ONLINE
Prolog
»Wann hat das angefangen?« Milo hätte die verängstigte junge Frau gerne tröstend in den Arm genommen, aber sie waren online. Er hatte noch nicht in Erfahrung bringen können, ob sie neuronal vernetzt war oder einen einfachen Zugang mit Brille und Handschuhen nutzte.
»Ich weiß nicht. Es war schon immer so.«
»Schon immer? Sie wussten noch nie, wer Sie wirklich sind?«
Sie machte eine Pause. Ihr Avatar signalisierte, dass sie nachdachte, aber Milo erkannte, dass das eine von der Software automatisch eingespielte Geste war, um das Gespräch lebendiger wirken zu lassen. Oder hatte sie ihre Mimikinterpretation absichtlich unterdrückt?
»Früher wusste ich, wer ich bin.« Sie strich mit der Hand über das Tattoo auf ihrem Oberarm.
Es war ein Totenkopfschmetterling, Acherontia atropos, ein tagaktiver Falter aus der Familie der Habichtsfalken, wie ihm sein AR einblendete.
»Wann?«
»Ich weiß es nicht!«, jammerte sie.
Es konnte gut sein, dass sie weinte und es ihren Avatar nur nicht zeigen ließ. Genauso gut konnte es sein, dass sich da irgendein Teenie mit VR-Brille und gecrackter Avatarsteuerung einen miesen Scherz erlaubte.
»Wissen Sie denn, auf welche Weise Sie ins Netz gelangen?«
»Was meinen Sie?«
»Sie befinden sich im Netz. Nutzen Sie dafür eine Brille, einen Anzug, eine Liege oder gar einen Tank?«
»Was?«
Verblüffung und Entsetzen wirkten echt. Also doch ein neuronaler Anschluss. Tank oder Liege. Kein Teenie.
»Sie wissen nicht, dass Sie in einer Simulation sind?«
Sie sah ihn an, als wäre er es, der verwirrt war. Tankkoller, vermutete er.
»Legen Sie Ihre Hand auf Ihre Brust. So.« Er legte die Hand auf sein Sternum.
Sie schob zögernd eine Hand unter die üppigen Brüste ihres Avatars.
»Spüren Sie dort einen Druckschalter? Einen dicken Knopf?« Er sah sie fragend an. »Irgendeine Erhebung? Etwas Hartes? Das ist der Notschalter, der Sie aus der Simulation herausholt.«
Ihre Augen weiteten sich. – Dann war sie weg.
Milo nickte und loggte sich aus dem Beratungsraum aus. Sie hatte den Notschalter gefunden und sich entweder in der laufenden Simulation rekalibriert – woraufhin ihr die Situation bewusst wurde, sie Scham empfand und reflexartig in ihre Basisumgebung zurückkehrte – oder sie hatte die Simulation vollständig verlassen. Er hoffte, sie hatte jemanden zu Hause, der sich jetzt um sie kümmern konnte. Vermutlich eher nicht. Im schlimmsten Fall hockte sie jetzt keuchend in einem panisch aufgeklappten Tank, versuchte das Mundstück zu entfernen und bis dahin durch die Nase zu atmen, was aber durch die an ihr herunterlaufende Nährflüssigkeit erschwert wurde. Eine gelbe Lampe würde die Notabschaltung signalisieren. Wenn ihr Tank aus Kostengründen in einer Massenunterkunft stand, wären jetzt ein paar genervte Pfleger unterwegs, um ihr mit eher robusten als einfühlsamen Worten zu erklären, wer und wo sie war. Dann würden sie ihr das Mundstück wieder reinschieben und den Deckel schließen.