← Zurück zum Buch
Michael Hirtzy

Vergessene Geschichten

Der Überlebende - Ausschnitt

Die folgende Geschichte ist, für mich persönlich, die düsterste jemals von mir verfasste. Sie habe ich speziell für diese Anthologie geschrieben. Sie ist völlig anders als alles, was ich bisher zu Papier gebracht habe.
Ich habe einen Hang zu dystopischem Horror, der sich auch in dieser Erzählung wiederfindet.
Mein Ziel war es, eine Geschichte zu schreiben, in der die Atmosphäre stärker wirkt als die Ereignisse. Wohlige Schauer werde ich mit dieser Erzählung sicherlich keine erzeugen.

Die verfügbare Zeit lief ab.
Unerbittlich, wie die Welten, die ihre Bahn um die Sonne zogen.
Schon die Suche nach dem Planeten hatte sie Tage gekostet. Den einen in diesem förmlichen Totenreich zu finden hatte sie an den Rand der Verzweiflung getrieben. So sehr sich die Welten in ihren Eigenschaften unterschieden, so sehr ähnelten sie sich zugleich. Jede einzelne war leer, kalt und leblos. Keine Spur, die darauf hindeutete, dass es hier einst eine blühende Kultur gegeben hatte.
Nur die Überreste der Kapseln hatten ihnen gezeigt, dass sie sich auf dem richtigen Weg befanden. Tage zuvor hatten sie einen kleinen Pulk jener für ihre Zwecke völlig unzureichenden Gebilde entdeckt. Völliger Zufall. Ein Glückstreffer. Siebzehn Kapseln, jede einzelne davon kaum größer als eine Ruheliege in ihren Quartieren. Die Sensoren hatten sie nicht einmal registriert. Es schien ein Wink des Schicksals, dass genau zum Zeitpunkt ihres Vorbeifluges eine davon mit einem Asteroiden kollidiert war. Das in der Kapsel befindliche Gasgemisch musste sich entzündet haben und hatte eine kleine, aber registrierbare Explosion ausgelöst. Ein singulärer Funken in den Weiten des Alls. Aber genug, damit die Bordsysteme der Tovkari anschlugen.
»Es ist jedes Mal dasselbe«, knurrte Ikram, die seit dem Erwachen aus dem Kryoschlaf knatschig schien. »Ich vertrage das Schnellaufwecken nicht. Das hängt mir tagelang nach.«
»Tagelang?« Davri lachte kehlig, was im Inneren seines Schutzhelmes wie ein Bellen klang. »Seitdem uns die KI so unsanft aus dem Tiefschlaf gerissen hat, sind neun Wachzyklen vergangen. Langsam sollte selbst dein fauler Körper die Nachwirkungen abschütteln.«
»Ich hasse die Aufwachphasen in den Schlafkammern. Die unerbittliche Kälte steckt mir jetzt noch in Mark und Bein.«
Davri schüttelte den Kopf. Jedes Mal führten sie die gleichen Diskussionen. Aber wehe er wagte es, Ikram zu fragen, ob sie es für eine gute Idee hielt, in den Suchdienst eingetreten zu sein. Dann schwang ihre Stimmung unverzüglich um. Von grummelig zu tödlich beleidigt. Sie stand mit voller Überzeugung hinter dem Programm. Wie er und Tausende andere Teams wollte sie intelligentes Leben finden. Eine Suche, die seit bald achthundert Jahren anhielt. In dieser Zeitspanne hatten sie vielleicht ein oder zwei Jahre in Wachphasen verbracht. Nur die in der Zwischenzeit eintreffenden Nachrichten aus der Heimat bestätigten ihnen, dass noch immer die Mehrheit der Bevölkerung hinter dem Projekt stand. Sie dachten langfristig und würden nicht aufgeben. Nicht, bevor sie den unerschütterlichen Beweis erhielten, die einzige hochentwickelte Spezies im Universum zu sein.
Nicht ein Suchteam hatte bisher auch nur den klitzekleinsten Hinweis darauf gefunden, dass es in den Tiefen der Unendlichkeit jemals eine weitere intelligente Spezies gegeben hatte. Ganz zu schweigen von Beweisen für die größte Hoffnung von allen. Doch genau dies trieb sie alle an. Die Suche nach einem Volk, das wie sie selbst das Universum erkundete.
Immer wieder hatten sich Zweifel in Davris wache Gedanken gedrängt.
Bis zu dem Augenblick, als sie brutal aus dem Tiefschlaf gerissen worden waren, um zu verifizieren, was die Bord-KI bereits vermutete. Das Gefundene löste Freude und Schock zugleich aus.
Siebzehn Kapseln. Jede davon beinhaltete die Überreste eines Lebewesens. Zuerst hatten sie die Behältnisse für Teile eines seltsamen Bestattungsrituals gehalten, bis sie die eine entdeckten, die alles veränderte.
Ikram schien denselben Gedanken nachzuhängen, während sich der Staub langsam um ihr Landeboot senkte. »Ich frage mich noch immer, was sie vorhatten. Wie konnten sie glauben, mit diesen mickrigen Dingern zu überleben? Es muss sie Jahrzehnte gekostet haben, an den Rand ihres Sonnensystems zu kommen. Ganz zu schweigen davon, welche Strecke und Zeit sie bis ins nächste Sonnensystem zu überwinden hatten.«
»Verzweiflung. Verblendung. Oder unendlicher Glaube an ihr technisches Können«, antwortete Davri.
»Keines davon eine gute Grundlage für so ein Unterfangen. Vor allem ihre Technik müssen sie weit überschätzt haben. Ihre Kryokammern sind kleiner als unsere, und die Technik … ich weiß nicht. Das sieht doch aus wie von einem Kind gebastelt. Wie konnten sie glauben, damit die Abgründe im Nichts zu überwinden?«
»Eines der Wesen hat immerhin überlebt.«
Ikram lachte freudlos. »Eines von wie vielen? Zehntausenden, Hunderttausenden? Denke an die Trümmer und Überreste, die wir beim Anflug entdeckt haben. Und wofür?«
»Um zu überleben«, antwortete Davri, der gleichzeitig an die Schleuse trat. Die Außensensoren sprachen eine deutliche Sprache. »Sieh dir die Daten an. Ihre Welt ist für sie zum Feind geworden.«
Zischend öffnete sich die Außenschleuse und setzte die beiden dem aus, was außerhalb der dicken, schützenden Wände ihres Landeschiffes auf sie wartete.
Der peitschende Sturm auf der toten Ebene fegte grauen, grobkörnigen Sand in das Innere der hellgelben Ausstiegskammer. Binnen weniger Sekunden legte sich ein klebriger, zäher Film über ihre Anzüge, die Wände und den Boden.
»So ein Mist«, zischte Ikram. »Das kostet uns Stunden, das wieder sauber zu bekommen.«
»Darüber würde ich mir keine Gedanken machen«, antwortete Davri mit einem Blick auf die Projektion in seinem Helmvisier. »Bei diesen Strahlungswerten scheint es mir besser, die Ausstiegskammer nach dem Start zu versiegeln und auf der Tovkari durch ein neues Modul zu ersetzen. Sobald wir in die Werft zurückkehren, können sie es wieder aufbereiten.«
Davri betrat als Erster den harten Untergrund der Fläche, die sie für die Landung ausgewählt hatten. Sie schienen sich in der Mitte einer Stadt zu befinden. Nirgendwo erkannte er Hinweise auf Vegetation. Soweit sein Auge reichte, sah er feste Flächen und Häuser, die sich wie Mahnmale in den Himmel reckten.
Einen Himmel, über dem tiefschwarze, wirbelnde Wolken hingen, die dazu bereit schienen, jedes Lebewesen zu verschlingen, das sich ihnen näherte.
»Siehst du das?«, fragte Ikram und deutete auf die Straße vor ihnen.
»Was?«
»Der Boden. Er ist unbeschädigt. Hier gibt es kein Unkraut, keine einzige Wurzel, die versucht, sich ihren Weg nach oben zu bahnen. Es sieht aus, als hätten sie das erst gestern fertiggestellt.«
Davri erkannte, worauf sie hinaus wollte. »Entweder haben sie die Flächen perfekt versiegelt, oder sie haben es geschafft, jegliche natürliche Vegetation auf ihrem Planeten auszurotten.«
»Vielleicht ist es nur hier so«, versuchte Ikram zaghaft den Anblick zu relativieren.
»Das, was wir beim Überflug gesehen haben, lässt nicht darauf schließen. Hast du irgendetwas Natürliches gesehen?«
Über den Funk hörte er, wie Ikram schluckte. »Nein.«
Sie schien einen Moment zu überlegen, dann sprach sie weiter: »Glaubst du, wir tun das Richtige?«
»Es zu retten?«, fragte Davri und dachte an das einzige überlebende Wesen, das sie geborgen hatten. »Auf jeden Fall. Wir haben uns der Aufgabe verschrieben, andere intelligente Spezies zu finden und mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Wie können wir nun auch nur daran denken, ein lebendes Exemplar sterben zu lassen?«
Seine letzten Worte klangen schärfer, als er vorgehabt hatte. Vor allem, da er ähnlich fühlte wie Ikram. Nach jahrhundertelanger Suche fanden sie ein atmendes, denkendes Lebewesen. Abgesandter einer Kultur, die offensichtlich die Fähigkeit besessen hatte, Tiefschlafkapseln zu bauen und ihre Bevölkerung damit auf eine Reise ins All zu entsenden. Und was mussten sie erfahren? Die Heimatwelt dieses Volkes glich der Hölle, wie sie sich nur der schlimmste Fantast ausmalen konnte.
»Du hast ja recht«, gab Ikram klein bei.
Eine Erleichterung, obwohl Davri sich sicher war, dass seine Partnerin weiterhin mit dem kämpfte, was sich ihnen darbot.
Wie konnten diese Lebewesen in so einer Umgebung existiert haben? Selbst dort, wo es die Sonne schaffte, einen matten Schein durch die alles verschlingende Wolkendecke zu werfen, erschien alles grau. Wohin das Auge auch fiel, Davri sah keine Farben. Nichts, was auch nur einen Hinweis darauf bot, dass diese Spezies darauf Wert gelegt hatte, ein freudiges, erfülltes Leben zu führen.