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Michael Hirtzy

Vergessene Geschichten

Der Eintreiber - Ausschnitt

Im Jahr 2021, in einer Zeit, als es keine Buchmessen und Veranstaltungen gab, rief die Webseite Indie Bücher zur Buchstabenjagd auf. Einundzwanzig Autor*innen lieferten dazu Beiträge, in denen die Leser*innen jeweils einen Buchstaben finden sollten. Mit diesen Buchstaben ergab sich ein Lösungssatz. Mir wurde das »I« zugeteilt und ich tat mein Bestes, eine Geschichte zu schreiben, in der dieser Buchstabe eine wichtige, ja sogar tragende Rolle erhielt. Heraus kam eine skurrile Story, für die ich mir von der Horrorautorin Nicole Siemer sogar einen ihrer Protagonisten ausleihen durfte.

Es war eine jener furchtbaren Nächte, in denen sich alles gegen mich zu verschwören schien. Es begann mit dem Läuten meines Telefons. Zugegeben, daran war ich selbst schuld, ich hätte es ja einfach ausschalten können. Aber pflichtbewusst, wie ich bin, lasse ich es natürlich auch nach den üblichen Bürostunden an. Es ist leider eine Tatsache, dass mich dann die meisten Anrufe erreichen.
Das Telefonat riss mich um zwei Uhr zweiundzwanzig aus dem Schlaf und war nur von kurzer Dauer. Wer mich um diese Zeit auf jener Nummer anruft, muss nicht viel sagen. Es ist klar, worum es geht.
Eine Stunde später stand ich vor meinem Ziel. Oder zumindest hätte ich laut der Wegbeschreibung meiner Klientin dort stehen sollen. Vor mir lag allerdings nicht wie erwartet ein Haus, sondern eine riesige schlammige Baugrube, die von mehreren Rohbauten umgeben war. Vor einem dieser halbfertigen Häuser hatte ich geparkt.
In der Dunkelheit der Novembernacht pfiff mir der eiskalte Wind um die Ohren und peitschte mir den Regen wie Nadeln ins Gesicht. Regungslos stand ich in der knöcheltiefen Pfütze, in die ich nach dem Aussteigen getreten war. Zielgerichtet hatte ich es wieder einmal geschafft, meinen alten, klapprigen Isuzu Trooper direkt davor zu parken. Was das angeht, bin ich ein Genie.
Langsam suppte das Wasser durch meine Schuhe und verwandelte meine Füße in Eisblöcke. Meinen Hut musste ich festhalten, damit er nicht von dem heulenden Sturm mitgerissen wurde. Gerade als ich dachte, dass es zumindest nicht noch beschissener werden konnte, vernahm ich durch das Heulen des Windes hindurch ein Geräusch wie von einem Stück Stoff, das entzweigerissen wurde.
Einen Sekundenbruchteil später war mir klar, dass es kein Stoff, sondern die über meinem Kopf hängende Plastikplane des Baugerüsts gewesen war. Unter dem Druck der langsam gefrierenden Wassermassen hatte sie nachgegeben und entlud nun einen Schwall eiskalter, mit Zementresten und anderen Bauabfällen durchmischter Brühe über mich.
Die Wucht zwang mich fast in die Knie. Mein Hut hatte zwar den Kopf trocken gehalten, doch er hielt die dreckige Suppe nicht davon ab, mir in den Kragen zu rinnen und mich bis zur Unterhose zu durchnässen.
»Na toll!«, fauchte ich in die Nacht. »Jetzt kann es ja nur mehr besser werden!«
Wie sagt man so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Das Einzige, was mich in diesem Augenblick davon abhielt, wieder in meinen trockenen Geländewagen zu steigen, war der Gedanke, dann auch noch die sauberen Polsterbezüge zu ruinieren. Für einen Augenblick haderte ich mit mir, dann sah ich ein Licht am hinteren Ende der Baugrube, gut zehn Meter unter dem Straßenniveau.
Jeder andere hätte sich vermutlich auf den Heimweg gemacht. Aber mein Beruf bringt es mit sich, dass meine Auftraggeber oft an eher ungewöhnlichen Orten zu finden sind. Abgesehen davon sah ich kein Risiko mehr, den Zustand meiner Bekleidung noch zu verschlimmern.
Bevor die Frage aufkommt: Ja, ich bin auf dem Weg durch die Baugrube ausgerutscht. Allerdings frage ich mich, wem das auf den schlammigen, leicht angefrorenen Holzplanken nicht passiert wäre.
Fünf Minuten später stand ich jedenfalls vor meinem Ziel. Was ich entdeckte, hätte wohl jeden anderen Menschen dazu gebracht, an seinem Verstand zu zweifeln. Am hinteren Ende der Grube, die wahrscheinlich irgendwann eine Tiefgarage werden würde, erwartete mich der hell beleuchtete Eingang eines Wirtshauses. Über eine Breite von gut fünfzehn Metern erstreckte sich die aus grünen abgenutzten Holzpaneelen gefertigte Front, die in die Erdwand eingelassen war. Einzig die Eingangstür hatte ein Fenster und warf einen einladenden, Wärme verheißenden Lichtschein nach draußen.
Ich musste nicht lange nachdenken, denn ich hatte definitiv schon Verrückteres gesehen. Beherzt griff ich zum metallenen Griff. Begleitet vom sanften Klingeln eines Windspiels öffnete ich die Tür und trat in den warmen Gastraum.
»Willkommen am Ende der Welt«, begrüßte mich der Wirt mit fröhlicher Stimme.
»Wir sind zwar in Floridsdorf«, antwortete ich, von seinen Worten überrascht, »aber da vom Ende der Welt zu reden, klingt ein wenig übertrieben.«
Zwischen dem dichten schwarzen Bart des Wirtes erschien ein breites Grinsen. »Ob Ihr es glaubt oder nicht, das Ende der Welt ist allgegenwärtig.«
Dem wusste ich nichts hinzuzufügen. Ein Blick durch den Schankraum reichte, um zu erkennen, dass ich einen Ort betreten hatte, der sich hier und zugleich überall befand.
Der Boden aus robusten Holzbohlen war abgenutzt, aber sauber, die Tische und Bänke, soweit ich es erkennen konnte, frisch gewischt. Im Kamin prasselte ein Feuer, dessen flackernder Schein langgezogene Schatten in den Raum warf.
Es roch nach altem Holz, Bienenwachs, gutem Bier und warmen Speisen. Über all dem lag der Duft von frisch gemahlenem Kaffee. Augenblicklich fühlte ich mich heimisch, entspannt und willkommen.
Die Wände des Raumes waren von Tischen gesäumt, an denen ich unterschiedliche Wesen erkannte. Links von mir saß ein Ifrit zusammen mit einem Yokai, beide tief im Gespräch versunken. Rechts neben der Eingangstür erkannte ich mehrere Huldufólk und am anderen Ende des Gastraumes glaubte ich sogar eine Illuyanka zu erkennen.
»Ein illustres Publikum habt Ihr hier«, sagte ich an den Wirt gewandt, während sich unter mir langsam eine breite Pfütze aus Wasser und Schlamm bildete. Ich tropfte wie ein Pudel, der zu lange im Regen spazieren gegangen war.
Der Wirt stützte sich mit einem seiner muskulösen Arme auf die Theke und lehnte sich mir entgegen. »Ich habe für alle offen. Wen es zu mir zieht, der bekommt auch Einlass. So wie Ihr. Aber sagt, was bringt Euch zu mir?«
Mit feucht quietschenden Schritten ging ich auf ihn zu. Keiner der Gäste würdigte mich eines Blickes. Sie waren bestimmt Seltsameres gewohnt als einen durchnässten Mann mit Hut und Aktentasche. Ich griff in meinen Mantel und streckte dem Wirt meine Karte entgegen. »Ich wurde gerufen.«
Verdutzt sah er zuerst auf das kleine Kärtchen, dann zu mir. »IIII? Was ist denn das für ein seltsamer Name?«
Die Frage höre ich oft. Eventuell sollte ich doch einmal darüber nachdenken, mein Unternehmen umzubenennen. Aber dazu kann ich mich einfach nicht durchringen.
»Ignacio Ibon Ingvarr, meines Zeichens Inorzist«, stellte ich mich vor und erklärte zugleich die vier Buchstaben, die mein Logo darstellten.
Plötzlich trat Erkenntnis in sein Gesicht. »Ah! Ihr seid der Dämoneneintreiber. Dann solltet Ihr Euch gleich ins Hinterzimmer begeben. Man wartet schon auf Euch.«
Dabei deutete er über seine Schulter zu einer Tür, die hinter der Schanktheke lag. Für einen Moment verstummten die Gespräche um uns herum. Ein Zufall? Doch die meisten Anwesenden mussten wissen, dass ich keine Gefahr für sie darstellte. Ganz im Gegensatz zu den Dämonenjägern, für die Wien weltweit bekannt war.
Die knarrende Holztür führte mich in einen schmalen Gang, gesäumt von sieben verschlossenen Türen. Wandlampen warfen sanfte Lichtkegel auf den weichen grünen Teppichboden. Nur eine Tür am Ende des Korridors stand offen. Durch den schmalen Spalt fiel flackerndes Licht. Vorsichtig schob ich sie auf.
Der Raum war spärlich möbliert: ein Bett, breit genug für zwei, ein Schrank, ein kleiner Tisch mit zwei Sesseln. Alles war funktional und wirkte nichtsdestotrotz einladend. Mein Blick fiel sofort auf das Fenster an der Rückwand. Auf der anderen Seite der Glasscheibe erblickte ich einen Wald, den ich nur zu gut kannte. Mit den Bäumen, dem bemoosten Boden und den wilden Sträuchern sah er aus wie jeder andere Wald im Herzen Europas und trotzdem strahlte der Grubinger Forst eine Atmosphäre aus, die ich jederzeit und überall wiedererkennen würde. Bei Gelegenheit wollte ich den Wirt fragen, wie er das machte. Die Fähigkeit, Hunderte Kilometer Realität zu überwinden, könnte mir bei meinen Aufgaben gewaltige Benzinkosten sparen.
Auf dem Bett vor dem Fenster saß eine junge Frau. Sie war bestenfalls Anfang dreißig und damit grob zweihundert Jahre jünger als ich. Ihr zierlicher Körper wirkte durch die viel zu breite Jeanshose noch schmaler, als er ohnehin war. Eine abgewetzte Lederjacke hing lose über ihren Schultern und verdeckte die grüne Bluse, die so gar nicht zu dem restlichen Ensemble passte. Die langen schwarzen Haare betonten die tiefblauen Augen der Frau, aus denen sie mich traurig ansah.
»Irene?«, fragte ich.
Stumm nickte die Frau, in deren Blick Hoffnung aufflammte.
»Wie lange willst du noch rumstehen und sie anstarren?«, keifte mich eine Stimme von der Seite an.
Ich fuhr herum: Ein schwarzer, körperloser Schatten, wabernd wie Wasserdampf über einem Kochtopf, schwebte in der Ecke zwischen Schrank und Fenster.
Das musste mein Auftraggeber sein.
»Alter«, zischte der Schatten, »beeil dich mal! Ich habe Besseres zu tun, als hier herumzuhängen. Bist du der Eintreiber?«
Er wirkte ungehalten – nichts Ungewöhnliches für einen Dämon, der ausgetrieben worden war. Wie zuvor dem Wirt hielt ich ihm meine Karte hin, die er verständlicherweise nicht ergreifen konnte.
»IIII? Noch mehr Is hast du nicht mehr untergebracht? Klingt wie das, was die kleine Schwester meiner Freundin hier gesagt hat, als sie zum ersten Mal einen toten Marder gesehen hat. Aber bevor wir noch mehr Zeit verlieren, du bist also Ignatius?«
Das war neu. Endlich einmal ein Dämon, dessen Sprachgewandtheit weiter ging, als alles und jeden um ihn herum zu beschimpfen. »Ignacio Ibon Ingvarr, der einzige Inorzist in ganz Österreich«, korrigierte ich ihn.
Der Dämon schwebte näher an mich heran. »Ich hoffe mal, du hast so viel Feuer im Arsch, wie dein Name vermuten lässt.« Er wirkte nervös, sprang im Raum umher. Wahrscheinlich stand er unter Zeitdruck. Trotzdem mussten einige Dinge vorab geklärt werden.
»Ihr beide seid euch bewusst, dass ich als Inorzist einem strengen Kodex unterworfen bin?«
»Ja! Spar dir dein Blabla. Wenn sie es nicht freiwillig machen würde, dann hätten wir uns irgendeinen billigen Satanisten von der Straße holen können. Die Typen findest du heute im Internet im Sonderangebot. Aber ich will ihr ja nicht das Hirn grillen.«
Der Ansatz gefiel mir. Die meisten, die mich riefen, wussten nicht, worauf sie sich einließen.