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Michael Hirtzy

Fluchtpunkt Kerberos - VorTeks Sammelband 3

Kapitel 3

»Lass mich raten«, presste Idris hervor. »Das sind die ersten Anzeichen für das Eintreffen deiner Unterstützung.«
Seine Schwester nickte. »Zumindest ein Teil davon.«
»Planen sie, von der Station etwas übrig zu lassen, oder blasen sie diesen Schrotthaufen gleich aus Sycorax’ Orbit und uns mit ihm?«
»Der Plan sieht anderes vor, doch sie mussten erst die Verteidigung ausschalten, bevor sie näherkommen können.«
»Marines«, schnaubte Idris. »Nicht gerade bekannt dafür, mit der feinen Klinge vorzugehen. Wissen sie überhaupt, dass wir hier sind?«
Für drei viel zu lange Atemzüge hing völlige Stille zwischen ihnen, in der Idris bewusst wurde, wie hilflos und unvorbereitet er in diesen dampfenden Misthaufen gestolpert war. Von einem Moment auf den anderen befand er sich inmitten eines Kriegsgebietes, das mit der Ankunft der weiteren Schiffe drohte, unerträglich heiß zu werden. Worauf hatte er sich da eingelassen? Vor allem, wie sollte er seine Schwester, die über so viel Kampferfahrung wie ein frisch geschlüpftes Küken verfügte, sicher hier rausbringen? Bisher hatten sie es gerade einmal neun Decks nach oben geschafft. Zumindest befanden sie sich damit auf derselben Ebene wie Theras Quantenrechner. Nur leider auf der genau gegenüberliegenden Seite der Station. Wenn die Daten stimmten, die Thera ihm zur Verfügung stellte, dann lagen somit zwischen sechshundert und zweitausend Meter Fußstrecke vor ihnen. Je nachdem, welchen Weg sie wählten. Den durch die abgeriegelte Sektion oder jenen außen herum. So oder so würde es heiß hergehen, denn in den Bereichen über und unter ihnen befanden sich jene Archive, auf die Thera ihre Unterstützungstruppen ansetzte.
Endlich rang sich seine Schwester zu einer Antwort durch: »Einer weiß von mir. Allerdings habe ich ihn zum Stillschweigen verpflichtet.«
Zum ersten Mal seit seiner Ankunft klang sie kleinlaut. Idris verstand warum. Gerade eben eröffnete sie ihm, dass sie ihn seit Tagen an der Nase herumführte. Er zwang sich, ruhig zu bleiben und seinem Ärger nur mithilfe laut ausgeblasener Luft Ausdruck zu verleihen. Er musste mit seinen Entscheidungen leben. Und jenen, die Thera für ihn traf, ohne ihn zu konsultieren. Der Moment, dies zu diskutieren, würde kommen. Wenn sie lebend hier rauskamen. Nicht jetzt. Nicht sofort. Irgendwann.
Idris schüttelte den Kopf. »Du machst es mir nicht leicht.«
»Nichts hier ist einfach!«, fuhr sie ihn mit jener Härte an, die sie seit ihrem Wiedersehen öfter an den Tag legte. Es handelte sich um eine Seite, die er dem sanften Mädchen seiner Erinnerung nie zugetraut hätte. Er hatte Schwierigkeiten damit, sich einzugestehen, dass von der Thera, die vor rund hundert Jahren von ihm gegangen war, nur mehr Bruchstücke übrig waren. Irgendwo da drinnen, in dem schmalen, zerbrechlichen Körper, steckte sie. Doch weitaus größeren Anteil an ihrer Persönlichkeit hatten inzwischen die Qualen, die sie in Jahrzehnten voller Tod und Wiedergeburt immer wieder hatte erleiden müssen. Nur weniges davon konnte er bisher erfassen und verstehen. Er wusste, wie quälend es sein konnte, dem Kryoschlaf zu entsteigen. Was es jedoch bedeutete, zu sterben und die Erinnerungen daran in den neuen Klonkörper mitzunehmen, vermochte er sich nicht einmal annähernd vorzustellen. Ganz zu schweigen von den Experimenten, die sie in den Zeiten dazwischen hatte durchleben müssen. Für ihn glich es einem Wunder, dass Thera nicht zu einem verbitterten, hasserfüllten Monster mutiert war. Konnte es am Kontakt mit ihren Freundinnen - ihren Schwestern, wie sie sie nannte - und dem Quantenrechner liegen? Fungierten sie untereinander als Regulativ?
Abgelenkt von seinen Gedanken bemerkte er zu spät, dass sie mit in die Hüften gestemmten Händen vor ihm stand und ihn anfunkelte. »Oder siehst du das anders?«
»Nein«, beeilte er sich, zu antworten. »Allerdings würde es mir helfen, mehr zu wissen. Mir einen Plan zurechtzulegen, wenn ich nicht weiß, was auf uns wartet, ist etwas schwer.«
Thera zuckte mit den Schultern und deutete zu der schweren Panzerschleuse, die am gegenüberliegenden Ende des Raumes lag, in dem sie sich aktuell befanden. »Dahinter liegt das Sperrgebiet. In dem Moment, in dem Braenaru dieses Tor für uns öffnet, heulen in der Zentrale Dutzende Sirenen los. Unsere einzige Chance, nicht binnen weniger Minuten von den restlichen Sicherheitskräften überrannt zu werden, liegt darin, dass davor so viele andere Warnmeldungen auf die Crew eintrommeln, dass sie das nicht mitbekommen.«
»Okay. Wir warten also mal wieder. Und auf was?«
»Das Unausweichliche. Die Besatzung der Morrigan wird, wenn alles nach Plan läuft, in absehbarer Zeit Skryvat entern. Die Erschütterungen - Resultat der Treffer ihrer Geschützbatterien - sind die erste Ankündigung dessen, was kommen wird.«
»Ich bezweifle, dass der Kommandant der Station sie friedlich an Bord kommen lässt.«
Thera verdrehte die Augen zur Decke. »Dass sie die Verteidigungssysteme mit Waffengewalt ausschalten mussten, lässt darauf schließen. Zum Glück. Denn ein reguläres Andocken würde unseren Plan zerstören.«
»Du hoffst auf ein gewaltsames Eindringen?«
»Hoffen?« Thera schürzte die Lippen. »Nein. Wir haben es so berechnet und bisher liegen alle Ereignisse innerhalb der Parameter.«
»Na toll«, brummte Idris, der sich unweigerlich wie eine Figur in einem Spiel vorkam, dessen Regeln er weder beherrschte noch verstand. »Und ich bin der Notnagel, falls alles andere versagt?«
»Nein«, widersprach Thera bestimmt und sanft zugleich. »Du bist mein Bruder. Aktuell der einzige Mensch im Sonnensystem, dem ich wirklich vertraue. Mit den anderen rechne ich. Auf dich kann ich mich verlassen. Wenn alle Stricke reißen, dann weiß ich, dass du mich rettest. Ohne dich würde ich es nie wagen.«
Idris fühlte Wärme in sich aufsteigen. Da war sie wieder. Seine Schwester. Nicht dieses unerklärliche Konglomerat von Klonwesen, Neurolink, Quantenrechner und was sonst in ihr stecken mochte. Er zwang sich zu einem Lächeln, das ihm in Anbetracht der Situation schwerfiel. »Wundervoll. Kein Druck. Das macht es gleich viel einfacher.«
»Ich dachte, du läufst zu Hochtouren auf, wenn du in die Ecke gedrängt wirst.«
»Teilweise«, gab Idris zurückhaltend zu. »Doch in der Vergangenheit musste ich immer nur auf mich achten. Dieses Mal sind die Einsätze weitaus höher. Ich habe dich gerade erst wiedergefunden. Dich erneut zu verlieren, könnte ich mir nicht verzeihen.«
Sanft tätschelte Thera seinen Oberarm und sah ihn schelmisch mit zur Seite geneigtem Kopf an. »Dann achten wir einfach beide darauf, wohlbehalten ans andere Ende zu kommen. Sobald wir den Hangar erreichen, sind wir sicher.«
»Wenn wir ihn erreichen«, murmelte Idris und bereute es sofort.
Theras Augen wurden wieder eiskalt. »Das steht nicht zur Debatte!«
Bevor er dazu kam, zu antworten, registrierte er, wie ihr Blick glasig wurde. Ein Zeichen dafür, dass sie plötzlich eine Menge an Daten über ihren Link erhielt. Die Symptome - ein besseres Wort fiel ihm dafür nicht ein - hatte er in den zurückliegenden Tagen kennengelernt. Meist schien die Verbindung zwischen Thera und Braenaru sie nicht weiter zu belasten. Doch in seltenen Fällen vereinnahmte sie ihre völlige Aufmerksamkeit. Ob es daran lag, dass sie nur über die drahtlose Verbindung mit ihrem Quantenrechner kommunizieren konnte oder ob andere, ihm unbekannte Faktoren dazu beitrugen, konnte Idris nicht sagen. Thera blockte jedes Gespräch darüber ab. Meist dauerte die Abwesenheit nur wenige Atemzüge. So wie jetzt. Schon klärte sich Theras Blick wieder und fokussierte auf ihn.
»Das ist nicht gut«, flüsterte seine Schwester.
»Was?«
»Es gibt einen unvorhergesehenen Faktor.«
Idris wurde neugierig und besorgt zugleich. »Es gibt Dinge, die du nicht in Betracht gezogen hast?«
»Unser Einfluss erstreckt sich auf Skryvat und jene außerhalb, die wir erreichen können. Wir sind nicht omnipotent. Realistisch gesehen gibt es weitaus mehr, was wir nicht wissen und steuern können als jene Dinge, die Einzug in unsere Berechnungen finden.«
»Das klingt tatsächlich nicht gut«, warf Idris ein, in dessen Hinterkopf laute Warnsignale gellten.
»Leider nein.« Zum ersten Mal wirkte Thera ratlos. »Es gibt zumindest eine Person an Bord, die Befehle von außerhalb empfängt. Nicht von Darian Industries, sondern von einer uns unbekannten Partei. Sie erhielt den Auftrag, eine zusätzliche Verteidigungsmaßnahme zu aktivieren.«
»Ein Problem?«, wollte Idris wissen, der aufsteigende Nervosität fühlte.
»Dieses Kampfmittel befindet sich in der versiegelten Sektion. Ein Deck über uns, dennoch nahe genug, um zu einem Problem zu werden.«
»Worum handelt es sich?«, bohrte Idris nach. Langsam drohte sein Geduldsfaden zu reißen.
»Wir wissen es nicht«, gab Thera bedrückt zu. »Das ist ein weiterer Grund, warum wir dieses KMS-Schiff hierher gelotst haben. Sie dienen nicht nur der Ablenkung. Wir wollen weitere Informationen bergen. Daten, Unterlagen und damit Beweise, mit denen wir Darian in Bedrängnis bringen können. Doch diese liegen auf vom Rest der Station abgeschotteten Servern. Dazu zählt auch die Forschung an dem, was diese Person nun aktivieren soll.«
»Kacke!«, fauchte Idris und stieß eine geballte Faust in die Luft, wie um einem unsichtbaren Gegner einen Schlag zu verpassen. »Du musst doch zumindest irgendetwas wissen.«
»Ja«, gestand Thera zögerlich. »Wenig. Fragmente, die durch mangelnde Sicherheitsvorkehrungen ihren Weg in allgemeine Systeme fanden.«
»Könntest du endlich aufhören, dich so zu zieren? Was ist es? Wenn wir da durchwollen, muss ich alles wissen. Egal, wie wenig es ist. Du darfst nichts zurückhalten.«
»Es handelt sich um militärische Forschung. Waffentechnik in Verbindung mit Experimenten an Menschen. Das wenige, das mir vorliegt, lässt darauf schließen, dass es darum ging, Soldaten besser für Kampfeinsätze zu wappnen. Sie sollten leistungsfähiger, aggressiver und gefährlicher werden.«
»Lass mich raten«, warf Idris ein. »Die alte Fantasie des Supersoldaten.«
»So etwas in der Art. Nur befürchte ich, dass die Experimente weit über die reine Steigerung der menschlichen Kapazitäten hinausgingen.«
Idris grübelte einen Augenblick, wie er weiter vorgehen konnte. »Sollen wir abbrechen?«
Thera riss die Augen weit auf und starrte ihn entgeistert an. »Niemals. Ich muss hier raus, wenn ich überleben will. Eine andere Chance habe ich nicht.«
Die plötzlich aufkeimende Panik in ihren Gesichtszügen wischte Idris’ Zweifel beiseite. »Wie gehen wir dann vor?«
»Wir warten nicht länger auf das Eintreffen der Marines. Wenn wir durch die Sektion wollen, dann jetzt sofort.«
»Egal, ob wir damit Alarm auslösen?«
»Ich sehe keine andere Möglichkeit. Denn ich befürchte, dass hier unten die Hölle losbricht, wenn Leviathan aktiviert wird.«
Idris seufzte und bückte sich zu dem Waffenpaket, das er seit zwei Tagen mit sich herumschleppte. Seit der Plünderung des Waffendepots hoffte er, es nicht zu benötigen. Diese Hoffnung verpuffte wie eine Rauchwolke in einem Sommersturm. Die Zeit der Zurückhaltung kam zum Ende.
Während er die Tasche durchstöberte, schob er die zweite, kleinere zu Thera. »Es ist an der Zeit, dass du die Schutzausrüstung anziehst. Solange du nicht lernst zu kämpfen, will ich, dass du zumindest so gut gepanzert wie möglich bist.«
»Das Ding ist sauschwer und ich werde darin wie eine zu klein geratene Actionfigur aussehen.«
Idris musste grinsen. Wieder blitzte die kleine Thera durch, die immer darauf achtete, wie sie sich kleidete. Sie wollte hübsch sein. »Pfeif auf den Style. Solange du nicht zusammenbrichst, trägst du alles an Schutz, was wir finden können. Verstanden?«
»Ja, Bruderherz«, gab sie klein bei, bevor sie sich mürrisch grummelnd über den Inhalt der Tasche hermachte.