Die Tankgeborenen (Eine Trilogie)
4. Rob Stiffler
Er hasste es, schlafen zu müssen. Sie waren so … nett! Aber er musste für die nächste Schicht ausgeruht sein und Barley, das verfluchte Arschloch, würde ihn sedieren, wenn er jetzt nicht in die Rekonvaleszenz überging.
»Machts gut«, sagte er heulend, während Barley ihnen einen zuversichtlichen, dank ihrer gemeinsamen Unterstützung gestärkten Rob präsentierte, der mit fester, männlicher Stimme sprach.
Verdammtes Scheißding!
Er rollte sich zusammen und kam langsam zur Ruhe. Barley unterstützte das mit beruhigenden Klängen. Angeblich der letzte Schrei in den kultivierten Gärten der Ruhezonen, für die Rob all die Mühe hier auf sich nahm.
Für einen wie ihn, aus Underglasgow, war dieser Job so ziemlich die einzige Chance, es aus dem letzten rückständigen Flecken der Welt herauszuschaffen. So viele waren schon gegangen, dass die Übrigen dem Moloch der Unterstadt nicht mehr trotzen konnten. Dort gab es keine autonomen Drohnen, keine Ordnungshüter, keine Gesundheitsversorgung. Dort gab es nur die endlosen Halden uralten Konsummülls, der nach Verwertbarem durchsucht werden musste, und die Gangs, die die Nahrungslieferungen verteilten.
Die Welt scherte sich nicht um ihre verstoßenen Kinder. Wer da rauswollte, musste es sich verdienen. Es gab niemanden, den man um Hilfe bitten konnte, um eine Ausreiseerlaubnis oder einen guten Rat. Es gab nur die Rekrutierungsbüros, in denen man sich auf seine Eignung für einen Job prüfen lassen konnte, für den sonst keiner geeignet war.
Manchmal fragte Rob sich, ob die Bereitschaft, diesen Mist zu machen, auch eine Art Eignung darstellte. Klar, wenn er in einer Ruhezone leben würde, Frau und Kinder hätte, vielleicht einen Hund, dann würde er da auch nicht mehr wegwollen, geschweige denn im Weltraum rumkrauchen, um der Menschheit ihre Ruhezonen zu sichern. Aber wenn er es schaffte, dann … dann bekäme auch er endlich sein Stück vom Glück. Oder wenigstens eine Zelle. Das hing wohl von der abschließenden Bewertung seiner Leistung ab.
Das sonore Gemurmel war schon weit weg, das Rauschen der Blätter – das er nur kannte, weil Barley ihm erklärt hatte, was das war – kaum noch zu hören …
Er schlief ein.
***
»Guten Morgen, Rob!«, begrüßte ihn Barley.
Womöglich probierte der Assistent schon eine ganze Weile, ihn freundlich zu wecken. Dieser Ruf war nun die Vorstufe für ein ekelhaftes Sirenengeräusch, gegen das Rob eine derart massive Aversion entwickelt hatte, dass er hochfuhr.
»Bin wach!«, rief er matt.
»Ausgezeichnet«, plapperte Barley. Das hätte er allerdings auch gesagt, wenn der Asteroid in Brand geraten wäre und kurz davor stünde, Rob zu rösten wie eine Haldenratte.
»Kann ich nicht noch ein bisschen länger schlafen? Ich werde doch gar nicht gebraucht.«
»Eine feste Tagesstruktur ist hier draußen unerlässlich!«, schmetterte Barley.
Wie hielten die anderen das nur aus? Er war ohne Assistent aufgewachsen. Kaum in der Lage zu laufen, musste er sich bereits selbst um seinen Scheiß kümmern, sich einer Kindergang anschließen, sich Aufträge der Verteiler zuweisen lassen, die Halden durchstöbern …
Barley hatte er vom Rekrutierungsbüro aufs Auge gedrückt bekommen. Eigentlich war es ja andersrum: Rob sollte Barley bei der Asteroidenmission unterstützen, für den Fall, dass die KI Hilfe bräuchte. Nur ein Betreuungsjob, für ein Haldenkid wie ihn gerade noch zu bewältigen. Aber so funktionierte die Welt offenbar nicht. Wenn man es mit einer KI zu tun bekam, war die automatisch ein Assistent. Und Assistenten, so hatte Barley es ihm gleich nach dem Kennenlernen erklärt, assistierten Menschen.
Was Rob bis dahin nur aus den Netzshows kannte, die von den Rekrutierungsbüros in den Nachthimmel projiziert wurden, war nun auch ihm zuteilgeworden: ein persönlicher Assistent. Aber es war nicht jene harmonische Glückseligkeit, die von allen im Netz so gepriesen wurde, sondern eine üble Zwangspartnerschaft mit einem nervtötenden Despoten, der nicht nur alles besser wusste, sondern auch Mittel hatte, sich durchzusetzen. Das war eine harte Umstellung für jemanden, der sich seit seinem vierten Lebensjahr selbst um alles kümmerte. Im Grunde war Barley auch nichts anderes als ein Verteiler, der Jobs zuwies und dafür Nahrung gab. Und – zugegeben – noch etwas mehr. Kein Wunder, dass sein Score nur einunddreißig Prozent betrug. Rob hatte keine Ahnung gehabt, was ein Score war, bis Barley es ihm erklärte. Er würde am Ende der Reise auch eine Nutzerbewertung über Barley abgeben. Sieht nicht gut für dich aus, Alter, dachte er grimmig.
Der Sternenhimmel war unfassbar schön. So schön! Rob hatte geheult, als er ihn das erste Mal sah. Aber das war jetzt Wochen her und er hatte ihn satt. Er hatte alles satt, was am Anfang noch neu und aufregend gewesen war. Auf der Erde hatte er im schmierigen Dreck der untersten Ebene Underglasgows um sein Überleben gekämpft, war herumgerannt, hatte eklige Dinge angefasst und noch ekligere Dinge gegessen, aber er war lebendig gewesen. Frei. Hatte gefickt, Brotschnaps gesoffen und manchmal eine geröstete Ratte zum Abendessen gehabt. Hier gab es nichts weiter zu tun, als die scheiß Sterne anzuglotzen, unter Barleys Anleitung Bewegungsübungen auszuführen, mit seinem kleinen Werkzeugsatz alle Schrauben und Sicherungsstifte auf der Schattenseite des Asteroiden zu prüfen und ansonsten Barleys Gelaber zuzuhören. Nachschulung.
Eigentlich Basisschulung, Barley nannte es nur nicht so, weil Nachschulung sich nach einer Weiterqualifizierungsmaßnahme anhörte. Und das war gar nicht mal so weit hergeholt: Rob hatte sich immer dafür interessiert, was außerhalb Underglasgows los war, wie die richtige Welt aussah. Er hatte nicht nur die Netzshows gesehen, die eigentlich nur die Bereitschaft für Rekrutierungsjobs erhöhen sollten, sondern auch die Informationssendungen. In Naturwissenschaften war er nicht so gut, aber dass Sprache wichtig war in der Welt da draußen, das hatte er verstanden und alle Übungen mitgemacht. Er wollte, sollte er es je aus den Halden rausschaffen, nicht daran scheitern, dass er sich in der richtigen Welt der Ruhezonen und sauberen Straßen nicht richtig ausdrücken konnte.
Das sah Barley genauso. Und außerdem hielt Barley es für wichtig, möglichst viel zu wissen. Über die Welt. Mathematik. Und jede Menge anderen Scheiß.
Zum Beispiel die immer wiederkehrenden Vorträge darüber, wie glücklich sich Rob schätzen konnte, nicht an dem Brotschnaps gestorben oder davon blind geworden zu sein. Eigentlich sollte die Plörre Sabberschnaps heißen. Sie hatten gemeinsam wie die Irren in einen Topf mit Deckel gespuckt, um die nötige Menge Speichel zusammenzukriegen, der mit Nahrungsriegelbrocken gemischt und dann verschlossen gelagert wurde. Die Enzyme im Speichel wandelten die Stärke im Nahrungsriegel in Zucker um, wie Barley ihm erklärte, und die Hefe im Nahrungsriegel fermentierte den Zucker zu Alkohol. Er hatte das nicht gewusst, nur was man machen musste, um sich für ein paar Stunden abzuschießen. So wie Barley es erklärte, hörte es sich rückwirkend allerdings so widerlich an, dass er keinerlei Bedürfnis verspürte, es zu wiederholen. Also das mit dem fermentierten Speichel. Aber einen Schnaps könnte er jetzt vertragen.
So etwas gab es allerdings nicht in der richtigen Welt. Es gab überhaupt keine Drogen. Nur Medikamente. Die hatten dieselbe Wirkung wie Drogen, machten jedoch keinerlei Spaß. Darauf konnte er gut verzichten.
Genauso wie die nachwachsende Körperbehaarung, die ihm für das sichere Tragen des Raumanzugs entfernt worden war. Wenn er sich anmerken ließ, dass es juckte, würde Barley sofort Enthaarungslösung über die Innenmembran des Anzugs ausschütten. Das war noch übler und brannte. Aber der Assistent würde ohnehin bald merken, dass Rob sich unwohl fühlte. Das Ding hatte seine Körperwerte permanent im Blick.
»Sind wir bald da?«, quengelte er mal wieder.
Wie immer löste das in Barley eine Informationskaskade aus: »Unsere derzeitige Reisedauer beträgt drei Monate, zwei Wochen, vier Tage und zweieinhalb Stunden. Die zurückgelegte Strecke beträgt …«
»Schon gut! Entschuldigung, dass ich gefragt habe!«, ätzte Rob.
Die Asteroiden wurden von den Explorationseinheiten aus ihrer ursprünglichen Umlaufbahn im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter gezerrt und Richtung Sonne gelenkt. Die Assistenten wurden mit ihren Steuerungseinheiten auf den Weg gebracht, sobald die Annäherung an die Erde eine bestimmte Distanz unterschritt. Im Grunde waren sie mit ihren menschlichen Begleitern nur für den Bremsvorgang zuständig, denn die Dinger kamen mit einer Mordsgeschwindigkeit angeschossen. Irgendwas mit brauchen wir zu euren Lebzeiten und dauert sonst ewig blabla …
Manchmal wünschte Rob sich seine maulfaulen Kameraden von den Halden zurück. Sie konnten gemeinsam schweigend rumhängen und fühlten sich dennoch nicht allein.
»Deine Werte sinken. Du wirst melancholisch. Soll ich die Betreuung wieder zuschalten?«
»Sind die denn schon wieder da?«, wunderte sich Rob.
»Die Gruppe kommt erst in zwei Komma drei eins Stunden erneut zusammen, aber bei der gestrigen Sitzung hat sich eine Betreuerin für Einzelbetreuung qualifiziert. Ich könnte sie anfragen.«
»Qualifiziert? Wie kann man sich denn fürs Rumlabern qualifizieren?«
»Es dürfen nur diejenigen Einzelgespräche mit Einzelmissionsteilnehmern führen, bei denen die Wahrscheinlichkeit negativer Folgen des Gesprächs unterhalb des Schwellenwertes liegen. Dieser beträgt …«
»Ist schon gut!«, rief Rob. »Wer ist es?«
»Elske Westborg 27.«
»Elske? Hm … Ist das die Blonde mit dem grünen Hosenanzug und den hochgesteckten Haaren?«
»Das war ihr gestriges Avatardesign. Richtig.«
»Avatardesign«, äffte Rob ihn nach. »Und wie sieht sie in Wirklichkeit aus?«
»Ist die Frage metaphorisch gemeint?«
»Nee. Sag schon.«
»Sie ist eine Tankbewohnerin, schwimmt also haarlos in einer rückfettenden Emulsion. Da ihr Körper noch nie Licht ausgesetzt war, ist sie pigmentlos. Die Haut ist weich und wächsern, die Muskeln unbenutzt, mager und schlaff.«
»Du bist eklig.«
»Du hast gefragt.«
Nach einer Weile hakte Rob nach: »Sind alle Tankbewohner so?«
»Die Dauertankbewohner. Die Teilzeitbewohner nicht. Sie duschen nach dem Aufenthalt die Emulsion ab und leben wieder in der realen Welt. Muskeln atrophieren erst nach zwei bis drei Tagen. Ein gelegentlicher Ganztagesausflug in die Alternative ist also unbedenklich. Für die, die nur im Tank schlafen, ist es egal.«
»Wer geht denn zum Schlafen in den Tank?«
»Alle, für die kein Wohnraum zur Verfügung steht.«
»Dann hätten wir in Underglasgow auch Tanks haben können?«
»Underglasgow ist ein isolierter Bereich, in dem die technischen Voraussetzungen für den Regelbetrieb einer Metropole nicht gegeben sind. Es wird daran gearbeitet.«
»Das habe ich gesehen. Außer den Rekrutierungsbüros hat sich da nichts getan!«
»Ein Wiederaufbau von Underglasgow wäre ineffizient. Die Bewohner werden langsam, aber sicher in andere Bezirke überführt.«
»Aber nur die, die sich rekrutieren lassen!«, protestierte Rob.
»Die Erfüllung relevanter Aufgaben für das Gemeinwohl beschleunigen die Integration, langfristig werden aber alle umgesiedelt werden.«
»Und in Ruhezonen schöne Häuser bewohnen?«
»Ja. Mit eigenem Garten und frischer Nahrung.«
»Mann …« Rob träumte von etwas, von dem er gar keine richtige Vorstellung hatte: Essen. Er kannte nur die Riegel, die alle gleich waren. Und Ratten. Ratten waren eine Art Wunder auf der Zunge! Wenn anderes richtiges Essen auch so schmeckte … »Ja, kontaktier Elske.«
»Sie ist wach und ansprechbar«, erklärte Barley. »Und sie stimmt einem Gespräch zu. Ich verbinde euch.«
»Hallo …«, brachte Rob heraus. Barley sprang ein und fuhr mit seiner Stimme für ihn fort: »Elske! Wie schön, dich zu sehen. Ich habe dich vom gestrigen Gruppengespräch in angenehmer Erinnerung behalten.«
»Oh, wie nett von dir«, erwiderte Elske.
»Sie ist verlegen und lässt das von ihrem Assistenten kaschieren«, erläuterte Barley.
»Was machst du so?«, fragte Rob, bevor Barley das Gespräch am Ende noch alleine führte.
»Eigentlich nichts. Ich bin ein Tankie und möchte in die Betreuung.«
»Gute Idee. Wir hier draußen können immer jemanden brauchen, der uns zuhört.« Er hatte keine Ahnung, warum er das sagte, so wie er keine Ahnung davon hatte, was andere in seiner Situation wollten oder brauchten.
»Dann erzähl mal: Was machst du gerade?«
»Ehrlich gesagt nichts. Der Flug dauert schon dreieinhalb Monate und wird noch mindestens eine Woche dauern, bevor es interessant wird. Wir bremsen schon seit der Marsumlaufbahn, das macht mein Assistent alleine. Ich überprüfe nur einmal am Tag alle Schrauben auf festen Sitz.«
»Es muss herrlich sein da oben.«
»Hier draußen? Wegen der Sterne? Ja, ganz okay. Aber nach drei Monaten ist es eher öde.«
»Nein, ich meine die Freiheit. Die echte Freiheit. Du weißt, dass du frei bist.«
»Was meinst du?«
»Du kannst dich frei bewegen.«
»Du nicht?«
»Nur in der Alternative, nicht im echten Leben.«
»Merkst du denn, dass es nicht echt ist?«
»Nein«, gab Elske zu. »Aber ich weiß es.«
»Warum? Warum hat man es dir gesagt? Das ist doch blöd.«
»Keine Ahnung«, erwiderte Elske.
»Sie weiß es. Ihr Assistent hat es ihr gerade gesagt«, verriet Barley ihm.
»Hier ist es weniger toll, als du denkst. Ich komme nicht aus dem Anzug raus.«
»Ich liege ununterbrochen im Tank, so schlimm kann das doch nicht sein.« Elske lächelte, aber Rob hatte auch ohne einen Hinweis von Barley den Verdacht, dass das von ihrem Assistenten eingespielt wurde.
»Du merkst nicht, dass du im Tank liegst. Stimmt doch, oder? Aber ich merke es schon. Wenn ich zum Beispiel …« Kacken muss, wollte er sagen und erklären, was das für ein finsterer Aufstand war mit dem Absaugstutzen, viel schlimmer als Pinkeln. Aber Barley hatte das einfach unterdrückt.
»Warum verbringst du die Zeit nicht in der Alternative?«, wollte Elske wissen. Oder ihr Assistent.
»Barley hat mir erklärt, dass die Technik dafür hier draußen nicht verfügbar ist. Schon unser Gespräch ist im Grunde ein Trick, weil unsere Beiträge von den Assistenten in die Länge gezogen werden, um die Latenz von derzeit zehn Sekunden zu kaschieren.«
»Wow! Es ist toll, solche Erklärungen mal von einem echten Menschen zu hören.«
»Wirklich? Nervt dein Assi auch so?«
»Assi? Hm. Du meinst Gru? Nein. Nie.«
»Hast du das gerade wirklich selbst gesagt?«, wollte Rob lachend wissen.
»Kollisionsalarm!«, verkündete Barley.
»Warum bist du von deinem Assistenten genervt? Das ist doch gar nicht möglich.« Elske hatte Barley offenbar weder hören können noch Robs entsetztes Gesicht angezeigt bekommen.
Er richtete sich etwas auf und sah sich um. Nichts zu sehen. Obwohl Rob an der Steuerplattform des Asteroiden gesichert war, klammerte er sich an der Haltestange fest, als er aufstand, um eine bessere Sicht zu haben.
Der Asteroid war tausend Meter lang und maß an seiner dicksten Stelle etwa dreihundert Meter. Das Antriebsaggregat war auf der Sonnenseite seiner Mitte angebracht. Er raste quer auf die Erde zu beziehungsweise zu dem Schnittpunkt, an dem sich ihre Flugbahnen so kreuzten, dass er von ihrer Schwerkraft eingefangen und in eine Umlaufbahn gezogen würde. Die Plasmaaggregate auf der Sonnenseite gaben Gegenschub, um ihn bis dahin entsprechend abzubremsen. Rob befand sich die ganze Zeit im Sonnenschatten des fliegenden Geröllhaufens, nur von den Sternen kam Licht. Um zu sehen, was vor ihnen lag – Kollisionsalarm! –, musste er sich mit der Abrollleine sichern und hochklettern.
Vermutlich hatte Barley Elske bereits erklärt, warum es zwischen ihnen suboptimal lief: Er war nicht mit Barley zusammen aufgewachsen und Assistenz nicht gewöhnt.
»Das tut mir leid. Davon hatte ich keine Ahnung«, sagte sie gerade.
»Ich muss mich jetzt um etwas kümmern. Da draußen ist …«
»Du darfst ihr keine beunruhigenden Missionsdetails nennen«, unterbrach ihn Barley. Er hatte ihn vermutlich schon nach kümmern abgewürgt.
»Schon verstanden. Ich muss da hoch, oder? Dann wimmel Elske eben ab.«
»Nicht nötig. Ich verfüge über Sensoren auf der sonnenzugewandten Seite.«
»Warum sagst du dann nicht, was los ist?«
»… keine Sorge, das wird schon werden. Assistenten wollen dich einfach nur glücklich machen. Lass es zu, dann …«, plapperte Elske weiter.
»Ich darf auch dir keine beunruhigenden Missionsdetails nennen«, sagte Barley.
»Das hast du doch bereits! Kollisionsalarm! Jetzt sag schon, was los ist! Wir müssen, ich muss doch was tun!«
»Das ist richtig. Hier liegt ein Parameterwiderspruch vor. Ich kann dir die Information nicht geben, obwohl sie relevant ist.«
»Werd Elske los!«, knurrte Rob und klinkte den Sicherheitsverschluss der Abrollleine in seinen Anzuggürtel.
»Sei vorsichtig«, schien ihm Barley besorgt hinterherzurufen, aber es klang natürlich nur so. Vielleicht, weil Rob es sich wünschte.
Die Sonnenseite des Asteroiden hatte schon vor Wochen aufgehört, einen Schweif zu erzeugen. Alles, was sich unter Sonneneinstrahlung und Plasmaausstoß in Gas verwandeln konnte, hatte das längst getan. Rob musste sich also nicht mit Partikeln herumschlagen, die ihm den Anzug vom Leib fräsen könnten, sondern nur mit dem Sonnenlicht an sich, das die Sonnenseite des Asteroiden auf etwa hundert Grad aufheizte, wie Barley viel zu oft erklärt hatte, und dem Plasma. Aushaltbar. Für seinen Anzug kein Problem. Das Helmvisier würde sich automatisch an die Strahlungsintensität anpassen. Auch das wusste er von Barley. Nun war er froh, dass der Assistent ihm all diese Infos eingebläut hatte.
Vorsichtig bewegte er sich auf allen vieren über das lose Geröll. Die Anziehungskraft des vergleichsweise kleinen Felsens ging fast gegen null, sodass er aufpassen musste, sich nicht versehentlich wegzustoßen. Stattdessen versuchte er, sich am Untergrund festzuhalten, ohne diesen zu lösen, und sich dabei langsam vorwärts zu ziehen.
Er war noch keine fünf Minuten unterwegs und kaum drei Meter weit gekommen, aber schon schweißgebadet. Die Klimaanlage des Anzugs arbeitete am Limit und erzeugte im Inneren einen leisen Heulton.
»Lass dir Zeit«, sagte Barley. »Deine Vitalwerte sehen nicht gut aus.«
»Ist das kein Grund, mir zu sagen, was auf der anderen Seite ist? Das würde es mir ersparen, mich da hochzuquälen.«
»Das ist richtig. Du setzt dich mehreren Gefahrenquellen aus, unter anderem dem Abdriften.«
»Und? Was ist nun?«
»Die Gefahr durch Erschrecken wird immer noch als größer eingestuft.«
»Das ist doch idiotisch!«, schimpfte Rob.
Der Stein, an dem er sich gerade festhielt, gab nach und löste sich aus dem Untergrund. Hektisch suchte Rob nach einem anderen Halt, aber es war schon zu spät: Er schwebte ganz langsam vom Boden weg und bekam bereits nichts anderes mehr zu fassen.
»Du musst zurückkehren!«, stellte Barley fest.
»Das weiß ich selbst. Hol die Winde ein!«
Er wurde mit enervierender Langsamkeit zurück zur Plattform gezogen. Dabei stieß er gegen den großen Stein, den er gelöst hatte.
»Kollisionsalarm!«, sagte Barley erneut.
»Was? Wegen des Steins? Oder …«
»Ein unbekanntes Flugobjekt befindet sich auf unserer Flugbahn«, erklärte Barley.
Die Parameter hatten sich anscheinend gerade verschoben. Danke, Stein! »Was? Unbekannt?« Fuck! »Wie lange …«
»Eine Stunde, vier Minuten …«
Robs Magen zog sich schmerzhaft zusammen. »Können wir etwas machen? Eine Änderung der Flugbahn vielleicht?«
»Das hat nur Sinn, wenn das unbekannte Objekt uns nicht selbst ausweichen kann. Aber dazu muss es in der Lage sein, wenn es da hingekommen ist. Vorhin war es noch nicht da. Es befindet sich deutlich innerhalb unseres Ortungsbereichs.«
»Du meinst, es wird gesteuert?«
»Das ist die wahrscheinlichste Erklärung.«