Regen
»An dem einen Knochen war Blut. Nicht viel. Ich gehe davon aus, dass sie ihn damit geschlagen haben. Dabei wird die Brille heruntergefallen sein. Sie haben ihn, warum auch immer, mitgenommen.« Er stemmte die Hände in die Hüfte und wartete auf eine Antwort. War der Deal diese Information wert gewesen? Nein, bei Weitem nicht.
»Und?«, fragte er und sah sie erwartungsvoll an.
»Was und?« Saß das Rudel bereits auf dem Trockenen? Wollte er deswegen unbedingt den Hopfen?
»Sag schon, dass dieser Deal eine Freundschaftsrabatt-und-alles-muss-raus-Aktion ist und dass du uns Hopfen dafür gibst.«
Rayne rollte mit den Augen. Selten gelang es Zeke, Scherze in Situationen zu machen, in denen sie angebracht waren. Sie rieb sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenansatz und murmelte: »Von mir aus, ihr elenden Säufer.«
Eigentlich ging sie davon aus, dass er einen weiteren Scherz machen würde, doch stattdessen hielt er sich einen Zeigefinger vor den Mund.
Sie wurde still. Hörte er etwas?
Es war mitten am Tag und kein außergewöhnliches Unwetter in Sicht. Nichts außer Regen und Donner beherrschten den Himmel. Das Grau der Wolken war noch nicht dunkel genug, damit die Nachtschatten aus ihren Löchern krochen.
»Scheiße«, fluchte er leise, rannte auf sie zu und zog sie ruppig mit sich, bis sie hinter einem dicken Baum stehen blieben. Zeke stand dicht vor ihr, während Raynes Rucksack gegen die Rinde drückte.
»Was soll …«
Plötzlich lag seine Hand auf ihrem Mund und mit der anderen zeigte er erneut an, dass sie ruhig sein sollte.
Sie verstand und nickte.
Rasch zog er seine Waffe aus dem Holster, spähte um den Baum und beobachtete das Areal dahinter.
Erst jetzt hörte Rayne Geräusche, die nicht in diesen Wald gehörten. Schritte.
Nein, keine Schritte. Das Tapsen von Pfoten, die matschige Spuren auf dem aufgeweichten Waldboden hinterließen. Äste brachen und Sträucher raschelten. Etwas atmete. Nicht laut, aber deutlich genug.
Die Erkenntnis, dass es sich dabei nicht um die fremde Gruppe handeln konnte, übermannte sie und Panik stieg in ihr auf.
Es war Tag! Es herrschte kein Unwetter. Es durfte nicht sein!
Zeke beugte sich zu ihr herunter. Sein Mund war so dicht an ihrem Ohr, dass sie hören konnte, wie ruhig er atmete, während sie zu hyperventilieren drohte. »Setz den Rucksack ab und lass ihn am Baum stehen! Es ist nur einer. Den schaffen wir. Aber nicht, wenn du beladen bist wie ein Packesel.«
Er wirkte nicht einmal angespannt. Im Gegensatz zu ihr wusste er, wie es war, im feindlichem Gebiet auf Angreifer zu stoßen. Ein Vorteil, wenn man im Militär gedient hatte.
Rayne tat, was er verlangte. Sie ließ den Rucksack geräuschlos von ihrem Rücken gleiten und lehnte ihn an den Stamm.
Zeke hatte sich in der Zwischenzeit einen anderen Baum als Schutz gesucht, der drei Meter weiter weg stand. Beinahe lautlos hatte er sich durch das Grün bewegt. Der Schlüssel seines Erfolgs lag in seiner Gelassenheit. Er hastete nicht, sondern blieb ruhig, um so wenig Geräusche wie möglich zu erzeugen.
Nachtschatten schienen nicht riechen zu können, dafür reagierten sie auf Laute und zu schnelle Bewegungen.
Rayne griff nach ihrem Gewehr, entsicherte es leise und hockte sich hin, während sie vorsichtig um den Baum spähte. Sie sah nichts. Doch er war da und blieb in seiner Tarnung verborgen.
Ein weiterer Ast brach. Kurz darauf trat er in eine Pfütze und kleine Wellen breiteten sich aus.
Rayne schloss die Augen und fluchte gedanklich unentwegt. Er blieb unsichtbar. Das bedeutete, dass er jagte. Sie beide.