Bändigerin der Schatten
Sie war acht, er war sechs, als sie zum ersten Mal miteinander rauften. Gunid kam vom Bach herauf und hielt mit beiden Händen den Korb, der schwer von nasser Wäsche war. Das Gras ging ihr bis fast zur Hüfte und strich ihr sonnenwarm über die Schienbeine. Manchmal stach ihr ein vertrockneter Wegerich in den bloßen Fuß, doch sie war es gewohnt und ging einfach weiter. Sie hatte schon gelernt, dass die Bienen, die überall um sie herumsummten, sehr viel übler stechen konnten, und so nahm sie sich in acht.
„Heda!“
Als sie die helle Stimme krähen hörte, blickte sie auf. Rechts von ihr, ein Stück den Hang hinauf, stand ein Junge. Ein Edelknabe, soviel erkannte sie auf den ersten Blick: Er trug ein Hemd aus gutem Leinen, und es war genauso wenig vom Schweiß der Arbeit getränkt wie seine schwarzen Locken.
„Meinst du mich?“, rief sie zurück.
Er nickte und winkte ihr. „Komm herüber!“
Einen Moment lang stand sie unschlüssig da und runzelte die Stirn. Verärgerung und Neugier rangen in ihr miteinander, und die Neugier siegte. Sie bog von ihrem Weg ab und stieg das kurze Stück zu ihm hinauf.
Ein Edelknabe, ohne Zweifel, jünger und kleiner als sie. Nun, wo sie vor ihm stand und auf ihn hinunterblickte, konnte sie auch die blauen Hosen sehen und die Schuhe aus dunklem Leder. „Was willst du von mir?“
Von oben bis unten maß er sie mit einem arroganten Blick und wandte sich in Richtung Bach. „Folge mir.“
Sie blieb stehen. „Warum?“
„Weil ich es befehle.“
Gunid schüttelte den Kopf, dass ihr die braunen Strähnen ums Gesicht flogen. „Das geht nicht“, erklärte sie ruhig. Der Korb zog schwer an ihren Armen. „Vom Bach komme ich gerade, und ich soll die Wäsche zum Haus bringen.“
Er fuhr herum. Sein rundes Gesicht zeigte Verblüffung, dass sie zu widersprechen wagte. Es reizte sie zum Schmunzeln.
Ein paarmal klappte er den Mund auf und zu, bevor er seine Haltung wiederfand und fragte: „Wie heißt du?“
„Gunid. Und du?“
„Ragald.“
„Der Sohn von Ritter Adolar?“
Der Junge straffte sich und hob so weit die Nase, dass er die Augen nach unten verdrehen musste, um ihr ins Gesicht zu sehen, gerade so, als wäre er der Größere. „Höchstpersönlich!“
Gunid konnte nicht mehr anders, sie prustete los. Je röter er im Gesicht wurde, desto lauter musste sie lachen, bis ihr schließlich die Tränen über die Wangen rollten.
„Und du wirst jetzt mit mir kommen!“ Aus seinem Befehlston war ein Quengeln geworden, das sie an ihren kleinen Bruder Wulf erinnerte. „Ich will nämlich schwimmen lernen, und du bleibst am Ufer und hältst das Seil und ziehst mich raus, wenn ich … äh … was falsch mache. Und hör auf zu lachen!“
Sie schüttelte wieder nur den Kopf und wandte sich ab, um sich ihren Weg durch das Gras zurück zum Trampelpfad hinab zu bahnen. Immer noch musste sie viel zu sehr kichern, als dass sie hätte antworten können.
„Komm sofort zurück, du dumme Gans!“
Augenblicklich versiegte ihr das Lachen in der Kehle. Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm herum. „Was hast du gesagt?“
Noch immer ragte er vom Bauch an aufwärts aus dem Grasmeer, das Gesicht hochrot, und deutete mit einem Finger auf sie. „Ich habe gesagt, du sollst –“
Weiter kam er nicht. Gunid hatte den Korb abgestellt – er kippte sofort auf dem Hang um und rollte herunter –, war das halbe Dutzend Schritte wieder hinaufgelaufen und hatte sich auf ihn gestürzt.
„Lass mich los! Lass mich los! Das ist ein Befehl! Lass mich los!“
„Nenn mich nie wieder eine dumme Gans, hörst du?“
„Ich bin dein Herr! Lass mich los!“
Er war viel kleiner als sie und kein echter Gegner. Im Handumdrehen hatte sie ihn am Hals unter den Arm geklemmt und saß mit ihm im Gras.
„Lass mich los! Ich krieg’ keine Luft! Lass mich los!“
„Nenn mich nie wieder eine dumme Gans!“
„Ich bin dein –“
„Nenn mich. Nie. Wieder. Eine. Dumme Gans!“ Sie drückte ein wenig zu.
Als sie wieder lockerließ, musste er husten. Stumm zappelte er eine Zeit lang in ihrem Griff, stemmte seine Ärmchen gegen ihren Arm, gegen ihren Rücken, ihre Schulter, gegen alles, was er greifen konnte. Soviel musste sie ihm lassen, er wehrte sich sehr viel länger als Wulf.
„Du bist keine dumme Gans“, keuchte er schließlich. „Und jetzt lass mich los.“
„Sag bitte.“
„Du lässt mich sofort los, oder Vater wird dich –“
„Dann erzähl es ihm doch!“, höhnte sie. „Erzähl deinem Vater, dass dich ein Mädchen im Ringen besiegt hat! Er wird bestimmt alle seine Wachen ausschicken, damit sie mich einfangen und bestrafen!“
Wieder hing er stumm in ihrem Griff, doch diesmal wehrte er sich nicht. Sie konnte es beinahe in seinem Kopf knarren hören, als er nachdachte.
„Bitte lass mich los.“
Augenblicklich fiel er auf die Nase, da sie den Griff so plötzlich löste, dass er keine Gelegenheit hatte, sich abzufangen. Ein paar Schritte weit kullerte er den Abhang hinunter, und sie musste wieder lachen. Als er sich schließlich aufraffte und sie böse anfunkelte, war sein Hemd voller grüner Grasflecken, und in den schwarzen Locken, die ihm der Schweiß an die Stirn klebte, hingen Halme und Blüten.
Er sah sie böse an, die Fäustchen geballt, die Augen feucht glitzernd, aber immerhin weinte er nicht. Sie grinste. Einen Moment lang schauten sie einander so ins Gesicht, dann drehte er sich um und rannte, zuerst einfach von ihr weg, dann den Hang hinauf der Burg zu.
Gunid stand auf, strich sich das Gras vom Kittel und stieg zu ihrem Korb hinab, der umgestürzt am Ende einer Spur von nasser Wäsche lag. Als sie die Flecken auf den frisch gewaschenen Hemden und Schurzen und Tüchern sah und an die Maulschellen dachte, die sie dafür von ihrer Mutter bekommen würde, bekam sie gute Lust, dem Knaben hinterherzurennen und ihn ordentlich zu verdreschen. Doch sie zügelte sich.