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Janne Birk

Ruf des Eises

Kapitel 1, Fastig, nordwestliches Umbra

Sculla zog die Kapuze ihres Umhangs tiefer in die Stirn und betrachtete die Hütte, die sich an den eisigen Boden des Gebirges duckte. Selbst für Fastig wirkte die Behausung schäbig und heruntergekommen. Kein Brett schien zum anderen zu passen, die Tür hing schief in den Angeln, und der dichte, schwarze Qualm über dem Dach zeugte von einem verstopften Kamin. Die Druidin öffnete langsam ihre Finger. Der Kubus auf ihrer Handfläche hatte aufgehört zu leuchten. Die Oberfläche des Obsidians glänzte tiefschwarz. Trotzdem schien eine Art froher Erwartung von ihm auszugehen.
»Hier lebt die Witwe von Lero Beren. Einem Wachmann, der beim Einsturz der Stiria zu Tode kam«, knurrte Selt und überkreuzte die Arme vor der breiten Brust. »Zu seinen Lebzeiten konnte ich nichts Magisches an ihm oder seiner Frau feststellen.«
Sculla sah dem Waffenmeister sein Missfallen darüber an, ihr die Führung überlassen zu müssen. Obwohl sie ihm im Triumvirat der Ältesten gleichgestellt war, hielt Selt sich heimlich für den wahren Anführer der Sinterung. Nicht ohne Grund, wie sie zugeben musste. In den fünf Jahren im Exil hatte sich das Gesellschaftsgefüge des Eisvolkes verändert. Die Sinterung hatten sich daran gewöhnt, Selt, dem frisch ernannten Heerführer, und seiner Eisgarde zu folgen. Der tägliche Überlebenskampf gegen die Polarwölfe und Eisbären hatte ihnen keine andere Wahl gelassen. Sculla aber würde sich nie damit abfinden.
»Der Kubus wollte hierher«, erwiderte sie kühl.
Weitere Erklärungen ersparte sie sich. Druidische Rituale überforderten Selts Verstand. Wahrscheinlich kreisten seine Gedanken ohnehin um die Verteidigung der Wehrmauer, wo er die nächsten Jünglinge an vorderster Front an die Eisbären verfüttern wollte. Der Heerführer hatte die Hoffnung, ins Nilas-Tal zurückzukehren, längst aufgegeben. Für Sculla dagegen war sie das Wichtigste. Denn die Seele der Eisvölker entschwand mit jedem Tag in der Einöde Fastigs mehr, und es gab der Legende nach nur einen, der das verhindern und sie wieder nach Hause führen konnte. Behutsam strich sie über den glatten Stein in ihrer Hand. Jahrhundertelang hatte er keinen Träger gehabt. Heute würde sich das ändern.
Sie hob das Kinn. »Er wird uns zu seinem neuen Meister führen.«
Sabit, der bislang geschwiegen hatte, beäugte den Kubus aus sicherem Abstand. »Dann sollten wir ihm folgen, wie die Weissagung es uns gebietet.«
Wenn der königliche Schreiber das Wort ergriff, schien er stets aus dem unfertigen Fluchtbuch zu zitieren. Dessen Niederschrift hatte ihn in den letzten Jahren in so tiefe Verzweiflung gestürzt, dass er kaum je sein Zimmer im Turm verließ. Oft fand Sculla ihn am helllichten Tage schlafend in seiner Kammer, den Kopf auf neuen Kartenentwürfen des Umbras gebettet. Die Flut hatte sämtliche Aufzeichnungen aus der Bibliothek in Sarus zerstört: Jahrhundertealte Dokumente über die Geschichte der Eisvölker und Druiden, Karten und Genealogien. Nichts war ihnen geblieben. Außer ihren Erinnerungen, die Sabit noch immer Tag für Tag bruchstückhaft auf Papier bannte.
Er räusperte sich. »Ich hoffe, sie wird in Erfüllung gehen.«
Der Beruf des Schreibers war Teil jener Gesellschaftsordnung, die ihnen die Flut genommen hatte. In Fastig galt das geschriebene Wort ebenso wenig wie die einstige Baukunst der Eisskulpteure. Was Sabit blieb, war die Hoffnung auf Heimkehr ins Nilas-Tal und die Gründung eines neuen Eisreichs. Was ihm fehlte, war der Glaube an die Macht druidischer Magie.
Sculla wischte ihre eigene Unsicherheit beiseite. »Der erste Teil der Weissagung stimmte. Unser Königreich ist getaut«, versetzte sie grimmig. »Warum sollte es sich mit dem zweiten Teil anders verhalten?«
»Dann lasst uns endlich reingehen!«, murrte Selt.
Die Druidin strich ihren Umhang glatt, pochte mit den Knöcheln gegen das Holz und öffnete die Tür.
Inmitten des einzigen Zimmers saß eine Frau an einem grob gezimmerten Holztisch, vor sich ein Häufchen schwarzer Federn und ein kleines Stück rohes Fleisch. Sicher eine abgestürzte Dohle, aus der sie ein Mittagessen zuzubereiten gedachte. Auf dem Schoß hielt sie einen vielleicht fünfjährigen Knaben mit schmalen Schultern und zierlichen Gliedmaßen, der ebenso hellblond wie die Frau selbst war. Den Schlieren auf seinen Wangen nach musste er vor Kurzem geweint haben.
Die Knie seiner Wollhosen waren schmutzig, desgleichen seine Stiefel und die Ärmel seiner Tunika; allein die Nägel schienen sauber geschrubbt. Wohl, um seiner Mutter beim Kochen zur Hand zu gehen. Äußerlich haftete ihm nichts Besonderes an. Auf ihren nachmittäglichen Streifzügen durch Fastig sah Sculla Hunderte Kinder genau wie ihn in den Straßen spielen. Und doch machte ihr Herz beim ersten Blick in seine eisblauen Augen einen unverhofften Sprung, und sie fühlte sich voller Tatendrang. Der Kubus in ihrer Hand begann grün zu pulsieren.