In der Stille der Nacht
»Denkst du, es wird überhaupt etwas geben, wohin wir zurückkehren können?«
Überrascht von Batus Stimme zuckte Sarah zusammen. »Du bist hier?«, fragte sie verwundert, bevor sie sich vom breiten Beobachtungsfenster fortdrehte. Es schmerzte, sich von jener Welt abzuwenden, die zu erreichen sie den Großteil eines Jahres gekostet hatte. Ganz zu schweigen von den siebzehn Jahren Kampf gegen Bürokratie, schrumpfende Budgets und den schwindenden Glauben der Bevölkerung an die gesamte Mission.
»Die Crew wartet auf dich.« Traurig lächelnd schwebte der zweite Kommandant der IMS vom Verbindungsmodul auf sie zu.
Die Internationale Mars-Station. Was für ein Hohn. Geplant als erster Schritt zur gemeinsamen Erforschung jenes Planeten, von dessen Kolonisation die Menschheit seit Jahrzehnten träumte. Nun würde nichts davon übrigbleiben als jene vier zusammengesetzten Module, die ihre beiden Schiffe mitgebracht hatten. Nach ihnen würde niemand mehr folgen. Weder Astronauten noch weitere Module, um die Station zu einem Fassungsvermögen von rund einhundert Bewohnenden auszubauen.
Der Schalk, der in Batus Augen glänzte, war verschwunden, vertrieben von den tiefen Sorgenfalten, die nun sein Antlitz dominierten.
Sarah stieß sich vom Sichtfenster ab und glitt langsam auf ihn zu. In der Mitte des zwölf Meter durchmessenden, kreisrunden Raumes streckte sie einen Arm nach oben, um sich an einem Handgriff abzubremsen. So verharrte sie einen Moment still vor dem mongolisch-chinesischen Wissenschaftler, den sie in den letzten Monaten meist nur über hunderttausende Kilometer Entfernung in Videoübertragungen gesehen hatte.
»Das war es also?«, fragte Sarah. »Hundertachtunddreißig Tage Flugzeit für die Kensaku und die Arshavord, damit wir auf dem Absatz kehrtmachen und mit eingezogenem Schwanz zurückfliegen? All das Geld, die Zeit und die Ressourcen verschwendet. Wofür?« Ein tiefes, kehliges Lachen drang über ihre Lippen.
Batu zuckte mit den Schultern. »Das, meine Liebe, nennt man Politik.«
»Scheiß auf Politik«, zischte Sarah. »Wir sind Forschende. Menschen der Wissenschaft. Keine Betonköpfe, die sich gegenseitig die Schädel einschlagen.«
Batu legte den Kopf zur Seite, so wie sie es während des langen Herfluges oft bei ihm gesehen hatte. Immer dann, wenn sie sich über Entscheidungen der Mission Control aufregte. »Babuschka, wie oft muss ich es dir erklären? Es sind diese khöndii liir, die uns finanzieren.«
Sarah kniff die Augen zusammen. »Den Begriff kenne ich nicht.«
»Hohlbirnen«, antwortete Batu, dessen Augen dabei leuchteten.
Auch auf Sarahs Gesicht stahl sich ein verhaltenes Lächeln, das jedoch so schnell verschwand, wie es gekommen war. »Treffend, wie immer. Aber es ist egal, wie wir sie nennen. Sie nehmen uns die Mission weg, bevor sie richtig begonnen hat. Und das alles nur, weil sie es nicht zustande bringen, sich über irgendwelche Grenzen einig zu werden.«
»Es ist ein Wunder, dass die Mission überhaupt starten durfte. Die Konflikte gären seit Jahren.«
»Und gerade jetzt musste es eskalieren!«, schnaufte Sarah, die ihren Frust am liebsten laut hinausbrüllen wollte. Doch was würde es ihr bringen? Nichts. Nicht hier, wo sich niemand befand, der an der Situation irgendetwas verändern konnte.
»Was hast du erwartet? Dass unsere Regierungen ihre Konflikte zurückhalten, bis wir unsere Mission abschließen?«
»Damit würden sie die Gelder, die sie über Jahre hinweg genehmigt haben, zumindest nicht beim Fenster rauswerfen. Aber so? Wenn wir jetzt nicht weitermachen, werden diese popeligen Module alles sein, was am Ende von der menschlichen Kolonisation des Sonnensystems übrigbleibt.«
Sarah kämpfte gegen den Wunsch zu schreien an. Batu konnte nichts dafür. Wie sie war er ein Getriebener. Abhängig von Bürokraten, deren Horizont an ihrer Nasenspitze endete. Oder manchmal, so vermutete Sarah, hinter ihrer Schädeldecke.
»Es geht um viel mehr«, versuchte Batu sie zu beruhigen. Während der Reise, bei der sie nur per Video Kontakt zueinander gehabt hatten, war es oft er gewesen, der sie davon abhielt, überhastete Entscheidungen zu treffen. Meist, indem er ihr in Erinnerung rief, dass es Größeres zu bedenken gab. Und immer holte er Sarah mit denselben Worten ab. Eine Formulierung, die Sarah zugleich liebte und hasste.
Auch dieses Mal verfehlte er sein Ziel nicht: »Sie streiten um Ressourcen, von denen wir beide auch abhängig wären. Wenn wir uns nicht hier draußen, weit weg von den täglichen Einschränkungen, befänden. Lass unsere Mission beiseite und überlege, was für eine Goldgrube unsere Schiffe sind.«
Sarah hob eine Augenbraue. »Du meinst …«
Batu nickte. »Wasseraufbereitung, Lufterneuerung, ganz zu schweigen von unseren Antrieben, der Elektronik, den Computern. Alleine in der Arshavord stecken Rohstoffe, für die unsere Politiker Kriege führen würden.« Er stockte und sein Blick schweifte zum Fenster, durch das Sarah die letzte Stunde auf die rote Oberfläche des Planeten unter ihnen gestarrt hatte.
»Nicht würden«, sagte Sarah leise. »Genau deswegen stehen sie sich gerade gegenüber. Jeder mit dem Finger bereits über dem roten Knopf, nur darauf wartend, wer zuerst Schwäche zeigt.«
Batu stieß sich ab und glitt an Sarah vorbei zum Fenster. Sie konnte nur erahnen, welche Widerstände er hatte überwinden müssen, um das Projekt auf seiner Seite voranzutreiben – die Mission zum Mars, gestartet in einer Phase, in der viele glaubten, der fragile Frieden könnte sich in ein anhaltendes Band der Gemeinschaft wandeln. Doch wie ein einsames Pflänzchen, das sich durch den kalten Asphalt der Städte kämpfte, wurde die Hoffnung von den brutalen Sohlen der Realität zermalmt.
Batu deutete hinaus, zu jener Welt, von der sie glaubten, auf ihr einen Neuanfang für die Menschheit finden zu können. »Sie hofften auf eine schnelle Ernte. Nichts anderes hat unsere Pläne vorangetrieben: der Gedanke daran, hier die Rohstoffe zu finden, die zu Hause benötigt werden, um ein sterbendes System am Leben zu erhalten.«
Er musste es Sarah nicht erklären. Sie wusste es genauso gut wie er. Die erhofften wissenschaftlichen Erkenntnisse standen in der Erforschung des Weltraums schon lange an zweiter Stelle.
»Ressourcen, von deren Abbau wir Jahrzehnte entfernt sind. Sofern wir sie überhaupt in ausreichender Menge erlangen und transportieren könnten.«
»Eine Wahrheit, die niemand auszusprechen wagt. Oder hast du den Fantasien widersprochen?«
Sarah hüstelte beschämt, bevor sie antwortete: »Ich habe ihnen nie zugestimmt.«
»Aber auch nicht widersprochen.« Batu wandte sich wieder zu ihr. »Denk dir nichts dabei. Ich doch auch nicht. Genauso wenig wie meine Vorgesetzten. Niemand in der langen Kette der Verantwortlichen wollte zugeben, dass es vergebene Liebesmühe ist. So, wie unsere Regierungen ihre Pläne vorantreiben, haben wir alles darangesetzt, diese Mission Realität werden zu lassen.«
»Zu langsam«, sagte Sarah, die ihm nicht widersprechen konnte. »Wären wir schneller gewesen, dann …«
Batu unterbrach sie mit einer wegwerfenden Geste. »Dann wäre es früher zum nächsten Konflikt gekommen. Der Traum vom Mars hat sie alle eine Zeitlang zurückgehalten. Doch der Glanz der interplanetaren Reise begann schon wenige Tage nach unserem Start zu schwinden. Schmalzige Werbevideos ziehen besser als die Realität der von Tag zu Tag langweiliger werdenden Statusmeldungen. Die Routine der Raumfahrt ist nichts, was die Massen bei Laune hält. Nicht, wenn alles nach Plan verläuft.«
»Hätten wir denn eine Havarie bauen sollen?«, fragte Sarah.
»Medientechnisch wäre das vermutlich die bessere Wahl gewesen. Heldenhafte Tode. Ein lebensbedrohlicher Rettungseinsatz. Damit hältst du die Masse bei Laune. Brot und Spiele. Gladiatorenkämpfe. Nicht die Information über eine Vakuumtoilette, die wieder einmal spinnt, und dass die Nahrungsmittelaufbereitung die Suppe zu heiß macht.«
Sarah musste kichern, obwohl ihr nicht danach zumute war. »Ich vermute, jetzt ist es zu spät für eine veritable Krise?«
»Im Angesicht eines drohenden Atomkrieges wären wir nur eine Fußnote in den Nachrichten. Selbst wenn uns hier draußen der ganze Laden um die Ohren fliegt.«
Sarah seufzte. »Und jetzt?«
Batu schwebte zurück zu ihr und legte seine schmale Hand auf ihre Schulter. »Schuldest du mir noch immer die Antwort auf meine Frage.«
Sarah verzog die Lippen und sah ihn an, bis sie sich daran erinnerte. »Ob es etwas geben wird, wohin wir zurückkehren können? Wenn ich die heutigen Nachrichten höre, hege ich Zweifel.«