Systemerosion
Kapitel 1
»Guten Morgen, Wendel«, säuselte Maus. Kaffeeduft stieg ihm in die Nase. Its a good Day aus der Aufwachplaylist erklang wie aus weiter Ferne, und schwoll langsam an.
Er rollte sich herum und streckte den Arm zur anderen Bettseite. Leer. Richtig – sie war gegangen, trotz der späten Stunde.
Prima.
Wendel schlug die Decke zurück und richtete sich auf. »Was liegt an? Und stell den Kaffeegeruch ab, ich bin verkatert.«
»Kein Wunder, du hast …«
»Will ich nicht wissen.«
Es wurde ein bisschen heller, damit er etwas sehen konnte.
Der synthetisierte Geruch einer Baristarei verschwand und sein Tagespaneel erschien in den AR-Linsen, die er auch nachts trug. Er konnte sich kaum vorstellen, dass es mal eine Zeit gab, in der die Dinger nicht selbstbefeuchtend, gasdurchlässig und vollkommen biokompatibel waren. Wie kamen die Menschen damals zurecht? Allein die Vorstellung, im Notfall nachts ohne Netz, ohne IR-Sicht und KI-Assistenz aufzuwachen, jagte ihm kalte Schauder über den Rücken.
Es war Dienstag, der 7. September 2060, 7:30 Uhr. Die Nachrichten sahen alle nicht erbaulich aus, das Wetter auch nicht und das Revier hatte keine neuen Fälle geschickt. Also ein Bürotag. Ausgezeichnet. »Bestell mir ein Sunshine-Frühstück bei Morningstar«, murmelte er, während er sich ausgiebig streckte. »Aber mit Kater-Coke statt Kaffee.«
Der UN-Menschenrechtsrat verurteilte mal wieder die Gewalt in irgendeinem Land. Wendel hatte nicht mitbekommen, in welchem. Es spielte keine Rolle, vermutlich irgendwo am Hitzegürtel oder in den USA.
»Ich rate ab. Du liegst beim ECHO-Verbrauch über dem Tagesdurchschnitt. Wenn du so weitermachst, wird es Ende des Monats eng«, sagte Maus.
»Mir egal. Aufwachmodus aus.«
Das Paneel verschwand, die Musik wechselte zur Tagesplaylist, die Linsen deaktivierten den Helligkeitsfilter und gaben den Blick durch die Panoramawände seiner Single-Wohnung frei: Schon wieder Nebel! Scheiß September.
Nach der achtwöchigen Dürre war vor drei Tagen endlich ein kleines atlantisches Feuchteband eingetroffen. Jetzt stieg Morgennebel über den warmen Hafenbecken auf, während die Sonne bereits die nächste Hitzephase ankündigte.
Vom Sofa aus sah ihn sein Kater Bobs an. Müde oder desinteressiert, schwer zu sagen.
Wendel ging duschen.
»Ich rate …«
»Nerv nicht, Maus.«
Es ging nichts über eine heiße Dusche. Der Widersinn der ganzen Sache war Wendel klar: die Wohnung tagsüber runterkühlen wegen der Hitze draußen, abends heizen, weil die Nachttemperaturen langsam frisch wurden … Alles Energieverschwendung, aber man lebte nur einmal, oder? Die Behörden hatten das im Griff, der ECHO-Score funktionierte, die Erde war auf dem Weg der Besserung. Er würde halt am Monatsende mal wieder ohne Punkte dastehen, na und? Wenn es nicht anders ging, konnte er die Realität ertragen, doch solange er es nicht musste …
»Sie haben die vorgesehene Duschdauer erreicht«, schnarrte die androgyne Stimme der Haus-KI.
»Du solltest jetzt aufhören«, befand Maus, »du hast für diesen Monat schon viel zu viele Negativpunkte angesammelt.«
»Ich sagte, du sollst nicht nerven!«
Aber Maus hatte natürlich recht, er duschte einmal mehr viel zu lange, während Maredith McFly vom Leben auf anderen Planeten sang, das nie von ihr oder ihren Fans erfahren würde. Zum Dahinschmelzen schön und dank der BonePatches, die hinter seinen Ohren direkt am Schädel klebten, kristallklar, trotz des Wasserrauschens. – Ein Hoch auf den Erfinder dieses Geniestreichs, dachte er und fragte sich erneut, wie die Menschen früher ohne technische Unterstützung ausgekommen waren. Für ihn stellte das unverzichtbaren Standard dar, mit dem er aufgewachsen war.
Verdammt! Verkatert wurde er immer melancholisch.
»Zwangsabstellung in zehn Sekunden«, sagte die Haus-KI.
Nicht schon wieder! Wendel hatte eingestellt, dass seine Wasserzufuhr unterbrochen wurde, wenn der Tagespreis an der Wasserbörse über das von ihm festgelegte Limit stieg. Bereits das dritte Mal diesen Monat. Die Nachwirkungen der Dürre.
Er sprühte sich noch schnell eine Ladung Schaumreiniger in den Mund, hob ein letztes Mal das Gesicht in den heißen Strahl …
»… drei, zwei, eins«, zählte die Haus-KI.
Und aus.
Wendel trat aus der Dusche. Die Luft im Bad hatte fast dieselbe Temperatur wie das Wasser, sodass er nicht fror. Während er sich mit einem AeroDry-Tuch abrieb, das sowohl ihn als auch seinen pflegeleichten Kurzhaarschnitt in Sekunden trocknete, wurde der Raum heruntergeregelt: Die Mikroklappen in Decke und Wand öffneten sich und ließen einen kühleren Luftstrom ein, während die Wärmegefühl-Beschichtung der Fliesen den Temperaturschock an den Füßen ausglich.
Die zonenbasierte Klimatisierung arbeitete schnell; das Bad würde sich in wenigen Sekunden an die restliche Wohnung angleichen. Er hatte die Innentemperatur auf 25 Grad eingestellt – ein Wert, der von der ECHO-Ökonomie sogar empfohlen wurde. An Präsenzeinsatztagen half das: Bis er das Haus verließ, hatte sich die Außentemperatur meist auf diesem Niveau eingependelt und zog erst bei Erreichen des Einsatzortes spürbar an. Aber heute blieb er drinnen. Es waren 35 Grad vorhergesagt; aus Frankreich zog ein Staubsturm heran. Das Regenband von England verdichtete sich über der Nordsee zusehends. Ein perfekter Tag für Innendienst.
Das Waschbecken lieferte weiterhin Wasser, auch wenn es teuer war. Er spülte den Schaum aus dem Mund und grinste sich im Spiegel an: Einer der Gründe, warum er sich für den Polizeidienst entschieden hatte, war die Keramik-Nano-Versiegelung der Zähne – ein Gesundheitsbonus, mit dem der Staat gutes Personal köderte. Das hielt locker 15 Jahre. Seine Zahnpflege bestand seither aus einer Mundspülung mit Schaumreiniger während des Duschens und bei Bedarf einem Mundspray zum Auffrischen.
Der Bart ging gerade noch als lässig durch. Alles klar.
Wendel schlüpfte in den Bademantel und setzte sich zu Bobs aufs Sofa. »Arbeitsbeginn«, sagte er und kraulte die Katze sanft hinter den Ohren. »Wo bleibt das Frühstück?«
»Ist unterwegs. Zwei Minuten.«
Seine virtuelle Büroumgebung entfaltete sich um ihn herum. Mit einer Handbewegung aktivierte er den Transparenzmodus, um zu sehen, ob Kollegen da waren, die eine Begrüßung erwarteten. Natürlich nicht. Die lagen alle wie er halb nackt auf dem Sofa.
Ihm war unerwartet ein neuer Fall zugewiesen worden – ein Toter im Grasbrookhafen –, weil er quasi um die Ecke wohnte.
Seine Partner-KI wurde freigeschaltet, dabei hatte er mit einem reinen Bürotag gerechnet: Verwaltungskram und so. Stattdessen würde er das Haus noch vor Auflösung des Nebels verlassen müssen. Na toll … Andererseits wurde Außendienst besser bezahlt.
»Stand-by«, sagte er. Die Sache war ganz frisch und bislang keiner vor Ort. Die Spurensicherung würde noch sieben Minuten brauchen, bis sie eintraf. Erste Ergebnisse waren frühestens in 15 Minuten zu erwarten. Vorher brauchte er sich da auch nicht blicken lassen. – Genug Zeit für etwas Lifestyle.
Es klingelte.
»Dein Frühstück ist …«
»Nun lass ihn schon rein.« Wendel sprang gut gelaunt auf, während Maus die Gebäudezugangstür im Basement entriegelte, sodass der Zombie die Treppe hochspurten konnte. Das Frühstück zählte zu seinen Tageshighlights, auch wenn es von allen Mahlzeiten am heftigsten auf die Linie ging. Aber heute musste er ja raus, das schuf ein bisschen Ausgleich.
Er nahm das UBM an der Wohnungstür entgegen und bestätigte dem Liefer-Zombie den Empfang.
Erstaunlich, dass die KI des Lieferdienstes einen Läufer geschickt hatte. Wendels Standardbestellung – Croissant mit Wurstgeschmack, Käsebagel und Vanille-Latte mit Kirschsoße sowie eine Portion Katzenfutter – wog keine tausend Gramm und hätte von einer Flugdrohne transportiert werden können. Vielleicht war gerade Stoßbetrieb und die Kosten für Fluggenehmigungen höher als die für Menschen. Gut für die Zombies.
Das Phänomen der KI-Zombies war noch relativ jung. Europa hatte sich erst vor wenigen Jahren dazu entschlossen, die um sich greifende Personalnot mit KI-gestützten Klimaflüchtlingen auszugleichen. Mit den aktuellen Assistenzsystemen konnten selbst völlig Unqualifizierte komplexe Jobs erledigen – sie mussten nicht einmal die Sprache beherrschen. Integration sah zwar anders aus, aber niemand stellte Fragen, solange die Pflegeheime mit den Babyboomern voll waren und die Arbeitsmärkte leer.
Er stellte das UBM auf den Couchtisch und zog die Getränkekartusche aus der oberen Kammer. Als er am Stutzen nuckelte, zuckte er zusammen: kalte Caramel-Cola! Ach ja, der Anti-Kater-Drink – ein Elektrolyt-Neurobalancer, der die biochemischen Stränge, über die man am Vorabend gestolpert war, wieder gerade zog. Der war inzwischen gar nicht mehr nötig, die Dusche hatte genügt. Na egal. Heißgetränke an kühlen Morgen von heißen Tagen waren überbewertet.
Bobs erhob sich mauzend.
»Oh! Ich habe ja doch noch einen Kater.« Wendel zog den Futternapf aus dem UBM und stellte ihn auf den Tisch. Der war im Gegensatz zu Sofa und Teppich leicht zu reinigen: beschichtet und Schmutz abweisend; genau richtig für Bobs, der meistens eine ziemliche Sauerei machte.
Er fischte Croissant und Bagel aus der unteren Warmhaltekammer, zog die Mehrweg-Serviette über seinen Schoss und biss genüsslich in die einer französischen Spezialität nachempfundene Köstlichkeit aus dem Foodprinter der Morningstar-Backprodukte-Kette.
Die Revier-KI aktualisierte den Status des Falls: Körperpräsenzeinheiten von Polizei und Feuerwehr hatten soeben den Leichnam geborgen. Notarzt und Spurensicherung würden in Kürze eintreffen.
Verdammt! Ständig diese Hetze … »Stand-by beenden. Arbeitsbeginn«, nuschelte er mit vollem Mund und sprang auf.
»Du solltest in Ruhe essen, sonst besteht die Gefahr, dich zu verschlucken«, erklärte Maus.
»Jaja.« Wendel schlüpfte in seine Stretch-Jeans mit integrierten Memory-Plast-Sneakern, zog sich ein Antitranspirans-Shirt mit Mikroventilationsfasern über und hängte den Bademantel zurück ins Bad. Vielleicht hatte er heute Abend ja wieder Besuch.
»Draußen ist es mit sechzehn Grad noch kühl. Ich empfehle die Thermoausgleichsjacke und für später eine Hitzeschutzkappe. Im Laufe des Tages werden bis zu fünfunddreißig Grad erreicht.«
Wendel holte die Jacke aus dem Schrank, fuhr dem Kater zärtlich über den Rücken, schnappte sich den Rest von seinem Frühstück und ging. »Tschüss, Bobs.«
»Du solltest aufessen, bevor du das Haus verlässt.«
»Jaja.« Leck mich.
Der Flur war arschkalt. Die Hausverwaltung machte die Klimaanlage im Treppenhaus bloß an, wenn die Temperatur über 28 Grad stieg oder unter 13 Grad sank. Derzeit herrschte Außentemperatur. Wendel zog die Jacke über und nahm die Treppe. Der Aufzug roch um diese Zeit nach Frühaufstehern, die mit zu viel Deodorant und Haarpflegeprodukten ihre Präsenzjobs antraten.
Vor dem Haus schlang er den Rest des Bagels hinunter und spülte mit der Neuro-Cola nach. Das Einsatzfahrzeug von Morningstar stand noch an der Ecke. Er drückte einem der vorbeiflitzenden Zombies den Mehrwegbecher in die Hand. Er wurde dank all der KIs, die mit dem Vorgang zu tun hatten, automatisch seinem Konto gutgeschrieben.
Seine Linsen fokussierten durch Blickzonenverschiebung auf ein Match am Ende der Straße.
»Nicht der richtige Moment«, sagte Maus.
Wendel grunzte nur. Irgendwo war es immer der Moment. Aber die Frau stieg auf einen Skooter. Also erledigt. Er blinzelte die Fokussierung weg und wollte selbst zu einem bereitstehenden Skooter gehen, wandte sich dann aber doch den kleinen, billigeren Rollern zu, die an der Wand standen.
»Es ist nicht mal ein Kilometer bis zum Grasbrookhafen«, sagte Maus. »Du kannst laufen und die ECHOs sparen.«
»Na gut«, brummte er.
Irgendwie war das unfair. Da hatte er eine Mobilitätsflat, die sämtliche autonomen und nicht autonomen Fahrzeuge abdeckte, konnte sie aber nicht uneingeschränkt nutzen, weil das ECHOs kostete – die Punkte für Environmental Cost and Heat Output. Wie jeder andere Erwachsene hatte er ein Monatskontingent von 1000 ECHOs, die er trotz Maus manchmal schon zur Monatsmitte verbraucht hatte.
An der Shanghaiallee war um diese Tageszeit noch zu viel Verkehr, um bei Rot rüberzulaufen. Zwischen den autonomen Share-Wagen krochen Privatkarren herum – meistens Leute vom Land, die ihre 20 Jahre alten Stromfresser partout nicht abgeben wollten, auch wenn ihnen die Dinger die ECHOs wegfraßen wie hungrige Hafenmöwen. Maus ließ die Linsen wie üblich alle Gefahrenquellen und sicheren Routen markieren. Die Autopods konnten zwar zuverlässig ausweichen, lösten damit aber oft eine Kettenreaktion im dichten Fluss aus, die mitunter einen Skooterfahrer zu Fall brachte – eine Erfahrung, die Wendel nicht erneut machen wollte.
»Ich komme noch zu spät! Warum höre ich nur immer wieder auf dich?«
»Weil ich die Stimme der Vernunft repräsentiere, die dir leider nicht in die Wiege gelegt wurde.«
»Ach leck mich doch«, raunzte er, musste aber grinsen.
»Du kannst gehen«, sagte Maus, als die Ampel auf Grün sprang.
Es wurde auch in den Linsen angezeigt, er nahm es jedoch gar nicht wahr, sondern gab sich dem Song hin, der gerade lief: Liebes Lied von MaRuRe. Das war neu und ging ziemlich ab. Er bekam sofort gute Laune und verfiel in einen leichten Trab. Er lachte ausgelassen, als ihm klar wurde, dass Maus seinen Zufallsgenerator manipuliert hatte, um ihn vom Meckern abzuhalten.
Der Nebel war überraschend dicht und klebte ihm geradezu auf der Haut. Wendel atmete tief ein. Es roch und schmeckte muffig, wie Dampf aus einer Reinigung oder einer Umkleidekabine.
Er warf einen kurzen Blick auf die Wohnungsüberwachung: Bobs lag wieder friedlich auf dem Sofa. Sehr schön.
Die Busan-Fußgängerbrücke brachte ihn über das Störtebeker Ufer zur Osakaallee. Anstelle der alten Dampfbarkassen fuhren nun autonome Schlepper und Zubringerboote durch die Wasserstraßen der HafenCity.
An der nächsten Ampel bemerkte er hinter einem der Alleebäume einen neon-rosanen Ghouly – ein Monster aus Houlufield, das er derzeit als Real-Life-Game zockte. Die Linsen fokussierten sofort, nachdem er es angesehen hatte: 25.000 Punkte, wenn er es lebend fing.
»Keine Zeit«, sagte Maus nur.
»Spaßbremse.« Wendel zielte mit dem Finger auf den kleinen Flattermann und ließ ihn zu Pixelkonfetti zerplatzen. +1000 Punkte. Besser als nichts. »Zufrieden?«
»Ich bewundere deine Priorisierungskompetenz. Jetzt geh, es ist grün.«
Er überquerte die Osakaallee und marschierte in die Tokiostraße.
Er spielte Houlu im Competition-Modus mit anderen Live-Spielern, daher waren die Monster für die persönlichen KIs nicht sichtbar, solange man sie nicht selbst bemerkte, sonst wäre es ja langweilig. Houlu lief über eigene, monatlich erneuerte Sicherheitszertifikate, die garantierten, dass die anfallenden Datenübertragungen den gesetzlichen Standards entsprachen und keine fremden Profile oder biometrischen Daten einflossen. Er müsste mal wieder einen Tag durchspielen, um in der Ladder aufzusteigen.
»Du bist gleich da. Lass uns eine kurze mentale Rekalibrierung machen – dreißig Sekunden Atmung und Fokus –, damit du in guter Stimmung am Fundort der Leiche eintriffst.«
»Okay.« Er verlangsamte seine Schritte, überquerte die nächste Straße und ging dann ruhig weiter.
Noch 300 Meter.
Maus legte ihm seinen Herzschlag als optische Linie auf die Linsen, spielte einen Song mit einem niedrigeren, stetig abnehmenden Beat ein und zeigte ihm die beruhigenden AR-Overlays, die bei ihm zuverlässig wirkten: transparente Ozeanwellen am unteren Bildrand, ein Hauch wiegender Kornfelder, leichtes Schimmern von Fischen unter Wasser …
Er entspannte sich und erreichte Minuten später den Großen Grasbrook.
»Sehr gut, Wendel. Viel Erfolg.«
Kapitel 2
Hauptkommissar Wendel Stein vom Polizeikommissariat 15, Ermittlungsbereich Tödliche Ereignisse, 30 Jahre jung, sah von der Straße zu den Terrassen hinunter. Die Flugdrohnen, die das Gelände gescannt hatten, schwirrten gerade ab. Die Revier-KI erstellte aus den Scans zusammen mit den Bestandsdaten eine interaktive 3D-Szene für die Fallakte – ohne personenbezogene Identitäten, nur mit anonymisierten Silhouetten und Bewegungsmustern, aber inklusive Listen aller dort lebenden Anwohner, dort arbeitenden Angestellten und angetroffenen Zeugen. Wenigstens das verstieß nicht gegen die strengen Datenschutzrichtlinien. Na ja, es ersparte zumindest ein Heer von Zombies, die die Klingelschilder abfotografierten.
Ein Haufen Leute standen rum, mehr als üblich.
Fallöffnung – PK 15; Ermittler: Hauptkommissar Wendel Stein; Einsatz-KI: PK15/AX7-48; Eintreffzeit: 07.09.2060 – 08:07:32; Ort: Marco-Polo-Terrassen, Grasbrookhafen, Hamburg; Status: Erstaufnahme / Spurensicherung aktiv, erschien in seinem Sichtfeld.
»Moin Pit«, brummte er leise und startete damit seine persönlichen Nutzereinstellungen für die Einsatz-KI.
»Guten Morgen, Wendel«, erwiderte Pit. Ein kleines Icon in seinem Sichtfeld zeigte an, dass sie nun voll gekoppelt waren. Pit würde übernehmen, wenn Wendel zu langsam war.
Eigentlich konnte er Pit und die Revier-KI das allein regeln lassen, doch er hatte den Anspruch, nicht zum KI-Büttel zu werden, er wollte derjenige sein, der den Fall leitete und sich von den KIs unterstützen ließ statt umgekehrt.
Maus zog sich zurück. Sie durfte in dienstliche Belange nicht involviert werden, steuerte aber nach wie vor den privaten Anteil seines Lebens, von der Musik über die Echo-Verwaltung bis hin zu Kommunikation und Navigation.
Pit legte ihm die Übersicht der bisherigen Fakten auf die Linsen: Eine Anwohnerin hatte gegen 7:30 Uhr beim Blick aus dem Fenster einen hellen Fleck im Wasser bemerkt und die Polizei verständigt. Ihre Aufzeichnung zeigte, wie sie herangezoomt hatte – mehr war jedoch nicht zu holen. Keine weiteren Zeugen, keine verwertbaren Perspektiven. Schade. Das hätte die Sache vereinfacht.
Die Wasserschutzpolizei war zehn Minuten später vor Ort gewesen, die Feuerwehr kurz danach. Das Bergen der Leiche mit einem Ausleger und einer Transportbahre hatte noch mal zehn Minuten beansprucht. Die Feststellung des Todes durch den Notarzt lag vor, die Spurensicherung war um 7:52 Uhr eingetroffen und hatte die Arbeit aufgenommen. Der vorläufige Bericht der Forensik lautete: Multifokales Schädel-Hirn-Trauma vierten Grades und/oder Fraktur der oberen Halswirbelsäule nach einem Fall aus großer Höhe. Mit hoher Wahrscheinlichkeit Sturz vom Kai bei Ebbe in den Hafenschlick. Der Tote hieß Dr. Hagen Meerwald. Bestohlen wurde er scheinbar nicht.
Während Wendel noch überlegte, ob Meerwald wohl hier runtergefallen war, blendete ihm Pit bereits eine vorläufige Analyse ein: Die Fundstelle im Grasbrookhafen ist nicht zwingend identisch mit dem Ort des Aufpralls. Eine Anspülung aus der Elbe ist bei der aktuellen Strömungslage zwar nur mit 7,4 Prozent wahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Zusätzlich besteht eine 18,9-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass der Tod an einem anderen Ort eingetreten ist und der Körper hier abgelegt wurde.
Er musterte die Anwesenden: Die Feuerwehr war gerade am Abrücken, die Spurensicherung praktisch durch. Im Hafenschlick gab es nichts Brauchbares zu sichern – und an einer Wasserleiche erst recht nicht, selbst wenn sie frisch war.
Pit markierte ihm Elias Chan, den Leiter des Kriminaltechnikteams, das außer ihm ausschließlich aus KI-gesteuerten Handlangern bestand.
»He, Elias.« Wendel winkte.
Seine und Elias Einsatz-KI synchronisierte sich, sodass die zehn Meter, die zwischen ihnen lagen, nicht störten. »Moin, Wendel. Schon wach?«
Sie kannten sich kaum, doch Wendel war als Lifestyler bekannt.
»Geht so. Was gefunden beim Rumgestochere im Nebel?«
»Nee. Wir sind auf die Auswertung der Körpertechnik angewiesen.«
»Die steht aber nicht im Protokoll.«
»Weil wir nichts haben.«
»Zombieversagen?« Wendel grinste, als er Elias erreichte.
»Nein. Dr. Meerwald war geschützt – und hatte seinen Node deaktiviert.«
[...]