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Michael Hirtzy

Die Grenze der Dunkelheit

Kapitel 31 - Svea

Svea schüttelte den Kopf. Was war aus dem grauhaarigen Mann, den sie fünfzehn Jahre lang nicht nur ihren wissenschaftlichen Partner genannt hatte, geworden? Beim Gedanken daran, wie er sein warmherziges Wesen abgelegt hatte, lief es ihr kalt über den Rücken. Sie fragte sich, ob hinter den müden Gesichtszügen noch ein Funke des Menschen übrig war, den sie zu kennen geglaubt hatte.
Ihre Hand fuhr über ihre kurzgeschorenen, graublau gefärbten Haare. Sie konnte nicht sagen warum, aber jedes Gespräch mit Ishmael führte dazu, dass sich ihre Muskulatur verkrampfte. Danach fühlte sie sich wie ein geprügelter Hund.
So kurz vor dem Missionsstart wollte sie die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Sie musste ihren Ersten Offizier nicht fragen, um zu wissen, dass es ihm nicht anders erging.
»Lucas, übernimmst du für einen Moment? Ich muss mal kurz mit unserem Missionsleiter sprechen.«
Lucas nickte knapp. Er wusste, wann er seine Fragen besser für sich behielt. Svea löste ihre Gurte. Ihre durchtrainierten Beine schnellten sie in die Höhe. Die reduzierte Schwerkraft an Bord der Koukishin machte Bewegungen zum Kinderspiel. Im Durchgang zu Ishmaels Missionszentrale blieb sie für zwei langsame Atemzüge stehen, um sich zu sammeln.
Ohne darauf zu warten, dass er sie ansah, legte Svea los: »Ishmael, wir müssen reden.«
Mit einer schnellen Handbewegung deaktivierte er die Hologramme. »Wie oft muss ich dir sagen, dass du hier nichts zu suchen hast? Dieser Bereich gehört mir. Niemand hat hier Zutritt.«
Seine zu Schlitzen verengten Augen verfehlten ihre Wirkung bei Svea. »Was hast du zu verbergen, dass du dich von allen absonderst?«
»Das geht dich nichts an. Genauso wenig, wie dich irgendetwas zu interessieren hat, das nicht mit dem Flug an sich zu tun hat. Konzentriere dich auf deine Aufgaben. Vor allem halte dich von meinen Aufzeichnungen fern.«
Sveas Augen weiteten sich.
Ein kaltes Grinsen umspielte Ishmaels Lippen. »Hast du gedacht, ich würde nichts bemerken? Deine kindischen Versuche, auf die Konstruktionspläne der Koukishin zuzugreifen, konntest du vor mir nicht verbergen. Genauso wie dein unbeholfenes Herumstöbern in den Missionslogbüchern. Da es notwendig scheint, wiederhole ich es ein letztes Mal: Auf dieser Mission geschieht nichts, ohne dass ich davon Kenntnis erlange. Ist das klar?«
Drohend beugte er sich zu ihr. Svea blieb unberührt stehen. Die Wut, die in ihr kochte, unterdrückte sie. Um nichts in der Welt würde sie ihm die Genugtuung geben, die er daraus zog, andere zu dominieren.
»Was ist aus dir geworden? Du hast dich verändert. Warum hast du dich komplett von diesem Portal vereinnahmen lassen? Die Idee, der Menschheit eine interstellare Reisemöglichkeit zu eröffnen, ist zum Zwang geworden, den ich nicht verstehen kann. Alles andere hast du zur Seite gedrängt.«
Die Worte schienen ihn nicht zu berühren. Regungslos stand er da. Seine kalten Augen starrten sie weiterhin an.
Svea hielt sich nicht zurück: »Jahrelang hast du meine volle Unterstützung bekommen. Ich habe dir alles gegeben. Jedem, der dir Steine in den Weg legen wollte, habe ich mich entgegengestellt. Obwohl du für deine Theorien ausgelacht wurdest, hielt ich zu dir. Erst nach dem Vorfall mit Brian und Seiran musste ich mir eingestehen, dass ich dich nicht länger decken konnte.«
Ishmael verschränkte seine Arme vor der Brust. Auf ihre Worte reagiert er mit hämischem Lachen. »Kommst du mir wieder mit diesen uralten Geschichten. Wissenschaftlicher Fortschritt fordert Opfer. Was damals geschehen ist, hat deine mädchenhaften Fantasien, wie die Evolution abläuft, zerschlagen. Es ist nicht meine Schuld, dass du bis dahin in einer rosaroten Blase der Glückseligkeit gelebt hast. Jede Weiterentwicklung ist schmerzhaft. Wer Neues entdecken will, muss akzeptieren, dass nicht alle den Weg dorthin überstehen.«
Svea zuckte zusammen. Seine Worte trafen sie wie ein Peitschenhieb.
»So denkst du von ihnen? Was waren sie für dich? Opferlämmer am Weg zur Erleuchtung?«
»Wenn du es in so einen mystischen Kontext stellen willst, trifft es das wohl am besten. Sie und die anderen waren notwendige Opfer. Jetzt können wir den nächsten Schritt gehen.«
Svea stockte der Atem. Die anderen? Hatte es weitere gegeben?
Ishmael trat auf sie zu. »Was glaubst du denn? Dass in den zehn Jahren seit deiner Flucht nichts passiert ist? Der Weg hierher war ein steiniger, auf dem einige gestolpert sind. Versager, die nicht auf sich selbst aufpassen konnten. Ich bin kein Kindermädchen.«
»Ich wusste, dass du dich verändert hast. Aber nicht einmal nach deiner Drohung, meinem Mann das Video zu zeigen, hätte ich gedacht, dass du zum völligen Kotzbrocken werden könntest. «
Ungerührt fuhr er fort: »Ich brauchte eine Kommandantin. Nachdem du mit eingezogenem Schwanz geflüchtet bist, warst du meine letzte Wahl. Aber ich weiß, wie ich dich kontrollieren kann. Jetzt scher dich weg. Kümmere dich um deine Aufgabe, bevor ich es mir anders überlege. Die Holovideos von dir bei der Leichenentsorgung sind eine Rückversicherung. Ich kann sie deinem Mann jederzeit zukommen lassen. Ich bin mir sicher, deine kleine Familie hätte viel Freude daran. Du steckst in dem allen genauso drinnen.«
Mit einer wegwerfenden Handbewegung signalisierte er ihr das Ende des Gespräches. Sveas Lippen bebten. Das hinderte Ishmael nicht daran, nochmals nachzulegen: »Vergiss nie: Sobald wir erfolgreich zurückkehren, bist du Teil des nächsten Evolutionssprunges der Menschheit. Genauso gut kann ich dich zu einer peinlichen Fußnote in den Geschichtsbüchern machen.«