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Michael Hirtzy

Vergessene Geschichten

Die Galgenmühle - Ausschnitt

Was geschieht, wenn man als Autor eine zündende Idee hat? Man schreibt eine Geschichte.
Was geschieht, wenn es eine geplante Anthologie gibt, zu der diese zündende Idee perfekt passt? Man schreibt eine Geschichte.
Was geschieht, wenn man schon immer eine Story im Stil klassischer Gruselgeschichten verfassen wollte? Man schreibt eine Geschichte.
Und was macht man dann, wenn die Geschichte fertig ist, eingereicht wurde und dann die Anthologie aus gesundheitlichen Gründen abgesagt wird?
Nun ja, zuerst einmal der Herausgeberin gute Besserung und alles Gute wünschen. Aber dann ärgert man sich unweigerlich. Weil man einfach will, dass diese Geschichte gelesen wird. Gut, das will ich als Autor von all meinen Erzählungen, denn ein ungelesener Text ist der mit Abstand traurigste, den es gibt.
Daher findet Die Galgenmühle hier den Weg an die Öffentlichkeit und sorgt hoffentlich für ein wenig wohligen Schauer an regnerischen Herbstabenden.

»Eine Stunde my ass! Unter einem Hügel verstehe ich was anderes. Ich latsche mir hier seit Stunden den Arsch ab! Bin ich denn am Großglockner?!«
Hannes wusste, wie lächerlich er sich gerade verhielt. Andererseits tat es verdammt gut, seinem Ärger Luft zu machen. Auch wenn seine Stimme im Prasseln des Regens, der sich wie aus Eimern über ihn ergoss, beinahe unterging. Außer ihm musste es keiner hören. Was wohl auch gut war. Die Flüche, die er seit Stunden von sich gab, waren nicht für fremde Ohren bestimmt. Vor allem nicht für Jenny, der er das alles hier verdankte.
Ihr, der Chance, ihr endlich näherzukommen, und seiner großen Klappe. Jenny hatte die Memoiren seines Ur-Ur-wie-viel-auch-immer-Ur-Großvaters Ignaz Franz (was für ein Name) in der Bibliothek ausgegraben. Sie begeisterte sich für Ahnenforschung, und Hannes sich für Jenny. Kaum erfuhr sie, dass seine Ahnenreihe gut dreihundert Jahre zurückverfolgt werden konnte, wollte sie mehr wissen. Und dabei war sie auf dieses unsägliche Buch gestoßen.
Er, Hannes, nicht übermäßig erfolgreicher Philosophiestudent im 19. Semester, konnte auf einen Biedermeierautor zurückblicken. Das war doch mal was.
»Was habe ich Genie mir dabei gedacht?«, fragte er sich zum wiederholten Male, seitdem er vor vier Tagen diese Wanderung angetreten hatte. Zugegeben, er wusste, woran er gedacht hatte. Jenny und ihre langen, bis zum Po reichenden schwarzen Haare, ihren knackigen Hintern und … Nein, daran sollte er jetzt lieber nicht denken. Wenn er ehrlich zu sich blieb, hatte er gar nicht gedacht, sondern innerlich gehechelt. Wie hirnlos war er auf ihren Vorschlag eingegangen.
»Mach eine Pause von den Lehrveranstaltungen und geh seine Wanderung nach. Immerhin hat Ignaz auch studiert, als er sie gemacht hat.«
Die Worte hallten ihm noch immer in den Ohren. Und anstatt abzulehnen, hatte er laut »Klar, mache ich« geantwortet.
»Nachdenken und Konsequenzen abschätzen waren noch nie meine Stärken«, sagte Hannes, der in Stresssituationen oft mit sich selbst sprach, um seine aufwallende Wut zu unterdrücken.
»Du bist so ein Trottel!«, schalt er sich selbst. Mitten im nachtschwarzen Wald stand ihm niemand anderes zur Verfügung. »Wie konntest du glauben, dass die Trulla im Supermarkt die Entfernung auch nur annähernd abschätzen kann? Hier draußen ist vermutlich alles nur einen kurzen Marsch entfernt. Geht ja eh keiner zu Fuß. Fahren alle mit ihren SUVs.«
Keine Sekunde später knallte ihm der nächste Ast, den er im Stockdunkeln natürlich nicht sah, gegen den rechten Oberarm und brachte ihn zum Straucheln. Im Versuch, sich zu stabilisieren, setzte er einen viel zu großen Schritt, der in einem saftigen Schmatzen endete.
»Scheiße noch mal!«, brüllte Hannes, als sein rechter Wanderschuh bis über den Knöcheln in einer morastigen Lache versank. Das brackige, kalte Wasser suppte über den Schaft und durchweichte seine Socke. Damit wurde die Socke im linken Schuh sein einziges trockenes Kleidungsstück. Neben den Sachen, die er im Rucksack mit sich schleppte. Wobei sich dieser zwischenzeitlich ebenfalls so anfühlte, als hätte er sich, samt seines Inhaltes, in einen riesigen, vollgesogenen Schwamm verwandelt.
Nicht gerade das, was sich Hannes für die Wanderung vorgestellt hatte.
»Was hast du erwartet?«, fragte er sich selbst. »Deine letzte Waldtour war in deiner Schulzeit. Und jetzt musst du auf einmal auf Bergfex machen und willst zu Fuß von Wien nach Weitra gehen.«
Vier Tage hielt er schon durch, aber jetzt stand er kurz davor, einfach drauf zu pfeifen. Wenn es nur so einfach gewesen wäre. Denn Jenny hatte ihn förmlich dazu genötigt, sein Smartphone zurückzulassen. Er sollte es so angehen wie sein Ur-irgendwas. Ganz auf sich allein gestellt, in der Natur. Jeden Tag darauf angewiesen, sich spontan eine Unterkunft zu suchen.
In diesem Augenblick erinnerte er sich an einen Satz aus Ignaz‘ Memoiren: » … der Gedanke: Welche mitleidige Seel mir wohl heute ein Nachtlager umsonst geben würde, ängstigte mich, als ich nicht ferne von mir an einem Bache eine einsame Mühle stehen sah.«
Zumindest Geld und Kreditkarte hatte Hannes mitgenommen.
»Was dir am Arsch der Welt nicht weiterhilft!«, brüllte er seinen Frust heraus, während er den völlig durchnässten Fuß aus dem Schlammloch zog. Zumindest blieb der Schuh dran. Das hätte ihm noch gefehlt: Im schlammigen Morast, zwischen Ungeziefer, danach zu suchen.
Vorsichtig richtete er sich wieder auf, sah nach vorne in die Dunkelheit und glaubte, seinen Augen nicht zu trauen.
»Ja, leck mich doch«, stieß Hannes aus.
Wie hatte er das bisher übersehen können? In der Ferne leuchteten ihm zwei rechteckige Flecke entgegen. Die Entfernung war schwer abzuschätzen. Um mehr als zweihundert Meter konnte es sich nicht handeln. Wenn er nicht plötzlich unter Halluzinationen litt, dann befand sich da vorne ein Haus.
Die Erschöpfung, die ihn gerade noch fest im Griff gehalten hatte, schien wie weggeblasen. Von neuem Mut getrieben, machte sich Hannes schnurstracks auf den Weg. Mit jedem Schritt, den er setzte, kamen die Lichter näher, bis es offensichtlich wurde, dass es sich um Fenster handelte. Hannes hastete förmlich auf die nahe Rettung zu.
Bald trennten ihn nur mehr zwanzig Meter von seinem Ziel. Er ließ die Bäume hinter sich und trat auf eine Lichtung. Der Regen machte es ihm fast unmöglich, einen klaren Blick zu erhaschen. Trotzdem erkannte er, dass vor ihm kein modernes Einfamilienhaus lag. Vielmehr schien es sich um eine alte, aus breiten Holzbalken gefertigte Mühle zu handeln. An der linken Seite, in einem Bach, dessen Rauschen er durch den Regen nicht hören konnte, drehte sich das alte Mühlrad. Die Fenster zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. Nicht nur wegen der Verheißung, Schutz vor dem Unwetter zu finden, sondern vor allem, da er erkannte, dass starke, schwere Eisengitter sie verwahrten. Hannes fühlte sich unangenehm an eine Haftanstalt erinnert.