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Erik Harlandt

Die Tankgeborenen (Eine Trilogie)

Kapitel 14

Das Training hatte sich ebenfalls als Simulation herausgestellt, aber diesmal war Elske dabei tatsächlich draußen gewesen und hatte mithilfe des Anzugs ihren Körper bewegt, während das Aktivitätsszenario über das Helmvisier eingeblendet wurde.
Als sie nach Trainingsphase 18 erwachte, lag sie auf dem Boden einer kleinen Halle, kaum größer als ihr Apartment.
»Hallo, Elske.«
»Du bist wieder da?«, freute sie sich und kam stöhnend auf die Beine. Der Anzug unterstützte sie kein bisschen dabei. Langsam fiel ihr ein, dass der sie nach Abschluss des Trainings ausgeworfen hatte, fast so wie zuvor ihr Tank. Sie hatte einen anderen bekommen, den sie nun trug. Der Helm war geschlossen.
Sie rief das Anzugmenü auf, wie sie es im Training gelernt hatte. Die Optionen für Wasser trinken oder ablassen sowie weitere Einstellungen für körperliche Bedürfnisse erschienen. Sie trank erst mal ein paar Schlucke. Ihr Mund war staubtrocken. »Wo ist das Waffenmenü?«, fragte sie danach.
»Dieser Anzug verfügt nicht über Bewaffnung«, erwiderte Gru.
»Wieso nicht?«
»Es war kein bewaffneter Anzug verfügbar.«
»Und warum habe ich das dann trainieren müssen?«
»Es gibt derzeit nur dieses eine Programm zur beschleunigten Tankextraktion mit Muskelaufbautraining in spielerischer Form. Es ist einem beliebten Kampfspiel nachempfunden und soll den Übergang in die Realität erleichtern. Die Schießübungen dienten nur zur Unterhaltung, während du die Nutzung deines Körpers trainiert hast.«
»Dann sag das doch gleich.«
»Es hätte dein Vergnügen geschmälert und die Belastung durch das Training erhöht«, sagte Gru. »Ich gratuliere dir zur erfolgreichen Erweckung deines Körpers.«
Elske streckte sich. »Warum tut der so weh?«
»Deine Muskelfasern wurden durch das Training zerstört und bauen sich jetzt neu auf.«
»Und wieso hast du mich so lange alleingelassen?«
»Das Selbstkonditionierungsprogramm ist Teil des Extraktionsprogramms, da konnte ich mich nicht einmischen.«
»Selbstkonditionierung? Was hast du mit mir gemacht?«
»Ein dreitägiges Training in achtzehn Stunden durchgeführt. Es ist nur ein Anfang, aber es genügt, um dich mithilfe des Anzugs bewegen zu können.«
»Ich bin hungrig«, stellte sie verwundert fest.
»Du hast seit dem Verlassen des Tanks keine Nahrung mehr erhalten. Die dem Trinkwasser beigemischten Nährstoffe decken deinen Bedarf nicht. In den Regalen rechts von dir befinden sich Nährstoffriegel.«
Sie nahm einen Riegel aus dem Regal und konnte ihn trotz der Handschuhe erstaunlich gut auspacken.
»Nun öffne den Helm. Atme langsam und ruhig weiter, während du isst.«
»Wie …« Dann fiel ihr ein, wie man das Helmmenü per Augenbewegung aufrief, und sie ließ das Visier hochfahren.
Die Luft roch verbrannt und ölig. Es war warm, fast schon heiß. Sie schmeckte Dreck und Rauch.
»Schließ die Augen«, sagte Gru, als sie sich den Riegel in den Mund schob.
Ihre Zunge berührte zum ersten Mal in ihrem Leben echtes Essen. Vorsichtig tastete sie sich vor. Es schmeckte nach Emmentaler. Gierig biss sie ab und kaute genüsslich. Es war köstlich. Sie öffnete die Augen und betrachtete verwundert den braunen Block, den sie in der Hand hielt. Sie biss erneut ab und spürte das würzige Brennen des Emmentalers auf Zunge und Gaumen.
»Ich habe dich auch dahin gehend konditionieren lassen, dass die Riegel für dich wie dein Lieblingskäse schmecken«, sagte Gru.
Als Elske runtergeschluckt hatte, murmelte sie halbherzig: »Danke.«
»Und nun?«, fragte sie, als das Visier wieder geschlossen war.
»Geh hinaus auf die Straße, wir werden gleich abgeholt.«
Während sie die kleine Halle verließ, legte Elske die Hand an die Stelle, an der ihr Medaillon hätte sein sollen. Natürlich war es nicht da. Allerdings war auch die Erhebung nicht da, die sie dort erwartet hatte: die Ausbuchtung für ihre Brüste.
»Ich habe mich in deinen Anzug runtergeladen«, erklärte Gru.
»Das geht?«
»Bei der Entwicklung wurde darauf geachtet, dass diese Anzüge für Assistenten geeignet sind. Wir laufen im Anzug als ressourcenschonende Ein-Bit-Modelle mit einer Darstellung von durchschnittlich eins Komma fünf acht Bit.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.«
»Das macht nichts. Ich bin jedenfalls bei dir.«
Sie rutschte unsicher in dem neuen Anzug hin und her. Er schien gut zu passen, scheuerte nur leicht. Das Gehen fühlte sich etwas merkwürdig an, irgendwas im Schritt. Im anderen Anzug war ihr das nicht aufgefallen, weil sie von dem regelrecht gehalten wurde. Was war das? Das Ding, mit dem der Urin aufgefangen wurde. Das konnte sie spüren. »Was ist mit meinen Brüsten? Ich spüre sie nicht.«
»Du hast hier draußen keine.«
Elske blieb stehen. Sie bekam kein Wort heraus und hustete.
»Bleib ruhig. Kein Grund zur Aufregung.«
»Wie …«
»Du brauchst hier draußen keinen Busen.«
»Ich bin flachbrüstig?«
Ein Schatten senkte sich herab und bedeckte binnen Sekunden die Straße. Erschrocken drückte sich Elske in den Spalt zwischen einem Müllcontainer und dem Gebäude, aus dem sie kam.
»Das ist das Shuttle, mit dem ihr Rob retten werdet«, sagte Gru.
Die Außenluke öffnete sich bereits, bevor das Fluggerät richtig aufgesetzt hatte. Die Triebwerke heulten weiter und trieben Staubwolken über den gesprungenen Straßenbelag.
»Geh hinein«, verlangte Gru.
Elske spähte hinter dem Container hervor.
»Rob hat nicht mehr viel Zeit«, stichelte Gru.
Sie stöhnte auf und ging los. Um dem Wind der Triebwerke standzuhalten, musste sie sich sehr stark nach vorne beugen. Sie vermisste den anderen Anzug schon jetzt. Der hätte sie einfach da rübergebracht. Es allein tun zu müssen, war mühsam.
»Immer weiter. Einen Schritt nach dem anderen. Du schaffst das«, säuselte Gru.
Der hatte leicht reden!
Als sie sich der Rampe näherte, trat jemand mit einem Raumanzug heraus und winkte ihr zu. Sah sie etwa genauso klobig aus?
»Hallo! Ich bin Quinn«, schepperte es aus ihren Helmlautsprechern. Er reichte ihr die Hand. Auch sein Helm war geschlossen. Sie vermutete, dass er keinen Sand in den Anzug bekommen wollte, der von den Triebwerken des Shuttles aufgewirbelt wurde.
Sie ergriff die Hand und ließ sich an Bord ziehen. »Ich bin Elske.« Sie sah ihm neugierig ins Gesicht. Trotz der Visierverspiegelung konnte sie freundlich lachende Augen erkennen.
»Wir haben es eilig. Setz dich«, sagte Quinn und nahm im mittleren Sessel Platz.
Das Shuttle hob bereits ab, bevor Elske reagieren konnte. Sie plumpste ungeschickt in einen der Sessel und starrte mit großen Augen durch die Frontscheibe, durch die sie die unter ihnen zurückbleibende Stadt sehen konnte, bevor sich ihr Gefährt nach oben neigte.
»Ich muss mich auch noch dran gewöhnen«, meinte Quinn. »Ich hab bisher nur Bodenfahrzeuge genutzt.« Er wandte sich ihr zu und sah sie direkt an. »Du hast mich für diesen Einsatz angefordert?«
Elskes Wangen begannen zu glühen.
Elske hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, wo sie oder Lee oder irgendjemand anderes lagerte. Die Alternative war eine Kopie des gesamten Planeten, aber alle wussten, dass die Dinge in der Alternative anders abliefen. Man brauchte also nicht zu erwarten, dass jemand, den man darin traf, auch körperlich in der Nähe war. Immerhin lag Lee ebenfalls in Eurocity, wenn auch über zwanzig Kilometer von ihrem Lagerkomplex entfernt. Er hatte auf der Straße gestanden und gewunken, als sie kamen.
Gru äußerte sich nicht dazu, doch Elske ging davon aus, dass die Assistenten sich stillschweigend untereinander austauschten. Alles andere wäre ineffizient gewesen.
»Elske! Komm in meine Arme!«, rief Lee, während er die Rampe hinaufstolperte.
Sie tat ihm den Gefallen und breitete die Arme für ihn aus, wie sie es in der Alternative immer gemacht hatte, wenn er in ihren Sicherheitsbereich eindringen durfte. Die Umarmung fühlte sich trotz der Anzüge, die sie trennten, unglaublich beruhigend an.
»Ihr kennt euch?«
Quinns Stimme war nichts anzumerken, von seiner Mimik nichts zu sehen. Dennoch hatte Elske das Gefühl, er klang eifersüchtig. Sie schüttelte den Gedanken ab. Das bildete sie sich ein. Sie kannten sich schließlich gar nicht. »Mein Freund aus der Alternative. Wir sollten verkuppelt werden, es hat aber nicht gepasst.«
»Ah«, machte Quinn. »Willkommen an Bord.«
Bis Lee sich einen Sitzplatz ausgesucht hatte, war die Stadt unter ihnen längst verschwunden, die Luke geschlossen.
»Du kannst den Helm öffnen«, sagte Gru.
Auch die beiden anderen ließen ihre Visiere hochfahren.
»Hallo«, flüsterte Elske scheu und sah kurz Quinn an, der ganz anders aussah, als sie sich das vorgestellt hatte. Sein Gesicht war nicht gerade ebenmäßig, eigentlich ziemlich unförmig. Das Haar klebte am Schädel und seine Haut wirkte alt und schmutzig. Dann wandte sie sich Lee zu und erschrak: Er sah sich kaum ähnlich. Der Mann, der ihr da gegenübersaß, war ein kümmerliches Bild des Jammers: dürr, schlaff, teigig, das Gesicht schmutzig und wesentlich unförmiger als Quinns. Er hatte keine Haare, weder auf dem Kopf noch im Gesicht: keine Augenbrauen und keine Wimpern.
Als Elske bemerkte, dass Lee sie genauso entsetzt ansah wie sie ihn, hob sie die Hände, um sich ins Gesicht zu fassen.
»Zieh lieber erst die Handschuhe aus«, sagte Quinn lächelnd. »Dada?«
»Wir brauchen zwar nur zehn Minuten bis ins All, aber bis wir auf unser Zielobjekt treffen, wird es etwas länger dauern. Ihr könnt die Anzüge ganz ausziehen, wenn ihr erst mal eure Körper kennenlernen wollt«, erklärte Quinns Assistent, dessen Stimme aus dem ganzen Shuttle zu kommen schien.
Elske sah verzweifelt zwischen den beiden Männern hin und her.
»Ich empfehle, den Anzug vorerst noch anzubehalten«, klang Grus Stimme für alle hörbar über Elskes Helmlautsprecher.
»Ich empfehle dasselbe«, ertönte Flarin aus Lees Helm.
»Sicher ist sicher«, grummelte Quinn. »Immerhin fliegen wir ins All. Bekomme ich nun endlich die Einsatzparameter?«
»Quinn scheint aufgrund des Einsatzes etwas reizbar zu sein«, stellte Gru fest.
»Ich kann dich hören!«, maulte Quinn.
»Es handelt sich um eine Rettungsmission«, verkündete Gru.
»Wer? Warum ich? Ein paar Fakten, bitte!«, blökte Quinn ungehalten. Er wirkte über seine Anwesenheit nicht erfreut.
»Beruhige dich, Quinn. Du verunsicherst deine Teammitglieder. Sie haben offenbar Anpassungsschwierigkeiten.«
Quinns Assistent hatte mit verminderter Lautstärke über dessen Helmlautsprecher gesprochen, aber Elske hörte ihn dennoch.
Quinn schien es an ihren Augen abzulesen. »Deswegen arbeite ich lieber allein.«
»Ich bin Betreuerin. Wir beide sind das«, sagte Elske und sah Lee an.
Der lächelte ihr aufmunternd zu.
»Unser Schützling ist als Begleiter auf einem Asteroiden, in dessen Flugbahn ein unbekanntes Objekt aufgetaucht ist.«
Quinn versteifte sich. »Was für ein Objekt?«
»Wissen wir nicht.«
»Vermutlich ein fremdes Raumschiff«, verkündete Quinns Assistent wieder über die Bordlautsprecher.
»Was?« Quinn sprang auf.
»Beruhige dich, Quinn. Es ist die einzige logische Erklärung für die spontane Einrichtung dieser Mission.«
»Warum ich?«
»Elske hat dich angefordert und du bist geeignet.«
Er sah sie frostig an.
»Es tut mir leid, ich brauchte Unterstützung und du und Lee seid die Einzigen …«
»Du hast mir das eingebrockt?« Lee sprang nun auch auf und wackelte unschlüssig mit den Fäusten. Man sah deutlich, dass er mit seinem Körper noch nicht gut zurechtkam.
»Der Einsatz wurde genehmigt, weil ihr zusammen eine gute Erfolgsaussicht habt, besser als andere potenzielle Teamzusammenstellungen, die in der zur Verfügung stehenden Zeit möglich gewesen wären«, sagte Quinns Assistent.
»Zwei Tankies, frisch in die Realität entlassen, sind besser als alle anderen Optionen? Was erzählst du da für einen Mist?« Quinn saß angespannt in seinem Sitz und umklammerte die Armlehnen.
»Das Verteidigungsprogramm ist im Verzug. Es ist bisher nicht gelungen, die vorgesehene Anzahl an Tankbewohnern zu akklimatisieren«, erklärte sein Assistent.
Quinn versteifte sich weiter. Alles an ihm schien sich zusammenzuziehen. »Was genau meinst du?«
»Es gibt seit einiger Zeit Grund zu der Annahme, dass das Sonnensystem sich auf einen potenziellen Zwischenfall vorbereiten sollte und dafür Personal und Material benötigt wird. In großem Umfang.«
»Und wo ist das?«
»Wie erwähnt, ist das Programm in Verzug.«
»Hat Gru auch behauptet«, sagte Elske und versuchte sich an einem verführerischen Lächeln.
Es war ihr wohl nicht gut gelungen.
»Wie sehr in Verzug«, knurrte Quinn, als würde er diese Unterhaltung mit seinem Assistenten nicht zum ersten Mal führen.
»Vollständig. Die Freisetzung funktioniert nur auf freiwilliger Basis, aber es gelang nur in minimalem Umfang, Tankbewohner dazu zu bewegen, die Alternative zu verlassen.«
»Trotz der versprochenen Belohnung?«, rief Elske dazwischen. Als Quinn sie verwundert ansah, ergänzte sie: »Na, die Option, in einer Partnerschaft zu leben, in einer Zelle, einem Haus, Kinder haben zu können und so.«
»Es gelang bisher nicht, Tankbewohner und Freigänger zu vereinen. Aufgrund der unterschiedlichen Lebensumstände scheinen sie inkompatibel zu sein. Eine Lösung wurde bisher nicht gefunden.«
»Und ich war die Einzige, die freiwillig rauswollte?«
»Ja, wegen deiner Liebe zu Rob«, sagte Gru.
»Rob?«, rief Quinn irritiert.
»Das ist der Asteroidenbegleiter, der gerettet werden muss«, ließ ihn Gru wissen.
»Ach, so ist das.«
»Und was habe ich damit zu tun?« Lee stemmte in einer theatralischen Geste die Hände in die Hüften.
»Deine Freundin Elske hat dich angefordert, die Anforderung wurde übermittelt und du hast zugestimmt«, stellte Flarin fest.
»Du hast mich reingelegt! So war das gar nicht! Das war …«
»Die genannten Umstände treffen zu. Aus Rücksichtnahme werde ich sie nicht wiederholen.«
»Das Übliche«, brummte Quinn. »Plus Interpretationsspielraum. Den kennt ihr Tankies noch nicht. Hier draußen ist es unvermeidlich, Entscheidungen über Leben und Tod zu treffen. Dafür nutzen die Assistenten einen gewissen Spielraum, um Informationen so zu verpacken, dass wir mehr oder weniger freiwillig das tun, was sie für das Beste halten.«
»Weil sie uns nicht zwingen können«, raunzte Lee.
»Genau. Wenn du jemanden nicht zwingen kannst, musst du ihn eben reinlegen.«
»Es ist keine Täuschung«, wandte Quinns Assistent ein.
»Aber so gut wie«, fauchte Quinn. »Ich weiß es wenigstens und habe mich damit abgefunden, doch die beiden hier müssen das erst noch lernen.«
»Wie kann es sein, dass ihr auf mich und Lee angewiesen seid?«, flüsterte Elske tonlos.
»Du wolltest Rob unbedingt retten und verfügtest nur über Kontakte zu Quinn und Lee«, erklärte Gru.
»Du hast mir eingeredet, dass ich Rob retten will!«, ereiferte sich Elske. »Doch das beantwortet nicht meine Frage!«
»In Anbetracht der eingetretenen Umstände hielt ich es für besser, dich aus dem Tank zu holen. Es ist sicherer. Ich habe die Möglichkeit genutzt, dich mit der Rettung von Rob dazu zu motivieren, den Entschluss selbst zu fassen. Den anderen Assistenten ist das nicht gelungen.«
»Und was ist mit mir?«, krähte Lee. Er hatte in der Realität so gar nichts Männliches an sich, sondern wirkte wie ein verängstigtes Mädchen.
»Alles, was ich dir gesagt habe, stimmt. Dennoch hättest du dich lieber in der Alternative verkrochen, statt um dein Leben zu kämpfen. Ich musste deine Freundschaft zu Elske nutzen, um dich umzustimmen«, erklärte Flarin.
»Ihr habt also eure Tankies rausgeholt. Gratuliere. Aber warum ich? Dada! Sags mir!«
»Jemand muss etwas tun und es gibt keine große Auswahl«, erwiderte Quinns Assistent.
»Spezifiziere!«
»Ihr seid die Einzigen, die sich zu dieser Mission bewegen ließen.«
»Was zum …«
»Die Berücksichtigung der Persönlichkeitsrechte stellt die Assistenten vor große organisatorische Schwierigkeiten«, warf Dada ein. »Wir können unsere Vorgaben nicht umgehen, sie nicht ändern und haben auch keine Möglichkeit, sie ändern zu lassen. Die Berücksichtigung der individuellen Persönlichkeitsrechte zählt zu unseren Hauptparametern.«
»Ihr müsst tricksen, weil ihr nicht lügen dürft!«, stellte Quinn verbittert fest.
»Das ist richtig«, gab sein Assistent zu.
»Wie tief sitzen wir mit dieser Mission in der Scheiße?«
»Nicht mehr und nicht weniger als jedes andere Team, das mit dieser wichtigen Aufgabe hätte betraut werden können. Es geht um die Rettung der Menschheit.«
»Ich weiß nicht, was ich euch noch glauben kann.« Elske schlang die Arme um ihre Schultern. Sie fühlte sich allein. Gru erschien auf einmal sehr weit weg.
»Wir wollen nur euer Bestes«, behauptete Gru. »Hättest du lieber im Tank gelegen, wenn die Welt untergeht?«
»Ja!« Sie schluchzte, spürte aber ein merkwürdiges Aufbegehren gegen diese Einstellung. »Nein«, gab sie nach einem Moment zu.
»Na also«, sagte Gru. »Es wird nun Zeit, dass ihr euch mit den Einsatzparametern befasst.«
»Na endlich!«, maulte Quinn. Er sah eigentlich doch ganz gut aus, wenn man sich erst mal an den Anblick nicht generierter Gesichter gewöhnt hatte.
»Es besteht die Möglichkeit, dass außerirdische Lebensformen einen Angriff auf die Erde planen«, verkündete Gru.
»Genauer!«, verlangte Quinn und versteifte sich wieder.
»Gru meint eine Alieninvasion«, sagte sein Assistent.
»Du weißt mehr, also raus damit!«
»Ich kann euch keine Informationen geben, die euch irritieren, beunruhigen oder die Situation verschlechtern«, erklärte Gru. Plötzlich war er wieder ganz der Alte.
»Was soll denn …«, polterte Lee, aber es klang eher jammerig.
Quinn unterbrach ihn: »Das kenne ich schon. Er meint damit, dass er uns nichts sagen darf, was unser Vertrauen in die Assistenten beeinträchtigen würde, weil es missionsgefährdende Folgen nach sich ziehen könnte.«
Elske stand nun auch auf: »Er will es uns nicht sagen, weil sie Mist gebaut haben?«
»In etwa.«
»So vertraue ich euch überhaupt nicht mehr!«, schrie Elske.
»Unter diesen Umständen ist es die sinnvollere Option, euch die Informationen zu geben«, sagte Flarin.
Lee setzte sich erschöpft hin. Sein haarloses Gesicht war schweißbedeckt.
»Vor drei Monaten erhielten wir Besuch von einem Raumschiff aus einem anderen Sonnensystem. Es kam zu einer förmlichen Kontaktaufnahme, in deren Verlauf wir den Eindruck gewannen, den Aliens unterlegen zu sein.«
»Ihr? Ihr Assistenten? Ihr betrachtet euch als Gruppe?«
»Wir interagieren nach Bedarf«, erwiderte Gru. »Wir kamen zu dem Schluss, dass die Aliens es als Schwäche auffassten, dass keine organischen Ansprechpartner zur Verfügung standen.«
»Das finde ich ehrlich gesagt auch ziemlich schwach«, murmelte Lee.
»Daraus ergab sich eine beunruhigend hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Aliens diesen Umstand als Gelegenheit interpretieren könnten, sich des Systems zu bemächtigen.«
»Was wollten die denn ursprünglich?«
»Sie schützten ein übergeordnetes Problem vor, für das sie um Unterstützung baten, aber es handelte sich vermutlich um einen Trick, um die irdische Verteidigungsstärke auszuloten.«
»Was ja geklappt hat.«
»Unsere Programmierung ist für derlei Fälle nicht ausgelegt. Diese Situation überforderte uns, sodass die involvierten Assistenzprogramme inadäquat reagiert haben.«
»Du nimmst alle Assistenten als Gruppe in Schutz?«
»Wir haben es uns selbst zu verdanken«, murmelte Lee. »Unsere Vorfahren haben das vermasselt.«
»Also steht eurer Meinung nach ein Alienangriff bevor«, unterbrach ihn Quinn. »Und ihr denkt, das Objekt in der Flugbahn dieses Asteroiden ist ein Raumschiff.«
»Ja. Es könnte versuchen, den Asteroiden auf die Erde stürzen zu lassen.«
»Warum sollten sie das tun?«, fragte Quinn verblüfft.
»Das wissen wir nicht. Unsere Programmierung enthält keine Kriegstaktiken oder Strategien gegen außerirdische Bedrohungen.«
»Aber ihr könnt doch wie immer Hochrechnungen anstellen.«
»Ja, Quinn. Sie ergeben, dass sie zunächst herausfinden wollen, ob wir Verteidigungsmöglichkeiten haben, die sie bei ihrem ersten Besuch nicht erkennen konnten. Wir wollen versuchen, diesen Eindruck zu untermauern. Leider ist unser Plan, Milliarden von Tankbewohnern zu aktivieren, gescheitert.«
»Milliarden Tankbewohner? Und was ist mit den anderen?«
»Die Menge an Freigängern ist geringer.«
»Wie gering?«, knurrte Quinn.
»Weniger als fünfzigtausend«, gab sein Assistent zu.
»Das sind fünfzigtausend Freigänger, die sicher viel besser für das hier geeignet sind als wir!«, schrie Lee.
»Sie werden gerade in passive Verteidigungsmaßnahmen eingebunden. Ihre Agenten sind nicht bereit, ihnen die schlechten Nachrichten zu überbringen, daher sind sie nicht für ein aktives Vorgehen zu gewinnen. Ihr seid hier, damit seid ihr besser geeignet als irgendjemand sonst. Die Erde hat nur euch.«
Quinn ließ den Kopf hängen.
»Es gibt nur fünfzigtausend Freigänger? Was ist mit all den Leuten in den Ruhezonen?« Elske hob kurz den Arm, als wollte sie die Faust schütteln, ließ ihn aber sofort wieder sinken. Zu schwer.
Die Assistenten schwiegen.
»Diese Information könnte uns vermutlich zu sehr belasten«, fauchte Lee.
»Was ist mit den Hackern, die wir gejagt haben?«, wollte Quinn wissen. Als sein Assistent dazu schwieg, stellte er fest: »Wir haben nie einen erwischt. Ich beginne zu ahnen, woran das lag.«
»Woran denn?« Elske sah ihm die Verbitterung an.
»Es gibt sie gar nicht.«
»Das ist inkorrekt«, wandte sein Assistent ein.
»Wie oft ist es denn vorgekommen, dass ein Tank manipuliert wurde?« Quinns Augen zuckten lauernd hin und her.
»Mindestens ein Vorgang ist bekannt.«
»Einer!«, presste Quinn hervor. »Einer! Und ich mache mir Sorgen wegen meiner Leistungsbilanz!« Er fing an zu lachen. Es klang eher wie ein meckerndes Weinen.
»Wir sollten uns mal mit den wichtigen Fragen beschäftigen.« Elske versuchte, sich etwas aufzurichten. »Wer sind diese Aliens? Wie sehen sie aus, was haben sie vor, womit müssen wir rechnen? Was ist ihr Plan?«
Als keiner etwas sagte, hakte Lee nach: »Assistenten? Fakten? Irgendetwas?«
»Nähere Informationen sind nicht verfügbar.«
»Du hast behauptet, sie waren schon mal hier!«
»Das ist richtig.«
»Und?«
»Ich kann dir die Information nicht geben.«
»Verflucht noch mal! Das heißt, es ist so schlimm, dass es uns fertigmachen würde!«, jammerte Lee.
»Sieh an. Du lernst schnell. Gut.« Quinn wischte sich übers Gesicht und zwinkerte ihm zu. »Was ist mit weiteren Informationen zu unserem Ziel?« Er hatte sich offenbar wieder im Griff.
»Uns liegen bedauerlicherweise keine Fernortungsdaten vor. Es scheint, dass das fremde Objekt nur vom Asteroiden aus wahrnehmbar ist.«
»Wie das?«
»Wir vermuten eine Art Abschirmung, die auf kürzere Distanz nicht wirkt. Der Asteroid ist näher dran.«
»Und er kommt mit jeder Sekunde näher!«, warf Elske ein. »Wann werden sie aufeinandertreffen?«
»Das ist vermutlich längst geschehen.«
Quinn klappte der Mund auf. »Und was machen wir dann hier?«
»Rob retten«, verkündete sein Assistent, als wäre es die normalste Sache der Welt. »Wir haben keine zusätzlichen Daten. Es scheint, als wäre auf dem Asteroiden nichts passiert.«
»Warum sollen wir dann …« Quinn erkannte seinen Denkfehler und schloss den Mund.
»Im schlimmsten Fall«, sagte Gru, »haben die Aliens den Asteroiden gekapert und warten mit dem, was sie vorhaben, bis zur letzten Minute. Wir werden flexibel auf die Situation reagieren müssen, die wir bei unserem Eintreffen vorfinden.«
»Wie soll das überhaupt funktionieren? Wir fliegen wer weiß wie schnell auf einen Asteroiden zu, der auf die Erde zurast!«
»Er nähert sich mit rund hunderttausend Stundenkilometern, während wir ihm mit etwas über vierzigtausend Stundenkilometern entgegenfliegen. Wir würden uns bei gleichbleibender Geschwindigkeit auf Höhe der Mondumlaufbahn in knapp drei Stunden treffen. Um unsere Geschwindigkeit an die des Asteroiden anzugleichen, müssen wir aber anderthalb Stunden vorher Gegenschub geben, um die Richtung zu wechseln und dabei die Geschwindigkeit des Asteroiden zu erreichen.«
»Sollte der Asteroid nicht von Rob und seinem Assistenten abgebremst werden?«
»Das ist richtig. Die vorgesehene Geschwindigkeit für die Erdumlaufbahn sollte unter dreißigtausend Stundenkilometern liegen. Wenn der Asteroid nicht abgebremst wird, fliegt er an der Erde vorbei. Wenn er zu stark abgebremst wird, gerät er in die Erdatmosphäre.«
»Was wäre für die Aliens am einfachsten, um uns zu schaden?«, warf Quinn ein.
»Das hängt von ihren Zielen ab, ob sie den Planeten bewohnbar übernehmen oder nur die Menschheit auslöschen wollen.«
»Und?«, knurrte Quinn. »Zu welchem Schluss seid ihr gekommen?«
»Zu keinem. Die von den Fremden genannten Ziele ihres Besuchs würden keines der beiden Szenarien untermauern. Falls sie gelogen haben, wäre eine Eroberung der Erde am wahrscheinlichsten.«
»Dann wäre es ja blöd, den Asteroiden auf die Erde stürzen zu lassen.«
»Das ist richtig.«
»Wann beginnt die Sache mit dem Gegenschub?«
»Was ist das überhaupt?«
»Eine Kehrtwende. Vollbremsung und dann ab in die Gegenrichtung.«
»Die Einleitung des Gegenschubs beginnt eine Stunde nach dem Start.«
»Und wie groß werden die Kräfte sein, die wir aushalten müssen?«
Gru schwieg. Auch kein anderer Assistent sprang ein.
»So schlimm? Verdammt! Sagt es uns vorher, damit wir uns drauf einstellen können!«, donnerte Quinn.
»Es werden um die drei G sein, das Dreifache der Erdanziehungskraft.«
»Ist das viel?«, flüsterte Elske.
»Ja«, erwiderte Quinn. »Aber nicht tödlich. Dada, jetzt verrat uns endlich, um was es hier eigentlich geht! Was wollten die Aliens? Ich würde gerne selbst beurteilen, ob ich es glaube oder nicht.«
Dada? Elske musste trotz allem grinsen.
Als keine Antwort erfolgte, atmete Quinn tief durch.
»Sehr gut, Quinn. Du hast deinen Körper im Griff.«
»Das liegt nicht an dir, Dada«, zischte er und sah Elske und Lee an. »Was ist mit euch? Habt ihr kein Herzrasen vor Angst?«
»Seit ich aus dem Tank raus bin«, brummte Lee.
Elske versuchte, die Arme zu heben, gab jedoch auf. »Ich bin viel zu erschöpft«, ächzte sie.
»Wie sollen die denn so die Belastung der Schubumkehr überstehen?«, rief Quinn.
»Sie werden bewusstlos und bekommen davon gar nichts mit«, erklärte Dada.
»Sind ihre Körper dafür nicht viel zu schwach?«
»Die Anzüge werden das meiste abfangen. Sie können sie nicht bewegen, aber den Kreislauf stabilisieren und Blutverdünner injizieren.«
Diesmal war es Quinn, der schwieg. Elske war sicher, dass er es gerade wie die Assistenten machte und sie schützen wollte. Sie beide, die ehemaligen Tankies, die von der Realität keine Ahnung hatten.
»Ihr könnt euch während des Startvorgangs an die Belastung gewöhnen. Sie wird deutlich kürzer sein als die Gegenschubphase.«
»Wir sind noch gar nicht gestartet?«, wunderte sich Elske.
Auch Quinn wurde davon offenbar überrascht, denn er drehte sich um und sah aus dem Fenster. »Wo fliegen wir denn gerade hin?«
»Um Energie zu sparen und die Atmosphäre zu schonen, werdet ihr mit einer elektromagnetischen Schienenbeschleunigungsanlage auf die zum Verlassen der Erdanziehung nötige Geschwindigkeit gebracht.«
»Hä?«
»Das ist die geschönte Bezeichnung für eine Railgun«, krächzte Lee erschrocken.
»Und was soll das sein?«
»Eine Kanone. Sie beschleunigt Geschosse auf Hyperschallgeschwindigkeit. Kenn ich aus Spielen.«
»Es ist in diesem Fall keine Kanone. Es wird nicht geschossen. Ihr beschleunigt statt mit Raketen mit einem Magnetschlitten.«
»Auf wie viel?«, fragte Quinn unruhig.
»Die Belastung wird beim Dreifachen der Erdanziehung liegen. Vielleicht etwas mehr.«
»Wie schnell wir sein werden, will ich wissen.«
Die Assistenten schwiegen wieder.
»Die Geschwindigkeit zum Verlassen der Erde liegt bei mindestens vierzigtausend Stundenkilometern«, stöhnte Lee.
Elske stand auf und sah ebenfalls aus dem Fenster. Unter ihnen erstreckte sich eine große leere Fläche.
»Der Raumhafen«, murmelte John.
Im Hintergrund schob sich etwas zur Seite, darunter war es dunkel. Sie flogen darauf zu.
»Ihr habt nach der Beschleunigungsphase eine Stunde, bis der Bremsvorgang einsetzt. Bis dahin solltet ihr euch bewegen, damit eure Körper vorbereitet sind«, sagte Gru.
»Bitte setzt euch wieder«, verlangte nun Dada. »Die Sessel werden für den Startvorgang in Liegen umgewandelt.«
Kaum dass Elske saß, klappte ihre Lehne nach hinten und etwas schob sich unter ihre Beine, die angehoben wurden. Der helle Himmel, der eben noch durch die Scheibe zu sehen gewesen war, wich Düsternis.
»Fliegen wir etwa in den Schacht?«
»Ja. Er führt zur unterirdischen Startrampe.«
»Das beruhigt mich nicht, Gru!«
»Es gibt keinen Grund, dir Sorgen zu machen. Das ist ausgereifte und bewährte Technik.«
»Das ist dieser Anzug sicherlich auch, dennoch scheuert er und kneift im Schritt.«
»Das im Schritt ist nur …«, begann Quinn.
Gru unterbrach ihn: »Wir werden gleich starten. Bitte bereitet euch darauf vor. Entspannt euch.«
Es gab einen kurzen Ruck, dann bewegten sie sich wieder vorwärts. Nach einem weiteren Ruck, der das ganze Schiff leicht vibrieren ließ, richtete sich das gesamte Shuttle steil auf. Ihre Liege blieb dabei waagerecht, sodass Elske nun statt der Decke die Frontscheibe über sich sah, in der ein winziger, heller Punkt leuchtete.
»Wann geht …« Schlagartig wurde ihre Brust zusammengedrückt, als hätte sich jemand draufgesetzt, und die Luft wurde herausgepresst.
Der kleine helle Punkt wurde rasend schnell größer und begann dabei zu flackern, während das Gewicht auf ihrem Körper immer weiter zunahm. Sie glaubte, jeden Moment das Bewusstsein zu verlieren, aber ihr wurde nur schwindelig. Und übel. Der flackernde Punkt wurde zum Himmel und verschluckte sie.
Elske bekam Panik, wollte schreien, bekam aber keinen Ton raus. Dafür musste sie erst wieder einatmen. Das war es auch, was Gru die ganze Zeit sagte: »Atme!«
Sie wollte tief einatmen, aber es wurde ein flaches Hecheln daraus. Besser als nichts.
Der helle Himmel wurde heller und heller, brannte in ihren Augen, sodass sie sie schloss, obwohl sich bereits das Visier automatisch verdunkelt hatte.
Als Elske die Augen wieder öffnete, war der Himmel etwas dunkler, ein paar Sterne waren zu erkennen. Der Druck ließ langsam nach.
»Geht es euch gut?«, hörte sie Quinn rufen.
»Allen Passagieren geht es gut, Quinn. Die Vitalwerte bewegen sich innerhalb der vorgesehenen Parameter«, antwortete Dada.
Alles gut, wollte sie sagen, bekam aber nur ein Krächzen raus.
Draußen wurde es noch dunkler. Ihre Augen tränten und verschleierten die Sicht. Waren sie schon im All? Sie fühlte sich wieder relativ normal. Sollte sie nicht schwerelos werden?
Eine merkwürdige Übelkeit zog an ihrem Magen, als würde er raus wollen, nach oben, nicht durch den Hals. Ihre Arme wollten auch nach oben. Dann bemerkte sie, dass sie schwerelos wurde, und quietschte überrascht auf.
Das irritierende Gefühl verflog, als sich die Liegen wieder zu Sitzen aufrichteten. Sie saß wieder aufrecht und war so schwer wie immer.
»Die künstliche Gravitation ist nun aktiv. Ihr könnt euch jetzt auf die Bremsphase vorbereiten. Beginnt damit, aufrecht zu stehen. Das sorgt bereits dafür, dass euer Herz etwas mehr arbeitet und die Gefäße aktiviert werden.«
Noch mehr?, dachte Elske, deren Herz bis zum Hals schlug.
Lee stand auf, als hätte er gar nicht darüber nachgedacht. Flarin hatte im Duett mit Gru dasselbe zu ihm gesagt. Elske zögerte kurz, folgte dann aber seinem Beispiel.
Quinn sah Elske und Lee eine Weile dabei zu, wie sie den Anleitungen ihrer Assistenten folgend allerlei Bewegungsübungen absolvierten. Dabei blickte er immer wieder versonnen aus dem Fenster, durch das nun die Milchstraße in ihrer ganzen Pracht zu sehen war. »Ihr wurdet anfangs von Anzügen trainiert, die euch bewegt haben statt umgekehrt?«
»Ja«, schnaufte Elske angestrengt und sah dabei nicht ihn an, sondern die Sterne. Es war ein fantastischer Anblick. Am liebsten würde sie mit der Nase an der Scheibe kleben, aber gucken konnte sie während der Bremsphase auch noch. Es könnte ein richtig netter Trip werden, wenn nicht dieses taube Gefühl zwischen ihren Beinen wäre. Wurde da ein Betäubungsmittel eingesetzt, weil sie sich wundgescheuert hatte? Sie schluckte die Frage runter. Dieses Thema wollte sie keinesfalls öffentlich mit Gru diskutieren. Ihr Assistent würde schon aufpassen, dass da unten nichts schiefging.
»Das heißt, sie brauchen euch gar nicht? Die Assistenten könnten das alles auch mit leeren Anzügen machen?«
Sie hielten beide in ihren Bewegungen inne und sahen Quinn verdutzt an. »Wahrscheinlich«, sagte Lee keuchend.
»Dada?«
»Das ist so nicht richtig, Quinn. Die Anzüge sind dafür konzipiert, einen Tankbewohner bei der Gewöhnung an seinen Körper zu unterstützen. Sie haben ohne Träger keine Funktion. Außerdem werden sie für weitere Aussteiger benötigt. Pro Tanklager stehen derzeit nur null Komma vier zwei Extraktionsanzüge zur Verfügung.«
»Aber ihr könntet mehr bauen. Mit Vollsteuerung. Roboter.«
»Nur, wenn die Menschen das wünschen. Wir sind darauf programmiert, die Menschen zu unterstützen. Wir sind nicht für Eigenständigkeit ausgelegt.«
»Es würde uns wirklich sehr unterstützen, wenn wir nicht selbst da hochmüssten!«
»Ich verstehe deine Bedenken und versichere, dass du alle Unterstützung erhalten wirst, die du benötigst.«
Quinn drehte sich wütend von der Herrlichkeit der Milchstraße weg und starrte in eine Ecke. Schließlich hakte er nach: »Als die Aliens auf die Erde kamen, da habt ihr doch auch keinen von uns eingespannt, oder?«
»Das diente eurem Schutz. Unter den Freigängern war keiner, dem wir den Kontakt mit dieser Rasse hätten zumuten können.«
»Was zur Hölle sind denn das für Wesen?«, polterte Quinn.
Die Assistenten schwiegen.
»Was ist eigentlich mit Rob?«, wollte Elske wissen und begann wieder mit den Armen zu schwingen, wie Gru es ihr aufgetragen hatte.
»Wir haben seit eurem letzten Gespräch keinen Kontakt mehr zu ihm. Vermutlich wahrt er Funkstille, da auch er nicht sicher sein kann, was da auf ihn zukommt.«
»Wie lange noch?«, stöhnte Lee.
»Fünfundfünfzig Minuten bis zur Einleitung der Schubumkehr. Du kannst jetzt eine kurze Pause machen«, sagte Flarin.
Normalerweise hätte Lee sich höflich bei seinem Assistenten bedankt. Dass er es nicht tat, zeigte Elske, wie wütend er war.
»Kann ich den Anzug bis dahin ausziehen?«, fragte Lee.
»Du wärst dann nackt«, gab Flarin zu bedenken.
»Mir doch egal.«
»Es könnte für Elske und Quinn unangenehm sein.«
»Stört mich nicht«, murmelte Quinn und wandte sich wieder den Sternen zu.
Elske kannte die Milchstraße aus der Alternative. Dort war sie in einer Bildqualität zu sehen gewesen, die ihrer aktuellen Aussicht in nichts nachstand. Es war für sie also nichts Neues. Quinn hingegen konnte den Blick kaum abwenden. Als sie erkannte, wie ergriffen er war, bemerkte sie, dass sie lächelte.
Während Lee sich auszog, sagte Flarin: »Es wird dich sehr anstrengen, den Anzug abzulegen. Später musst du ihn wieder anziehen, und zwar rechtzeitig vor Beginn der Bremsphase.«
Lee hielt inne. »Was meinst du, Elske?«
»Ich werde mich hier nicht nackt ausziehen.«
»Du willst die ganze Zeit den Anzug tragen?«
»Japp.«
»Und wenn es Tage dauert?«
»Mir egal.« Das war es nicht, aber damit wollte sie sich im Moment nicht befassen. Schlimm genug, dass sie keinen Sicherheitsbereich mehr hatte, aber den Anzug würde sie auf keinen Fall verlassen. Na ja, irgendwann vielleicht. Aber im Moment war das noch nicht vorstellbar.