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Erik Harlandt

Lebendfracht

Leseprobe

1 ––– Samstag, 07.05.2349, 12:00 Uhr

Es war schon ziemlich bizarr: Er hatte ihr letztes Geld dafür ausgegeben, bei diesem Lebendfrachttransport nicht sediert zu sein. Für die meisten Menschen wäre das der schlimmste Albtraum ihres Lebens. Er würde nun vermutlich den Grund dafür herausfinden.
Zumindest Teil eins des Plans hatte funktioniert: Nisse war hier und das Gegenmittel für das Sedativum war durch die kleine Kapsel, die er sich unter die Achsel geklebt hatte, erfolgreich injiziert worden. Er war bereits wieder auf Normaltemperatur und wurde langsam wach. Noch fünf oder zehn Minuten, dann konnte er sich auch bewegen. – Hoffentlich. Man hatte ihn gewarnt, dass das schiefgehen konnte und er dann die gesamten vier Wochen wach und bewegungslos verbringen würde, eingeklemmt zwischen den stinkenden Leibern der übrigen Fracht.
Sein Gehör funktionierte jedenfalls schon mal, denn er hörte seinen Herzschlag, seinen Atem, jedoch nicht den der ihn umgebenden Körper. Wenn er sich konzentrierte, konnte er das Gemeinschaftliche, das beinahe kollektive Ein- und Ausatmen der Männer und Frauen spüren, die, auf Pritschen geschnallt, in den Lagerregalen dieses Blocks steckten. Sie lagen im Gegensatz zu ihm im künstlichen Koma, mit stark herabgesetztem Stoffwechsel; Puls und Atmung waren minimal. Trotzdem stank es hier nach Mensch; nach verbrauchter Luft, sich zersetzendem Schweiß und Resten der letzten Verdauungsprozesse.
Nisse öffnete die Augen. Dunkelheit. Er konnte nicht sagen, ob es an seiner Sehfähigkeit lag oder ob es hier unten einfach nur kein Licht gab. Was für ein Wahnsinn! Probehalber hob er die Hände. Es fühlte sich befremdlich an. Er stieß sofort an die Pritsche über ihm. 20, höchstens 25 Zentimeter, mehr Platz war nicht zwischen seiner Nase und dem Hartplastik. Seine latente Platzangst griff bereits nach seinem Herz. Jetzt bloß ruhig bleiben. Er hatte das trainiert. Es würde schon gehen.
Nisse tastete sich mühsam ab. Standard-Transportoverall. Der Formschaum, auf dem er lag, war kühl, 25 Grad, ein Grad kälter als die Umgebungstemperatur. Noch ging es, aber sobald er sich bewegte, würde ihm verdammt warm werden.
Die eingelagerten Billigeinheiten waren aus Kostengründen in eine tiefe Hypothermie mit einer Körpertemperatur von 28 Grad versetzt worden, dafür wurde die Umgebungstemperatur auf 26 Grad eingestellt. So sparte der Konzern Nährstoffe, Platz und musste sich nicht um die Entsorgung der Körperausscheidungen kümmern. Gleichzeitig konnte das künftige Kanonenfutter während des Komas über Hypnosuggestion auf seine Aufgabe vorbereitet werden. Das sparte die aufwendige Einweisung am Ziel.
Normale Transporte mit Top-Leuten wurden mit Biomonitoringsystemen sorgfältig überwacht, statt Formschaum stellten intelligente Overalls sicher, dass die Körpertemperatur stabil blieb und es keine Lagerschäden am Körper gab, weder wund gelegene Stellen noch Muskelatrophie. Die Medikamentengabe wurde permanent vollautomatisch individuell angepasst, ebenso wie die Luftversorgung über computergesteuerte Atemmasken. Diesen Aufwand sparte man sich beim Kanonenfutter. Es genügte, wenn zwei Drittel lebend ankamen. Die Konzerne sparten gern und viel.
Nisse begann seinen Mund zu spüren. Die Zunge klebte ihm am Gaumen. Er bewegte sie probehalber. Der Speichel kam ihm vor, als würde er Fäden ziehen. Inzwischen fühlten sich seine Bewegungen ganz normal an und Nisse wagte es, den Versorgungszugang zu entfernen. Dafür schob er die Hände an seinen Hals und ertastete die Infusionsnadel in der inneren Halsvene. Sie war wie erwartet mit Klebeband fixiert.
Er riss einen schmalen Streifen Stoff aus dem einfachen offenen Kragen des Overalls, rollte ihn zusammen und drückte ihn gegen die Nadel. Schließlich zog er das Klebeband ab und die Nadel heraus. Er schob die Stoffrolle über die Einstichstelle und befestigte sie mit dem Klebestreifen. Gleichzeitig drückte er mit der Hand dagegen.
Er entspannte sich und atmete bewusst immer langsamer, um damit auch seinen Herzschlag zu senken. Flach atmend lag er, leichten Druck auf die Einstichstelle ausübend, auf dem Rücken und schloss die Augen. Er dachte nicht an das, was vor ihm lag, sondern konzentrierte sich darauf, dass er es bis hierher geschafft hatte. Es war zwar keine Kunst, sich selbst als Lebendfracht an einen Zwischenhändler zu verkaufen, aber dabei auf den richtigen Transport gebracht und nicht sediert zu werden, durchaus. Dass er nicht im Koma lag, nicht in tiefer Hypothermie, war ihm Beweis genug, dass er nicht betrogen wurde. Dann würde der Rest auch richtig sein.
Die Hypnoschulung begann: »Hören Sie auf meine Stimme. Ihr Atem ist ruhig. Sie sind entspannt. Sie sind sicher. Sie sind zufrieden. Ihr Geist ist aufnahmefähig …«
Nisse zog sich den Knopf aus dem Ohr, aber er hörte es weiterhin: »Jede Anweisung, die Sie erhalten, wird tief in Ihrem Unterbewusstsein verankert …«
Er öffnete Brust- und Bauchgurt. Fünf Minuten mussten der Einstichstelle genügen, um nicht mehr zu bluten. Nisse wollte da jetzt raus.
Er tastete die Körper links und rechts von sich ab. Dass sie da waren, war nicht gut. Auf einer Seite sollte ein Gang sein, sodass er das Lagerregal verlassen konnte. Teil zwei des Plans schien schwieriger zu werden, als gedacht. Nisse schob die Hände hinter seinen Kopf. – Füße. Mist! Nun blieb nur noch die Hoffnung, dass an seinem Fußende ein Gang war.
Mit den Armen schob er sich zentimeterweise hin, während er von einer Pobacke auf die andere rollte. Was er da mit den Sohlen ertastete, war bedauerlicherweise ein Kopf. Er hätte fast geschrien.
Doch er musste ruhig bleiben. Laute Geräusche würden eventuell Alarm auslösen. Die Sensoren waren aber vermutlich so eingestellt, dass sie nur hysterisch Erwachende erfassten. Auf lautes Schnarchen sollten sie nicht reagieren. Ein bisschen Spielraum hatte er also.
Er konzentrierte sich darauf, Atmung und Herzschlag zu senken. Währenddessen fragte er sich, wie es möglich war, dass er als nachträgliche Beifracht in der Mitte landen konnte. Er hätte irgendwo am Rand eingelagert werden müssen. Offenbar war er nicht der Letzte gewesen. Nach ihm kam noch eine Ladung. Fuck!
Nachdem er wieder ruhig und sein Herzschlag im Normalbereich war, überlegte er, was seine Planung für diesen unwahrscheinlichen Fall vorsah. Die Hochregale waren jeweils 61 Etagen hoch. Es gab 16 Blöcke mit 13 in das Rotationssystem eingehängten Pritschen nebeneinander und vier hintereinander. 52 Körper pro Block und Ebene. Insgesamt 50.752 Einheiten. – Pro Lagerraum, von denen es seinen Informationen nach drei gab. Die TechnoTsar Corporation schickte über 150.000 Billigeinheiten zu Kolonie 57 im Maruder-Sektor. Auf dem Planetoiden Nuntil waren große Vorkommen Helium-3 entdeckt worden und TechnoTsar stritt mit AltaiSphere und TianXia Galactical um die Abbaurechte. Wer zuerst eine Abbauanlage installiert hatte, gewann das Rennen. Statt in kostspielige Ingenieure zu investieren, setzte TechnoTsar lieber auf Saboteure und Angriff. Die hier eingelagerten Einheiten mussten nach ihrem Erwachen nichts weiter wissen, als den Weg zur Waffenausgabe, wo sie auch einen einfachen Schutzanzug erhalten würden und ihr jeweiliges Ziel, ihre Aufgabe. Die Hypnoschulung würde sicherstellen, dass sie taten, was von ihnen erwartet wurde. Wenn jemand aus dieser Trance erwachte, dann war es für ihn oder sie mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits zu spät.
Es gab einen Gang zwischen Wänden und Regalblöcken sowie je drei Gänge längs und quer zwischen den Blöcken. Im schlimmsten Fall befanden sich seitlich sechs Körper zwischen ihm und dem Gang. Falls er jedoch die falsche Richtung wählte, wären es elf Körper. Da er absolut nichts sehen konnte, war das ein unerhörtes Glücksspiel. Wenn er sich vorwärts oder rückwärts bewegte, wären es nur ein, maximal zwei Körper, die überwunden werden mussten. Aber das war wesentlich schwieriger als sich seitlich über die anderen hinwegzuschieben.
Er hatte es gründlich durchdacht und beschlossen, dass er es in diesem Fall Kopf voraus versuchen würde: auf den Bauch rollen, die Füße des hinter ihm Liegenden auseinanderdrücken, sich über ihn ziehen und weiter. Doch jetzt entschied er sich für den seitlichen Weg. Wenn er es schaffen würde, sich nicht nur auf den Bauch, sondern auch noch quer zu drehen, könnte er sich über die Bäuche der anderen hinwegschieben. Das wäre viel einfacher, als Köpfe und Füße zu überwinden. Außerdem war das Risiko, bei der Aktion Infusionsschläuche und Ohrhörer abzureißen, deutlich geringer. Es war zwar äußerst unwahrscheinlich, dass jemand von seiner Herumkletterei wach wurde, aber nicht völlig ausgeschlossen. Für den Fall wollte er sich nicht für aufgefetzte Adern oder tief hineingetretene Nadeln verantworten müssen.
43 Zentimeter Gesamthöhe pro Lagereinheit. Verdammt wenig. Er hatte vergleichsweise schmale Schultern. Wenn er einen Arm am Kopf vorbeistreckte und sich etwas verdrehte, müsste es klappen. Er hatte das geübt. Doch jetzt, hier in der unerträglichen Dunkelheit und in dem Wissen, dass er von fremden Körpern umgeben war, erschien es ihm auf einmal unmöglich. Sich auf dem Rücken vorwärtszubewegen allerdings auch. Also probierte er es.
Es tat höllisch weh, trotzdem ruckte er seine Schulter immer weiter, auch als sie schon so verkeilt war, dass er glaubte, stecken zu bleiben. Er konnte nicht mal um Hilfe schreien, denn das Einzige, was das bewirken würde, wäre sein vollautomatischer Auswurf aus dem Rolllager mit anschließender ebenso automatischer Exekution. Es war nicht vorgesehen, dass Frachtgut auf diesem unbemannten Transportflug zu einer Gefährdung der restlichen Ladung wurde. Also schön vorsichtig weitermachen und nicht schreien. Bloß nicht schreien.
Endlich rutschte seine Schulter rum und er knallte mit dem Gesicht auf die Pritsche.
Geschafft!
Er blieb still liegen und lauschte noch einmal. Es müsste doch zu hören sein, ob rechts mehr geatmet wurde oder links.
»… nehmen Sie Ihren Schutzanzug entgegen und entfalten ihn so, dass sich die Öffnung im Rückenteil vor Ihnen befindet …«
Bei diesem monotonen Singsang war es verflucht schwierig, einen Unterschied in den Atemgeräuschen festzustellen, aber Nisse meinte, auf der rechten Seite wäre es etwas lauter.
Also nach links.
Er drehte sich mithilfe von Armen und Beinen, Händen und Füßen um 90 Grad und schob sich dabei gleichzeitig auf den links von ihm liegenden Körper. Dank der Overalls gab es nur geringen Reibungswiderstand, doch obwohl sie erst vor wenigen Stunden eingelagert worden waren, verströmte der Mann bereits einen ziemlich würzigen Geruch. Als wäre sein Overall nach der letzten Nutzung versehentlich nicht gewaschen worden. Vermutlich noch eine Kostensenkungsmaßnahme von TechnoTsar.
Während er sich über den kaum vorhandenen Bauch schob, bemühte Nisse sich, mit seinen Füßen nicht allzu sehr gegen den auf der anderen Seite Liegenden zu treten. Er stützte sich mit den Händen in der Lücke zwischen den beiden Körpern auf den Pritschen ab, die Ellbogen seitlich ausgestellt, und drückte sich hoch, sodass er sich immer weiter schieben konnte, bis er Bauch auf Bauch lag. Es war eng. Sein Rücken drückte gegen die Pritsche über ihm. Er schwitzte schon wie verrückt. Dank der vielen Ausdünstungen hatte sich das warme Lager in ein subtropisches Klima verwandelt. Daran änderte auch die hohe Luftzirkulation nichts, die sicherstellen sollte, dass sich nirgendwo CO2-Konzentrationen bildeten und die Temperatur gleichmäßig blieb.
Indem er die Beine breit machte, konnte er die Knie knapp hinter dem hinteren Körper auf der Pritsche aufsetzen. Wenn nach oben nur ein bisschen mehr Platz wäre … Er konnte von Glück reden, dass die Fracht nicht über Masken beatmet wurde, dann läge die Einschubhöhe nur bei 25 Zentimetern. Aber Maskenversorgung war teuer und nicht in allen Lagermodulen installiert.
Weiter. Nisse legte die Arme auf den nächsten Bauch, schob sich mit den Knien vorwärts und brachte die Ellbogen erneut in die Lücke zwischen zwei Körpern, dann zog er sich nach, wobei er die Beine wieder zusammenschob, um so lange wie möglich auf den Knien gestützt bleiben zu können. Schweiß rann ihm ins Auge. Es brannte.
Sein Overall war bereits durchgeschwitzt und befeuchtete auch den unter ihm, sodass der Reibungswiderstand sich erhöhte. Es war so verdammt eng. Und heiß! Nisse wollte jammern, schreien, mit der Faust irgendwo gegenschlagen. Irgendwas! Ein Geräusch machen! Aber er verharrte einfach nur, bis er sich beruhigt hatte, und wischte sich dann mühsam mit dem Ärmel über die Stirn.
Langsam und vorsichtig zog er sich weiter, brachte, erneut breitbeinig, die Füße auf die Pritsche, auf der er eben noch gelegen hatte, und stieß sich ab.
Der nächste Bauch war voluminöser. Nisse übte spürbaren Druck aus, während er sich drüberschob. Die Pritsche über ihm blieb starr, also drückte er in den unter ihm liegenden Leib. Der Mann gab ein furzendes Geräusch von sich, als die Luft aus ihm herausgepresst wurde. Nisse arbeitete sich, so schnell er konnte, weiter vor. Er wollte das dem armen Kerl nicht unnötig lange zumuten. Und sich selbst auch nicht.
Während Nisse, auf Ellbogen und Knie gestützt, den nächsten Viertelmeter in Angriff nahm, sagte der Mann unter ihm: »He …«
Nisse fuhr zusammen. Das durfte doch nicht wahr sein! »Pssst!«, zischte er. »Leise!« Er verließ sich darauf, dass der Kerl wusste, wo er war. Er gehörte zu Thyras Einheit, die auf Ladrouw III gar nicht erst zum Einsatz kam und zur Begleichung der Reparationszahlungen für die gescheiterte Übernahme, die die unterlegenen AltaiSphere Universal zu tragen hatten, in Zahlung gegeben worden war. Sie waren wegen schlechter Planung aufgeflogen und jetzt schlicht über. Und da unspezifizierte Einheiten außerhalb der regulären Versorgungsbereiche so gut wie tot waren und damit nur einen geringen Wert hatten, waren sie direkt als Kanonenfutter weiterverkauft worden. An TechnoTsar.
Jeder wusste, was es bedeutete, in einem Hypno-Transporter zu stecken: Was das Überwachungssystem für ein Problem hielt, wurde beseitigt. Das müsste dem Mann unter ihm auch in seinem aktuell äußerst eingetrübten Zustand klar sein. Oder? Vielleicht auch nicht. Was war da eigentlich passiert? War ihm bei dem ganzen Geruckel die Injektionsnadel rausgerutscht? Davon hätte er trotzdem nicht einfach so aufwachen dürfen. Er war auf 28 Grad runtergekühlt, allein das Hochtemperieren dauerte zwei bis drei Stunden, das Nachlassen der Betäubung mindestens eine. – Der konnte gar nicht wach sein!
»Was ist?«, fragte der Fremde dennoch sehr leise. Er müsste verwirrt und desorientiert sein, aber beim Militär trainierte man natürlich extreme Situationen. Unerwartetes Erwachen beim Transport gehörte sicherlich dazu. War der Typ also ein echter Soldat? Hier im Billigfrachtkontingent?
Nisse seufzte. Immerhin wusste der Kerl, wie er sich zu verhalten hatte. »Ich bin wach und muss hier raus«, sagte er nur.
»Verdammt«, murmelte der andere matt.
Es war klar, dass er sich Nisse nun anschließen musste, doch zuvor würde er sich sicherlich erst mal um die Nadel in seinem Hals kümmern. Dafür musste er allerdings seine Hände freikriegen, auf denen Nisse immer noch lag. Darum bewegte er sich weiter, auf den nächsten Leib. Hoffentlich wurde der nicht auch wach …
Nisse schob das erste Knie über den Bauch des von ihm Geschundenen und wunderte sich, dass der Mann so ruhig blieb. Er hätte ungeduldige Bemühungen erwartet, die Arme freizubekommen, die Gurte zu lösen. Aber vielleicht war der Typ einfach nur abgebrüht. Ganz bestimmt ein Soldat.
Nachdem Nisse auch das zweite Knie in der Lücke hatte, hätte der Mann sich auf jeden Fall um seinen Hals kümmern können, lang genug hatte es ja gedauert. Es kam Nisse allerdings so vor, als täte er es nicht. »Alles klar?«, flüsterte er nach hinten.
Er bekam keine Antwort. War der wieder eingeschlafen? War der nur kurz erwacht und hatte die Szene wie eine Halluzination erlebt? Nisse überlegte nur kurz, was er machen sollte, dann schob er sich weiter. Umkehren war keine Option. Sollte der Mann an einer Bewusstseinstrübung wegen des Aufwachprozesses leiden, musste Nisse aus dem Regal raus sein, bevor das System etwas bemerkte und ihn bei der Beseitigung des Problems gleich mitbeseitigte. Etwas hektischer erklomm er den nächsten Leib. Nisse troff nur so vor Schweiß. Ein Großteil der schlechten Luft ging mittlerweile auf seine Kappe.
Diesmal war es eine Frau. Ein Stich durchfuhr ihn. Er hatte kein Licht. – Wie sollte er feststellen, ob das Thyra war? Der Körper war schlank, doch das traf auf viele Billigeinheiten zu. Schon allein wegen der schlechten Versorgung. Er drückte vorsichtig gegen die Brust. Mittelgroß. B, höchsten C. Er schob die Hand in ihr Haar. Stoppelschnitt. Hatten die alle rasiert? Sonst wäre es keinesfalls Thyra. Er legte den Kopf auf die Seite und schob ihn Richtung Brustbein, um zu schnuppern. Der Geruch war nicht vertraut, wahrscheinlich war das jemand anders.
Er konnte sich wegen eines groben Verdachts nicht länger aufhalten lassen. Weiter!
Vier Körper hatte er bisher überwunden. Wie viele denn noch? Seine Muskeln schmerzten, er hatte das Gefühl, jeden Moment in Armen und Beinen zu krampfen. Dass er die nächsten Tage mit üblen Verspannungen zu kämpfen haben würde, hielt er für sicher.
Er schob sich weiter, zog sich in die nächste Lücke, bis er die Ellbogen auf die Pritschen stemmen konnte. Der Bauch vor ihm war wieder von einem Mann. Von dem Burschen hinter ihm kam nichts mehr. Hoffentlich war der nicht tot.
Nisse wusste nicht, wie das System auf ausbleibende Vitalzeichen reagieren würde. Überhaupt gab es erschreckend viele Dinge, die er nicht hatte in Erfahrung bringen können. Bis er sich im Logistikzentrum des Raumhafens auf die Pritsche legte, hatte ihn das kaum gestört. Er war so wild entschlossen gewesen, Thyra zu retten, dass er es als vernachlässigbar abgetan hatte. Nun, in der stinkenden Dunkelheit und entsetzlichen Enge zwischen all diesen Körpern, sah das anders aus. Jetzt fragte er sich, wie er so verrückt gewesen sein konnte, sich auf dieses wahnwitzige Unternehmen einzulassen. Hatte er seine Erfolgschancen bis vorhin noch mit über 50 Prozent bewertet, sah er seine Hoffnungen gerade rapide schwinden.
Nicht davon beeinflussen lassen!, dachte er. Das ist völlig normale Panik. Jetzt ist es ohnehin zu spät. Einfach weiter, immer weiter.
Leichter gesagt als getan. Er schob sich über den nun bereits fünften Körper, um die Ellbogen in die Lücke zum nächsten Körper zu schieben. Wo war er? Nisse griff ins Leere. Sollte er es etwa geschafft haben? Er schob sich weiter und drückte die Ellbogen so weit zur Seite, dass er die Hände hinter dem Leib, auf dem sein Gesicht lag, herunterdrücken konnte. Er bekam die Außenkante der Pritsche zu fassen.
Na endlich!
Mit neuem Elan brachte er die Ellbogen über den Körper hinaus, schob und schob, bis er sie aufsetzen und sich darüber weiterziehen konnte. Er tastete nach der Regalstütze, die vom Boden bis zur Decke 30 Meter maß. In welcher Höhe mochte er sich befinden? Er würde es erst erfahren, wenn er unten war, denn er hatte nichts, das er fallenlassen konnte, um zu hören, wie lange es dauerte.
Er berührte etwas Schmieriges. Das durfte doch nicht wahr sein! Es war tatsächlich eins von den ganz alten Rolllagern mit Kettenbetrieb. Nun war er sicher, dass das ein Einwegtransporter war, Rückflug nicht vorgesehen. Der Frachter würde am Ziel zerlegt und zu Bauelementen der dort entstehenden Basis umfunktioniert werden. Er hatte es zwar schon geahnt, aber die plötzliche Gewissheit versetzte ihm einen heftigen Stich.
Hier am Gang war der Luftzug ziemlich kräftig und sogar etwas erfrischend. Nisse hatte das Gefühl, zu dampfen wie ein Sterilisationsbehälter im Raumhafen.
Neben der Kette konnte Nisse die Hand um die Stützstrebe schließen. Sie war alt und rau. Trotz der nun fettigen Finger müsste er sich gut halten können. Wenn er doch abrutschte, würde ihm die schartige Oberfläche die Haut von den Fingern raspeln.
Die Hand am Holm zog er sich langsam weiter hinaus, bis seine Körpermitte sich auf dem Mann unter ihm befand. Nun verdrehte er sich etwas und zog erst den Hintern seitlich von dem fremden Körper runter, dann die angewinkelten Beine nach und kauerte schließlich, mit einer Hand an die Strebe geklammert, neben dem Mann auf der äußersten Pritsche.
Jetzt bloß nicht zu lange drüber nachdenken. Nisse presste die rechte Hand neben seinem Kopf auf die Pritschenkante, schob das linke Knie rüber und ließ sich dann so langsam wie möglich hinterherrutschen, wobei er immer mehr Gewicht auf die Hand an der Pritsche verlagerte. Wenn es zu schnell und zu ruckartig ging, würde seine linke Hand am Stützpfeiler den Halt verlieren und er in die Tiefe stürzen. Im schlimmsten Fall fast 30 Meter.
Er ließ dem herunterhängenden Knie das ganze Bein folgen, dann das andere. Als das Gewicht seines Unterkörpers an dem ausgestreckten Arm zog, verlagerte er es weiter auf den aufgestützten Arm und ließ sich langsam sinken, wobei er die Hand am Holm nun etwas heruntergleiten ließ. Kurz ruhte sein ganzes Gewicht auf dem aufgestützten Arm, neben dem sich jetzt sein Kinn befand.
Bloß nicht zu lange warten. Er festigte den Griff an der auf Kinnhöhe gebrachten Hand am Stützpfeiler und verlagerte sein Gewicht kurz auf diesen Arm, um den anderen unter die Kante der Pritsche zu ziehen, bis er an beiden Händen hing wie bei einem Klimmzug. Mit den nackten Füßen ertastete er den Holm und zog die andere Hand nach, als er links und rechts davon auf Pritschenkanten stand.
Er atmete zu heftig und blieb erst mal stehen, um sich wieder zu beruhigen. Er hatte das Schlimmste hinter sich.
Geschafft! Geschafft! Geschafft!
Der weitere Abstieg würde ein Kinderspiel. Alle 43 Zentimeter war eine Pritsche, das war fast wie eine Leiter.
Sein Atem wurde ruhiger und er legte los. Etage um Etage stieg er hinab, sich mit beiden Händen an der Strebe zwischen zwei Pritschenreihen festhaltend. Es konnten maximal 57 Stufen nach unten sein und fünf hatte er schon hinter sich gebracht.
Es ging so flott, dass Nisse sich darauf konzentrieren musste, nicht nachlässig zu werden. Ein Fehltritt konnte ihn hinunterreißen. Selbst wenn er den Sturz überlebte, würde es mit Sicherheit ein Geräusch geben, das Alarm auslösen konnte. Vermutlich sein Geschrei.
Nisse stieß mit dem Fuß auf den Boden. Er war unten! Keine 30 Ebenen. Er hatte ziemlich genau in der Mitte gelegen.
Danke, Arthur!, dachte er grimmig. Sollte er den korrupten Lagerarbeiter noch mal treffen, würde er sich angemessen revanchieren. Vielleicht mit einem Taser oder einem Tritt in die Eier. Aber zunächst musste er lebend wieder zurückkommen.
Nisse legte die Hand an die Wand und folgte ihr. Der Raum hatte eine Grundfläche von 40 Metern im Quadrat. Die Zugangsluke sollte sich am Fußende befinden, die Rollwand für das Auslanden wäre dann links. Bei diesem wahrscheinlich sehr alten Schiff hielt er es allerdings auch für möglich, dass die Gravitation, die für das Wohlergehen der Lebendfracht unabdingbar war, wenn sie einsatzbereit am Ziel ankommen sollte, nicht parallel zur Längsachse ausgerichtet war, nicht axial, sondern radial und damit senkrecht zur Flugrichtung. Dann wäre die Zugangsluke irgendwo in der Mitte des Raumes auf dem Boden.
Er erreichte die Ecke und ging nach links weiter. Er zählte seine Schritte. Bei 50 kam er an die Kante des etwas in die Wand eingelassenen Durchgangs. Also doch keine radiale Ausrichtung? Hier sollte sich jedenfalls ein Bedienpaneel befinden. Nisse strich mit den Händen über die nur 20 Zentimeter tiefe Laibung. Bei seinem Glück war sie bestimmt auf der anderen Seite. Da sprang die Beleuchtung des Paneels an und ließ ihn erschrocken die Augen schließen. Nach der andauernden Dunkelheit kam ihm das eigentlich schwache Leuchten wie ein Lichtblitz vor.
Blinzelnd öffnete er die Augen einen Spalt, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Er seufzte leise. Endlich wieder etwas sehen zu können, war eine Wohltat.
Seinen Recherchen zufolge würde die Nutzung der Bedienschalter keinen Alarm auslösen. Alarme an Bord eines lichtschnellen Raumschiffes waren ausschließlich intern sinnvoll. Niemand würde sich dafür interessieren, was in einem Frachter geschah, den man nur noch mit unangemessen hohem Aufwand einholen konnte. Und niemand würde wegen eines Lichtschalters, so ungewöhnlich dessen Nutzung auch sein mochte, den Flug abbrechen lassen. Diese Technik war nur für echte Notfälle gedacht, nicht für Verdachtsfälle. Die Bordautomatik würde wegen eines Lichtschalters also keine Maßnahmen einleiten. Frachtgut, das erwachte und ausflippte, war ein Risiko, das eliminiert werden musste. Jemand, der unbemerkt bis zum Lichtschalter gekommen war, war offenbar nicht ausgeflippt und stellte daher kein Risiko dar.
Nisse tippte auf Beleuchtung und presste erneut die Augen zusammen. Das war jetzt wirklich hell. Dabei war es immer noch die Sparvariante von Helligkeit. Für seine Zwecke würde es jedoch erst mal genügen.
Damit konnte Teil drei seines haarsträubenden Plans beginnen: Thyra finden. 50.751 Körper mussten dafür in Augenschein genommen werden, abzüglich der paar, über die er bereits drübergeklettert war. Und er hatte absolut keine Zeit.
Nisse begann mit der Ecke des rechten Blocks gegenüber dem Tor und folgte dem Mittelgang. Auf der unteren Eckpritsche lag ein Mann. Er hatte das typisch streichholzlange Haar einfacher Einheiten. Über ihm lag eine Frau mit ebenfalls kurzem Haar, aber es wirkte nicht frisch geschoren. Darüber wieder ein Mann, auf Augenhöhe noch einer, darüber eine Frau mit Locken. Ja! Daniel atmete erleichtert durch. Das würde die Suche erheblich erleichtern. Der Anteil der Frauen dieser Einheit lag bei 30 Prozent. Thyra war womöglich die Einzige, die ihre Wuschelmähne behalten hatte. Sie hatte trotz allem darauf bestanden. Er hingegen hatte sich, als er seinen tollkühnen Plan in die Tat umsetzte, den üblichen Stoppelschnitt verpasst, um nicht aufzufallen.
Nisse ging auf die Knie und sah durch die unterste Reihe bis zum nächsten Block. Achteinhalb Meter ließen sich bei dieser Beleuchtung gut überblicken. Kein Wuschelkopf. Er sah in die Reihe darüber. Fehlanzeige. Dann richtete er sich langsam auf, sah in Etage drei und vier. Nichts. Er ging eine Reihe weiter und wiederholte das Spiel.
Er arbeitete sich zügig durch alle vier unteren Reihen des ersten Blocks in diesem Gang und machte bei den drei Blöcken dahinter weiter. Danach wechselte er den Gang und überprüfte innerhalb einer Stunde die ersten 256 der insgesamt 3904 Reihen. – Eine Stunde und er war fix und fertig. Dabei waren das die einfachen.
Er setzte sich in eine Ecke und presste die Faust zwischen die Zähne. Was für ein verdammtes Pech! Hätte sie nicht einfach unten dabei sein können? Und jetzt? Erst mal in den nächsten Frachtraum und dort die unteren Ebenen abklappern?
Er wog kurz den Aufwand eines Raumwechsels gegen die Klettertour in den Hochregalen ab. Eine Lagerluke war etwas anderes, als das Licht anzumachen. Er hatte nicht herausfinden können, ob das zu einer Alarmreaktion führen würde oder nicht. Fifty-fifty. Er könnte auch das Rotationssystem des Lagermoduls nutzen, mit dem die Fracht am Ziel ausgespuckt würde wie Kotze, aber da schätzte er die Wahrscheinlichkeit eines Alarms auf 70 bis 80 Prozent ein. Er wusste nicht, wie lange sie unterwegs sein würden, daher konnte er auch nicht feststellen, wie lange der Notruf vor ihm am Ziel eintreffen und jemanden vorwarnen würde. Auf jeden Fall vor ihnen. Also sollte er das besser vermeiden.
Kein Rotationssystem. Er würde sein Glück in den unteren Etagen des nächsten Lagermoduls probieren.
Nisse stieß sich vom Boden ab und stand auf. An der Durchgangsluke starrte er eine Weile auf das Bedienpaneel, bevor er sich dazu durchringen konnte, auf Öffnen zu drücken. Er hielt den Atem an, doch es geschah nichts. Kein Zischen, kein Sirren, nur eine kleine Meldung, die ihn darüber informierte, dass das Öffnen der Luke eine entsprechende Autorisierung erforderte.
Das sollte bei verbundenen Transportmodulen nicht der Fall sein. Waren sie etwa nicht verbunden? Oder – noch schlimmer – waren gar nicht alle drei Lagereinheiten zusammen? In einen kleinen Frachter, der am Ziel zerlegt werden sollte, hätte man sie hintereinander gepackt und verbunden. Wenn das nicht so war, war es womöglich gar kein Frachter, sondern ein Zubringer, der die Module auf einen Abfangkurs zu einem Ringtransporter brachte, einem dieser Riesendinger, die mit 80 Prozent Lichtgeschwindigkeit auf einer 640 Milliarden Kilometer durchmessenden Bahn um die instabile Sonne kreisten und die Kolonien dieses Systems verbanden. Die Fracht wurde ihnen in kleinen Lagereinheiten, die viel leichter und billiger auf diese Geschwindigkeit gebracht werden konnten, angehängt, wenn gerade ein Transporter vorbeikam. Es gab sechs davon, die für jede Runde knapp drei Monate brauchten. Das wäre die schlimmste annehmbare Panne. Einen Ringtransporter konnte man nicht übernehmen und damit verschwinden. Nur mit den Transportmodulen, die er mit seinem künstlichen Magnetfeld mitzog, bis sie im Zielgebiet wieder freigegeben wurden. Die eigneten sich für eine Flucht durch die Kolonien aber ungefähr so gut wie eine Schwebeplattform oder eine Rettungskapsel. Andererseits war die Wahrscheinlichkeit, dass wegen eines Alarms im Lagermodul ein Eingreiftrupp des Besitzers auf den Weg gebracht würde, wesentlich geringer. Das wagte bei den Transportgiganten einfach niemand. Die waren mit automatischen Abwehrgeschützen bestückt, um Meteore und Weltraummüll aus der Bahn zu schießen. Oder Piraten. Die extrem teuren Ringtransporter wurden seit jeher nicht von einzelnen Konzernen betrieben, sondern von deren Konsortium, der Allianz, die ihre gemeinsamen Interessen vertrat und nicht einzelnen Corporations unterworfen war. TechnoTsar würde diesbezüglich keinen Ärger riskieren. Nicht wegen einem Modul voll Lebendfracht.
Seinen Recherchen im Raumhafen der Station Concordia zufolge, war Thyras Einheit mit einigen anderen Restbeständen zu einem großen Erschließungskontingent zusammengelegt worden. Drei Module mit insgesamt 150.000 Einheiten. Wer würde teuren Frachtraum in einem lichtschnellen Schiff buchen, um Billigeinheiten zu transportieren?
Nisse rieb sich nachdenklich die Stirn. Beifracht! Es musste sich eine Lücke bei einem Zubringer aufgetan haben, irgendein Auftrag war eventuell kurzfristig geplatzt. Für Konzernleute gab es nichts Schlimmeres als ungenutztes Frachtvolumen. Das galt auch für die Allianz. Die Ringtransporter waren zwar der ganze Stolz der Corporations, gleichzeitig aber auch ihr Schwachpunkt. Diese über 2000 Meter langen und 200 Meter durchmessenden Einheiten auf Licht zu bringen war so immens teuer, dass es über zehn Jahre dauerte, bis sie sich amortisiert hatten. Darum wurde keine Fracht ausgelassen, jede Lücke vollgestopft und gespart, wo es nur ging. Zum Beispiel an der Mannschaft. Einfache Algorithmen sorgten dafür, dass die Transporter auf Kurs blieben und die Lagermodule korrekt eingesammelt und ausgeworfen wurden. Also entweder waren Nisses Informationen falsch oder der Auftraggeber hatte kurzfristig umdisponiert. Vielleicht gab es nur dieses eine Modul. Das würde die Sache erheblich vereinfachen. Doch konnte er sich darauf verlassen?
Wie konnte das nur dermaßen schiefgehen … Er und Thyra wollten gemeinsam bei einem kleinen Interventionsteam anheuern. Es ging um die Besetzung einer Kobalt-Miene, die ursprünglich von AltaiSphere in Betrieb genommen, dann aber eine Weile ungenutzt gelassen worden war. TianXia Galactical Solutions hatte die Mine weiter ausgebaut und die zurückgelassene Ausrüstung übernommen. Sie waren auf Yttrium gestoßen. Nun wollte AltaiSphere die Mine zurück. Die Mine sollte besetzt und die Ausrüstung requiriert werden. Thyra hatte den Job jedoch alleine antreten müssen, weil Nisse abgelehnt wurde. AltaiSphere wusste von seiner Hypnoschulungs-Resistenz, weil er bei einem AltaiSphere-Institut seine Zusatzqualifikation für Schiffssysteme erlangt hatte. Dabei wurde das aktenkundig. Für Thyra hingegen war es für einen Rückzieher zu spät gewesen.
TianXia Galactical hatte dummerweise von dem Coup Wind bekommen und war vorbereitet. Das Manöver war bereits während der Landung gescheitert und das Lagermodul gar nicht erst in die Lage gekommen, die Auftragnehmer aus dem Transportkoma zu wecken. Den Aufwand, der dabei entstanden war, stellte TianXia Galactical natürlich in Rechnung. AltaiSphere akzeptierte und gab das gesamte Frachtmodul in Zahlung. Thyra und die anderen waren seit ihrem Aufbruch vor einem Monat nicht mal aus dem Koma erwacht und wussten noch gar nichts von ihrer unglücklichen Situation.
Vielleicht hatte Nisses Informant den Vorgang mit einer Neurekrutierung verwechselt. War er hier überhaupt richtig? War das Thyras Einheit?
Ihm blieb nichts anderes übrig, als jemanden zu fragen. Eine radikale Planänderung, aber unvermeidlich. Wenn es Thyras Einheit war, wären die Erweckten vermutlich loyal. Dass ihre Bedürfnisse dann in der Gesamtplanung berücksichtigt werden mussten, ließ sich nicht vermeiden. Wenn es eine völlig andere Einheit war, war es ohnehin egal, denn dann war er am Arsch. Und Thyra auch.
Ein unkontrolliertes langsames Erwachen war zu riskant, außerdem konnte es Tage dauern. Nisse musste jemanden über die Lagersteuerung aufwecken. Wenn es ein Großtransport mit angehängten Modulen war, sollte das egal sein. Das Schiffssystem würde nur auf Modul-Alarme reagieren, wenn diese den gesamten Flug gefährdeten. Ansonsten würde das einfach ignoriert. Das war Risiko des Kunden. Die Alternative waren bemannte Transporte mit Betreuung – also zu teuer.
Nisse ging zum zweiten Block, wo er einen besonders mageren jungen Kerl gesehen hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen Techniker handelte, war sehr groß. Die Welt der Konzerne wurde von Effizienz regiert und alle, die in ihrem Umfeld lebten, waren demselben Prinzip unterworfen. Ein Computerarbeiter würde sich nicht die Mühe machen, einen muskulösen Körper zu unterhalten, der unnötig viel Energie verbrauchte. Das machte man nur, wenn man den Körper für Kampf- oder Arbeitseinsätze benötigte.
Nisse merkte sich die Koordinaten der betreffenden Pritsche und gab sie über das Bedienpaneel zur Erweckung ein.
Zunächst kam ein Warnhinweis mit den für die gewählte Notaufwärmung verbundenen Risiken. Derselbe Mist wie auf Medikamentenpackungen: Grauenvolle Risiken, die man unter Verzicht auf Haftungsansprüche akzeptieren musste. Nisse schluckte kurz, dann drückte er den Hinweis weg.
Die schnelle Erwärmung würde mithilfe der sich aufheizenden Pritsche erfolgen, die für einen Anstieg von einem halben Grad pro Minute sorgte. Extrem viel schneller als empfohlen. In nur 20 Minuten wäre der Körper auf Normaltemperatur. Die Standarddauer von sechs Stunden wollte Nisse einfach nicht abwarten. Anstelle einer einfachen Unterbrechung der Sedativzufuhr gab es die Möglichkeit einer beschleunigten Ausleitung durch Verabreichung eines Gegenmittels. Ziemlich genau dasselbe Zeug, das auch er verwendet hatte, um wach zu bleiben. Das würde im Zusammenspiel mit der Erwärmung eine halbe Stunde dauern. Die gezielte Stimulation des Nervensystems über die Kopfhörer und als Muster ausgesandte kleine Elektroschocks über die Liege sollten dann mit Erreichen einer Körpertemperatur von 32 Grad dazu führen, dass das jeweilige Stück Lebendfracht langsam erwachte und zu sich kam. Nach etwa einer Stunde war mit ersten Lebenszeichen zu rechnen, nach spätestens anderthalb Stunden sollte Nisse den Mann befragen können.
In der Theorie.
Neben all den zu befürchtenden Nebenwirkungen war auch die Frage, wie der Unbekannte diese Art des Umgangs mit seinem Körper, seinem Leben finden würde, nicht ganz unerheblich. Diese Vorgehensweise war extrem belastend für Körper und Geist und konnte Herzrhythmusstörungen, Hirnödeme, Organversagen und schwere metabolische Störungen nach sich ziehen. Die aufgeweckte Person könnte unter starker Desorientierung und Verwirrung leiden bei gleichzeitig stark eingeschränkten physischen Fähigkeiten. Die Langzeitfolgen wie Gedächtnisverlust oder neurologische Probleme waren unvorhersehbar und es war eine grundsätzlich sehr schwierige Entscheidung, das jemandem zuzumuten. – Genauso problematisch war es, feststellen zu müssen, dass es einem zugemutet worden war. Die Reaktion der Betroffenen konnte durchaus unschön ausfallen. Schon allein aus diesem Grund verbot es sich, eine allzu kräftige Person auszuwählen. Nisse ging davon aus, dass er mit dem Bürschchen zurechtkommen würde, wenn dieser durchdrehen sollte. Oder schreien.
Während der Wartezeit erklomm Nissen im mittleren Block vor der Luke die höheren Etagen und fuhr mit seiner systematischen Durchsicht der Reihen fort. Ebene um Ebene. Der Gedanke, auf dem falschen Schiff zu sein und Thyra nicht mehr retten zu können, war einfach unerträglich. Sie gehörten zusammen. Für immer.
Sie waren gemeinsam in der Portalstation Concordia aufgewachsen, wie Geschwister, hatten aufeinander aufgepasst, als ihre Eltern eines Tages nicht mehr von der Arbeit zurückkamen, hatten sich mit Kinderarbeit in den Schutzanzugklebereien durchgeschlagen, hatten auch ihre Körper miteinander geteilt, sobald die Hormone es verlangten, weil sie niemand anderem trauen konnten, und waren nun ein Paar auf Gedeih und Verderb. Kinder in dieses schreckliche Universum zu setzen, planten sie nicht, sie wollten nur ein Plätzchen für sich finden, wo sie in Ruhe leben konnten. Ohne Hunger. Ohne Angst.
Nisse und Thyra hatten sich die großen Standard-Wissenspakete zusammengespart, einer nach dem anderen hatten sie die Langzeit-Subliminalisierungs-Schulungen durchlaufen, die die Institute der Corporations anboten. Sie hatten die Basis-Pakete A, B und C erworben, dazu noch ein Zusatzpaket über Schiffssysteme für Nisse.
In der Welt der Konzerne, dem Cosmic Chaos, wie man den rechtsfreien Raum außerhalb des Einflussbereichs der Alten Welten nannte, mussten die Menschen für alles selbst aufkommen. Es gab keine staatliche Wohlfahrt, Bildung oder Versorgung. Nichts. Dafür gab es allerdings auch keine Steuern. Nur Gebühren. Es hatte den größten Teil ihrer Kindheit und fast ihre gesamte Jugend gedauert, sich auf eigene Kosten immer weiterzuqualifizieren, um irgendwann dem Elend der unteren Ebenen und des Docks zu entkommen. Es war weniger die Enge, mit der sie aufgewachsen und die sie gewöhnt waren, sondern der unablässige Kampf ums Überleben in einer Welt, in der absolut nichts umsonst war, nicht einmal die Luft zum Atmen. Sie träumten von einem eigenen Siedlungsprojekt, und sei es eine winzige Versorgungsstation zwischen mehreren Bergbauplanetoiden, mit autarker Versorgung, notfalls aus gebrauchten Überlebenseinheiten und etwas Schrott zusammengebaut. Aber selbst davon waren sie Ewigkeiten entfernt. Dieser Job hätte sie nur in die Nähe gebracht. Sie mussten sich noch eine Weile weiterqualifizieren und bessere Jobs ergattern, bis sie sich den Ausstieg aus der Tretmühle leisten konnten.
Doch war das wirklich realistisch? Nach der Erfahrung mit ihrem ersten Versuch eines Außenjobs musste die Situation offenbar neu bewertet werden: Nichts von dem, was einem erzählt wurde, war zwangsläufig wahr. Man konnte sich auf nichts verlassen. Das war wohl die einzige Wahrheit. Thyra hatte umfangreiches Wissen erlangt. Zertifiziertes Wissen. Dennoch war sie mit ihrer gesamten Einheit als Billigware weiterverkauft worden. Die erwartete Einzelprüfung hatte offensichtlich nicht stattgefunden. Das war ein Schlag ins Gesicht. Sollte es wirklich nicht möglich sein, die erworbenen Zertifikate ungechipt nachzuweisen? Das Chippen war ein Zusatzservice der Institute, bei dem je nach Sicherheitsstufe hohe bis exorbitante Kosten dafür anfielen, die persönlichen Daten sowie die Zertifikate auf einem Chip implantieren zu lassen. Am besten in den Schädel, aber das war unbezahlbar. Das ebenfalls viel zu teure Implantieren in Brust, Bein oder Gesäß war hingegen nicht so anerkannt.
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