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Michael Hirtzy

Operation Helicon - VorTeks Sammelband 1

Kapitel 3

Das warme Wasser der Dusche weckte Vals Lebensgeister.
Die Nachricht von Captain Cornel Gatnoms Verschwinden warf unzählige Fragen auf. Gatnom blickte auf über dreißig aktive Dienstjahre zurück. Ein Kommandant mit dieser Erfahrung verlief sich auf seinem Schiff nicht einfach.
Gatnom war es gewesen, der sie vom Akademieschiff Tiruna direkt auf die Gutabara geholt hatte. Das daraus resultierende abweisende Verhalten der meisten Besatzungsmitglieder würde sie nie vergessen. Die bösen Blicke, das Tuscheln hinter ihrem Rücken, das Gefühl, ständig auf dem Prüfstand zu stehen.
Eine Offiziersanwärterin, die vom Abschluss weg an Bord eines Deepspace Search and Rescue Schiffes angeworben wurde. Die Entscheidungsträger im SNR-Hauptquartier zeigten sich darüber wenig begeistert. Im besten Fall würde Val ihre damalige Reaktion als verhalten bezeichnen. Ganz zu schweigen von der Besatzung der Gutabara, die dagegen Sturm gelaufen war. Dass ihr Kommandant eine Externe, eine Fremde, zur Ersten Offizierin ernannte, wollten viele nicht akzeptieren. Die meisten hatten einen Affront darin gesehen.
Zweiunddreißig Standardjahre waren seit damals vergangen. Ein Dritteljahrhundert, in dem sie biologisch – dank der vielen Tiefschlafphasen - um gerade einmal sechs Jahre gealtert war. Mit der Zeit akzeptierte der Großteil der Crew sie. Aus Fremden wurden Kameraden, in einigen Fällen Freunde. Nur eine Handvoll zeigte sich bis zum heutigen Tag nicht einverstanden mit der Entscheidung.
Seit bald einhundert Jahren erweiterte die Menschheit ihre Einflusssphäre über das Sonnensystem hinaus. In kleinen, oder wie viele sagten, schleichenden Schritten. Die Arbeit bei der Deepspace Division von Search and Rescue schweißte zusammen. Wer hier seinen Dienst antrat, verpflichtete sich für zehn Dienstjahre. Die Kompensation entsprach den Entbehrungen. Für die Vertragserfüllung zählten die aktiven Jahre, nicht jene im Tiefschlaf. Die SNR zahlte für jeden Tag, den sie an Bord des Schiffes verbrachten.
Val schüttelte den Kopf. Sie musste sich konzentrieren. Vor ihr lagen Rätsel, die es zu lösen galt. Um den Captain alleine zu suchen, war die Gutabara mit ihren über dreihundert Metern Länge, hundertzwanzig Metern Höhe und bis zu hundertachtundfünfzig Metern Breite viel zu groß. Vor allem, weil viele Bereiche davon der Crew gar nicht zugänglich waren.
Wie genau hatte Jerome seine Möglichkeiten geprüft? Wo hatte er gesucht? Was hatte er versucht, bevor er den Not-Weckbefehl erteilte? Die Kabine des Captains, sein Transponder, die Bewegungsprofile? Konnte der Shuttlepilot darauf überhaupt zugreifen? Es gab einiges zu erledigen.
Körperlich wie auch geistig war Val achtunddreißig. Trotzdem glaubte sie in diesem Moment, die Last der zweiundsechzig Jahre zu fühlen, die seit ihrer Geburtsregistrierung verstrichen waren.
Ein penetranter Summton ertönte. Dieser kündigte die letzten zehn Sekunden ihres Wasserkontigents an. Hastig wusch sie die letzten Reste des Fluids von ihren Haaren. Sie musste sich mit Gatnoms Verschwinden befassen, und mit allem, was dieses mit sich brachte.
Trotzdem durfte sie nicht den Fehler begehen, die Kryoflüssigkeit unvollständig vom Körper zu entfernen. Einem Jahrzehnte zurückliegenden Fehler verdankte sie das Wissen, was ihr sonst bevorstand. Bei Raumtemperatur verwandelte sich das schützende Gemisch binnen weniger Minuten in eine ätzende Pampe, die begann, die Haut Schicht für Schicht aufzulösen. Die zwei Wochen im Regenerationstank der Tiruna reichten ihr als Erfahrungswert. Ein weiteres Mal brauchte sie dieses Erlebnis nicht.
Kaum versiegte der Wasserstrahl, trockneten die Druckluftdüsen der Duschkabine ihre Haut. Echtes Wasser für die Hygiene zählte zu jenem Luxus, den es außerhalb der SNR nur auf wenigen Schiffen gab. Vielleicht einer der Gründe, warum es Search and Rescue nie an Bewerbern fehlte.
Val trat aus der Kabine, schlüpfte in ihre graue, viel zu lose sitzende Bordkombination und machte sich auf den Weg zum Gemeinschaftsraum. Vom im hinteren Bereich des Crewdecks gelegenen Kryomodul führte ein zweihundert Meter langer Gang ins vordere Drittel der Gutabara. Der triste, graue Gang mit den abgeschrägten Ecken lag menschenleer vor ihr. Außer Jerome und den beiden mit ihr Geweckten befand sich der Rest der fünfunddreißigköpfigen Crew weiterhin im Tiefschlaf.
Die Beleuchtungsbänder in der Decke liefen im Nachtmodus. Auf ein Drittel ihrer normalen Leistung gedimmt, tauchten sie den Gang in schummriges Licht. Die Leitungskästen, Verteilermodule und Versorgungsrohre an den Wänden verschwammen mit den wabernden Schatten der weiteren Aufbauten. So lange die Gutabara ihr Ziel nicht erreichte, konnte nur der Kommandant oder ein eingehender Notruf die Systeme aus dem Energiesparmodus herausreißen. Ein Dilemma, mit dem sie sich später befassen musste.
Val ging an den Abzweigungen zu den Crewquartieren, der Krankenstation, medizinischen und technischen Laboren und der Ausrüstungswerkstätte vorbei. Dabei beachtete sie ihre Umgebung kaum. Ihre Gedanken kreisten um das, was vor ihr lag. Weder ihre Ausbildung noch ihre Dienstjahre hatten sie auf so eine Situation vorbereitet. In ihren Jahren an Bord der Gutabara waren fünf Crewmitglieder im Einsatz tödlich verletzt worden. Dazu kamen die drei auf der Kihara verschollenen. Doch ein während der Wachschicht verschwundenes Besatzungsmitglied? Sie kannte keinen vergleichbaren Fall.
Zehn Minuten nach ihrem unsanften Erwachen erreichte sie den Zugang zu dem achteckigen Gemeinschaftsraum, der im vorderen Drittel der 327 Meter langen Gutabara lag. Vier in alle Himmelsrichtungen abgehende Gänge führten in die weiteren Bereiche des Schiffes. Val hielt inne.
Mit tiefen, kontrollierten Atemzügen versuchte sie ihre Unsicherheit zu unterdrücken. Dort drinnen warteten die anderen auf sie, die Erste Offizierin. Harrten darauf, von ihr Antworten auf alle Fragen zu erhalten, die ihnen auf der Zunge brannten. Antworten auf Fragen, die sie sich ebenfalls stellte.
Ihre Hand begann zu zittern. Val ballte sie zur Faust. Mit zusammengepressten Augenlidern kämpfte sie darum, sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Sie musste Stärke zeigen. Bevor sie den hellerleuchteten Raum betrat, spannte sie die Schultern, bis sie stramm dastand.
Drei fragende Gesichter sahen ihr entgegen. Jerome und Ryo saßen am ihr gegenüberliegenden Ende des zentralen Tisches. Im Augenwinkel erkannte sie die in der rechten Seitenwand eingelassene offenstehende Notfallbox. Wer hatte sich daran zu schaffen gemacht?
Sie sah zu Jerome, der jetzt ruhiger wirkte. Offenbar half ihm die Anwesenheit weiterer Menschen, seine Nervosität zu reduzieren. Trotzdem standen ihm die Schweißperlen auf der Stirn. An der Raumtemperatur, die von der Umweltkontrolle auf stabilen zweiundzwanzig Grad gehalten wurde, konnte es nicht liegen. Zusätzlich fielen ihr seine zuckenden Augen auf, die nicht zur Ruhe kamen.
Bei Ryo erkannte sie deutliche Anzeichen eines beginnenden Wake Up-Schocks. Nicht jeder Körper verkraftete die verkürzte Aufwachzeit gleich. Allerdings konnte sie sich nicht daran erinnern, bei Ryo jemals zuvor vergleichbare Symptome gesehen zu haben. Er zitterte am ganzen Körper. Seine fiebrig glasigen Augen schienen sie gar nicht zu bemerken. Er wirkte abwesend, wie weggetreten. Ein weiteres Thema, mit dem sie sich umgehend befassen musste.
Einzig Kaiya wirkte gefasst. Sie stand, die Arme verschränkt, ein wenig abseits.
Val musste auf Zeit spielen, um sich ein Bild von der Situation machen zu können. Zusätzlich musste sie sichergehen, dass ihr die beiden Männer nicht wegkippten. Irgendetwas stimmte mit den beiden nicht.
»Habt ihr den Doc schon geweckt?«, fragte Val. Egal, was die kommenden Stunden bringen würden, ohne Ida würde sie nicht weiterkommen.
Kaiya schüttelte den Kopf. Die anderen beiden starrten sie nur stumm an.
»Mit uns drei hat Jerome alle geweckt, die das System zulässt«, antwortete die Leiterin der Bordtechnik.
Val verfluchte sich stumm. Daran hätte sie denken müssen. Crewmitglieder durften, abseits von Notfällen, nur Offiziere wecken. Alles andere oblag dem Kommandostab. Bei allen Veränderungen, die Jahrzehnte der interstellaren Reise mit sich gebracht hatten, blieb eines starr wie ein Fels: Das hierarchische Denken in den Köpfen jener, die sich nie von der Oberfläche der Erde oder deren einzigem Trabanten entfernten.
Val hielt Kaiyas herausforderndem Blick stand und deutete zum Computerterminal neben dem Durchgang, der in den vorderen Bereich des Schiffes führte.
»Hast du uns von dort aufgeweckt?«, fragte sie Jerome, der hastig bestätigte.
Mit festen Schritten, deren Knall auf den harten Deckplatten sie zusammenzucken ließ, überquerte sie die kurze Strecke zu ihrem Ziel. Im Augenwinkel sah sie Kaiyas hämisches Grinsen. Vals eigene Reaktion auf den Hall ihrer Stiefel entging ihr wohl nicht. Die Ortungs- und Technikoffizierin zählte zu jenen, die Vals Bestellung zur Ersten Offizierin bis heute nicht guthießen.
Val musste abwarten, wie sie auf die aktuelle Situation reagieren würde. Auf jeden Fall sollte sie Kaiya im Auge behalten.
Val gab den Befehl zur Einleitung der Aufwachphase von Ida Chadads Kryokammer ein. Die ganze Zeit fühlte sie sich von den drei beobachtet. So als würden sie jede ihrer Handbewegungen analysieren. Sollten sie. Val nutzte die verstreichende Minute dafür, sich die nächsten Schritte zurechtzulegen.
»Ich erspare Ida ein schnelles Auftauen. Uns bleiben gute neunzig Minuten, bis sie aufwacht«, sagte Val. Sie stellte sich an Jeromes Seite. »Die Zeit sollte reichen, um uns zu erzählen, was passiert ist.«