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Th.Mangelsen

Wenn die Bienen verstummen -

Leseprobe Prolog

PROLOG
Ein Sommer ohne Summen

⬡ ⬡ ⬡

Anton Feldmann öffnete die Klappe des ersten Stocks, wie seit vierzig Jahren: an einem Maimorgen, wenn der Raps blühte und die Luft nach nassem Gras roch, ein wenig auch nach Honig. Rauch brauchte er längst nicht mehr, um seine Völker ruhig zu halten. Sie waren an ihn gewöhnt. Er kannte jede Zarge, jedes Volk; jedes Jahr seines Lebens hatte er nach ihrem Rhythmus eingeteilt, nicht nach dem Kalender.
In vierzig Jahren war ihm eines erspart geblieben: die Stille, die ihm entgegenschlug, als er den Deckel anhob.
Er blieb reglos stehen, die Hand noch auf dem Holz, und wartete auf das Geräusch, das sonst immer kam. Dieses tiefe, satte Summen, das er in der Brust spürte, lange bevor er es hörte. Es blieb aus. Nur der Wind strich durch die Weiden am Bach, und irgendwo bellte der Hund des Nachbarn.
„Na“, sagte er leise, zu niemandem, und hob die oberste Zarge ab.
Die Waben waren voll. Gerade das beunruhigte ihn zuerst: Nicht, dass etwas fehlte, sondern dass zu viel da war. Honig, Pollen, verdeckelte Brut in ordentlichen Bögen, genau wie es sein sollte und wie seine Königin es immer angelegt hatte. Nur die Bienen fehlten. Kein Gewusel auf den Waben, kein Anflug an der Fluglochplatte, keine Wächterinnen, die sich aufrichteten, um den Eindringling zu prüfen.

Anton hatte in seinem Leben Völker verloren. Das passiert jedem Imker. Ein harter Winter, eine Räuberei, eine zu spät erkannte Krankheit, ein Bienensterben nach der Blüte, wenn die Bauern zu früh gespritzt hatten und am nächsten Morgen ein Teppich toter Arbeiterinnen vor dem Flugloch lag, klein und schwarz wie verbrannte Streichhölzer. Das war ihm vertraut. Dafür gab es sogar ein Wort, das sein Vater ihm beigebracht hatte: Bienensterben, ausgesprochen mit derselben nüchternen Schwere wie Hagelschaden oder Frost.
Das hier war etwas anderes. Er stellte die Zarge ab und ging zum zweiten Stock, dann zum dritten, zum vierten. Überall dasselbe Bild: volle Waben, ordentliche Brut, eine Königin, die noch lief, noch legte, umgeben von einer Handvoll Jungbienen, die sich um sie kümmerten, als hätte niemand ihnen gesagt, dass der Rest des Volkes nicht wiederkommen würde. Keine Toten auf dem Boden. Keine Spuren von Räubern, keine Wachsmotten, kein Faulbrutgeruch, den man nie wieder vergaß, wenn man ihn einmal gerochen hatte. Der Rest des Volkes war einfach fort. Als wäre er an einem ganz gewöhnlichen Morgen ausgeflogen, um Pollen zu sammeln, und hätte unterwegs vergessen, dass es einen Weg zurück gab.

Er setzte sich auf den umgedrehten Eimer, den er seit Jahren als Hocker benutzte, und rieb sich mit dem Handrücken über die Stirn. Vom Feld hinter dem Bienenhaus wehte Rapsduft herüber, so kräftig, dass er ihn fast schmecken konnte. Ein ganzer Hektar sattes Gelb, volle Blüte, ein windstiller Morgen, und nirgendwo ein Summen. Kein Hummelbrummen, keine Schwebfliege, kein einziges Insekt zwischen den Blüten. Er hatte diesen Anblick sein ganzes Leben lang vor Augen gehabt, ohne ihn je wirklich wahrzunehmen, so wie man das eigene Herzklopfen nicht bemerkt, bis es plötzlich aussetzt.
Anton war siebenundsechzig Jahre alt. Er hatte die Imkerei von seinem Vater übernommen, sein Vater wiederum von dessen Vater. Durch die Generationen waren Geschichten weitergereicht worden: von strengen Wintern, von der Varroamilbe, die schon Ende der Siebziger ins Land gekommen war, sich in den Achtzigern ausgebreitet und die halbe Imkerschaft in Angst versetzt hatte; von dem Jahr, in dem das Kirschbaumspritzmittel drei Dörfer weiter ganze Trachtgebiete vergiftet hatte. In all diesen Geschichten hatte es immer eine Ursache gegeben. Etwas, das man benennen konnte. Etwas, dem man die Schuld gab. Ein Feind mit einem Namen. Das hier hatte keinen Namen.

Er dachte an die Kollegen, mit denen er sich im Imkerverein traf, und an die Nachrichtengruppe, in der während der letzten Wochen vereinzelt Meldungen aufgetaucht waren. Ein Imker aus der Altmark hatte von merkwürdigen Verlusten geschrieben. Einer aus der Pfalz beschrieb genau das, was Anton jetzt vor sich hatte: volle Waben, leere Stöcke, keine Erklärung. Sie hatten darüber gescherzt, ein bisschen, wie man über Dinge scherzt, die einem unheimlich sind, damit sie kleiner werden. Vielleicht die Handystrahlung, hatte einer geschrieben, mit einem Zwinkern. Vielleicht der Klimawandel, hatte ein anderer geantwortet, ohne zu zwinkern.
Von den Ämtern kamen nur beschwichtigende Sätze. „Normale Schwankung“, hieß es. Man beobachte die Lage. Anton war diese Sprache vertraut. Sie machte aus einem Ausnahmefall eine Zahl und schaute dann nicht wieder hin. Er stand allein zwischen seinen Stöcken, und niemand da draußen sah, was er sah.
Anton hatte geschwiegen. Er behauptete nichts, was er nicht mit eigenen Augen gesehen hatte. Jetzt hatte er es gesehen.
Er stand auf, langsamer als sonst, und ging die Reihe der Stöcke noch einmal ab: elf an der Zahl. Seit dem Tod seiner Frau versorgte er sie allein, weil die Arbeit ihn durch die Wochen trug, in denen sonst nichts half. Elf Völker, jedes ein kleines, funktionierendes Universum mit eigenem Geruch, eigenem Charakter, eigener Geschichte. Sie waren ihm vertrauter als die meisten Menschen.
Sieben davon waren leer. Von elf blieben vier. Nicht tot, leer. Diesen Unterschied begriff er erst jetzt, und er machte ihm mehr Angst als jeder Verlust, den er je erlebt hatte. Tod gehörte zum Leben eines Imkers, so wie er zum Leben überhaupt gehörte. Aber das hier war kein Sterben. Es war ein Verschwinden. Als hätte etwas seine Bienen einfach aus der Welt genommen und die Frage, wohin, unbeantwortet zurückgelassen. Anderswo, das ahnte er nicht, standen andere Stöcke voller Toter: Arbeiterinnen, die es bis vor die Fluglochplatte geschafft hatten und dort gefallen waren. Bei ihm hatte es niemand bis nach Hause geschafft. Zwei Bilder: das eine voller Leiber, das andere leer. Dahinter, das begriff er noch nicht, steckte dieselbe Ursache.

Am Nachmittag rief er seinen Sohn nicht an, obwohl er es sich vorgenommen hatte. Stattdessen stand er noch lange am Rand des Rapsfeldes und sah zu, wie das Licht über die gelben Blüten wanderte, geduldig, gleichgültig, ohne dass sich auch nur ein einziges Insekt zwischen ihnen bewegte. Irgendwo, dachte er, musste es einen Grund geben. Es gab immer einen. Ob die Tiere tot vor dem Flugloch lagen oder spurlos verschwanden, spielte am Ende keine Rolle. Es war dasselbe, nur mit zwei Gesichtern. Man musste ihn nur finden, bevor es zu spät war.
Noch wusste er nicht, dass er die Frage falsch gestellt hatte. Nicht, ob es zu spät war. Sondern wie spät.