← Zurück zum Buch
Markus Gerwinski

Bändigerin der Schatten

Kapitel 6: Zu Füßen der Edeldame

Während die Waffenknechte sie in den Turm und die Treppe hinaufzerrten, wünschte Gunid, Ragald wäre hier und könne ihr helfen, und im selben Moment war sie froh, dass er sie nicht so sehen musste. Ein Diener öffnete vor ihr die große Tür zum Rittersaal und gab den Blick auf ein zartes Geschöpf in Weiß und Silber frei, das in einem der Sessel an der Stirnseite des Raums thronte. Gunids Bewacher schoben sie durch die Tür und versetzten ihr einen Stoß, der sie unsanft auf die Knie beförderte. Mit noch immer auf den Rücken gebundenen Händen hatte sie keine Möglichkeit, ihren Sturz abzufangen, und hätten die Wachen sie nicht an den Schultern festgehalten, wäre sie vornübergefallen. So blieb sie mit gesenktem Kopf auf schmerzenden Knien kauern. „Die Gefangene Gunid, edle Dame.“
Aus den Augenwinkeln sah sie durch die Stiefel beider Wachen ein sachtes Schwanken gehen, an dem sie eine Verbeugung erahnte. Nach der Hektik ihrer Ankunft erschien ihr die Stille in diesem Saal unwirklich. Von weit her ertönte durch eines der Fenster ein Hahnenschrei. Gunids Auge fing sich in den anmutigen Falten, in denen sich der silberdurchwirkte Saum des weißen Kleides um ein zierliches Beinpaar legte.
„Erkläre dich“, hörte sie schließlich die leise, sanfte Stimme der Dame. „Warum hast du versucht, das Lehen zu verlassen?“
Der ganze Körper schmerzte ihr noch von dem Handgemenge mit den Waffenknechten am Flussufer. Sie wagte nicht, das Gesicht zu heben, sondern senkte den Blick stattdessen noch weiter. Zweimal musste sie schlucken und sich räuspern, ehe ihre Stimme ihr gehorchte. „Ich hörte“, begann sie heiser, „der junge Herr werde im Feld vermisst.“ Sie holte tief Luft. „Ich wollte nach ihm suchen.“
Außer den Holzbohlen, auf denen sie kniete, und ein paar braunen Strähnen, die sich aus dem Kopftuch gelöst hatten und ihr vor der Nase baumelten, sah sie nichts. Allmählich fühlten sich die vollgesogenen Fußlappen nicht mehr gar so klamm an. Zu ihrer Rechten knarzte der Boden, als einer der Waffenknechte das Standbein wechselte.
„Lasst uns allein“, befahl nach einer Ewigkeit, wie es ihr schien, die junge Herrin. Kurz zögerten die beiden Wachen, ehe sie kehrt machten und von Gunids Seite verschwanden. Der Haushofmeister löste sich von seinem Platz in einer schattigen Ecke des Rittersaals und trat an der Knieenden vorbei. Schritte polterten hinter ihr von dannen, und die große Tür schwang quietschend auf und zu. Wieder legte sich Stille über den Saal, durchbrochen nur vom Zwitschern einiger Singvögel, die gerade vor den Fenstern ihr Morgenlied anstimmten.
„Was bedeutet dir mein Bräutigam?“
Die Worte der jungen Herrin klangen sanft, eher noch leiser als zuvor, und wenn überhaupt eine Regung darin lag, war es am ehesten Neugier. Verunsichert hob Gunid ein wenig den Kopf und spähte durch den Vorhang ihrer losen Strähnen hindurch, die sich ihr schweißverklebt ins Gesicht ringelten. Die Dame Witlinde saß kerzengerade, die seidig schimmernde Kaskade ihres goldblonden Haars von einem weißen Kranz bekrönt, die Knie unter dem ebenso weißen Kleid zusammengelegt und leicht zur Seite geneigt. Gunid dachte an Ragald, und im Angesicht seiner Braut fühlte sie sich derb und hässlich. Sicher waren diese zarten Hände, die entspannt auf den Armlehnen des Sessels ruhten, frei von Schwielen, und die zierlichen Füße in den hellen Lederschuhen hatten gewiss keine Hornhaut vom vielen Laufen. Noch einmal betrachtete Gunid die vornehme Pose, ehe sie den Blick wieder senkte und die Lippen aufeinanderpresste. Wahrscheinlich wurden junge Edeldamen sogar in der Kunst des würdevollen Sitzens unterwiesen.
Als Gunid nach einer Weile noch keine Antwort gegeben hatte, erhob sich die Herrin mit einer geschmeidigen Bewegung, die das weiße Kleid wassergleich an ihren Beinen herabfließen ließ, aus dem Sessel. Langsam schritt sie zur Seite, zu einem der Fenster hin, die nach Westen schauten, und blickte hinaus in die Ferne. Unten im Burghof stimmte ein Hahn in das Krähen seiner Rivalen im Dorf ein.
„Ragald hat mir viel von dir erzählt.“ Täuschte sich Gunid, oder lag in der Stimme der jungen Edlen ein Anflug von Wehmut? „Er hält große Stücke auf dich. Einmal sprach er davon, wie du ihm als Kind das Leben gerettet hast. Er wurde nie müde, deine Kühnheit zu preisen und deine Klugheit.“
Gunid hob vorsichtig den Blick zu ihr hinüber und begegnete dem Paar kristallklarer, blauer Augen, das sich ihr zugewandt hatte. Witlinde musste jünger sein als Ragald, sechzehn vielleicht, doch ihre Haltung und jede ihrer Bewegungen war hoheitsvoll, ohne gekünstelt zu wirken.
„Kühnheit“, stellte sie mit einem kaum merklichen Wechsel des Tonfalls fest, „hast du heute zur Genüge bewiesen. Und wenn Ragalds Einschätzung deiner Klugheit zutrifft, hast du sicherlich eine Ahnung von den Gefahren, denen zu begegnen du mit deinem Aufbruch im Begriff warst. Was bedeutet dir mein Bräutigam?“
Klugheit, dachte Gunid bitter und verzog das Gesicht. Innerlich sah sie ihn vor sich stehen, unter einem bleiernen Himmel, von Ähren umweht, verletzt und verzweifelt auf sie einreden, während sie stocksteif dastand und ihn mit ‚Herr‘ titulierte. Ihr Blick irrte von Witlindes Augen hinauf zu den Schilden, die in einer langen Reihe über Kopfhöhe die Wände zierten. Ein erster, schwacher Sonnenstrahl fiel durch eines der östlichen Fenster herein auf die beiden Wappen über den herrschaftlichen Sesseln an der Stirnseite: dem schwarzen Raben im goldenen Feld des Hauses Adolar und, glänzend und neu, dem silbernen Schwan im blauen Feld des Hauses Havegard. Welches Wappen, so ging es Gunid durch den Kopf, wäre ihrer selbst wohl angemessen? Die dumme Gans im zornesroten Feld?
„Wir kennen uns von Kindheit an, wie Ihr selbst sagtet, Herrin.“ Sie senkte wieder das Gesicht, um die Augen der Dame zu meiden. „Wir waren Spielgefährten, und ich war stets die ältere von uns beiden. Ich – Ich fühle mich für ihn verantwortlich.“
So leise es war, übertönte doch das Schleifen des Kleides über die Holzbohlen den federleichten Schritt der Dame, als sie näherkam. Gunid blieb mit gebeugtem Rücken auf den Knien, und so musste sie den Kopf in den Nacken legen, um der Edlen noch entgegenzusehen, als sie kaum zwei Armeslängen vor ihr stehen blieb.
„So sagst du, die Verantwortung trieb dich zur Schollenflucht. Einer Tat, die Schimpf und Schande über die Deinen bringt, selbst wenn sie dir gelungen wäre. Zu einer Zeit, zu der deine Eltern mehr denn je auf jedes Paar Hände angewiesen sind, um den Hof zu bewirtschaften. Verantwortung.“
Sie ließ ihren Worten Zeit, um zu wirken. Ihre wasserblauen Augen blickten immer noch sanft, doch nun war es die Sanftheit einer Klinge von solcher Schärfe, dass man ihr Eindringen im ersten Moment nicht spürte. „Was bedeutet dir mein Bräutigam?“
Gunids gefesselte Hände ballten sich zu Fäusten, weit entfernt auf ihrem Rücken und außerstande, ihre plötzlich feuchten Augen zu wischen.
„Ich liebe Ragald“, stieß sie erstickt hervor. Mit einem zornigen Schwung ihres Kopfes schleuderte sie die Haarsträhnen zur Seite und schaute der Edeldame gerade ins Gesicht. „Wäre die Welt mein“, flüsterte sie rau, „ich gäbe sie mit Freuden, um an seiner Seite zu sein!“