Symbole der Macht
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Kapitel 1 MEUTEREI AUF DER HMS WELLS Dezember 1869 Ein Blitz erleuchtete den schwarzen Himmel. Seit Tagen trieb ein heftiger Orkan die altersschwache HMS WELLS vor sich her. Wie ein Spielzeug peitschte der Sturm das Schiff durch die gefährliche Meerenge vor Gibraltar. Das Hauptsegel der altgedienten Korvette war das erste Opfer, das nur noch wie ein totes Stück Leinentuch am Mast baumelte. Auch die Mannschaft musste Verluste hinnehmen, seit sie von der australischen Küste aufgebrochen war. Acht Männer verloren auf dieser Reise bereits ihr Leben. Für Captain John Harrison war sie zu einem Albtraum geworden. Der von Aether betriebene Hilfsmotor war schon am ersten Tag des Sturms ausgefallen, und ohne die Möglichkeit, in diesem Gewässer anständig zu navigieren, waren er und seine Leute hilflos dem Willen der Gezeiten ausgeliefert. Nach Tagen des pausenlosen Regens war es unwichtig, ob das Wasser von oben oder von unten über die aufgedunsenen Holzplanken wusch.
»Steuermann. Hart gegen den Wind«, brüllte John immer wieder. Seine Stimme war rau, die Kleidung bis auf die Knochen durchnässt, und das Salz der aufschäumenden Wellen, die sich am Schiffsrumpf brachen, brannte in den Augen. Er schlief seit Tagen nicht mehr. Vor seinen Augen bildeten sich immer wieder unscharfe Irrlichter, wenn irgendwo ein Blitz das Firmament erhellte. Schatten vernebelten ihm die Sicht. Trotzdem weigerte er sich beharrlich, sein Kommando an den ersten Offizier, Lindsay van Borg, zu übergeben, um sich in der Kajüte des Schiffs zu erholen. Dazu war Lindsay in seinen Augen zu ungestüm und unerfahren. Doch er hatte keine Alternativen. Van Borg war erst seit Kurzem an Bord. Die Inbesitznahme einer Insel in der Nähe vor Neuguinea war schiefgegangen. Eine Handvoll fähiger Männer sowie sein erster Offizier gerieten dabei in einen tödlichen Hinterhalt. Nur mit viel Glück konnte John mit dem Rest der Besatzung aufs offene Meer fliehen. Das Oberkommando hatte der WELLS daraufhin den schlaksigen Offizier als Ersatz zugewiesen. Sie nahmen ihn vor der Küste Australiens an Bord. Kaum war van Borg als neuer erster Offizier im Logbuch vermerkt, war John dessen aufgeblasenes Verhalten von der ersten Minute an zuwider. Aber es half nichts. Den Rest der Fahrt waren sie aufeinander angewiesen, um unbeschadet zurück nach England zu kommen.
Doch jetzt, in der Meerenge vor Gibraltar, stellte sie das Wetter auf eine weitere, harte Probe. Fast schien es John so, als hätte sich das Schicksal gegen ihn verschworen.
»Aye«, antwortete der Steuermann endlich. Mit letzter Kraft kämpfte Smitty, der stämmige Schotte, mit dem Steuerrad und zwang das Ruder in die andere Richtung, um dem Wind weniger Angriffsfläche zu bieten. Schritthohe Wellen peitschten über die Reling. So ging dieses Kräftemessen seit Tagen. Nur wer unbedingt an Deck sein musste, blieb auf seiner Position und hielt sich an Tauen und der verbliebenen Takelage fest, um nicht über Bord zu gehen. Der Captain sah immer wieder mit ernster Miene nach oben, in der Hoffnung, den Sternenhimmel zu sehen. Jüngere Schiffskapitäne belächelten ihn stets, wenn er ihnen davon berichtete, nur durch den Stand der Sterne ohne Hilfsmittel wie einen Sextanten oder Jakobsstab navigieren zu können.
Sie hielten es wahrscheinlich nur für Seemannsgarn eines alten Seebären, der Eindruck schinden wollte.
»Captain, mein Captain.« John drehte sich um. Hinter ihm stand plötzlich sein erster Offizier und grinste ihn an. Seine nahezu trockene Kleidung bewies, dass er sich zum ersten Mal seit Langem wieder auf dem Oberdeck befand.
»Suchen Sie wieder nach Hilfe von oben? Sie sind wirklich hoffnungslos nostalgisch. Bei diesem Wetter hilft Ihnen Ihr Glaube, nur nach den Sternen navigieren zu können, auch nicht weiter.« »Halten Sie den Rand, Lindsay. Nur weil Sie sich blind auf Ihre Karten und Sextanten verlassen, ist meine Art der Seefahrt noch längst nicht veraltet. Das wussten bereits die alten Seefahrer.« »Selbst die Wikinger waren moderner unterwegs als Sie«, ächzte der Offizier hinter ihm. John verkniff sich darauf, zu antworten. Dazu war er zu müde, und das Schiff benötigte jetzt seine ganze Aufmerksamkeit.
»Sobald das Wetter ruhiger wird, gehören Sie in die Koje, alter Mann, und nicht mehr an Deck eines Schiffs der Royal Navy. So ein langer Einsatz ist nichts für Sie.« Er biss sich auf die Zunge, doch innerlich brodelte es in ihm. Noch so eine Unverfrorenheit, und er würde diesen arroganten Grünschnabel nur zu gerne über Bord gehen lassen. Oder zumindest zum Küchendienst verdonnern für den Rest der Überfahrt. Sofern sie diese Tortur überlebten. Der Blick auf den Horizont verhieß nichts Gutes. Allem Ärger zum Trotz spürte John auch, wie ihn allmählich seine Kräfte verließen. Widerwillig klammerte er sich an dem geborstenen Holz fest, wo einmal das Hauptsegel war. Er sah hinaus auf die tobende See und grübelte. Das Schiff wurde immer wieder zwischen den Wellen hin und her geworfen. Blitze zuckten. John schaute mit wachsender Verzweiflung auf die schwarze Wand aus Wolken. Ob er wollte oder nicht, er konnte nicht länger das Kommando führen. Nicht bevor er zumindest ein paar Stunden geschlafen hatte.
»Also gut, Lindsay, Sie haben gewonnen. Ich übergebe Ihnen das Kommando. Ich werde mich etwas hinlegen. Passen Sie bitte gut auf MEIN Schiff auf.« »Natürlich, Captain.« Die gehässige Schadenfreude in van Borgs Stimme war John nicht entgangen. Doch er konnte einfach nicht mehr. Er schleppte sich die Stufen hinunter ins Unterdeck. Von sich selbst enttäuscht, nahm er sich eine Scheibe Brot aus der Kombüse und warf sich auf seine Koje. Die durchgelegene Matratze war zwar unbequem, aber erfüllte ihren Zweck.
Eine kleine Petroleumlampe spendete ein Minimum an Licht. Sie schaukelte im Rhythmus der Wellen, die das Schiff wie einen Spielball hin und her warfen. Sein ganzer Körper brannte, und er fiel innerhalb von Minuten in einen traumlosen Schlaf.
*** Als der Wind sich am dritten Tag schließlich beruhigte, beschloss er, in ausreichendem Abstand vor der afrikanischen Küste zu ankern. Mit dem wenigen, das ihnen an Material geblieben war, gaben seine Männer alles, um provisorisch die Schäden an der Funkanlage und dem Motor zu beheben. Sie würden danach versuchen, per Funk das Flottenkommando zu erreichen. Erst danach, so Poseidon es zuließ, konnten sie weiterfahren. Die Gewässer in dieser Gegend waren verseucht von Freibeutern und spanischen Galeeren, den natürlichen Feinden der britischen Krone. Wenn er mit seiner Vermutung recht hatte und die Sterne korrekt deutete, befanden sie sich nahe einer beliebten Handelsroute der Spanier von Europa hin zu den asiatischen Kolonialgebieten. Viel Zeit für die Reparaturen blieb ihnen nicht.
Doch was wäre, wenn diese erste Reparatur scheiterte und sie mit dem verbliebenen Segeltuch langsam und verwundet weiterfahren mussten? Captain Harrison konnte jederzeit mit der WELLS in die Fänge von Piraten oder Kannibalen geraten, die an den Küsten lauerten. Hier, in diesem Teil der Weltmeere, war es für ein beschädigtes Forschungsschiff, noch dazu unter englischer Flagge und ohne Geleitschutz, äußerst heikel.
»Quartiermeister Miller. Status«, erkundigte sich John nach der aktuellen Lage bei seinem dritten Offizier, der die Reparaturen beaufsichtigte.
»Sir, der Motor hat einiges abbekommen. Eine vollständige Instandsetzung werden wir nur in einem sicheren Hafen durchführen können. Und die Hälfte der Mannschaft ist immer noch damit beschäftigt, die WELLS nicht untergehen zu lassen. Sie schaufeln Wasser aus dem Unterdeck, als gäbe es kein Morgen.« »Und die andere Hälfte?« »Die flickt die Schäden an Bord, die uns das abgerissene Segel an der Takelage und dem Hauptmast verursacht hat. Es sieht nicht gut aus, Sir. Die Stimmung der Mannschaft ist seit Tagen mies. Viele geben Ihnen die Schuld an unserer Lage.« »Danke, Miller. Wegtreten.« John sah hinaus auf die nun ruhigere, vor sich hin plätschernde See. Da erblickte er etwas am Horizont. Ein Zeichen Poseidons zur Wiedergutmachung für die Opfer, die er und seine Leute dem Meeresgott gemacht hatten? Als wären die letzten zweiundsiebzig Stunden Höllenfahrt nicht gewesen, war der Himmel aufgeklart und zeigte in der Ferne den Felsen von Gibraltar. Dieser kleine Außenposten an der Südspitze Europas gehörte zu britischem, unabhängigem Gebiet. Trotz seiner Nähe zu den verfeindeten Spaniern war es bislang keiner anderen Nation gelungen, dieses steinige Fleckchen Erde zu erobern. Dort, hinten am Horizont, lag ihr Ziel, ein sicherer Hafen. Zufrieden, zumindest dieses Unwetter überstanden zu haben, machte sich John auf den Weg unter Deck hin zu seiner Kapitänskajüte. Doch so weit kam er nicht. Kaum hatte er das Oberdeck verlassen, begrüßte ihn ein Trupp abtrünniger Männer. Angeführt von der treulosen Ratte namens van Borg. Mit Säbeln und Handfeuerwaffen bewaffnet, wurde John in eine Ecke gedrängt und seiner eigenen Pistole beraubt.
»Hey, was soll das? Erklären Sie es mir, Lindsay.« »Hände schön nach oben, Captain«, sagte sein erster Offizier und presste ihm den Lauf seiner Waffe gegen die Brust. »Ich übernehme jetzt das Kommando.« »Hören Sie auf damit. Sie wissen doch, was die Strafe für eine Meuterei ist.« »Das ist mir egal. Die Jungs und ich werden es nicht mehr länger erdulden, unter einem unfähigen Captain wie Ihnen Dienst zu tun. Anstatt die sicherere Passage um Afrika herum zu segeln, musstest du ja unbedingt durch diese Meerenge hindurch.« »Ja. Und wissen Sie auch, warum ich diese Strecke gefahren bin?« »Weil Sie schnell nach Hause zu Ihrer Frau Mutter wollten. Bloß kein Risiko eingehen.« »Die Männer sind seit Monaten ununterbrochen auf See. Diese Reise zu den am Äquator liegenden Hochseegebieten unserer Majestät hat uns nun schon über zwei Jahre unseres Lebens gekostet. Sie sind, verglichen mit den anderen Männern, auch erst seit Kurzem an Bord. Kein Wunder, dass Ihnen einige Wochen mehr auf See nichts ausmachen. Doch für meine Männer ist jeder weitere Tag einer zu viel.« »Wie rührend.« Van Borgs Stimme klang verächtlich. »Alle, mit denen ich bisher gesprochen habe, glauben, wir hätten vor einigen Wochen diese unbedeutende Insel vor den Andamanen einfach übernehmen sollen. Es war ein Fehler, uns diesen Schatz entgehen zu lassen, der dort vergraben liegt.« »Nur Gerüchte und Ammenmärchen, Lindsay. Der König dieses isolierten Inselvölkchens hat nicht umsonst die Köpfe der britischen Missionare am Strand aufgespießt. Es war eine eindeutige Warnung an alle Fremden, sich von dort fernzuhalten.« »Das war töricht. Wir hätten diese Wilden ohne Probleme mit Waffengewalt überwältigt.« Van Borg machte dabei eine wegwischende Bewegung, die seine Arroganz unterstrich. »Wenn Sie den Mumm gehabt hätten, wäre unser Schiff jetzt voller Gold, Edelsteinen und Sklaven für das Festland. Der Bedarf an Arbeitern dort in den Aetherminen ist riesig. Von den willigen Weibern für die Mannschaft ganz zu schweigen.« »Sie überschätzen sich. Ich will unsere Männer heile nach Hause bringen und sie nicht einem größeren Risiko aussetzen als notwendig. Außerdem ist seit einigen Jahren die Sklaverei im Großteil der europäischen Länder verboten, falls diese Information noch nicht zu Ihnen nach Australien durchgedrungen ist. Die Dampfkraft ist die Zukunft und keine Sklavenarbeit.« »Sie sind und bleiben ein Feigling.« Van Borg grinste böse. »Ist dem so?« John sah in die Gesichter der Männer, die sich den Meuterern angeschlossen hatten, und entdeckte ein paar darunter, mit denen er schon mehrfach auf See war. Er zeigte ihnen deutlich die Enttäuschung mit seinem Blick. Einige der ausgemergelten und sonnengegerbten Gesichter schauten schuldbewusst nach unten, andere hielten seinem Blick stand und nickten.
»Was ist mit den anderen?« John richtete das Wort an seine Mannschaft. Er hoffte, damit das Gewissen derer zu erreichen, die sich noch nicht dazu entschieden hatten, sich später vor einem Militärgericht zu verantworten. »Diejenigen, die sich aufopferungsvoll um das Schiff und unsere rasche Heimreise kümmern wollen, statt hier nur herumzustehen?« »Die Männer werden sich uns fügen, wenn sie sehen, dass ihr Captain nicht mehr das Sagen hat. Und nun, rein da in die Kajüte. Ich werde der Mannschaft die neue Rangordnung verkünden.« Van Borg lächelte ein kaltes Lächeln. »Abführen.« Einer der Matrosen, ein junger Schotte namens Jimmy O’Brian, drückte John unsanft nach hinten und verschloss die Tür hinter ihm. Von jetzt an war er völlig auf sich gestellt. Überrumpelt und von denjenigen menschlich enttäuscht, die sich diesem Rattenfänger angeschlossen hatten. Wem konnte er jetzt noch trauen? Und vor allem, wie konnte er diejenigen erreichen? Hier in der Kajüte war er alleine, und es zeigte lediglich ein großes Fenster zur Rückseite des Schiffes. Ein Fenster zur Freiheit. Kaum eingeschlossen, machte John sich daran, einen Weg wieder herauszufinden, um Schlimmeres für das Schiff und seine Mannschaft zu verhindern. Er sah sich um. Das Zimmer eines Schiffskapitäns war mit allen Vorzügen der modernen Seefahrt ausgestattet worden. Neben einem bequemen Bett mit echten Daunenfedern und einem mit stilvollen Ornamenten verzierten Schreibtisch aus Mahagoniholz, auf denen Seekarten und ein kunstvoll verschnörkelter Sextant standen, war hier das Logbuch und ein Teeservice zu finden. Zwar schätzte John den dargebotenen Luxus, allerdings nutzte er ihn nur selten. Vor allem nach dem schweren Seegang der letzten Tage wünschte er sich eine sinnvollere Ausstattung als diesen überflüssigen Firlefanz, auf den die Admiralität in ihren Bürostuben im fernen London so großen Wert legte. Den Sextanten aus Bronze nutzte er ohnehin nur als Briefbeschwerer. Jetzt konnte er endlich hilfreich sein.
Der Captain schnappte sich das schwere Schmuckstück und ging damit zum Fenster. An der rechten Seite fand er einen Verschluss, der nur zum Zeitpunkt des Einbaus genutzt worden war.
Diese moderne Glasscheibe war ansonsten fest mit dem Rahmen verbunden. An eine Funktion zum Belüften einer Kajüte dachte niemand bei der Konstruktion. Mit Schwung hämmerte John das Werkzeug gegen den eisernen Riegel und brach damit die Verglasung auf. Es klirrte, und ein Teil der Verriegelung brach aus ihrer Halterung. Die Scheibe flog auf, und ein eisiger Wind brachte in der Kajüte die Seekarten und alles, was leicht verwirbeln konnte, durcheinander. Er sah aus dem offenstehenden Fenster hinunter auf die weiß schäumende Gischt, die der schwimmende Schiffskörper bei seiner Verdrängung im Wasser hinterließ. Über ihm prangten die mit flüssigem Gold bestrichenen und aufwendig verzierten Buchstaben der HMS WELLS, die handwerklich kunstvoll in das Holz der Verkleidung geschnitzt worden waren. An der rechten Seite führte das schmiedeeiserne Entlüftungsrohr des Aethermotors nach oben. Er musste es versuchen. Jetzt war ein günstiger Augenblick. Das Rohr war kalt, wenn der Motor keine heißen Abgase produzierte.
John wuchtete den Tisch näher an die Öffnung, stieg auf die Platte und nutzte sie als Trittfläche, um so herausklettern zu können. Mit den Fingerkuppen klammerte er sich an die Buchstaben und trat mit den Füßen zwischen die Halterungen, die das Rohr an den Schiffsrumpf befestigten.
Das Schaukeln des Schiffes erschwerte es ihm, sich daran festzuhalten. Doch davon ließ sich der erfahrene Schiffskapitän nicht abbringen, sich aus dieser misslichen Lage zu befreien. Er musste unter allen Umständen verhindern, dass van Borg das Kommando an sich reißen konnte. Mühsam kletterte er zwischen den hölzernen Planken und den eisernen Streben herauf. Seine Finger brannten, als er die dritte Stufe nur wenige Handbreit unterhalb der Bodendielen des Oberdecks erreichte. Vorsichtig spähte er über den Rand, um die Lage zu sondieren. Zu seinem Glück standen alle Personen zu ihm abgewandt und lauschten einer dieser ausschweifenden Ansprachen seines ersten Offiziers. Allem Anschein nach belog er die Mannschaft über den Verbleib ihres Captains. Innerlich kochte er.