← Zurück zum Buch
Michael Hirtzy

Operation Helicon - VorTeks Sammelband 1

Kapitel 6

Das Bild am Display des Captains wollte Jerome nicht aus dem Kopf. Die Umrisse entsprachen keinem ihm bekannten Typ. Jerome musste sich eingestehen, kein Experte in Schiffstypen zu sein. Andererseits gab es nicht so viele verschiedene Bauarten. Die Raumfahrt setzte nicht auf Individualität, sondern auf Standardisierung. Konnte es sich um einen Prototypen handeln? Falls ja, warum befanden sich die Daten am Terminal des Kommandanten? Oder hing dieses Schiff mit ihrem plötzlichen Kurswechsel zusammen?
»Gibt es noch Fragen zu meinen Anweisungen?«, blaffte Gatnom ihn an.
Jerome hielt die Antwort, die ihm auf den Lippen lag, zurück. Einfach zu gehen, schien ihm die bessere Vorgehensweise. Die Stimmung des Captains reichte ihm. Der Zeitpunkt, um Fragen zu stellen, würde kommen, aber nicht jetzt sofort. Außer er wollte eine geharnischte Antwort provozieren.
»Der ist heute aber wirklich im Arschlochmodus«, murmelte Jerome, sobald die Tür hinter ihm zugeglitten war. Er lief zurück in den Gemeinschaftsraum, wobei seine Schritte von den Wänden des Ganges widerhallten. Im Unterschied zum Hauptkorridor hatten die Ingenieure hier auf schallschluckende Materialien verzichtet. Die Kälte, die er in den geschäftigen Minuten auf der Brücke vergessen hatte, erfasste ihn erneut. Ob das jemals enden würde? Würde sein Verstand irgendwann die Furcht vor der Einsamkeit, die das leblose Schiff ausstrahlte, ablegen können?
Im Gemeinschaftsraum erwartete ihn dasselbe enervierende Summen der Luftumwälzung, das schon seit Tagen an seinen Nerven nagte. Ein einziges Mal hatte er das Geräusch beim Captain angesprochen. Sein zweifelnder Blick schien zu besagen, dass Jerome mit seinen Problemen besser selbst fertigwerden sollte. Er war überreizt. Sicherlich aufgrund der Unsicherheit die darin resultierte, gleich zu Beginn seines Dienstes auf der Gutabara die Wachschicht mit dem Kommandanten einlegen zu müssen. Bestimmt trug auch sein exzessiver Kaffeekonsum dazu bei, dass er sich wie ein aufgeregtes Kaninchen fühlte. Er nahm alles in seiner Umgebung mit einer Klarheit wahr, die er lange hinter sich gelassen glaubte.
Wehmütig dachte er an die Substanzen, die ihm – wie so vielen seiner Kameraden – in den einsamen, dunklen und kalten Tagen im Kuipergürtel Trost gespendet hatten. Zuerst dienten sie der Ablenkung, bis sie zum Treibstoff wurden, der ihn weiterarbeiten ließ. Irgendwann mutierten sie zur Grundlage seines Lebens, bis sie ihn beinahe umbrachten. Diese Phase lag hinter ihm. Zwei Jahre, an die er sich nur wie im Traum erinnerte. Er vermisste die Gefühle und wollte gleichzeitig nie wieder in diesen dunklen Abgrund zurückkehren.
Die Tasse wartete verlassen auf ihn. Die ausgekühlte schwarze Brühe würde ihm keine Wärme mehr spenden. Trotzdem griff er automatisch danach. Das Gebräu, das der Automat gefühlt jeden Tag in anderer Stärke ausspuckte, erwies sich als überraschend gut temperiert. Jerome kippte den Inhalt der halbvollen Tasse in sich hinein, bevor er sich auf den Weg zur Umweltsteuerung machte.
»Boah«, keuchte er, nachdem er die Tasse geleert hatte. »Noch bitterer als sonst. Wird wohl doch Zeit, dass ich mir neuen Kaffee hole.«
Die Kontrollen der Lebenserhaltungssysteme lagen in einem der vier Gänge, die vom Gemeinschaftsraum abzweigten. Von der Brücke aus gesehen handelte es sich um den rechten Korridor, der fünfundzwanzig Meter Richtung Außenhülle reichte. Neben der Umweltsteuerung befand sich der Frachtenaufzug zusammen mit dem kleinen Lagerraum, der die Küche mit dem täglichen Bedarf versorgte. Der Rest der Versorgungsgüter lagerte zwei Decks tiefer, unter dem Flugdeck. Den Abschluss des Ganges bildete die Schleuse zu drei der unzähligen Rettungskapseln, die weit über das Schiff verteilt lagen. Was die Sicherheit der Crew anging, hatten sich die Ingenieure nicht lumpen lassen.
Kaum setzte Jerome den Fuß in den Korridor, flammten die Paneele an der Decke auf. Was zuvor wie ein bodenloses Loch gewirkt hatte, wurde nun ein schummrig erhellter Gang. Das Weiß der Wände erschien fahlgrau. Sogar die gelben Signalstreifen, die den Weg zu den Rettungskapseln wiesen, gingen in dem matten Licht beinahe unter.
Plötzlich stolperte Jerome. Er fühlte, wie seine Beine weich wurden. Sein linkes Knie drohte wegzuknicken. Haltsuchend streckte er die Arme zu beiden Seiten. Er fing sich mit einer Hand an dem aus der Wand hervorstehenden Verteilerkasten.
»Was war das denn?«, fragte Jerome laut. Er erwartete keine Antwort. Von wem auch? Trotzdem tat es gut, seine eigene Stimme zu hören.
Vorsichtig richtete sich Jerome auf. Seine Beine hielten. Er löste die Hand vom Verteilerkasten, der ihn stützte, bevor er weiterging. Zwei weitere Schritte, die ihn näher an die Tür zur Umweltkontrolle brachten, folgten, bevor ihm schwindlig wurde. Alles um ihn herum begann sich zu drehen. Furcht davor, dass die Gravitationssysteme ausfielen, packte Jerome mit eiserner Faust. Sein letztes Training in völliger Schwerelosigkeit lag zwei Jahre zurück.
Abgesehen davon war eine Übungsumgebung nicht mit der Realität der 0G-Bewegung innerhalb eines Schiffes vergleichbar. Vor allem eines, dessen Aufbau und Grundriss er bei Weitem nicht auswendig kannte. Jerome bereitete sich darauf vor, seinen bevorstehenden unkontrollierten Aufstieg abzufangen. Plötzlich wurde ihm der feste Stand seiner Beine auf dem harten Stahlboden bewusst.
Es sind nicht die Gravitationssysteme!, schrie ihm sein Verstand entgegen. Das Gefühl, auf einem wild rasenden Karussell zu sitzen, verstärkte sich mit jeder Sekunde. Jerome drehte sich zur Seite und kippte nach hinten. Sein Rücken prallte gegen die harte Seitenwand des Ganges, an der er wie ein nasser Sack zu Boden schrammte. Für kurze Zeit vertrieb der Schmerz des Aufschlages das Schwindelgefühl. Jeromes Augen erfassten die gegenüberliegende Wand. Seine Handflächen auf den kalten, geriffelten Untergrund gelegt, versuchte er sich wieder hochzustemmen. Da kam der Vertigo mit doppelter Kraft zurück. Als läge Jerome in einer Waschtrommel, drehte sich der Gang schneller um ihn. Übelkeit stieg in ihm hoch. Schwarze Punkte flackerten vor seinen Augen.
Er musste Hilfe rufen.
Verzweifelt öffnete er seine Lippen, die sich bleischwer anfühlten. Wie seine Gliedermaßen, die er kaum bewegen konnte. Sein zuvor begonnener Versuch sich aufzurichten, endete abrupt. Ein neuerlicher Schwächeanfall zwang ihn zu Boden. Wie ein Stein krachte er auf den kalten Stahl, wo er schlaff in sich zusammensank. Sein Körper verlor jegliche Spannung. Die schwarzen Punkte, die vor seinen Augen tanzten, weiteten sich zu Flächen, die rasend schnell sein ganzes Blickfeld einnahmen. Müdigkeit überrollte ihn mit einer nie zuvor gekannten Wucht. Jerome kämpfte dagegen an, obwohl er unbewusst bereits erkannte, dass er verlieren würde.
Er versuchte zu verstehen, was mit ihm geschah. Sein Kopf, der am kalten, rauen Boden auflag, kippte zur Seite. Zwischen den dunklen Flächen, die sein Sichtfeld bereits fast völlig einnahmen, sah er die Gangeinmündung.
Dort stand, nur schemenhaft zu erkennen, eine Gestalt.