Einsatzziel Skryvat - VorTeks Sammelband 2
Tabira kollabierte vor seinen Augen.
Wie ein nasser Sack kippte sie zur Seite und drohte, gegen die Kante der Konsole zu fallen. Gleichzeitig entglitt die gerade eben eingesetzte Magnetpistole ihren schlaffen Fingern. Instinktiv löste Vardan seine Magnetstiefel und sprang vorwärts, um Tabira aufzufangen. In der Schwerelosigkeit sank sie, federleicht, in seine Arme.
Neben ihnen verging das Waffenterminal im Funkenregen, ausgelöst vom Projektil der Magnetpistole. Dem Vakuum geschuldet, verlief alles in völliger Stille. Das tödliche Nichts des Weltalls suchte unerbittlich alle Teile der Varjokuu heim. Wer keinen Schutzanzug trug, würde nicht überleben. Ein Großteil der Crew würde die Konsequenzen von Tabiras wahnwitzigen Entscheidungen mit dem Leben bezahlen. Bisher konnte die kleine Truppe um Vardan gerade einmal neunundvierzig der ursprünglich über eintausend Crewmitglieder des Stealth-Zerstörers erreichen. Die Leichen, die sie am Weg zur verwüsteten Brücke entdeckt hatten, sprachen dafür, dass die Chancen auf weitere Überlebende gering standen.
»Was hat sie getan?«, fragte Melanie, die Chief Commander der Bordtechnik. Die für den Militärdienst ungewöhnlich stämmige Frau trat auf ihn zu.
»Sie hat die verbleibenden Lafetten geleert«, antwortete die Dritte in der Gruppe. Eingehüllt in ihren ATAC-Kampfanzug wirkte die gut zwei Meter große Major Hasret Saddoun wie ein unerschütterlicher Titan inmitten der Trümmer, die sie umgaben. »Ich konnte die Daten am Display vor der Zerstörung lesen. Achtunddreißig Mittelstreckenraketen. Selbst die Panzerung der Varjokuu hat dem, sogar im unbeschädigten Zustand, nichts entgegenzusetzen.«
»Dann können wir uns ausrechnen, wie es der Helicon ergehen wird«, sagte Vardan in Referenz auf das havarierte KMS-Schiff, dem sie ihre vertrackte Situation verdankten.
»In diesem Moment ist sie bereits verglüht«, stellte die Kommandantin der Sondereinsatzkräfte kalt fest. »Und mit ihr jedes Geheimnis, das sie mit sich trug.«
»Genauso wie die Überlebenden ihrer Crew und die Einsatzteams der Gutabara«, ergänzte Melanie, deren Stimme zitterte.
Vardan suchte nach einer Position für die zusammengebrochene Kommandantin, in der sie weder sich noch andere gefährdete. Angesichts der fehlenden Schwerkraft eine nicht so einfache Aufgabe, aber nach kurzem Überlegen bugsierte er sie an den Rand des Raumes, bevor er sich an seine beiden Begleiterinnen wandte: »Ihre Anzugdaten zeigen, dass sie bewusstlos ist. Ihr Kreislauf scheint stabil. Allerdings verliert sie Blut. Viel zu viel davon. Wir müssen uns um sie kümmern.«
»Wozu?«, wollte Hasret wissen. »Sie ist Ballast. Lassen wir sie zurück. Sie wird kaum wieder aufstehen und uns weitere Probleme bescheren.«
»Nein!«, reagierte Vardan scharf. »Wir lassen niemanden zurück. Nicht einmal sie. Unabhängig davon, welche Verbrechen sie verschuldet hat.«
Hinter dem Helmvisier zog Hasret die Augenbrauen hoch.
»Mir ist scheißegal, was mit ihr passiert«, sagte Melanie. »Doch so einfach lassen wir sie nicht davonkommen. Ich bin bei Vardan. Wir setzen alles daran, sie am Leben zu erhalten, bis die Morrigan eintrifft. Tabira wird überleben und sich für ihre Taten verantworten. Den Gefallen, ihr zu erlauben, sich einfach so aus der Verantwortung stehlen zu können, tue ich ihr nicht.«
Vardan zweifelte, dass es so einfach werden würde. Die Kräfte hinter Tabiras Befehlen würden alles daransetzen, dass nichts von ihren Taten publik wurde. Sie befanden sich inmitten der Überreste des Beweises, dass sie über Leichen gingen, um ihre Geheimnisse zu schützen. Bevor es dazu kam, mussten sie allerdings erst einmal lebend dem Wrack der Varjokuu entkommen.
»Vorerst liegen unsere Prioritäten woanders«, stellte er fest. »Derzeit trennt uns ein guter Tag vom Eintreffen der Morrigan. Bis dahin müssen wir und alle Überlebenden bereit sein überzusetzen. Die Varghund ist unserer Rettung auf den Fersen und ich befürchte, dass es haarig wird, sollten sie hier aufeinandertreffen.«
»Was mir beinahe zwingend erscheint«, antwortete Hasret.
»Warum?«, fragte Melanie.
Die gepanzerten Schultern der Offizierin hoben und senkten sich ruckartig. »Unsere letzten Informationen deuten darauf hin, dass der Abstand zwischen beiden maximal drei bis vier Stunden beträgt. Selbst unter der Annahme, dass die Entfernung sich am Weg hierher nicht verändert, reicht die Zeit niemals für das Bremsmanöver, unsere Bergung und die erneute Beschleunigung.«
Vardan musste zugeben, dass ihre Annahme stimmte. »Leider korrekt. Die Morrigan muss bis zum Stillstand abbremsen, um uns aufzunehmen. Im Gegensatz dazu kann die Varghund geringe Fahrt beibehalten und, sollte sie diesen Befehl erhalten, uns im Vorbeiflug die Hölle heißmachen.«
»Ihr klingt so überzeugt, dass die Varghund es auf uns abgesehen hat«, antwortete Melanie, in deren Stimme Vardan Unsicherheit zu erkennen glaubte.
»Du selbst hast festgestellt, dass der Kommandant in seiner Generalstabshörigkeit selbst sie hier weit übertrifft«, sagte Hasret mit einer wegwerfenden Handbewegung in Tabiras Richtung.
Ihre Reaktion überraschte ihn. Die Ereignisse der letzten Stunden schienen die Einstellung der Majorin gegenüber der militärischen Befehlskette gehörig durcheinandergebracht zu haben. Ganz zu schweigen von ihrer Kommunikationsweise. Ihre steife, regelbedachte Art zu sprechen hatte sie abgelegt. Lag es an den Toten? Das konnte er sich bei der Kommandantin des ATAC nicht vorstellen. Das Advanced-Tactical-Armored-Corps kam nicht für Streicheleinheiten zum Einsatz. Konnte es sein, dass Tabiras Verhalten Hasrets Sichtweise über die KMS veränderte? Ihre vor der verhängnisvollen Kollision getroffene Entscheidung, ihre Truppe für den Einsatz gegen Tabira in Bereitschaft zu setzen, sprach dafür. Eventuell musste er seine Meinung über Hasret revidieren. Sie erschien ihm inzwischen weitaus weniger engstirnig, als ihr früheres Verhalten nahelegte.
»Unsere überlebende Besatzung verteilt sich auf die gesamten Überreste der Varjokuu. Wir müssen alles daransetzen, sie zentral zu versammeln. Unabhängig davon, ob sie zu mir stehen oder zu Tabira. Wir retten alle. Ohne Ausnahme.«
Bei seinen letzten Worten achtete er darauf, keine Widerrede zuzulassen. Er würde nicht davon abrücken. Koste es, was es wolle. Die Konsequenzen würde er tragen, sobald es notwendig würde.
»Verstanden«, antwortete Hasret knapp.
»Danke«, sagte Melanie.
Konnte es sein, dass sie andere Befehle befürchtet hatte? Möglicherweise schätzten selbst seine langjährigen Offiziere ihn falsch ein? Ausschließen konnte er das nicht.
Trotzdem traf ihn der Gedanke hart, dass ihm Melanie, die seit zwölf Jahren unter ihm diente, zutrauen könnte, Menschen zurückzulassen. Darüber musste er mit ihr sprechen, sobald es die Situation erlaubte.
Vorerst schob er die Überlegungen zur Seite. »Wir müssen gezielt vorgehen. Zuallererst brauchen wir Kontakt zur gesamten Crew. Danach suchen wir einen geeigneten Punkt, den alle erreichen können und von dem wir einfach und möglichst gefahrlos auf die Morrigan übersetzen können.«
»Für den zweiten Punkt habe ich schon Ideen«, sagte Melanie. »Nachdem diese übergeschnappte Irre unser gesamtes Mittelstreckenarsenal verballert hat, sind die Lager leer. Die Depots sind gepanzert und gegen Strahlung abgeschirmt. Sie stellen vorübergehend den sichersten Ort an Bord da. Zusätzlich dazu befinden sich am darunterliegenden Deck Notreserven an Sauerstoff und Wasser in Druckzylindern. Die können wir, soweit sie unbeschädigt sind, mit geringem Aufwand nach oben bringen. Es ist kompliziert, aber so können wir die Schutzanzüge versorgen, bis unsere Rettung eintrifft. Mit meinen verbliebenen fünf Spezialisten sollte ich das alles hinbekommen.«
»Und wie kommen wir dann raus?«, wollte Hasret wissen.
»Durch die Transportschächte zu den Lafetten. Die Röhren durchmessen einhundertzwanzig Zentimeter. Wir müssen die Frachtrigs ausbauen. Dadurch gewinnen wir genügend Platz, um in EVA-Anzügen durchzukriechen. Auf uns warten ungemütliche dreißig Meter. Allerdings sollte das in der Schwerelosigkeit keine allzu große Herausforderung darstellen.«
»Und wie kommen wir raus?«, fragte Hasret, die nicht überzeugt schien. »Die Röhren schließen doch direkt an die Lafetten an.«
»Solange sie sich in Ladeposition befinden, schon. Da sie allerdings leergefeuert sind und das Depot keinen Nachschub meldet, sollten sie in Feuerstellung bleiben. Dann haben wir gut einen Meter zwischen Lafette und der Schachtöffnung.«
»Na das wird kuschelig«, sagte Hasret.
»Mag sein. Trotzdem ist es der beste Plan, den wir haben«, antwortete Vardan. »Uns steht eine unbequeme Zeit bevor. Am Ende stecken unsere Leute gut dreißig Stunden in den Anzügen. Halten die Umweltsysteme das aus?«
»Bei den EVA- und Kampfanzügen sehe ich kein Problem«, antwortete Melanie. »Bei jenen Besatzungsmitgliedern, die Notfallanzüge tragen - und ich befürchte, es handelt sich um die Mehrheit –, wird es kritisch. Die Sauerstoffversorgung und die Filter sind nicht für so lange Zeiträume ausgelegt. Aktuell fällt mir allerdings keine Lösung dafür ein. Außer den Betroffenen zu sagen, dass sie sich möglichst ruhig verhalten sollen. Je weniger sie reden und sich anstrengen, umso länger halten die Lebenserhaltungssysteme.«
»In meinem Depot befinden sich fünf ungenutzte Kampfanzüge«, warf Hasret ein. »Wir müssten allerdings einen Weg finden, die Leute in die Anzüge zu bringen. Dazu fällt uns schon was ein.«
»Gute Idee«, stimmte Vardan zu. »Lasst uns schauen, wie viele Anzüge wir noch finden. Ich will keine weiteren Verluste. Nicht durch Unfälle, aber schon gar nicht durch den Ausfall der Lebenserhaltung.«
Langsam entstand in seinem Kopf ein Plan.
»Hasret. Du kontaktierst deine Truppen. Ich denke, sie sind am besten geeignet, um die am Schiff Verstreuten zu sammeln. Melanie, du holst deine Leute und ihr macht euch unverzüglich an die Arbeit. Ich vermute, die Transportschächte umzubauen, wird einiges an Zeit in Anspruch nehmen?«
»An die Werkzeuglager kommen wir nicht ran. Wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben. Allerdings werden die Röhren und die Rigs danach nicht länger benötigt. Somit können wir rohe Gewalt anwenden, sollte sonst nichts helfen. Wir schaffen das. Verlass dich auf uns.«
»Alles klar. Dann nehme ich Kontakt mit allen Überlebenden auf und entscheide, wer selbstständig zum Depot kommen kann und wer Hasrets Hilfe benötigt.«
Vardan klatschte in die Hände. Eine vergebliche Geste, die im Anzug etwas Clownhaftes an sich hatte. Trotzdem nickten seine beiden Begleiterinnen. Die Zeit lief unerbittlich ab und sie durften sich keinen Fehler erlauben.