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Erik Harlandt

Kein Plan B

Leseprobe

Teil I
Kapitel 1
Donnerstag, 25. September 2053, 3:00 Uhr
Noch 1 Jahr, 8 Stunden, 32 Minuten bis zum Sechstkontakt
Mit einem Urinbeutel am Bein warf ich mich den angreifenden Aliens entgegen, während über einen Schlauch Nährstofflösung aus Plastikbehältern am Deckenbalken über mir in meinen Mund lief. Diese Schlacht konnte Stunden dauern und ich wollte weder dehydrieren noch in meinen Fliegeroverall pinkeln. Zwar hing ich nur in meinem Kinderzimmer am Rechner, steuerte aber eine richtige Kampfdrohne in der militärischen Trainingssimulation – zusammen mit weiteren 900 Millionen Bewerbern für das Drohnenpilotenprogramm. Wir waren offiziell die letzte Hoffnung der Menschheit.
Mein Name ist Johannis Neumann und ich kämpfte in einem nach Pubertät stinkenden Dachzimmer vor den Toren Hamburgs.

Eigentlich hätten wir alle längst tot sein müssen. Die Menschheit widersetzte sich schon so lange sämtlichen Auslöschungsversuchen des Universums, dass unsere andauernde Existenz geradezu lächerlich war. Vor der Eiszeit sind unsere Vorfahren einfach geflohen, Asteroideneinschläge blieben mit unerhörter statistischer Unwahrscheinlichkeit aus, Epidemien überlebten wir mit der evolutionären Unverschämtheit von Viren ebenso wie Sonnenstürme, Vulkanausbrüche, Kontinentaldrift und Syphilis. Wir vergifteten unsere Nahrung, unsere Luft, unsere Meere und waren trotzdem immer noch da.
Von all unseren Versuchen, uns selbst zu vernichten, übten wir uns in Kriegsführung am intensivsten. Wir mordeten uns von Anbeginn der Menschheit stets gegenseitig dahin und perfektionierten das im Laufe der Jahre, lernten dabei aber auch, zu überleben. – Und das war ein Riesenglück für uns, denn das Universum schien unsere Weigerung unterzugehen als persönliche Provokation aufzufassen und hetzte uns Außerirdische auf den Hals. Wie gut also, dass wir darauf vorbereitet waren. Über Nacht hörten die Menschen auf, sich gegenseitig zu bekämpfen, und wandten sich geschlossen dem Feind entgegen.
Und genau das übte ich gerade mit einer Gruppe Gleichgesinnter. Es war eine vergleichsweise einfache Mission, bei der die Gruppenkoordination trainiert wurde. Die Simulation hatte für die angemeldeten Teilnehmer ein Standardszenario erstellt, das ich schon beinahe auswendig kannte, dennoch waren die erforderlichen Flugmanöver wie immer eine enorme Herausforderung. Die Assistenten übernahmen den größten Teil der Steuerung. Meine Aufgabe beschränkte sich darauf, Entscheidungen zu treffen und die Richtung vorzugeben, aber angesichts der vielen Beteiligten, des Schwierigkeitslevels der gegnerischen KI und der dadurch zu berücksichtigen Faktoren, war das ziemlich anstrengend, besonders wenn es eine so lange Mission war. Pausen gab es nicht. Mein Assistent hielt mich mit Hinweisen auf Kurs, gab mir permanent Tipps zur Optimierung meiner Moves und geizte auch nicht mit Lob für meine Verbesserungen. Mit Kritik brauchte ich erst am Ende des Einsatzes zu rechnen, damit würde er mich während der Übung nicht ablenken. Das konnte zu einem Fehler führen und Fehler in Flugmanövern führten zum Tod, wenn auch nur zum virtuellen. Doch der virtuelle Tod in einer Kampfsimulation des Anwärterprogramms war im Grunde nichts anderes als ein kleiner Schritt auf den wahren Tod zu, ein Vorgeschmack auf die Zukunft. Und diese Zukunft, dieser Tag stand bereits fest: der 25. September 2054.

Den eigenen Todestag zu kennen, ist einer der schlimmsten Albträume des Menschen. Zu wissen, wann es endet, ist entsetzlicher als alles andere. Die Gewissheit macht Interpretationen, Verdrängung oder Hoffnung unmöglich. Was bleibt, ist das Grauen der Erkenntnis. – Und die Menschheit kannte den Tag ihres Untergangs, zumindest ihres voraussichtlichen Untergangs, denn das war noch nicht entschieden: Wir kannten das Datum, an dem Außerirdische angreifen würden, den Tag des sogenannten Sechstkontakts, die Waffen und die Kampfstärke des Gegners, also alles – außer wie es ausgehen würde und was das überhaupt sollte. Hatte da irgendeine unserer Sonden jemanden verärgert? Wir wussten es nicht, denn es gab keine Kommunikation – nichts.
Wir hatten jedenfalls genug Zeit, uns vorzubereiten, und mit dieser Angst im Nacken waren wir bereit, absolut alles zu tun, um dem Feind mit maximaler Stärke entgegentreten zu können. Auch wenn uns das unseren Planeten kosten sollte. – Und das würde es wohl, denn ein Jahr vor dem bevorstehenden Angriff hatten wir die Erde weit über ihre Belastungsgrenze hinaus ausgebeutet, um aufzurüsten, damit wir den Krieg gewannen. Es war bereits jetzt klar, dass das Leben auf der Erde, falls wir gewinnen sollten, kaum noch möglich wäre, dennoch machten wir da keine Kompromisse. – Warum sollten wir unseren Feinden auch die Möglichkeit geben, einen gepflegten Planeten zu erobern? Auf keinen Fall! Vielleicht überlegten sie es sich ja noch mal anders, wenn sie sahen, dass hier nichts mehr zu holen war?

Kommt nur, ihr außerirdischen Bastarde! Wir sind euer schlimmster Albtraum … So endete der jüngste Werbespot der Erdverteidigungsallianz für Pilotenanwärter, natürlich mit einem mitreißenden Soundtrack unterlegt. Mich hatten sie schon bei der Möglichkeit, irgendwann auf echte Aliens zu ballern.

Schon vor der globalen Vereinigung und Nivellierung stimmte die Propaganda darauf ein, das gesamte Leben dem Widerstand gegen die außerirdische Bedrohung zu widmen. Opa hatte mir erzählt, dass das genauso klang wie schon bei früheren Kriegen, eine bewährte Methode, aber diesmal gab es keinen Widerstand, kein schlechtes Gewissen, keine Skrupel. Die Welle riss alle mit und so startete meine Generation bereits als Hoffnung der Menschheit. Und auch wenn in meiner Familie eher eine gewisse Distanz gepflegt wurde, waren wir ganz dafür, den Aliens in den Arsch zu treten. Der Gedanke, ihnen schwer bewaffnet gegenüberzutreten, hatte etwas Beruhigendes. Beruhigender jedenfalls als die Vorstellung, dass sie mich nachts aus meinem Bett zerrten, um mich zu fressen, zu versklaven, Experimente mit mir zu machen oder mich auf qualvolle Weise zu töten, wie die Propagandamaschine für den Fall einer Niederlage in Aussicht stellte. Wenn man sich der Propaganda hingab, war das entspannend, geradezu befriedigend, sich als Teil des Ganzen zu fühlen. Man konnte sich auf das konzentrieren, was man tat. Opa hatte erzählt, dass es früher schwierig war, eine befriedigende Tätigkeit zu finden. Nun, ich war zufrieden. Sehr sogar. Ich war angehender Pilot!
Dass die Ausbildung einen derart in Beschlag nehmen würde, dass man kaum dazu kam, an normalen Vergnügungen von Jugendlichen teilzunehmen wie Partys, Drogenkonsum oder dergleichen, störte mich nicht weiter, da seit Ausbruch der Pandemie-Ära derlei Treiben ohnehin kaum noch möglich war, und wenn, dann war es genauso gefährlich wie eine Zeitreise zurück ins finstere Mittelalter. Pornos und Ballerspiele galten schon seit vielen Jahren als adäquater Ersatz für die jugendlichen Umtriebe, die noch bis zur Jahrtausendwende üblich waren.
Die 2020er waren wohl ein bisschen so wie das alte Sparta, als die jungen Menschen sich ausschließlich damit befassten, sich auf den Krieg vorzubereiten, nur dass sie anfangs noch nicht wussten, dass es sich um einen echten Krieg handeln würde. Sie kultivierten Kampfspiele einfach zum Vergnügen, als Teil einer großen Freizeitindustrie, die Kriegsspiele immer realistischer machte und die Gamer immer mehr dazu trieb, wie echte Soldaten zu agieren, bis Simulation und Realität dann plötzlich verschwammen. Ob man nun in einem Spiel auf Gegner schoss oder vom heimischen Wohnzimmer aus echte Drohnen steuerte, war praktisch nicht zu unterscheiden.
Auf dieser Basis konnte das Pilotenanwärterprogramm aufbauen, als die Menschheit das Datum für ihre finale Schlacht genannt bekam. Und ich war dabei, mit Herz und Seele, während ich mit brennenden Augen und schmerzenden Fingern in meinem Gamersessel hing und in einen Plastikbeutel an meinem Bein pisste. Auf die klassische Frage Wo warst du, als dein Planet Saures kriegte? wollte ich sagen können: In der Schlacht!

Meine Eltern waren etwa sieben Jahre alt, als sie erfuhren, dass es Aliens gab, die uns töten wollten. Nicht viel später, kurz nachdem die beiden sich kennengelernt hatten, wurden die frühen Vorläufer des Pilotenprogramms initiiert, damals noch als reines Onlinespiel, das mit staatlicher Förderung von der Spieleindustrie kostenlos angeboten wurde. Es gab ordentlich was zu gewinnen und sogar E-Sport-Ligen, deren Spitzenspieler zu Helden avancierten. Mehr als Motivation war in den Anfangsjahren nicht drin, die Alientechnik noch nicht ausreichend entschlüsselt, um brauchbare Trainingssimulationen entwickeln zu können. Meine Eltern waren bereits in der Pubertät und ein Paar, als das heutige Pilotenprogramm ins Leben und alle zwischen 7 und 35 Jahren zu den Waffen gerufen wurden – also zu den Tastaturen, Mäusen und Gamepads, denn die modernen Steuerungseinheiten, die in einer komplett virtuellen Umgebung eingesetzt werden konnten, mit Audio- und Helmvisierfeeds, Gesten-, Mimik- und Sprachsteuerung sowie jeder Menge Assistenzsoftware, gab es noch nicht. Das Höchstalter für Piloten wurde im Laufe der nächsten Jahre dann immer weiter gesenkt, weil sich herausstellte, dass die sich entwickelnden Anforderungen ab einem gewissen Alter nicht mehr bewältigt werden konnten, wegen der Reaktionszeiten und weil die Lernkurve zu sehr abflachte. Das war wie bei Sprachen: Am einfachsten ist es in den ersten Lebensjahren, danach wird es immer schwieriger und auf Muttersprachlerniveau kommen nur noch wenige. Das Fliegen einer Aliendrohne ist ähnlich schwierig, da auch viel Intuition erforderlich ist. Nur die Allerbesten konnten sich als Ausbilder etablieren und an der Entwicklung immer besserer Trainingssimulationen mitwirken, wenn sie ihren Rubikon überschritten hatten – mit 18 oder 20 Jahren.
Dank des Alienangriffs waren Computerspiele jedenfalls plötzlich keine Zeitverschwendung mehr, nichts, was man erst machen durfte, wenn die Hausaufgaben erledigt waren oder dergleichen, sondern das Allerwichtigste. Pflicht. Das normale Homeschooling, das wegen der weltweiten Pandemien eingeführt worden war, lief natürlich weiter, aber diejenigen, die sich für das Anwärterprogramm meldeten, mussten einige Fächer nicht mehr belegen wie Chemie, Kunst, Musik. Geschichte wurde auf die für Kriegsführung relevanten Bereiche gekürzt, stattdessen kamen Waffentechnik und Flugphysik dazu, außerdem Alienantropologie (obwohl es da nur Theoretisches gab, da noch niemand ein Alien zu Gesicht bekommen hatte – die Feiglinge griffen mit unbemannten Drohnen an). Am wichtigsten wurden aber die Tutorials zur Flugtechnik, die nicht über Unterrichtseinheiten vermittelt wurde, sondern über Ingame-Videos von denen, die es schon draufhatten. Sobald jemand etwas Neues herausfand, wurde es sofort gepostet, diskutiert und ausprobiert. So kamen die Gamer nach und nach dahinter, wie die neue Technik funktionierte, und es bildeten sich Profilager, die die E-Sport-Ligen dominierten. Die meisten Top-Leute aus dieser Anfangszeit wurden später Ausbilder. Wer nämlich keine Ausbildungsqualifikation bekam, war gezwungen, in die Produktion zu gehen, denn das Einzige, was außer Piloten noch benötigt wurde, waren Waffen und alles, was zur Versorgung der Piloten nötig war. Der gesamte Rest wurde dem untergeordnet. Du warst Pilot oder am Arsch, so sah es aus.
Meine Eltern flogen relativ früh aus dem Programm. Mom hatte wohl keinerlei Talent und das meines Dads war eher theoretischer Natur. Er war ganz gut als Sportreporter und betrieb einen eigenen Videokanal, aber als Spieler war er eine ziemliche Niete. Es reichte bei ihm auch nicht zum Ausbilder, aber er konnte sich eine ganze Weile mit seinem Videokanal durchschlagen. Mom war als Schichtleiterin bei einem Nahrungsmittelbetrieb untergekommen. Das genügte, um mich zu zeugen. Da die Regierung wusste, wie viele einsatzfähige Kids 2054 gebraucht wurden, waren sämtliche Geburtenbeschränkungen abgeschafft und an ihrer Stelle Förderungen installiert worden. Wer Kinder hatte, war zumindest bis zu deren Ausscheiden aus dem Anwärterprogramm vor dem Eis sicher. Als der Privatkonsum nach der Nivellierung praktisch abgeschafft und Werbung dementsprechend überflüssig wurde, entfiel jedoch die Geschäftsgrundlage aller Influencer und Contentanbieter. Abogebühren konnte und wollte keiner bezahlen, daher schrumpfte das Angebot auf die Beiträge von Enthusiasten zusammen. Zu denen zählte mein Dad schon kurz nach Antritt seines Jobs in der Waffenproduktion nicht mehr. Wenn er abends nach Hause kam, war er ziemlich fertig. Von einem weiteren Kind wollte er nichts mehr wissen, obwohl die Förderprogramme es einfach machten: Es gab Assistenzsysteme, die sich nicht nur um den Haushalt kümmerten, wie vollautomatische Saugroboter und Kühlschränke, die selbstständig Lebensmittel nachbestellten, sondern auch die Kinderbetreuung vereinfachten, zum Beispiel mithilfe einer KI-gestützten Baby-Wiege, die Herzschlag und andere Vitalfunktionen überwachte, darauf abgestimmt die Wiege bewegte, beruhigende Musik spielte, Nahrung über eine Saugvorrichtung bereitstellte oder anregende Spiele, die nicht nur über den Bildschirm, sondern auch durch haptische Erlebnisse erfolgten. Dazu gehörten unter anderem computergesteuerte Tentakel mit verschiedenen Aufsätzen, nach denen die Kleinen greifen konnten.
Moms Job wurde im Laufe der Zeit leider immer unwichtiger, weil die Prozesse ständig weiter automatisiert wurden. Am Ende erledigte sie fast denselben Schichtdienst wie Dad in der Waffenfabrik. Später wechselte sie in seinen Betrieb, weil das einfacher war und die Aufgaben sich sowieso immer mehr ähnelten. Das meiste machten die Systeme vollautomatisch, die Menschen kontrollierten und überwachten es im Grunde nur noch. Opa hatte mir mal anvertraut, dass es in Wahrheit Handlangerdienste waren, mehr nicht.
Opa verlor seinen Job als Erster und zog zu uns. »Herrjemine«, hatte er gesagt, »jetzt bin ich die Nanny.« Offiziell galt er als Kinderbetreuer, obwohl es bei mir dank der Assistenzsysteme nicht mehr viel zu betreuen gab, aber er wollte partout nicht auf Eis gehen, was ja verständlich war. – Früher, als Opas Eltern in das Alter kamen, fürchtete man sich davor, in einem schlechten Altenheim zu landen oder in ein Land abgeschoben zu werden, wo die Versorgung der Alten weniger kostete, hatte er mir mal erzählt. Heute fürchtete man sich davor, auf Eis gehen zu müssen.
Ich hatte also kein besonders gutes Erbe in die Wiege gelegt bekommen. Nicht nur, dass ich aus einem mindertalentierten Genpool hervorgegangen war, es war auch von Anfang an immer Ebbe in der Kasse, sodass ich meine Defizite nicht mit guter Hardware ausgleichen konnte. Das Einzige, was ich einsetzen konnte, war meine Zeit: Ich musste einfach mehr und härter trainieren als Anwärter aus wohlhabenden Elternhäusern, die von Anfang an mit Top-Equipment arbeiteten. Die konnten die dadurch gewonnene Zeit dafür einsetzen, sich ein zweites Standbein aufzubauen, wenn es mit der Pilotenkarriere nicht klappen sollte. Diese Option hatte ich nicht. Für mich hieß es Pilotenstuhl oder Waffenfabrik. Zeit war die Währung der minderbemittelten Talentlosen. Wer von denen nicht die Fähigkeit hatte, rund um die Uhr on zu sein, flog unweigerlich aus dem Programm.

Mir war ein bisschen schwindelig, als wir die Mission einigermaßen gut abgeschlossen hatten (Hervorragendes Ergebnis, Jo, gute Leistung!). Das passierte in letzter Zeit öfter, vermutlich Schlafmangel. Die Punkte, die diese Aktion einbrachte, waren mäßig, aber so war das eben, wenn sich Loser zu Ballermissionen trafen, um Zeit gegen Punkte zu tauschen: Das wurde nicht allzu gut bezahlt. Die Missionen mit guten Piloten wären da viel effektiver, aber die Sache hatte einen Haken: Wenn ich nicht gut genug war, würde es Punktabzug geben, um zu verhindern, dass schlechte Spieler das Training der guten störten. Ich musste also mit meinesgleichen trainieren, wenn ich mein Konto aufstocken wollte, und das zusätzlich zu den normalen Missionen, die einen durch die einzelnen Levels brachten.
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