← Zurück zum Buch
L.U. Sanders

Glow in the Dark

HAWK

HAWK

Boah, nee.
Der Gestank ließ ihn würgen.
Wie abgefuckt war er eigentlich, dass er sich das antat? Für die paar Kröten. Wenn es in diesem Loch überhaupt noch irgendwas zu holen gab, von dem Klinikum war eigentlich nur noch der Keller übrig.
Er drückte sich die schmuddelige FFP-2-Maske fester aufs Gesicht, doch den Geruch von Urin, Exkrementen und Verwesung hielt das Ding nicht ab.
Er ging in die Hocke und senkte die Fackel, um sich die verdreckten Lager anzusehen. Im flackernden Feuerschein lagen kreuz und quer Matratzen im Kellerflur. Dazwischen Spuren von Feuer, Essensreste, Exkremente und überall hingerotzte Blätter.
Die Pisse war noch nicht getrocknet. Es waren vier oder fünf. Waren sie noch in der Nähe?
Die Fackel in der linken Hand richtete er mit der Rechten seine Glock in den Flur, während er lautlos über die Matratzen hinweg stieg.
Irgendwo hier im Keller musste die Apotheke sein.
Labor, stand an der Tür rechts von ihm. Lager links. Daneben Pathologie - na, toll. Lautlos schob er sich weiter.
Apotheke. Na also.
Die rostige Tür war abgeschlossen. Gutes Zeichen.
Er schob die Pistole in die Bauchtasche seines schwarzen Hoodies und zog stattdessen das Jagdmesser aus dem Stiefel. Auf Höhe des Schlosses klemmte er die kurze Klinge in den Türspalt und knackte die verrottete Verriegelung auf.
Als er eintrat und die Fackel durch den Raum schwenkte, wusste er, dass sich der Ausflug gelohnt hatte: Das Medikamentenlager war unberührt. Anscheinend hatte es tatsächlich seit fast hundert Jahren niemand mehr betreten. Hinter einem Tresen gab es vier Regalreihen.
Natürlich war der meiste Scheiß längst unbrauchbar und der Rest so giftig wie Glow. Mit simplem Honig und ein paar Kräutern konnte Lilly den Menschen besser helfen als mit hundert Jahre alten Tabletten. Trotzdem zahlten die Händler noch immer Unsummen für originalverpackte Antibiotika.
Wäre doch gelacht, wenn hier keine… Er schnalzte mit der Zunge, als er die ersten Schubladen aufzog. Penicillin, Amoxillin, Cefuroxim. Ging doch.
Er zog seinen Seesack vom Rücken und stopfte die Kartons hinein. Obwohl es jede Menge Schachteln waren, füllten sie den Beutel nur bis zur Hälfte.
Rasch scannte er die Regale. Hinter dem Tresen, auf dem sogar noch ein Monitor stand, entdeckte er steril verpackte Kanülen. Er füllte den Seesack bis zum Rand mit den Spritzen und steckte noch zwei Packungen FFP-2-Masken ein.
Im gleichen Moment hörte er das Stöhnen. Ein unartikuliertes Geräusch, das ihm die Nackenhaare aufstellte. Reflexartig duckte er sich hinter den Tresen, senkte die Fackel unter die Arbeitsplatte und schnallte sich erst den Sack auf den Rücken, bevor er das Messer gegen die Pistole tauschte.
Tappende Schritte.
Mist. Der Feuerschein war nicht gerade unauffällig und er hatte die Flurtür nur angelehnt.
Hier drin saß er in der Falle, den Stoff hatte er schon auf dem Weg hierher verbraucht und die Fackel zu löschen, war keine Option. Ohne Licht hatte er bei einem Angriff keine Chance.
Die Waffe auf die Tür gerichtet lauschte er.
Das Stöhnen wurde lauter. Bis jetzt hörte er nur eine Person. Und die war entweder verletzt oder zugedröhnt. Der Dreck im Flur ließ ihn auf Möglichkeit Nummer zwei tippen.
Er verließ sich auf seinen Instinkt, stand auf und trat an die Tür. Vorsichtig schob er sich hinaus, die Fackel in der einen Hand, die Schusswaffe in der anderen.
Die Gestalt lag auf der Matratze, auf der Seite, unkontrolliert zuckend, verdreht. Den Kopf durch die krampfende Nackenmuskulatur überstreckt.
Sonst war niemand zu sehen.
Lautlos näherte er sich, die Glock auf den Typen gerichtet, der ihn nicht zu bemerken schien. Der Feuerschein fiel auf schmutzige Sneakers, eine Jeans mit einem nassen Fleck im Schritt, unkontrolliert zuckende Beine.
Sieh hin. Sieh dir verdammt noch mal an, was das Dreckszeug anrichtet.
Das verschmierte T-Shirt des Fremden, das im Februar definitiv nicht die richtige Kleidung darstellte, war zerrissen. Knochige Arme ragten heraus, übersät mit eiternden Geschwüren. Offensichtlich spritzte er, was keine Überraschung war.
Hawk fürchtete sich vor dem Blick ins Gesicht.
Sieh hin!
Ein Junge. Nicht älter als sechzehn. Flaumiger Bartwuchs auf der zu einem irren Grinsen verzerrten, linken Gesichtsseite. Madenbefall rechts. Das Auge fehlte, die Wange war bis auf den Kiefer weggefressen, die verrotteten Backenzähne zu sehen.
Das passierte, wenn man in seiner eigenen Kacke lag, während man sich ins Nirvana ballerte. Doch ziemlich sicher war vom Gehirn des Typen nicht mehr viel übrig, das Großhirn wurde nach wenigen Wochen Konsum angegriffen. Der einzig positive Nebeneffekt war, dass die Schmerzen, die der körperliche Verfall mit sich brachte, dann nicht mehr wahrgenommen wurden.
Der Junge stöhnte, der Krampf bäumte seinen ausgezehrten Körper auf. Der schwebte auf rosa Wolken, während die Maden sein Gesicht fraßen. Der Trip würde ihn für ein paar Stunden ausknocken, Hawk blieb genug Zeit, sich zu verpissen, bevor der Teenager zum wahnsinnigen Monstrum mutierte. Bevor der Junge wieder aus diesem Loch kroch, um ein paar Blätter Unkraut aufzutreiben, auszukochen und sich den giftigen Sud daraus in die Vene zu jagen, weil Kauen seine Schmerzen nicht mehr linderte.
Nicht sein Problem. Er wäre längst weg, wenn der Kleine wieder zu sich kam.
Aber die Maden würden noch ein, zwei Wochen brauchen, bis sie sich durch seinen Kopf bis zum Hirnstamm durchgefressen hatten, von wo aus Herz und Atmung am Laufen gehalten wurden.
Nicht dein Problem. Verschwinde einfach.
Hawk richtete die Waffe auf die Brust des Jungen und drückte ab.