Leuchten des Universums
1
Oh, dieser Duft! Diese fruchtige Süße, durchzogen von einer leicht herben, erdigen Note. Speichel sammelte sich in Galvins Maul und seine zwei Mägen knurrten.
Mach das Raumschiff startklar, hatte Terra gesagt. Geh auf dem schnellsten Weg zum Landeplatz, hatte sie gesagt. Und mit einem vielsagenden Unterton hinzugefügt: Mach ja keine Umwege über die Felder!
Galvin verharrte mit geschlossenen Augen. Er weitete seine drei Nasenlöcher und drehte sich in den Wind, der aus Richtung Plantage wehte. Den süßlich-herben Duft sog er tief in sich hinein, öffnete seine Stielaugen wieder und richtete sie so aus, dass die Felder wie ein meisterlich gemaltes, lebendiges Panoramabild vor ihm lagen.
Terranerhohe Büsche mit fleischigen dunkelgrünen Blättern kuschelten sich in langen Reihen aneinander. Zahllose gelborange Früchte leuchteten mit der untergehenden Sonne um die Wette. Bis zum Horizont erstreckte sich die wohlschmeckende Pracht.
Der Hunger nagte an seinen Magenwänden wie ein wildes Tier, Spuckefäden rannen aus seinem … Oops! Er stand ja direkt am Feldrand.
Beherrsch dich, du verfressene Weltraummade! Terra verlässt sich auf dich. Denk nur an eines: Schiff startklar machen, Schiff startklar machen, Schiff …
Galvin ließ sich auf seine acht Beinpaare hinunter, drehte der Plantage das Hinterteil zu und begab sich zurück auf die Straße, die zum Landeplatz führte. Terra feilschte gerade um ihren Lohn für den Transportflug, und erfahrungsgemäß dauerte das ewig. Irgendeine Begründung fanden ihre Auftraggeber immer, den vereinbarten Preis zu reduzieren. Und wenn Terra mit weniger Tantal als erwartet zum Schiff zurückkehrte, war sie bestimmt mies drauf und wollte nur schnell weg. Besser, er beeilte sich.
Galvin kratzte sich am Bauch, tote Hautfetzen blieben an seinem Greifer hängen und – sein Besitzzeichen löste sich. Der kreisrunde, kreischend pinkfarbene Bon aus Plex flog in einem weiten Bogen ins Feld. Galvin fuhr seine Stielaugen aus und schwenkte sie zwischen den hohen Gräsern hin und her. Das Ding war nirgends zu entdecken. So viele Häutungen hatte er überstanden. Ausgerechnet, wenn er allein unterwegs war, ging ihm das Besitzzeichen verloren. Aber alles an ihm juckte, als hätte er in einem Chemiebad geschlafen! Sein Panzer entwickelte sich durch den wachsenden Madenkörper zu einem immer engeren Korsett. Seit Wochen quälte ihn der Hunger … Hoffentlich war das sein letzter Wachstumsschub.
Er seufzte. Gerade jetzt zur Erntezeit hatte ein Frachtauftrag sie nach Perrigor geführt. Der ganze Planet lag unter einer Glocke aus betörendem Steinfruchtparfüm. Er schnüffelte sehnsüchtig in Richtung der süßen Verlockung …
Nein! Eine Standardkiste perrigorische Steinfrüchte kostete fast so viel wie eine gründliche Inspektion der Spacelark. Also, keine Fresskapaden!
Er mied den Blick auf die Plantage und betrachtete stattdessen konzentriert die Häuserzeile auf der anderen Seite.
Diesen Teil der Stadt beherrschten Lager- und Kühlhäuser. Er war nicht so herausgeputzt wie die übrigen Bezirke der Hauptstadt Perrigors. Die Häuser waren nicht mit gelborangen Farben verziert, wie es sonst auf dem Planeten üblich war, dafür war die Straße mit widerstandsfähigen Platten aus grauem Butorck gepflastert. Alles hier wirkte funktionell und stabil.
Hin und wieder kam Galvin an Schuppen oder kleineren Läden vorbei, die traditionell aus Steinfruchtkernen erbaut worden waren. Es waren standhafte Überbleibsel aus der Zeit vor dem Siegeszug des grauen Butorcks.
Hinter dem nächsten Kühlhaus ragte ein runder Tank in die Höhe. Seine Wand war mit dunkelgelben Tropfen und Streifen geschmückt. Der flache Anbau direkt daneben leuchtete orangegelb. Sotalits Säfte von höchster Qualität stand auf einem Schild. Die niedrigstehende Sonne spiegelte sich rötlich im Glasfenster des Anbaus und verhinderte die Sicht in den Innenraum. Wurden die Säfte da nur verkauft? Oder auch abgefüllt? Galvin richtete sich auf und drückte sein Gesicht an die Scheibe.
Alle Wände in dem Raum waren bis unter die Decke mit Regalen bestückt. In der einen Hälfte des Ladens stand ein Verkaufstresen, in der anderen eine Saftpresse. Sie war aus Steinfruchtkernen gefertigt, die Farbe war verblasst, die Presse mit Schrammen übersät. Doch zu Demonstrationszwecken tat sie nach wie vor ihren Dienst: Sonnengelber trüber Steinfruchtsaft tröpfelte aus dem Auslaufhahn am unteren Rand. Ein Perrigorer fing die Flüssigkeit in einer Schüssel auf und reichte sie einem Zestraner, der den Saft mit seinem Kurzrüssel schlürfte.
Galvin presste Maul und Augen dichter ans Glas. Mmh … Leckerer Fruchtsaft.
Quietschend glitt er an der Scheibe hinunter, bis er wieder auf allen sechzehn Greifern stand. Er schmatzte und leckte sich den Speichel vom Maul. Eine breite Spuckespur zierte die Glasscheibe des Ladens. Durch sie hindurch sah Galvin verschwommen den Verkäufer mit den Armen fuchteln und in Richtung Tür hasten.
Das gab Ärger – nichts wie weg!
Auf vier Beinpaaren, den Körper halb aufgerichtet, rannte Galvin an der Häuserzeile entlang. Die Stielaugen richtete er nach hinten. Der Perrigorer war aus dem Saftladen getreten, seine hocherhobenen Zangenfinger klackerten ein bedrohliches Stakkato. Aber er verfolgte ihn nicht.
Glück muss die Made ha…
Polternd prallte er gegen einen Haufen Bretter, mit einem Teil von ihnen rutschte er auf den Boden. Öh – das waren gar keine Bretter, nein, es waren ovale Schalen. Er strampelte mit den Beinen und kickte die harten Dinger in alle Richtungen. Sie waren braun, fest und gleichzeitig biegsam. In einigen hingen noch blutige Hautfetzen.
Bei der Großen Mutter, das … das waren Madenpanzer!
Unwillkürlich rollte er seinen Körper zusammen und zog sich in den Schutz seines eigenen Panzers zurück. Hier drin war es finster. Und – beim Licht der Sterne, war das eng.
»Hab ich euch nicht gesagt, ihr sollt den Kram gründlich reinigen und ins Lager schaffen?«, schnarrte eine Stimme. »Dilordon, Hanurit – bringt das sofort in Ordnung!«
Galvin verhielt sich still, selbst die Atmung stellte er ein. In seine rechte Flanke bohrte sich etwas und tastete an ihm entlang.
»Hey, d-da ist noch Fl-Fleisch dran«, rief jemand. »D-die Made le-lebt.«
»Wo kommt die denn her?« Diese Stimme war tiefer als die zuvor, eher wie ein Brummen. »Siehst du ein Besitzzeichen?«
Verfluchte Sternenexplosion! Selbst wenn sich die Perrigorer seinen Bauch ansehen würden, sein Bon war fort. Und die Kaufurkunde, die Terra als seine Besitzerin auswies, war an Bord der Spacelark. Toll. Er fühlte sich nackt, trotz Panzer.
»Eine zu-zusätzliche M-Made, und dann auch noch au-ausgewachsen«, rief der andere. »De-der Chef wird sich fr-freuen«,
»Halt die Barten und benutz deine Beine«, sagte die brummige Stimme. »Hol ein paar Kollegen. Wir brauchen mindestens zehn Zangen, um den Brocken in eine Schlafbox zu bekommen.«
Schlafbox? Das klang gar nicht gut.
Schon bohrten sich perrigorische Zangenhände mit Gewalt zwischen Galvins Panzer und seine Weichteile. Hinten, an beiden Seiten – sie waren überall. Und sie zerrten ihn vorwärts.
Seine Magensäfte blubberten, mit Mühe unterdrückte er einen ängstlichen Rülpser. Heimlich spähte er über den Panzerrand.
Er wurde durch eine breite Stahltür gezwängt, was seinen Trägern erhebliche Probleme machte.
»Ich bin eingeklemmt«, rief einer gepresst, ein anderer brüllte: »Hebt das Ding an, schnell! Mein Fuß wird zerquetscht.«
Galvins Körper verlor die Bodenhaftung, um ihn herum wurde gestöhnt und geächzt.
Er raffte seinen ganzen Mut zusammen. Auch ohne Besitzbon konnte er das Missverständnis vielleicht aufklären.
»Das ist alles ein Irrtum«, rief er. »Ich gehöre zu einem terranischen Frachtschiff.«
Abrupt ließen die Träger ihn los.
»Habt ihr das gehört?«, fragte jemand.
»Das Ding hat irgendetwas gebrabbelt, na und?«, sagte der mit der brummigen Stimme.
Kein Wunder, dass die ihn nicht verstanden, wenn er den Kopf im Panzer ließ. Galvin wagte sich hinaus.
»Hallo.« Um ihn herum standen sechs Perrigorer. Sie trugen weiße Schürzen mit verkrusteten rotbraunen Flecken. Galvin schluckte. »Darf ich mich vorstellen? Ich …«
»Na los, weiter geht’s«, rief einer der Kerle.
Rasch zog Galvin den Kopf wieder ein. Entweder sein Perrigorisch war total eingerostet, oder sie wollten ihn einfach nicht verstehen.
Die Zangenfinger packten erneut zu und kippten ihn unter derben Flüchen auf die Seite. Sein weicher Madenbauch rutschte seitlich aus dem Panzer und berührte einen feuchten, kalten Fliesenboden. Ihm entfuhr ein Rülpser des Entsetzens.
»Siehst du am Bauch irgendein Zeichen?«, fragte der Brummige.
»N-nö, n-nichts zu seh’n.«
»Ist doch egal«, keuchte einer seiner Träger. »Ich kann nicht mehr, dreht das dicke Ding wieder um.«
»Elende Plackerei«, schimpfte ein anderer. »Ich brauch ’ne Pause.«
Gewicht drückte auf Galvins Panzer, es presste seinen Körper zusammen, sodass die Luft aus seinen Atemsäcken entwich. Es zwickte und knirschte, aber dafür war seine verwundbarste Stelle wieder geschützt. In dieser Enge, vom Panzer umschlossen, den Bauch fest am Boden, durchströmte ihn ein Gefühl der Sicherheit.
Sollten sie ihn ruhig als Pausenhocker benutzen, das gab ihm Gelegenheit, sich gründlich umzusehen. Er zwängte seine Stielaugen durch einen winzigen Spalt zwischen Panzer und Kopf.
Der Raum war weiß gekachelt, blank polierte Stahltische standen an den Wänden. In einem Netz aus Bodenrinnen bahnte sich eine wässrige rötliche Flüssigkeit ihren Weg zum zentralen Abfluss.
Auf einem Tisch in unmittelbarer Nähe schlitzten zwei Schlachter eine vom Panzer befreite Madenleiche der Länge nach auf. Mit ihren Zangenhänden trennten sie Mägen und Gedärme vom Muskelfleisch. Die Fleischabfälle warfen sie achtlos in bauchige Wannen neben ihrem Arbeitstisch.
Kühle Luft biss scharf in Galvins Nase, metallischer Geschmack breitete sich in seinem Maul aus.
Von wegen Sicherheit! Er war in einem Schlachthaus gelandet, in einer Madenschlachterei.
Er öffnete das Maul und … brachte kein Wort heraus. Sein perrigorischer Wortschatz floss mit dem Blut der ermordeten Made davon und verlor sich im Siel. Rasch zog er die Augen in den Schutz des Panzers zurück.
»Los jetzt«, sagte einer der Träger neben ihm. »Von allein geht das Dickerchen nicht in die Schlafbox.«
Das Gewicht verschwand von Galvins Rücken, die Zangenhände packten kräftig zu. Er pumpte seine Atemsäcke voll Luft und suchte mit seinen Greifern Halt auf den Fliesen. Keinen Zentimeter würde er sich von hier wegbewegen.
»Beim Kern der Steinfrucht«, schimpfte jemand. »Wir sollten das fette Ding besser schieben.«
»Dann muss noch einer mit an den Hintern.«
»In Ordnung. Auf drei. Eins – zwei uuund drei!«
Galvins Greifer erzeugten ein kreischendes Geräusch auf den Bodenfliesen, doch er fand keinen Halt in den feuchten Fugen. Hätte er nur richtige Krallen anstelle dieser abgerundeten nutzlosen Dinger am Greiferende!
Langsam, aber stetig zogen und schoben ihn die Arbeiter weiter.
Galvin hockte in der dunklen Enge seines Panzers wie im Ei der Großen Mutter. Er musste etwas unternehmen, musste sich wehren! Eine Möglichkeit abzuhauen, das wäre das Allerbeste. Er lugte wieder über den Panzerrand.
Im Tempo einer lubrianischen Schnecke zerrten sie ihn am nächsten Tisch vorbei. Dort zerteilten Arbeiter mit stumpfen, gebogenen Klemmen zartes Bindegewebe und entblößten die Panganis-Drüse. Behutsam zogen sie das tropfenförmige Organ zwischen den Atemsäcken hervor und legten es in eine Schale. Der Perrigorer neben ihnen nahm sie vorsichtig entgegen.
Schweiß brach Galvin aus allen Poren. Mit einem bedrohlichen Zischen vakuumierte der Schlachter die kostbare Drüse, die bei zahlreichen Völkern der Allianz als Delikatesse galt. Galvins Mägen schnürten sich mit jedem Tschischsch der Maschine mehr zusammen.
Am nächsten Arbeitsplatz zerteilten Arbeiter Muskelfleisch in handelsübliche Portionen. Einzeln spießten sie die Fleischstücke auf Haken, die von einer Schiene herunterhingen. Im gleichmäßigen Rhythmus schaukelte das Fleisch in Richtung eines Vorhangs aus Plexstreifen und verschwand dahinter.
Er war verloren.
Maden waren Nahrung, Maden wurden geschlachtet. Das war eine unumstößliche Regel dieser Galaxie.
Dank Terra hatte er bislang ein langes und schönes Leben gelebt. Sie war seine einzig wahre Freundin. Ein Zittern ergriff seinen Körper – und das kam sicher nicht von der kühlen Temperatur im Raum.
Ach, Terra … Das Zittern wurde zu einem Beben. Ein Beben wie auf dem Planeten Julamuk, wenn dort ein Vulkan ausbrach.
Bei der Großen Mutter. Eher würden die Sonnen dieser Galaxie auf einen Schlag erkalten, als dass er sich einfach so schlachten ließ!
Galvin strampelte ungestüm mit allen acht Beinpaaren. Mit einem Hinterbein fand er eine der Abflussrinnen zwischen den Bodenkacheln. Er verhakte das Ende des Greifers, die Vorwärtsbewegung stoppte.
»Was seid ihr nur für Fallobst! So braucht ihr noch bis zum Sonnenaufgang.« Galvin erkannte die schnarrende Stimme. Es war die, die er als Erste gehört hatte. »Macht schon, schiebt! Oder nein - hebt sie an.«
Unter gemurmelten Flüchen zerrten ihn die Träger hoch, sein Greifer verlor den Halt. Sie schleppten ihn stöhnend in Richtung eines weiteren Vorhangs aus Plexstreifen. Dort kam in diesem Moment ein fahrbarer Metalltisch durch, auf dem eine Weltraummade, nicht einmal halb so lang wie er, auf ihrem Rückenpanzer lag. Die Beinpaare hingen schlaff an den Seiten herunter, die Stielaugen waren kraftlos ausgerollt und mit einem Schleier überzogen. Der Arbeiter schob das Gefährt an einen niedrigen Tisch und kippte die betäubte Made auf die Platte. Dort standen sich zwei Schlachter gegenüber, von denen jeder das Ende einer dünnen, bandförmigen Klinge hielt. Die Tischplatte fuhr langsam hoch und stoppte auf einer komfortablen Arbeitshöhe. Die Schlächter führten das scharfe, flexible Stahlblatt zwischen Weichteil und Panzer und zogen es vom Kopf bis zum Hinterteil der Made. Sie hoben das blutige Fleisch aus der Panzerschale und hievten es auf den wartenden Rolltisch. Der leere Panzer klapperte zu Boden.
Galvin folgte seinem Instinkt und rollte Körper, Extremitäten und Kopf fest zusammen, stieß die Luft aus und hielt den Atem an.
Du bist kein Schlachtvieh, flüsterte Terra in seinem Gehirn. Du bist ein Copilot. Ihre Stimme kreiste in seinen Gehirnwindungen, wurde unüberhörbar, drängender und endete mit den Worten: Du bist mein Copilot.
Er richtete sich mit Schwung auf und schüttelte sich. Die Träger am vorderen Rand des Panzers fielen wie überreife Steinfrüchte von ihm ab. Galvin ließ sich wieder zu Boden plumpsen, er schwenkte sein Hinterteil rasch und kraftvoll hin und her. Damit schleuderte er drei weitere Peiniger beiseite.
»Die Ma-Made dreht d-durch!«, rief einer.
Galvin fuhr seine Stielaugen zu voller Länge aus. Ein Ausgang, wo war der Ausgang? Er ließ die Augen im Kreis rotieren. Die Schlachter griffen sich blitzende Messer, sie umringten ihn. Die Träger, die er eben erst abgeschüttelt hatte, rappelten sich auf und starrten ihn an.
Ein hochgewachsener Perrigorer in einer gelbroten Tunika schob sich durch den Kreis der Arbeiter. Er war der Einzige, der keine Schürze über seiner Kleidung trug.
»Maden drehen nicht durch«, schnarrte er. »Dazu sind diese Viecher viel zu friedfertig. Und zu dämlich.«
Der Kerl näherte sich Galvin, seine Lippenbarten vibrierten, die ovalen Augen leuchteten. »Kommt näher ran, wir schlachten das Ding gleich hier.«
»O-ohne Betäu-b-bung? D-das verstößt gegen …«
»Verfaulte Steinfrucht! Ich bin der Vorarbeiter«, brüllte der schürzenlose Perrigorer. »Und ihr tut gefälligst, was ich sage.«
Der Kreis um Galvin zog sich enger zusammen. Blutige Messer, Sägen und Äxte kamen ihm unaufhaltsam näher. Einige Schlächter öffneten und schlossen ihre freien Zangenfinger. Klick – klack, klick – klack …
Galvin blickte sich verzweifelt um. In seiner Angst verhedderten sich die Stiele seiner Augen. Nachdem er sie hastig wieder entknotet hatte, entdeckte er über die Köpfe der Arbeiter hinweg eine breite Stahltür. Bei allen strahlenden Sternen – sie stand weit offen!
Die Mörderbande hatte ihn eingekreist, der Vorarbeiter war nur einen Schritt von ihm entfernt.
»Wenn ich das Zeichen gebe«, schnarrte er und erhob eine Zangenhand, »greifen wir gemeinsam an.«
Mit aller Kraft widersetzte sich Galvin seinem Instinkt. Einrollen und sich Totstellen brachten ihm hier nichts, nur den sicheren Tod.
Der Vorarbeiter senkte die emporgestreckte Zangenhand und …
Galvin wirbelte in seiner ganzen Länge im Kreis herum. Er holte den Vorarbeiter und die erste Mörderreihe von den Beinen. Auf den feuchten Fliesen schlidderte er Richtung Tür. Ein Arbeiter sprang geistesgegenwärtig aus dem Weg und landete in der Wanne mit Gedärmen. Galvin rutschte in einen zweiten Schlachter hinein und rollte über ihn hinweg. Er drehte seinen Körper, sodass er sich durch die Türöffnung ins Freie quetschen konnte. Eine Drehung noch, und er war – draußen, er war frei!
Galvin ließ sich auf alle Greifer nieder und rannte los, immer geradeaus. Er überquerte die Straße und stürzte sich in die Pflanzen am Feldrand. Gebrüll und wütendes Klackern verfolgten ihn, irgendetwas Scharfes schrammte über seinen Panzer. Er pflügte im Zickzackkurs durch die hohen Gräser, hinein in die Plantage. Büsche in seinem Weg walzte er nieder. Mit jeder geplatzten Frucht spritzte köstlich klebriger Saft und legte sich ihm auf Gesicht und Körper. Der süßlich-herbe Steinfruchtduft wurde intensiver, er war überall, benebelte seinen Geist. Galvin fuhr die lange Zunge aus und schleckte sich ab. Sein Kopf leerte sich, es gab nur ihn und seine knurrenden Mägen.
Galvin fixierte die Früchte am nächsten Busch. Er öffnete das Maul, korrigierte kurz die Richtung und stürzte sich darauf wie ein Ertrinkender auf die rettende Schwimminsel. Er saugte die orangeroten Kugeln in sich hinein, schluckte sie samt Kern und anhaftenden Blättern. Jedes Stück Obst, jeden Tropfen Saft genoss er, als hätte er seit Monaten nichts mehr gegessen. Seine Angst legte sich.
Von weit her ertönten Rufe. Sie näherten sich, sie schwollen an.
Warum brüllen die denn? Ach, egal.
Galvin fraß eine Steinfrucht nach der anderen. Hunger hatte er zwar bald nicht mehr, aber aufhören kam gar nicht infrage. Der aromatische Duft betäubte seine Sinne. Er nahm den aufflackernden Bildern von funkelnden Messern die Schärfe. Der dickflüssige Saft verbarg die Erinnerungsfetzen an blutige Madenleichen hinter einer sonnengelben Wand.
Klauen hakten sich in seinen Panzerrand, hielten ihn fest.
Wie ein zartes Pflänzchen keimte in Galvin wieder die Angst auf. Drohte Gefahr? Ach was! Eingehüllt in das süße Steinfruchtparfüm und geschützt durch das klebrige Schild aus Sonnensaft – was sollte ihm da passieren?
Er streckte sich träge und gähnte. Oh Große Mutter, war er müde.
»Bei allen sterbenden Sternen! Was hast du wieder angerichtet, Galvin?«
Terra?
»Ist das deine Made, Terranerin?«, fragte eine tiefe Stimme.
»Hm … ja. Das ist mein Copilot.«
Terra ist bei mir, alles ist in Ordnung. Galvin fühlte sich leicht, die Worte verschwammen zu einer leisen Melodie. Wie eine unaufhaltsame orangerote Welle überrollte ihn der Schlaf.