu schützen. Doch erst öffne das Dreieck! Schenke mir dieses Leben und ich rette dir deines!“