Fluchtpunkt Kerberos - VorTeks Sammelband 3
Dichter, schwarzer Rauch, durch den das darin lodernde Feuer nur schemenhaft zu erkennen war, füllte den Gang und nahm ihr die Sicht. Die Brandschutzanlage war längst ausgefallen. Ob die mangelnde Wartung, Querschläger oder ihre improvisierten Brandladungen der Technik den Rest gegeben hatten, konnte niemand sagen. Im Augenblick erschien es auch völlig irrelevant. Im Moment zählte nur, zu überleben.
»Scheiße!«, fauchte Jennifer und wusste zugleich, dass nicht nur ihr Trupp, sondern der gesamte Führungsstab der Morrigan sie hören konnte. Mit großer Wahrscheinlichkeit sogar ein Großteil aller im Einsatz Befindlichen. Aktuell war es ihr egal. Nicht, dass sie sonst für ausufernde Zurückhaltung bekannt war. Sie sagte, was sie dachte. Jederzeit.
An jedem Ort.
Vor allem hier und jetzt.
An Bord einer unbekannten und, wie sich zeigte, völlig unberechenbaren Raumstation.
Auch wenn ihre Kommandantin das anders sah und ihr dies verdeutlichte: »Corporal Hitang. Wollen Sie damit irgendetwas Missionsdienliches sagen?«
Die Ruhe, mit der Commander Hammond diese Frage stellte, zerrte an Jennifers Nerven. Was wusste die andere schon? Sie saß sicher am Waffenleitstand der Morrigan. Weit weg von dem, was gerade versuchte, Jennifer und ihrem Trupp den Garaus zu machen.
Jennifer biss sich auf die Lippen, bevor sie antwortete: »Wir stecken bis zum Kinn in der Scheiße, Commander! Und diese Drecksbiester sind durch nichts aufzuhalten!«
Commander Hammond blieb ihr eine Antwort schuldig.
Dafür meldete sich in diesem Augenblick der Mann, der sie alle hier reingerissen hatte. Nicht, dass Jennifer und der Rest der Landetruppe ihm nicht freiwillig gefolgt waren. Trotzdem wären sie ohne ihn jetzt nicht hier.
Der Fünfundsechzigjährige, der längst nichts mehr im Kampfanzug der Landetruppen zu suchen hatte, klang gehetzt und außer Atem. Wenig überraschend im Hinblick auf die zurückliegenden Stunden. Das Erlebte brachte selbst durchtrainierte Marines wie Jennifer an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Trotzdem schaffte Colonel Riebhus es, gefasst zu klingen: »Corporal Hitang, wir sind aktuell zweihundert Meter von Ihrer Position entfernt. Allerdings ein Deck unter Ihnen. Bereiten Sie sich auf die Extraktion vor.«
»Guter Scherz«, fuhr Darius dazwischen, der neben Jennifer auf dem Boden kniete. Seine verletzte Schulter presste er an die Wand, um das starr auf die verrauchte Flammenwand gerichtete Impulsgewehr zu stabilisieren. Jennifer musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, wie es ihm ging. Die Stimme des Ensign, der sich erst seit einem knappen Jahr an Bord der Morrigan befand, bebte wie Espenlaub. Er mochte die Ausbildung der Marines mit Bravour bestanden und sich für die Raumlandetruppen qualifiziert haben. Doch weder das Training noch ihr Einsatzbriefing hätte ihn auf das, was sie jetzt verfolgte, vorbereiten können. Wie denn auch? Die wenigen Stunden an Bord dieses Molochs mitten im Nichts nahe des Uranusmondes Sycorax hatten ihr aller Weltbild nicht ins Wanken, sondern förmlich zum Einsturz gebracht.
Was sich ihnen hier entgegenstellte, spottete jeder Beschreibung.
»Darius!«, zischte Jennifer. Ihr Ordnungsruf überraschte sie selbst und stoppte sogar Commander Hammond ab, von der nur ein überraschtes Husten über Funk ertönte. »Reiß dich zusammen!«
»Was glaubst du, was ich mache?«, bellte er zurück, bevor Colonel Riebhus sich wieder meldete. Trotz aller hörbarer Erschöpfung schien der alte Mann der Einzige zu sein, den die Situation nicht völlig aus der Bahn warf. Tief in Jennifers Innerem regte sich der Verdacht, dass er bereits Schlimmeres gesehen haben musste.
Zumindest blieb er weiterhin ruhig: »Hundertfünfzig Meter. Es wird ein harter Ritt. Wir werden uns durch die Zwischendecke an Sie ran arbeiten.«
»Wie?«, setzte Jennifer zu einer Frage an, da keimte in ihr bereits die Ahnung auf, was er vorhatte. Weder an Bord der Morrigan noch im Kampfeinsatz wich ihm Lieutenant Major Saddoun von der Seite. Und mit ihr folgte dem Colonel automatisch eine Ein-Frau-Armee. Das gepanzerte Exoskelett der ATAC-Kommandantin gab ihr die Kampfstärke einer ganzen Einsatzgruppe und die Feuerkraft eines schweren Bodenfahrzeuges. Bevor der Colonel reagieren konnte, korrigierte Jennifer ihren begonnenen Satz: »Alles klar. Wenn uns wer rausholen kann, dann Ihr Kampfkoloss.«
Zur Antwort erhielt sie lediglich ein mürrisches Grunzen, welches trotzdem unüberhörbar von Saddoun stammte. Die Frau mochte es offensichtlich nicht, wenn sie so genannt wurde. Das Wissen, dass sie sich auf dem Weg zu ihnen befand, gab Jennifer einen kleinen Funken Hoffnung zurück.
Vielleicht würde sie doch nicht in diesem schmalen Gang, mitten in der Leere des Weltalls, verrecken. Jetzt musste das von ihr selbst gelegte Feuer ihre Verfolger nur lange genug im Zaum halten. Wobei sie ahnte, dass selbst die lodernden Flammen, die den Gang in eine schwarze Hölle verwandelten, bestenfalls eine vorübergehende Lösung waren. Sie konnte nicht glauben, diese Dinger damit aufhalten zu können. Aber vorerst musste sie sich damit zufriedengeben. Einen anderen Ausweg gab es nicht. Nach vorne wollte sie nicht. Auch wenn ihnen ihre Kampfanzüge ausreichend Schutz für einen Sturm durch das Flammeninferno boten. Vor dem, was auf der anderen Seite lauerte, waren sie geflohen. Dem würden sie sich nicht noch einmal stellen. Nicht, wenn es nach Jennifer ging. Was sie gesehen hatte, reichte, um in ihr den Glauben an die Existenz einer - wie auch immer gearteten - Hölle zu wecken. Zumindest wäre dies eine Erklärung für jenes Ding, das bereits die Hälfte ihres Trupps ausgelöscht hatte. Drei bestens ausgebildete und erfahrene Marines.
Nein.
Nicht einfach Soldaten.
Menschen, die sie seit Jahren begleiteten.
Untergebene.
Mitstreiter.
Leidensgenossen.
Freunde.
David Gonzales.
Araya Chiang.
Benedict Hartman.
Zerfetzt wie Papierblätter von einem unaufhaltsamen Sturm.
Beim Gedanken an das, was sie hatte mitansehen müssen, traten Tränen in Jennifers Augenwinkel. Den Anblick der drei, ausgeweidet, in Stücke gerissen und verblutend, würde sie nie vergessen. Die Bestien hatten sich ihrer entledigt, wie ein Kind eine ungeliebte Puppe entsorgte. Männer und Frauen, die sich jedem Gegner stellten, waren binnen Sekunden zu bitterlich um Gnade flehenden Häufchen geworden. Nicht, dass es ihnen etwas brachte. Ihren Gegnern schien jegliches Konzept von Barmherzigkeit oder Erbarmen unbekannt zu sein. Sie metzelten sich durch die Reihen wie eine Mähmaschine durch Korn. Unnachgiebig und zielstrebig. Was sich ihnen in den Weg stellte, wurde ausgelöscht. Der einzige Ausweg lag in der Flucht. Sie waren davongerannt wie verängstigte Kinder. Hatten die Beine in die Hand genommen und schlussendlich das Feuer gelegt, das sie jetzt einsperrte. Denn der schweren Brandschutztür, die ihnen nun den Weg zum Rest ihrer Kameraden versperrte, konnten sie nichts entgegensetzen. Nicht mit dem, was sie bei sich trugen.
Sie waren gekommen, um Beweise zu finden. Schwer bewaffnet und gepanzert, in Erwartung mangelnder Gegenwehr von mäßig ausgebildeten Sicherheitskräften auf einer alten, heruntergekommenen Station. Was sie gefunden hatten, lag jenseits aller Vorstellungskraft.
Das Einzige, was Jennifer und dem kläglichen Rest ihres Einsatztrupps blieb, war die Hoffnung, jetzt von Colonel Riebhus gerettet zu werden. Zumindest befanden sie sich vorübergehend in Sicherheit. Das Feuer, getrieben von den Brandladungen, loderte weiterhin, breitete sich aber nicht nennenswert aus. Sorgen machte Jennifer einzig die Wand- und Deckenverkleidung, die unter der unablässig auf sie einströmenden Hitze langsam nachzugeben begann. Auf den Oberflächen am ihr zugewandten Rand der Flammenwand bildeten sich erste Blasen, von denen zähflüssige, schleimgleiche Tropfen zu Boden stürzten. Was sich weiter drinnen, versteckt unter den undurchdringlichen schwarzen Lohen, abspielte, konnte sich Jennifer nur vorstellen. Zumindest boten sie ihnen vorerst Schutz.
»Wir haben ein Problem«, ertönte in diesem Augenblick Joakims Stimme über Funk. Der Private verharrte zehn Meter weiter den Gang hinunter. Wenige Schritte vor der Feuerwand beobachtete er seit Minuten stumm und starr den Bewegungsmelder seines Anzuges.
In diesen beengten Verhältnissen einen vorgezogenen Wachposten einzurichten, war Jennifer zuerst lächerlich erschienen. Trotzdem hatte sie die Entscheidung getroffen, sich an die Einsatzorder zu halten. Sie mochte vorlaut sein und nicht in allem den Erwartungen an eine Truppenkommandantin entsprechen. Doch sie wusste, wann es angebracht war, sich an die Regeln zu halten.
»Details«, forderte sie knapp.
Sie sah, wie Darius sich neben ihr verkrampfte. Das konnte zu einem Problem werden. Der junge Marine schien dem Druck nicht mehr gewachsen. Er würde bald brechen, wenn er die Grenze nicht bereits überschritten hatte. Bei diesem vom Spaziergang zum Himmelfahrtskommando mutierten Einsatz handelte es sich um seine erste Kampferfahrung. Kein guter Einstieg, und seine Nerven spielten sichtlich nicht mehr mit. Jennifer musste damit rechnen, dass er jeden Moment zusammenbrach, und konnte nur hoffen, dass nichts Schlimmeres passierte. Unter Druck reagierte jeder Mensch anders. Manche wurden ruhig. Andere sanken zu einem Häufchen Elend zusammen. Und einige, die Gefährlichsten, setzten völlig irrationale Aktionen. Jennifer wünschte sich, dass eine der ersten beiden Möglichkeiten eintrat. Dann musste sie ihn nur mitschleppen. Wozu er sie zwingen könnte, wenn er ausrastete, wollte sie vorerst nicht überlegen. Jetzt musste sie erst mehr herausfinden und zuhören.
»Der Bewegungsmelder schlägt an. Drei Bewegungen am Ende des Ganges.«
»Kann es sich um Teile der Wandverkleidung handeln, die eingestürzt sind?«
»Nope«, antwortete Joakim überraschend gefasst. »Es sei denn, die Trümmer haben Beine bekommen und bewegen sich auf uns zu.«
Das Adrenalin begann Jennifers Körper erneut zu fluten. Während sie routiniert ihr Impulsgewehr prüfte, suchte sie nach einer Erklärung abseits jener, die sich aufdrängte.
»Colonel Riebhus. Kann es sein, dass Sie sich an uns vorbei bewegt haben?«
»Nein«, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. »Wir sind fünfzig Meter von Ihnen entfernt und weiterhin ein Deck tiefer.«
»Kacke!«, zischte Jennifer und verfluchte sich augenblicklich dafür. Denn Darius zuckte neben ihr zusammen wie ein getretener Hund. Sie musste Bestimmtheit zeigen. Ihm das Gefühl geben, dass sie die Lage unter Kontrolle hatte. Auch wenn sie selbst daran zweifelte, diesem Desaster lebend entkommen zu können.
»Joakim«, befahl sie mit fester Stimme. »Rückzug auf unsere Position. Wir bilden hier einen Abwehrkordon. Halten Sie Stellung bis zum Eintreffen der Verstärkung.«
»Roger«, antwortete der Angesprochene, sprang im selben Moment von seiner kauernden Position auf und rannte die wenigen Meter zu ihrer mangelhaften Deckung: ein mobiler Geräteschrank und zwei Transportkisten, die irgendjemand bei der Räumung der Sektion zurückgelassen hatte. Nicht einmal ein brauchbarer Sichtschutz, doch alles, was ihnen zur Verfügung stand. Genauso gut konnten sie sich hoch aufgerichtet und winkend mitten in den Gang stellen. Schutz bot ihnen diese Pseudobarrikade keinen. Bestenfalls stellte sie eine psychologische Stütze dar.
»Kampfbereitschaft«, befahl Jennifer, sobald Joakim sich hinter einer der Kisten neben ihr niederkniete.
»Alles klar«, gab der erfahrene Private zurück.
Jennifer sah zu ihrer Linken und stieß den stummen Ensign sanft an. »Darius?«
»Bereit«, presste dieser hervor und selbst dieses eine Wort klang erzwungen.
Mist.
Sie brauchte ihn. Wenn er jetzt kollabierte, könnten sie genau jene Sekunden verlieren, die Riebhus benötigte, um sie zu erreichen.
»Fünfundzwanzig Meter«, meldete der Colonel in diesem Augenblick.
»Zwei weitere Trupps nähern sich eurer Position«, ergänzte Commander Hammond. »Sie kommen über den Hauptkorridor und bringen schweres Gerät mit, um die Brandschutztür zu öffnen.«
Woher sie das hatten, wollte Jennifer gar nicht fragen. Die Antwort würde ihr nicht helfen. Trotzdem tat es gut zu wissen, dass ihre Kameraden sie nicht im Stich ließen. Sie würden nicht aufgeben. Niemals. Niemand wurde zurückgelassen. Der Gedanke versetzte ihr einen Stich. Dieses Credo der Raumlandetruppen hatte sie bereits gebrochen.
David, Araya und Benedict lagen weit von ihr entfernt. Zerstückelt, niedergemetzelt, doch vor allem von ihr zurückgelassen. Den Blick in Benedicts brechenden Augen würde sie nie vergessen. Er selbst hatte sie aufgefordert, sich und die anderen zu retten, und trotzdem hatte sie damit das Fundament der Marines verletzt.
Sie hatte ihn seinem Schicksal überlassen. Die Tatsache, dass er ausgeweidet worden war und es keine Rettung für ihn gab, änderte daran nichts. Jennifer hatte den Schwur gebrochen, der sie alle zusammenhielt. Die Gewissheit, nie allein enden zu müssen.
In diesem Moment kam Bewegung in die schwarze Rauchwand. Wie von einem Sturm angetrieben, waberte sie und wälzte sich in ihre Richtung.
»Wir halten unsere Position«, befahl Jennifer und wurde sich im selben Moment der Lächerlichkeit ihrer Aussage bewusst. Wohin sollten sie weichen? Fünf Meter hinter ihnen endete der Gang an der oberschenkeldicken Brandschutztür. Genauso gut konnte sie einem Bergmassiv befehlen, seine Stellung zu halten.
»Für David«, antwortete Joakim.
»Für Benedict«, ergänzte Jennifer und wurde dann von Darius überrascht, der ebenfalls antwortete: »Für Araya!«
Im selben Augenblick schob sich aus der dichten Rauchwand eines der Monster hervor, das ihren Trupp dezimiert hatte. Wie ein Dämon, den tiefsten Abgründen ihrer Albträume entsprungen, stapfte das Biest auf sie zu. Die glühenden Augen schienen sie im selben Moment zu erfassen, in dem Jennifer ihren letzten Befehl gab: »Feuer!«
Dann krümmte sich ihr Finger um den Abzug des Impulsgewehres und entließ einen Strom unaufhaltsamer Projektile auf die fleischig pulsierende Masse, die einst ein Mensch gewesen sein musste.