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Michael Hirtzy

In der Stille der Nacht

Kapitel 4

Zoe verweigerte eine weitere Auskunft über das Interkomsystem mit einem einzigen Satz: »Ich bin nicht sicher, wer mithören kann.«
Eine Überlegung, die Sarah nachvollziehen konnte. Im Moment erfüllte die Kensaku die Aufgabe des technischen Moduls für die IMS. Das zweihundert Meter lange Schiff versorgte die Stationsmodule mit Energie, Atemluft und allen technischen Anlagen, die benötigt wurden, um Menschen den Aufenthalt ohne schwere Schutzanzüge zu ermöglichen. Für die Autarkie fehlte es der IMS an den auf der Erde wartenden Versorgungsmodulen. Zu den mitgenutzten Systemen zählte das Interkom genauso wie Teile der Energieversorgung. Mit der Ankunft der Arshavord waren diese an das Netzwerk angekoppelt worden.
»Danbi?«, fragte Sarah mit einem Blick zu Batu.
Er reckte einen Daumen hoch und schob die Oberlippe nach vorne. »Leicht möglich. Oder habt ihr Protokolle zur Netzwerkabsicherung am Laufen?«
»Keine Ahnung. Dazu kann dir nur Reiji Auskunft geben. Aber ich denke nicht, dass wir allzu viel Absicherung haben. Wer sollte uns hier draußen schon hacken?«
Der Weg von ihrer Kabine, die sich im drehenden Habitatring befand, führte die beiden durch eine der sechs Verbindungssäulen zum Mittelteil der Kensaku. Auf halber Strecke des fünfzig Meter langen Schachtes fühlte Sarah, wie die Schwerkraft nachließ. Ihre Füße lösten sich vom Boden und sie stieß sich ab, um weiter zu schweben. Im wulstigen Mittelteil der Kensaku befand sich, neben den technischen Anlagen und einem Teil der Speicherbatterien, ebenso der Übergang zur IMS. Nach dem Passieren der Schleuse führte ein achtzig Meter langer Tunnel hinüber zum Verteilermodul. Den Tunnel hatte Sarah schon Hunderte Male überwunden. Trotzdem schauderte ihr bei dem Gedanken, nur von einer gerade daumendicken Polymerwand von der tödlichen Kälte des Weltalls getrennt zu sein. Die Länge des Tunnels brauchten sie, damit die ständig rotierenden Habitatmodule der beiden Schiffe nicht aneinanderschlugen.
Wie jedes Mal setzte Sarah zusätzliche Kraft ein, um sich zu beschleunigen und den gespenstischen Schlauch möglichst schnell hinter sich zu bringen. Am Übergang zur IMS streckte sie ihre Arme zu beiden Seiten aus und bremste sich an den Handgriffen der Schleuse ab. Mit einem Ruck kam sie zum Halt, bevor sie sich nach oben zur Deckenschleuse abstieß. Anschließend glitt sie durch den leergefegten Aufenthaltsraum weiter hinauf in das Sensormodul.
»Da bist du ja endlich«, begrüßte sie Zoe, die wach und ausgeruht aussah. Wie die junge Wissenschaftlerin dies zustande brachte, stellte für Sarah ein Rätsel da.
»Wir haben so schnell gemacht, wie es ging«, antwortete Batu, der soeben hinter ihr durch den Übergang schwebte.
Überrascht hob Zoe eine Augenbraue. »Ich dachte, Serdar konnte dich nicht erreichen?«
»Ist auch so!«, rief der turkmenische Techniker vom anderen Ende des Raumes, wo er vor mehreren aktiven Displays stand.
»Er war gerade in meiner Kabine«, antwortete Sarah.
Zoes sich plötzlich weitende Augen und Serdars unterdrücktes Lachen machten ihr erst bewusst, wie verfänglich diese Klarstellung klingen musste. Sarah warf einen Blick über die Schulter und sah, wie Batu rot anlief, den Mund halb geöffnet. Kein Laut drang über seine Lippen.
»Nicht, was ihr denkt«, schob Sarah schnell nach.
»Geht uns ja nichts an«, kommentierte Zoe, die sich offensichtlich wieder fasste und dann zu Serdar deutete. »Hauptsache, ihr seid hier. Wir haben etwas entdeckt. Das werdet ihr nie glauben. Die beiden Teleskope haben gefunden, wonach wir gesucht haben. Ich kann es gar nicht beschreiben. Es ist völlig …«
Die Worte sprudelten wie ein Wasserfall hervor und Sarah sah sich gezwungen, sie mit einer harschen Geste zu stoppen. »Zoe! Stopp! Du bist zu schnell. Hol erst mal Luft.«
Die Wissenschaftlerin brach mitten im Satz ab und wurde kalkweiß. Ihre Hand zuckte hoch und legte sich vor ihren Mund. »Sorry.«
»So hat sie vorhin auch reagiert«, sagte Serdar, der sich umdrehte und zu ihnen gesellte. »Mir scheint, Zoe ist etwas überschwänglich, wenn sie in Fahrt kommt.«
Sarah legte ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter. »Du überholst dich selbst, wenn du aufgeregt bist. Da du die Teleskope erwähnst, vermute ich, es geht nicht um eine akute Gefahr für uns?«
»Nein, natürlich nicht«, beeilte sich Zoe zu versichern.
Batu schob sich neben Sarah und sah zu Serdar. »Wir reden von den Teleskopen, die ihr einfach da rausgerichtet habt, um ein wenig ins All zu schauen. So ähnlich habt ihr es ja beschrieben. Richtig?«
»Nun ja, das entspricht nicht ganz der Wahrheit«, gab Serdar zu.
Sarah brauchte keine Psychologin zu sein, um das Unbehagen der beiden zu erkennen. Wie ein bei einem Streich ertapptes Kind hob Zoe die Schultern und biss sich auf die Unterlippe.
»Eiern wir nicht drum herum. Wohin habt ihr die Teleskope ausgerichtet?«, fragte Sarah, die schon das Schlimmste befürchtete. Sie hoffte, die beiden hatten sich nicht dazu entschieden, die hochsensiblen optischen Einrichtungen auf die Erde auszurichten. Wenn sie dort etwas entdeckt hatten, das nicht für ihre Augen bestimmt war, konnte ihnen das richtigen Ärger einbringen.
»Auf den Bereich hinter Pluto. Hinaus in den Kuipergürtel.«
Sarah atmete auf, selbst wenn sie glaubte, nun noch weniger zu verstehen.
»Das ist ja schön und gut. Aber warum dann diese Aufregung? Da draußen ist nichts«, kam Batu ihr zuvor.
»Sagt euch Arawn etwas?«, fragte Zoe.
»Gar nichts«, antwortete Sarah, während Batu nur den Kopf schüttelte.
»New Horizon?«, fragte daraufhin Serdar.
Irgendwie kam der Name Sarah bekannt vor, doch sie konnte ihn nicht zuordnen.
»Die NASA-Sonde«, ergänzte Zoe, und da stellte Sarahs Gehirn die notwendigen Verbindungen her.
»Nein!«, fauchte sie ungehalten. »Jetzt wird es mir zu bunt. Ihr holt mich um Mitternacht aus meiner Kabine, weil ihr mit den Teleskopen die Überreste einer vor gut fünfzig Jahren gestarteten alten Raumsonde gefunden habt? Zoe! Du scherzt!«
»Wenn ja, kann ich nicht darüber lachen«, warf Batu hörbar verärgert ein.
Sarah überlegte, einfach auf dem Absatz kehrtzumachen, doch Zoes verzweifelter Blick hielt sie zurück. Es musste mehr dahinterstecken, von dem sie nicht wusste, wie sie es sagen sollte. Sarah holte tief Luft und bedeutete Batu, ihr einen Moment zu geben. »Okay. Ich bin hundemüde und will in mein Bett. Was ist Arawn und was hat es mit New Horizon und uns zu tun?«
Die beiden sahen sich an. Sekunden verstrichen in völliger Stille, bis Serdan Zoe signalisierte, die Erklärung zu übernehmen.
Sie schien zu überlegen, holte tief Luft und wandte sich dann wieder an Sarah und Batu: »Das wird eine längere Erklärung.«
»Auf eine Minute mehr oder weniger kommt es jetzt nicht mehr an«, stellte Sarah fest.
»Okay. Das alles begann 2016. Damals passierte die New Horizon-Sonde planmäßig Pluto, um sich weiter in den Kuipergürtel zu bewegen. Nach dem Vorbeiflug registrierte das LORRI - eine Langstreckenaufklärungskamera - ein seltsames Objekt.«
»Das klingt mir aber wenig wissenschaftlich«, unterbrach sie Batu.
»Korrekt. Aber damals wurde es genau so beschrieben. Bei der ersten Aufnahme reflektierte das Objekt Licht. Wenig später schien es verschwunden, um Stunden danach wieder aufzutauchen. Schnell zeigte sich ein Muster, ein Rhythmus. Es rotierte mit einer Geschwindigkeit von rund fünfeinhalb Stunden. Und das bei einem Durchmesser von über einhundert Kilometern. New Horizon hatte ein Objekt in der Größe von Zypern gefunden. Allerdings drehte es sich sechs Mal am Tag um die eigene Achse. Viel zu schnell für einen Asteroiden. Damals wurde es nur vermutet, heute wissen wir, dass die Objekte im Kuipergürtel zum Großteil aus Eis und Fels bestehen. Doch das entdeckte Objekt war dafür zu schnell. Die Zentrifugalkräfte hätten es auseinanderreißen müssen.« Zoe pausierte, wie um ihnen Zeit zu geben, alles Gehörte zu verarbeiten.
»Du hast unsere Aufmerksamkeit«, sagte Sarah.
»Das Ding war riesig, darüber gab es keine Zweifel. Auf seiner Oberfläche hättest du London, Rom, Berlin, Wien und einige Städte dazu untergebracht. Und das Ding bewegt sich gleichmäßig wie eine Zentrifuge. Die NASA entschied, New Horizon näher heranzuschicken, um genauere Bilder und weitere Daten zu erfassen. Doch während der Annäherung, gerade als die Sonde dicht genug dran war, um brauchbare Aufnahmen zu machen, brach die Verbindung ab. Stunden später, nachdem New Horizon sich bereits jenseits des Objektes befand, meldete sich die Sonde wieder.«
Wieder pausierte Zoe, was Sarah dazu veranlasste, ihr zu bedeuten, weiterzusprechen. Sie wollte wissen, worauf das Ganze hinauslief.
»Die Aufzeichnungen dazu, zumindest die wenigen, die von der NASA damals veröffentlicht wurden, fand ich in den Unterlagen meines Großvaters. Er vermachte mir seine gesammelten Werke. Vier Jahrzehnte Wissenschaftsjournalismus. Sein Geschenk an mich, nachdem ich meinen Wunsch verlautbarte, Antriebstechnik und Astrophysik zu studieren. Gefunden habe ich das alles bei der Recherche für eine Arbeit über Geschichte der Raketenantriebe.«
»Das war‘s?«, wollte Sarah wissen, die weiterhin nicht verstand, worum es bei der ganzen Aufregung ging. »Eine ausgefallene Sonde und ein nicht erklärbares, rotierendes Irgendwas?«
Zoe schüttelte den Kopf, wobei ihre Haare einen schwebenden Kranz um ihr schlankes Gesicht legten. »Nein. Bei Weitem nicht. Nico - mein Großvater – interessierte sich damals dafür. Er versuchte, mehr herauszufinden, aber egal, mit wem er Kontakt aufnahm, er wurde nur auf die offiziellen Daten der NASA verwiesen. Selbst die ESA, die damalige europäische Weltraumagentur, die Hunderte Millionen in New Horizon investiert hatte, blockte ihn ab. Einzig den inoffiziellen Namen des Objekts erfuhr er hinter vorgehaltener Hand: Arawn. Mehr nicht. Niemand wollte darüber sprechen. Schon gar nicht über den Übertragungsausfall. Ein technischer Bug wurde vorgeschoben. Ein falsch übertragener Datenstrom von der Kontrollstation, der die Computersysteme von New Horizon zum Abstürzen und Rebooten brachte. Nichts davon ergab Sinn. Vor allem nicht, da alle weiteren Sonden, die in den Jahrzehnten danach folgten, seltsamerweise nie ein Auge auf diesen Bereich warfen.«
Jetzt wurde es spannend. Sarah fühlte, wie ihre Müdigkeit langsam schwand.
»Und mit Teleskopen hat niemand nachgesehen?«, fragte Batu.
»Die Frage habe ich Zoe zuvor schon gestellt«, warf Serdar ein. »Gleich nachdem sie mir vor zwei Wochen die Geschichte erzählt hatte.«
»Spann uns nicht auf die Folter«, unterbrach Batu die folgende Stille.
»Die Daten von damals sind heute im öffentlichen Zugriff. Du kannst dir alles, was das James-Webb-Teleskop und sein Nachfolger, das Frank Drake, aufgezeichnet haben, im Web herunterladen. Petabyte an Daten. Aber egal, wo du suchst, genau diese Region findest du nicht.«
Sarah konnte nicht glauben, was die beiden ihr da erzählten. »Behauptet ihr, dass dieser Bereich nie untersucht wurde?«
»Untersucht schon«, antwortete Zoe. »Arawn lag mehrmals im Aufnahmebereich beider Teleskope.«
»Dann gibt es doch Bilder?« Batu klang wieder ungehalten.
»Eben nicht«, antwortete Serdar. »Die Bilder zeigen den Kuipergürtel. Allerdings handelt es nicht um jene Region, in der sich Arawn befindet. Das belegt ein Vergleich der Hintergrunddaten. Die Aufzeichnungen wurden manipuliert. Oder ersetzt.«
»Ihr wisst, wie wirr diese Erzählung klingt?«, fragte Sarah, die versuchte, in dem Ganzen einen roten Faden zu finden. »Vor allem aber fehlt mir noch immer die Erklärung, warum ihr uns deswegen mitten in der Nacht herruft. Wobei ich langsam einen Verdacht habe.« Sie lächelte und deutete nach oben. Dorthin, wo sich die Teleskope des Sensormoduls befanden. »Lasst mich raten. Ihr habt unsere beiden Kleinen ganz zufällig dorthin ausgerichtet?«
Zoe nickte.
»Und habt ihr das Objekt gefunden?«
Nie zuvor hatte Sarah Zoe so laut ein- und wieder ausatmen gehört. Die Wissenschaftlerin zitterte. War es Angst oder Aufregung, die sie zögern ließ? Endlich fasste sie sich wieder. »Wir haben es erfasst. Das ist allerdings nicht das Problem.«
Langsam fühlte sich Sarah wie auf dem heißen Stuhl. »Könntest du aufhören uns auf die Folter zu spannen? Wir sind bei dir. Hören zu. Also einfach geradeheraus, was habt ihr gemacht?«
Zoe zuckte zusammen, fasste sich aber augenblicklich wieder. »An dem Tag, nachdem wir das Sensormodul aktivierten, führten wir die ersten Messungen durch und fanden Arawn genau dort, wo wir es erwarteten. Leider fehlte uns die Zeit für längere Beobachtungen. Durch die technisch notwendigen Justierungen und die Arbeiten an den Computersystemen konnten wir die Teleskope einige Tage lang nicht nutzen. Gestern wollten wir die Systeme dann nochmals ausrichten, um einen genaueren Blick auf Arawn zu werfen. Aber Arawn befindet sich nicht mehr dort, wo es sein sollte. Das Objekt bewegt sich und ist aktuell bereits diesseits von Pluto. Es ist auf dem direkten Kurs zur Erde.«