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Erik Harlandt

DoHa – Galaktische Geschäfte (Eine Trilogie)

Leseprobe

[...] Ganz blöde Sache. Und ziemlich erschreckend für Phil, als er, angestrengt die Behördenfeeds verfolgend, davon hörte. Hektisch verstopfte er Ritzen und Löcher mit Decken, dichtete alles mit Panzertape ab, das glücklicherweise bei ihm rumlag, und verfluchte die Behörden für die Ausgangssperre. Dann wurde ihm klar, dass er mit dem Einigeln gerade den zweiten schweren Fehler bei einer Zombieapokalypse beging und fetzte das Panzertape wieder ab, um abzuhauen.
Als er das Treppenhaus erreichte und feststellte, dass von unten bereits reichlich infiziertes Gewebe auf dem Weg nach oben war, konnte er gar nicht anders, als Fehler Nummer drei zu begehen und nach oben zu flüchten, wo er sich zwangsläufig in eine Sackgasse manövrieren würde, aus der es kein Entkommen mehr gab – außer einem Sprung in die Tiefe, natürlich ohne Bungeeseil, das war auf dem gegenüberliegenden Gebäude angebracht.
Aber auf dem Weg nach oben, der schockierend langsam zurückgelegt werden musste, weil er schon nach zwei Treppenabsätzen außer Puste war – Fast Food und Bier sei Dank –, fiel ihm das Schild mit der Aufschrift Transmittierungsportal B6/41 ins Auge. Leider stand darunter Nur noch zehn Etagen.
Aber irgendwie hatte er es geschafft, noch vor den hüpfenden Fleischklumpen, zusammengeklebten Gewebehaufen und unterwegs in vollständige Zombies verwandelten Nachbarn im 41. Stock anzukommen, die Tür aufzureißen und sie seinen Verfolgern vor der Nase zuzuwerfen. Dann war er zum Transmittierungsportal gestürzt, hineingesprungen und hatte auf die blinkende Aufforderung Job auswählen einfach nur EGAL eingegeben.
Und da war er nun, mit nichts als einem schlecht sitzenden Raumanzug und einer eingeschnappten KI an Bord eines der billigsten Raumfahrzeuge aller Zeiten, wie er mittlerweile wusste. Großartig. Einfach nur großartig.
Sein Original hatte vermutlich ziemlich blöd aus der Wäsche geguckt, als ihm auffiel, dass nur eine Kopie von ihm woanders ausgedruckt wurde, er aber bei den Zombies blieb. Na ja. Immerhin bedeutete das, dass er prinzipiell zurückkehren konnte, weil es nun nur noch eine Person seines Ursprungs gab. Die andere Frage war, ob die Erde die Zombieapokalypse überhaupt überlebte.
Aber damit würde er sich befassen, wenn er diesen Job erledigt und die Kontrolle über sein Leben zurückhatte. Und wer weiß? Wenn er das Universum erst mal ein bisschen besser kannte, wollte er vielleicht gar nicht mehr zur Erde zurück.
Jetzt ging es aber erst mal darum, diesen verdammten Flug zu überleben. Er hatte gleich den Verdacht gehabt, dass man ihm nicht das neueste Modell zur Verfügung stellte. Die ganze Karre sah ziemlich nach Montagsprodukt aus. Etwas das mindestens einmal, wenn nicht schon mehrere Male wütend zurückgegeben worden war. Oder von einem Bergungstrupp zurückgeschleppt.
Mann, wer hätte gedacht, dass die erste echte Alieninvasion der Erde sich so entwickeln würde! Keine bissigen Monster oder mit Laserkanonen um sich schießenden Fluggeräte, sondern ein Rudel abgebrühter Geschäftemacher. Sie hatten aber auch wirklich heiße Ware, den echt geilen Scheiß, das musste man schon sagen.
Streng genommen hatten die Aliens nicht die Menschen überfallen, sondern umgekehrt. Jedenfalls so ähnlich. – DoHa hatte lediglich auf dem Mars einen Handelsstützpunkt aufgebaut. Noch so eine intergalaktische Regel: Kein Kontakt zu Zivilisationen, die nicht von sich aus Kontakt aufnehmen. Also haben sie da auf dem Mars gehockt und gewartet, bis Blue Origin oder SpaceX oder die NASA zu ihnen kamen. Damit die Menschen nichts merkten, womöglich kniffen oder gleich Raketen schickten, hatten sie dafür gesorgt, dass sie unbemerkt blieben: Sie hatten einfach sämtliche Signale der Sonden und Rover und was die Menschen noch so alles zum Mars schickten, gefakt. Eigentlich naheliegend. Die Menschen hätten auch selbst drauf kommen können. Zu diesem Zeitpunkt waren sie bereits selbst in der Lage, absolut alles zu faken: Fotos, Stimmen, Videos … Wie konnte man sich da noch auf Signale aus dem All verlassen? Bilder und Videos, die man nicht mit eigenen Augen gesehen hatte? Die Antwort lautet natürlich: gar nicht!
Nachdem die erste Marsexpedition dann über die Aliens gestolpert war und vermelden musste, dass die Typen keinerlei Aggression zeigten, aber eine Wahnsinnstechnik hatten, die sie bereit waren zu verkaufen, war es nur eine Frage der Zeit, bis irgendeine Regierung weich werden würde. Zur allgemeinen Überraschung waren es nicht die Amis oder Russen, sondern ausgerechnet Taiwan, das sich Alientechnologie im Austausch gegen Handelslizenzen beschaffte. Die neuen Geschäftspartner durften damit zwar zunächst nur in Taiwan ihre Waren feilbieten, aber praktisch über Nacht gaben sich da Großkonzerne und Geheimdienste aus der ganzen Welt die Klinke in die Hand, um Ortungstechnik, Supraleiter, Megamaterialien und andere Highlights zu kaufen. Bezahlt wurde mit Taiwan-Dollar, was dazu führte, dass der Kurs durch die Decke ging. Weil das dem kleinen Taiwan gegenüber natürlich unfair war und seine Exporte unnötig verteuerte, erbarmten sich die Partner Taiwans zügig und erlaubten ihrerseits den Aliens, auch bei ihnen Handel zu treiben.
Damit war die Sache mehr oder weniger erledigt. Man konnte Alienware schon bald an jeder Ecke kaufen, im Internet, im Extranet und im Galaktiknet, dem intergalaktischen Pendant zum irdischen Darknet, einem Ort, an dem man alles bekam, inklusive mächtig Ärger, wenn man nicht bezahlte. Aber auch wenn nicht alles über die Terra-Handels-Gesellschaft der Doha-Vertriebsgesellschaft verkauft wurde, hatte die, zumindest noch, das Monopol über den Anschluss an die intergalaktische Logistik: Nichts gelangte zur oder von der Erde, ohne über ihre Verteilerzentren zu gehen. Von daher war es DoHa ziemlich egal, wo eingekauft wurde, denn DoHa verdiente in jedem Fall mit. – Und erweiterte seine Lizenzen auf der Erde Tag für Tag. Für einige eingeräumte Rechte bezahlte DoHa sogar mit autonomen mobilen Sicherheitssystemen, wie es in diversen Verschwörungsforen hieß. Eine Weile. Dann nicht mehr. Diese Foren verschwanden bald. Na, wer brauchte die schon. Jedenfalls waren die autonomen Sicherheitssysteme schon nach kurzer Zeit überall zu sehen, meist vor den Türen irgendwelcher Diktatoren, superreicher Politiker oder sonstiger Leute, die Grund hatten, sich um ihre Sicherheit zu sorgen.
Und dann tauchten die ersten Transmittierungsportale auf. Anfangs wusste noch keiner, was dieser Unfug sollte. Als ob irgendwer sich auf so etwas einlassen würde. Aber dann wurden die Angebote der Aliens immer verführerischer. Die Menschheit hatte bereits einen Großteil ihrer (intergalaktisch brauchbaren) Werte für ultraleichte VR-Headsets, Hoverboards, wirksame Fett-weg-Pillen und Haarwuchsmittel verpulvert, als DoHa mit dem richtig interessanten Zeug rausrückte: Terraformingtechnologie zur Wiederherstellung des Klimas, wie es vor 1950 war, Raumfahrttechnologie, um selbst mitmischen zu können, und modulare Lebensverlängerung. – Jawohl: Lebensverlängerung im Baukastensystem! Jeder konnte länger leben, je nachdem, wie viel er oder sie zahlen konnte. In der Regel reichte die erkaufte Zusatzzeit allerdings gerade mal, lange genug zu leben, um die dafür nötigen Jobs zu erledigen, mit denen das finanziert wurde. Jobs, die einen in Gegenden führten, in denen man seine teuer erkaufte Lebenszeit eigentlich nicht verbringen wollte.
All das hatte Phil mitbekommen, wie ihm jetzt Stück für Stück wieder einfiel. Er hatte sich aber nicht näher damit befasst, weil er einfach kein willfähriger Konsument war und der ganze Transmittierungskram für ihn überhaupt nicht infrage kam. Warum sich Gedanken über etwas machen, das sowieso nicht anlag? Na ja, so gesehen …
Da kamen jedenfalls die Transmittierungsportale ins Spiel und plötzlich war allen außer Phil klar, wozu die Dinger gedacht waren – und dass Skrupel das Einzige war, was einen vom ewigen Leben trennte. Jobs, mit denen man sich die Ewigkeit finanzieren konnte, gab es genug. Und mithilfe der Portale gab es auch genug Leute, die sie für einen erledigen würden. In diesem Kontext klang es gar nicht mehr so bedauerlich, dass die wenigsten dieser Jobs überlebt wurden. Win-Win: So finanzierte man sich sein verlängertes Leben, ohne wütende Duplikate vor der Tür, die mit Kettensägen oder Laserschwertern herumfuchtelten.
Und als diejenigen, die auf der Erde etwas zu sagen hatten, sich mit der Frage herumschlugen, ob sie diese Dupliziererei nun nicht so toll oder katastrophal übel finden sollten, bot DoHa den Anschluss ans intergalaktische Müllentsorgungssystem an. Das war der absolute Knaller, der Heilige Gral, der Himmel auf Erden, etwas, das Skrupel entbehrlich machte: Mittels eines kontrollierten Wurmlochzugangs konnte absolut alles auf Nimmerwiedersehen entsorgt werden. Für immer. Rückstandsfrei! Giftmüll, Atommüll, Kunststoffmüll– einfach alles! Man konnte auch Altlasten damit entsorgen, indem man über die Wurmlochzugänge ganze Müllhalden aufsaugte, vergiftete Böden, Plastikstrudel in Ozeanen … Und dem Konsum waren damit keine weiteren Grenzen gesetzt! Goldene Zeiten für die, die etwas mit derlei Möglichkeiten anzufangen wussten und nebenbei auch für DoHa, aber auf jeden Fall ein paar zugedrückte Augen wert, wenn es um irgendwelche Portale ging, die aussahen wie Telefonzellen oder Krimskrams, mit denen früher Doktor-Who-Filme dekoriert wurden.
Als die ersten wütenden Duplikate mit Raketenrucksäcken und Laserschwertern auftauchten, wurde noch schnell ein Gesetz erlassen, dass es ihnen verbot, sich der Erde auch nur zu nähern, solange ihr Original, ab sofort nur noch Spender genannt, noch existierte, und die Sache war erledigt. Glücklicherweise konnte man die Dienstleistung, die Einhaltung dieses Gesetzes sicherzustellen, an die breit aufgestellte DoHa-Handelsgesellschaft beziehungsweise ihre Terra-Handels-Gesellschaft auslagern. Die dafür eingesetzten autonomen mobilen Sicherheitssysteme kannten die Menschen ja schon, sodass das keine nennenswerte Irritation mehr auslöste.
Es war alles geregelt und damit in Ordnung. Das vermittelte Sicherheit. Sicherheit war wichtig, gerade im Verkauf. Ohne das Vertrauen, dass die erworbenen Lebensverlängerungen auch wirklich ihr Geld wert waren, sank die Kaufbereitschaft. Man wusste schließlich erst in einigen Jahren, ob das auch funktionierte.
Was sich bei der Sache nebenbei noch etabliert hatte, war der Umstand, dass die Spender sinnvollerweise immer jene Aufträge auswählten, die ihnen den höchsten Profit in Verbindung mit der geringsten Rückkehrwahrscheinlichkeit des Duplikats bescherte. Im Umkreis der Erde waren die gut bezahlten lebensgefährlichen Jobs also zügig vergeben. Danach kamen die weniger gut bezahlten lebensgefährlichen Jobs dran und so weiter, bis man schließlich bei den schlecht bezahlten Jobs war, die von den Duplikaten gut überlebt werden konnten. Das war nicht so schön für die Spender, denn ab und an schaffte es doch mal der eine oder andere, den Sicherheitssystemen durch die Maschen zu schlüpfen. Außerdem gab es auch im ausgeklügeltsten Regelwerk immer irgendwelche Lücken und Hintertüren, das gehörte dazu.
Phil fragte sich, ob da noch mehr war, das im Laufe der Zeit aus seinem Gedächtnis hochspülen würde. Bisher war nichts Erbauliches dabei gewesen. Wenn er es genau nahm, fühlte er sich ahnungslos, wie er war, als er aus dem Drucker torkelte, um einiges besser als jetzt. Was hätte er jetzt für eine Kiste Bier gegeben, die aus miesen Erinnerungen … na ja, kurzfristig weniger miese Erinnerungen machte. Aber man konnte nicht alles haben. Er hatte schon ein Raumschiff – nicht seins, tot und auf dem Weg in ein Schwarzes Loch, aber was solls –, einen Raumanzug (der zum Problem werden würde, sobald seine Verdauung einsetzte), nichts zu essen (was das Verdauungsproblem zumindest für eine Weile verschob) und einen scheiß Durst.
Oh Mann!

***

Als Phil erwachte, fühlte sein trockener Mund sich an, als hätte etwas Pelziges darin übernachtet, und das Cockpit blinkte wie ein Weihnachtsbaum. Alle Lichter waren an und über das Display liefen Statusmeldungen mit Infos über vermutlich jedes Gerät an Bord. – Leider nicht in seiner Sprache.
»Hast du es dir anders überlegt?«, meinte er nach einer Weile.
»Was meinst du?«, fragte die KI.
»Hast du meine Entschuldigung angenommen?«
»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.«
»Unser Streit gestern. Es tut mir leid. Ich möchte mich noch mal ausdrücklich entschuldigen. Kommt nicht wieder vor.«
»Du hast offenbar geträumt. Jetzt reiß dich zusammen, komm zu dir und konzentriere dich auf deinen Job. Du bist hier der Raumschiffkapitän.«
»Ach ja?« Verblüfft klappte er das Helmvisier zurück und öffnete den Anzug.
So lief das also. Na schön, damit konnte Phil leben. Und seine Lektion hatte er gelernt: In Zukunft würde er auf die offensichtlich labile Psyche der Bord-KI Rücksicht nehmen. Er hatte keine Lust, vom Bergungsdienst zurückgeschleppt zu werden.
»Gibt es so etwas wie Frühstück?«, fragte Phil vorsichtig. Es war ihm egal was, Hauptsache, er bekam jetzt etwas in den Mund, mit dem er das Pelzige loswurde.
»Wasser kannst du jederzeit aus dem Trinkrohr des Helms entnehmen. Nahrungsriegel befinden sich links und rechts in den Staufächern.«
Neben Phil blinkte eine rote Umrandung kurz auf. Er öffnete sie und fand einen matt schimmernden Klotz, der an ein zu dickes Stück Malkreide erinnerte. Interessiert betrachtete er es von allen Seiten.
Als er reinbeißen wollte, sagte die KI: »Erst auspacken.«
»Wie war das mit dem Wasser«, krächzte er und zog die Handschuhe aus.
»Trinkrohr rausziehen und saugen.«
»Was denn für ein Trinkrohr?«
»Streck deine Zunge aus.«
Widerwillig tat er es. Sie stieß an den Innenrand des Helms. Wie eklig! Wer weiß, wer das Teil vorher anhatte!
»Nach links.«
Phil rang kurz mit sich, aber der Durst war schlimmer. Er ließ seine Zungenspitze am Helmrand entlangfahren, bis sie auf eine Unebenheit traf.
»Dagegen drücken.«
»Hnngg …«, machte Phil und streckte die Zunge so weit aus, wie er konnte.
Dann machte es Klick und etwas sprang aus der Nische raus, in die er es gerade reingedrückt hatte. Er ertastete mit seinen Lippen das Rohr, eher Röhrchen, und begann gierig zu saugen.
Fast hätte er gekotzt: Das Wasser war lauwarm und schmeckte wie sehr, sehr alte Pommes. Dennoch fühlte er sich gleich viel besser. Vielleicht bekam er sogar den furztrocken aussehenden Riegel runter, den er mittlerweile ausgepackt hatte. Er sah fast genauso aus wie die Verpackung – graubraun und matt, etwas porös und irgendwie angelaufen –, nur weniger appetitlich.
Erst jetzt fiel Phil auf, dass nur die Lichter im Inneren blinkten, draußen war es finster. Die gesamte Frontscheibe war dunkel bis auf einen dünnen irisierenden Rand um einen imaginären Kreis, von dem nur die linke obere Ecke sichtbar war. »Sind wir da?«, fragte er leise.
»Ja«, schmetterte die KI. »Mach dich bereit.«

Der Plan klang bescheuert, aber er musste zugeben, dass er nicht mal die Hälfte verstanden hatte. Bei Schwarzen Löchern war er im Unterricht wohl eingeschlafen, denn er konnte mit all dem Physikzeugs, dass ihm die KI runterleierte, so gar nichts anfangen.
[...]