Echo der Erde
Molus, Rote Höhen, Jahr 905
Hoch über der grünen Ebene, jenseits des Sumpfes mit Blick auf das Meer, sitzt der Junge im nachmittäglichen Sonnenschein auf einer Klippe und wartet. Er lässt die kurzen Beine von seinem Felsen baumeln und wirft Steinchen in Gesteinsspalten hinab, die sich ihm wie die Reißzähne eines Raubtieres entgegenstrecken.
Während über ihm die Wasservögel kreischen, liest er einige vom Nestbau der Tiere herabgefallene Zweige vom Boden auf, um sie den Steinen zur Gesellschaft hinterherzusenden. Die meisten weht es fort, ehe sie ihr Ziel erreichen.
Die eisigen Böen des ablandigen Windes reißen an dem kastanienroten Haar des Jungen, das ihm bis hinab auf die baren Schultern hängt. Solange ihn aber die Sonne von oben wärmt, friert er nicht, obwohl er bloß eine Hose trägt. Dann und wann erklingt über dem Rauschen der Brandung die Stimme seines Vaters, ein zorniges Grollen gleich einem herannahenden Donner. Von ihm hat der Junge das störrische Haar und die helle Haut des Küstenvolks geerbt. Für gewöhnlich sind die Besuche des Vaters auf dem Munerut kurz, heute dagegen ist alles anders.
Der Junge wagt nicht, sich umzusehen, ist es ihm doch verboten worden, seine Eltern zu stören. Darum spielt er weiter mit Ästen und Steinen, schenkt weder seinem knurrenden Magen noch seiner trockenen Kehle Beachtung, bis die Sonne stetig tiefer sinkt und die Meeresbrise unangenehm auffrischt. Noch immer schreit sein Vater seine Wut heraus, als wolle er mit aller Macht die Natur übertönen, ohne wie sonst in der Dämmerung auf den gefährlichen Heimweg entlang der Klippen zu verweisen. Er bleibt nie, bis es dunkel wird, denn nordwärts sind die Strömungen des Meeres besonders tückisch und Dämonen lauern zwischen den Riffen darauf, unschuldige Seelen hinab in die Tiefe zu reißen. In den schlammgrünen Augen des Jungen spiegelt sich die sinkende Sonne über der wilden See, während er furchtsam nach ihnen Ausschau hält. Je dunkler es wird, desto stärker fühlt er den Sog einer unheimlichen Macht über sich kommen. In seinem Inneren lodert das Feuer nun lichterloh, und auf seiner Haut liegt ein blauer Schimmer, als sei sie mit Saphiren überzogen.
Plötzlich packt ihn von hinten eine Hand. Die vom Salzwasser rauen Finger seines Vaters kratzen an seiner Wange, als er ihm ein Leinen über den Kopf streift und seinen Oberkörper damit bedeckt. Das Hemd ist zu groß, darum zurrt sein Vater es mit einem Seil oberhalb der Hüfte zusammen, bis dem Jungen von all der Enge die Luft rar wird.
Dann zieht ihn sein Vater mit sich, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er zwingt ihn, hinab zum Meer zu steigen, wo unten am Felsen in einer versteckten Bucht das Boot liegt, nach dem der Junge von den Klippen aus oft Ausschau hält. Diesmal stößt ihn der Vater ohne Erklärung hinein und zieht es in die Wellen.
Dem Jungen schwindelt, als der Vater die Ruder ergreift, um mit kräftigen Schlägen aufs Meer hinauszufahren. Beide Hände an den hölzernen Rand des Bootes gekrallt blickt der Junge zurück zur Klippe. Auf deren höchstem Punkt leuchtet ein Schemen hell wie ein Stern. Die Gischt im hohen Wellengang nimmt ihm die Sicht, ehe er ihn genauer ausmachen kann. Als er die Augen wieder öffnet, liegt alles um ihn herum in Dunkelheit. In seinen Ohren dröhnt das Tosen des Meeres, und wo das Wasser einmal stiller wird, hört er seinen Vater schluchzen.