Glow in the Dark
CHARLIE
Du kannst noch fliehen, Charles.
Was für ein Schwachsinn. Sie konnte nicht weglaufen, wo sollte sie denn hin? Sie hatte Balmoral noch nie verlassen, sich außerhalb des geschützten Bereichs aufzuhalten, sollte lebensgefährlich sein. Und sie kannte absolut niemanden, zu dem sie gehen könnte.
Sie lag in ihrem Zimmer auf ihrem Bett und starrte die Decke an.
Außerdem konnte sie nicht mal mehr laufen. Nachdem Elise ihr den Stiefel mit Gewalt vom geschwollenen Fuß hatte reißen müssen, klopfte der Schmerz rhythmisch bis in ihre Zehen.
Aber der Fuß war nicht das Problem.
Das Problem war de Graaf.
Natürlich war er kein echter Graf, es war ein holländischer Name. Er war sechsundsechzig Jahre alt, etwa so alt wie ihr Vater. Aber durch seinen verkrümmten Rücken und das weiße Haar, das in flusigen Strähnen um sein Gesicht herum herunterhing, wirkte er eher wie sechsundsiebzig.
Er war bereits viermal verheiratet gewesen, seine letzte Frau war vor zwei Monaten gestorben. Weil er durch seine Rückenerkrankung, eine Art Rheuma, auf Hilfe angewiesen war, wollte er auf eine Verlobungszeit verzichten. Trotzdem wäre er in der Lage, seinen ehelichen Pflichten vollumfänglich nachzukommen, hatte er Charlie gruselig grinsend versichert.
Ihr war ein Schauer über den Rücken gekrochen, weil sie jetzt ahnte, worauf er anspielte.
Vater und er hatten den Hochzeitstermin in zwei Wochen vereinbart und per Handschlag besiegelt. Wie auf dem Viehmarkt.
Ein Zittern lief durch Charlies Körper, als die Bilder aufblitzten.
Khiera. Nackt. Ans Bett gefesselt. De Graaf, der sich mit der linken Hand auf der Matratze abstützen musste, während er den silbernen Knauf seines Gehstocks…
„Nein!“ Sie fuhr hoch. Ihr Herz raste. Kalter Schweiß klebte ihre Locken in ihr Gesicht.
Natürlich würde es nicht Khiera sein, die de Graaf folterte, aber dass er so etwas in zwei Wochen mit ihr tun würde, wollte sie sich einfach nicht vorstellen.
Sie würde de Graaf nicht heiraten.
Um keinen Preis.
Sie ließ sich nicht verkaufen, sie wollte nicht wie Khiera in der Hölle landen. Sie konnte vielleicht nicht weglaufen, aber sie konnte entscheiden, ob sie heiraten würde.
Sie hob die Beine aus dem Bett. Ihr Herzschlag ruckte schnell und laut durch ihren Körper, doch die Kälte des Parketts unter ihren nackten Füßen half ihr, ihre Gedanken zu ordnen.
Unten hörte sie noch immer Musik. Die Geburtstagsfeier war noch nicht zu Ende, obwohl sogar ihre Mutter sich schon vor Stunden verabschiedet hatte. Als die Männer angefangen hatten, zu trinken, hatte Vater auch Charlie endlich gehen lassen.
Sie stand auf und hinkte zur Kommode.
Aus dem Spiegel darüber starrte sie ihr eigener Geist an. Im Schein der Kerze auf dem Nachttisch wirkte ihr Gesicht so weiß wie ihr Nachthemd, ihre dunklen Augen schreckgeweitet wie die von Khiera, ihre langen Locken eher schwarz als braun. Schweißperlen glitzerten auf ihrer Stirn.
Zwischen den Haarbürsten und Schminksachen lag das Messer, mit dem sich die Gäste am Buffet Stücke aus dem Spanferkel geschnitten hatten. Der Griff war aus Plastik, die Klinge gut vier Zentimeter breit und achtzehn Zentimeter lang. Den Rücken des Spanferkels hatte das Ding wie Butter zerteilt.
Mit zitternden Fingern griff Charlie das Messer und umklammerte mit beiden Händen den Griff.
Wie machte man sowas?
So, dass es auch ganz sicher klappte?
Einen Stich in den Bauch konnte man überleben, oder?
Das Herz? Wo genau saß das?
Den Hals? Sie sah in den Spiegel. Konnte man sich selbst die Kehle durchschneiden?
Der Gedanke, dass sie nicht entschlossen genug sein könnte, sich nicht genug verletzen und dann langsam verbluten würde, verstärkte das Zittern.
Das Herz. Wenn man das Herz traf, war man ziemlich sicher tot. Und das Herz konnte sie fühlen.
Durch das dünne Nachthemd hindurch tastete sie ihren Oberkörper ab, fuhr mit den Fingerspitzen die Rippen entlang. Fand einen Punkt auf der linken Seite, an dem es sich anfühlte, als würde ihr schnell und hart schlagendes Herz zwischen den Rippen direkt unter der Haut liegen.
Die Stelle war gut. Sie legte einen Finger darauf.
Aber das Messer war so breit, dass die Klinge nur waagerecht zwischen ihren Rippen hindurchpassen würde.
Sie drehte es in die richtige Position. Setzte die Spitze auf den Punkt, an dem ihr Herzschlag pulsierte. Sie spürte das Klopfen direkt am Metall.
Wenn sie jetzt zustach, wäre es vorbei.
Dann hatte sie gewonnen, nicht ihr Vater.
Sie dürfen keine Sekunde zögern, müssen entschlossen sein, zu töten.
Tränen ließen ihr Spiegelbild verschwimmen. Die Messerspitze an ihrer Brust wackelte. Der Plastikgriff wurde in ihren Fingern glitschig.
Sie war nicht entschlossen, sie hatte eine Scheißangst.
Besser, sie kniete sich auf den Boden und ließ sich in die Klinge hineinfallen. Dann würde sie sie auch durchbohren, wenn sie es nicht schaffte, kräftig genug zuzustechen...