Chimärenstadt
MEX
Sie lag stocksteif auf dem Bauch, ihre Muskeln verkrampften.
Der Polizist saß auf ihr, hatte ihren Körper zwischen seinen Beinen eingeklemmt, drückte ihr seinen harten Unterarmprotektor in den Nacken. Ihr Genick musste jeden Moment brechen. Sie bekam keine Luft, konnte sich nicht rühren, lauschte auf seinen schnellen Atem. Seine Wut ließ seinen Unterarm zittern.
Wahrscheinlich sollte sie hoffen, dass er sie im Affekt umbrachte, bevor er auf schlimmere Ideen kam.
Sie hatte ihn sofort erkannt. Es war der gruselige Typ mit den weißen Haaren und den leeren Augen. Er hatte sie auf der Flucht von der Plantage verfolgt und sie aus der Fallgrube geholt.
Wieso tauchte ausgerechnet der hier auf?
Sie konnte spüren, dass sich sein Atem etwas beruhigte. Plötzlich ließ der Druck auf ihren Nacken nach. Er packte ihre Schultern, drehte sie auf den Rücken und setzte sich sofort wieder auf ihren Bauch. Jetzt sah er sie direkt an, und plötzlich wirkten seine seltsamen Augen gar nicht mehr leer, sie konnte seine Wut darin flackern sehen. Seine Kiefermuskeln traten aus seinen Wangen hervor.
„Hast du geglaubt, ich lasse dich entkommen?“, zischte er.
Panik ergriff Mex, als er die rechte Faust vor ihr Gesicht hob. Mit einer winzigen Bewegung bog er sein Handgelenk nach vorn und die blitzend scharfe Klinge zischte oberhalb seiner Finger¬knöchel aus seiner Armschiene.
Sacht schob er mit der Spitze der Waffe ihr Kinn nach oben, sodass ihre Kehle frei lag.
Okay. Das war’s.
Sie schloss die Augen.
Sie spürte, wie ihr Körper unkontrolliert zitterte, konnte nichts dagegen machen. Er merkte es auch.
„Du hast Angst vorm Sterben und trittst mir trotzdem in die Eier?“, erkundigte er sich, während er mit der Klinge über ihren Hals fuhr, bis die messerscharfe Spitze an der kleinen Kuhle zwischen ihren Schlüsselbeinen ankam.
Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Kann ich sie haben, wenn Du mit ihr fertig bist, Hunter?“
Mex öffnete die Augen wieder. Der Wachmann mit den fettigen Haaren grinste über die Schulter des Polizisten hinweg. Sie konnte seine faulen Zähne sehen.
Der Polizist blinzelte, als wäre er gerade aus einem Traum erwacht. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Die Wut verschwand, als hätte er eine Maske aufgesetzt. Im nächsten Moment ließ der Druck der Klinge an ihrem Hals nach. Mit einem leisen Zischen zogen sich die Waffen in die unscheinbaren Schienen der Protektoren an seinen Unterarmen zurück.
Sein Blick war eisig, als er zu dem Wachmann aufsah. Der hörte abrupt auf zu grinsen und trat einen Schritt zurück.
„Sie kennen die Vorschriften, Major“, sagte der Polizist mit einem scharfen Unterton in der Stimme. „Ich sehe keine Merkmale, die eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen.“
Er stand auf und zog Mex auf die Füße. Ihre Beine gaben nach, er packte sie am Kragen.
„Und es gibt keinen Besitzer, der Ansprüche erhebt, also…“ Er zögerte einen Moment. „…wird sie, wie vorgesehen, in der Energiegewinnung verwertet.“
ZAC
Er war ein Feigling.
Nicht, weil er der Muschi wieder nicht ihren hübschen Kopf abgeschnitten hatte – auch wenn Grimm ihm deswegen die Hölle heiß machen würde.
Im Nachhinein war er sogar froh, dass sie noch lebte. Der vor Gier sabbernde Crispy hatte die gleiche Wirkung auf ihn gehabt, wie ein über seinem Kopf ausgekippter Eimer kaltes Wasser. Auch wenn sein Team ihn nun endgültig für einen Versager halten würde – er war nicht bereit, zu einem sadistischen Wichser zu mutieren, der Chimären zu Tode folterte, um sich seinem armseligen Leben zum Trotz für ein paar Momente mächtig zu fühlen.
Er würde sie vorschriftsmäßig in der Energiegewinnung abliefern, auch wenn der Unterschied zum Foltertod in diesem Fall dann lediglich ein rechtlicher wäre.
Nicht zu rechtfertigen war hingegen, dass er zu vertuschen versuchte, dass ihm der Flügeljunge und die zweite Einbrecherin durch die Lappen gegangen waren.
Sein Vater würde ihm ins Gesicht spucken.
Steh wenigstens zu deinen Fehlern, sagte er immer. Arschlecken. Creep würde auch keinen Fehler zugeben, der ihn seinen Posten als Marshall kosten würde. Im Gegenteil, er würde jemand anderen den Kopf dafür hinhalten lassen.
Und Zac wollte nicht als Aufseher in einem Schweinestall landen.
Deshalb hatte seine knappe Meldung an Grimm gelautet: Gesuchte Person wurde festgenommen, wird umgehend der Energiegewinnung zugeführt. Fahndung nach BioX-K-BIE-29-13 kann eingestellt werden.
Crispy hatte er für seine kompetente Unterstützung gedankt, und gesagt, dass er ihm seinen Bericht schicken würde, den er dann nur in sein Protokoll übernehmen bräuchte. Natürlich würde er ihn und sein Team lobend erwähnen. Zac ging davon aus, dass auch Crispy nicht scharf darauf war, den Verlauf des Einsatzes detailliert wiederzugeben.
Er war erbärmlich.
Schon wieder drohte sein Zorn auf sich selbst in Zorn auf das Mädchen umzuschlagen, das ihm die ganze Scheiße eingebrockt hatte.
Ihr Blick flitzte gerade über das Dach von F4, auf dem sein Bike stand. Dann zu den Hochstraßen, die am Gebäude vorbei¬führten, sich über ihnen zu einem Netz verdichteten. Staunend, als würde sie sie zum ersten Mal sehen. Ihre honigfarbenen Augen waren echt ein Hingucker.
Vermutlich suchte sie aber nur nach einer Möglichkeit, ihm zu entkommen.
Grob packte er ihr Handgelenk und kettete es mit einer Hand¬schelle an die dafür vorgesehene Öse an seinem Bike.
Sie war ziemlich klein, zierlich, ihren Unterarm konnte er leicht umgreifen, mit Hilfe von ein bisschen Wut vermutlich auch brechen. Keine schlechte Idee eigentlich, dann wäre sie ja noch am Leben und in der Energiegewinnung brauchte sie sowieso nur die Beine.
Blonde Strähnen hatten sich aus ihrem geflochtenen Zopf gelöst und hingen in ihr Gesicht.
In ihr verdammt hübsches Gesicht.
Wieder betrachtete er ihre aufsehenerregenden Augen. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass sogar ihre Wimpern auf der linken Seite dunkler waren als auf der rechten.
Sie zitterte am ganzen Körper. Vor Angst. Geschah ihr Recht. Sowas von.
Sanft strich er die losen Haarsträhnen hinter ihr Ohr, um ihr Gesicht besser sehen zu können. Sie zuckte zurück, versuchte, der Berührung auszuweichen. Panik weitete ihre Augen.
Fuck. Er quälte seine Beute nicht zum Spaß – auch wenn das Miststück ihn so aggro gemacht hatte, dass er zugegebenermaßen ein bisschen mit dem Gedanken spielte. Und genauso krank wäre es, Sex mit der Beute zu haben, bevor er sie in der Energie¬gewinnung ablieferte. Obwohl sowas nicht selten vorkam und rein rechtlich auch nichts dagegensprach. Schließlich war sie eine Zybride, kein Mensch. Sie galt als Tier und wurde vor dem Gesetz wie ein Gegenstand behandelt. Eine Vergewaltigung wäre höchstens eine Sachbeschädigung und auch das nur, wenn es einen Besitzer gab, der sich beschwerte.
Aber es war einfach widerlich.
So viel Respekt vor anderen Lebewesen hatte ihm seine Mutter eben doch beigebracht, egal, ob diese menschlich waren oder nicht. Deshalb hielt Zac – im Gegensatz zu seinem Vater – auch nichts davon, sich ein heißes Haustier zuzulegen, damit er Sex haben konnte, wann immer er wollte.
Das konnte er im Übrigen auch so. Er brauchte nur Ketu, LinLin oder Melissa aus der Zentrale anrufen. Oder mal wieder bei Justine im Dancehouse vorbeischauen. Im Gegensatz zu der Katze hatten die Spaß daran, mit ihm zu schlafen.
Weil die Muschi es sich aber verdient hatte, zumindest ein bisschen zu zittern, setzte er sich dicht hinter sie und schlang die Arme um ihren Körper, als er an ihr vorbei den Lenker des Bikes griff. Sie hatte eine schmale Taille und kurvige Hüften. Einen Augenblick lang drückte er seine Nase in ihre Wahnsinnshaare und konnte ihre Angst riechen.
Ihr schmaler Körper verkrampfte in seinen Armen. Verärgert registrierte er, dass er hart wurde. Bisher war er überzeugt gewesen, nicht zu den Perversen zu gehören, die die Angst ihrer Beute erregte.
Wütend trat er den Hub herunter und katapultierte sein Bike in die Luft.
Wurde Zeit, dass er das kleine Miststück loswurde...