Splitterkristall - Die Schattenchroniken Band 1
Als der schwarze Jaguar in die Rosenstraße einbog, war es bereits dunkel und alle paar Meter warf das schwache Licht einer Straßenlaterne einen Lichtkegel auf die verlassenen Gehwege.
Mira saß gedankenversunken auf der Rückbank des Autos und beobachtete mit wachsendem Argwohn die alten Häuserfassaden. Dabei tippte Mira angespannt mit ihren Fingern auf dem Display ihres Handys herum, das bereits zum wiederholten Mal dasselbe Album über ihre Kopfhörer abspielte. Die düsteren Klänge der elektronischen Musik, begleitet vom Gesang einer tiefen Frauenstimme, untermalten das bedrückende Gefühl in ihr.
„Alles in Ordnung, Liebes?“, drang die Stimme eines älteren Mannes zu ihr durch. Mira löste den Blick vom Fenster und schaute nach vorn in den Rückspiegel. Die dunklen Augen des Fahrers blickten sie kurz an, bevor sie sich wieder auf die Straße richteten.
Ein gequältes Lächeln huschte über Miras Lippen. Sie griff nach einem der kleinen Kopfhörer und zog ihn heraus. „Wie lange ist es noch?“
Der Mann auf dem Fahrersitz blickte kurz auf das Navigationsdisplay in der Mittelkonsole. „Zwanzig Minuten, dann haben wir es geschafft.“
„Dann habe ich wohl noch etwas Galgenfrist“, stellte Mira missmutig fest.
„Ich bin mir sicher, dass deine Mutter nur das Beste für dich im Sinn hat.“
„Was auch immer …“ Der Kopfhörerknopf verschwand wieder in Miras Ohr und ihr Blick schweifte erneut nach draußen. Sie mochte Nikolai wirklich gern, aber in diesem Moment konnte auch er ihr nicht helfen. Ihre Mutter hatte entschieden, sie an diesen verlassenen Ort zu schicken. Abseits von ihren Freunden und weit weg von allem, das ihr ein Gefühl von Normalität gegeben hätte. Mira wusste selbst, dass es nicht immer leicht mit ihr war. Sie war ein Sturkopf und hatte es ihrer Mutter sicherlich oft nicht einfach gemacht, doch hätte sie es nie für möglich gehalten, dass diese einmal soweit gehen würde, ihre Tochter von zu Hause wegzuschicken. Auf ein Internat, irgendwo im Nirgendwo.
(...)
„Das gibt es doch nicht.“ Die Stimme von Nikolai riss sie aus ihrer Melancholie. „Jetzt schickt mich dieses nichtsnutzige Teil schon wieder durch dieselbe Straße.“ Das Auto wurde langsamer und Nikolai lenkte es in die Bucht einer Bushaltestelle.
„Was ist los?“ Mira beugte sich nach vorn.
„Das blöde Navi schickt mich ständig im Kreis. Die Straße, die laut dem Ding zum Internat führt, gibt es scheinbar gar nicht.“
„Das ist ja schade. Vielleicht sollten wir dann einfach wieder zurückfahren.“
„Hör schon auf. Das ist nicht witzig. Wir sind ohnehin schon viel zu spät dran, wegen diesem Unfall auf der 48. Die gute Dame am Telefon klang nicht gerade erfreut, als ich ihr sagte, dass wir erst im Dunkeln ankommen.“
(...)
Mira öffnete ihren Gurt und beugte sich nach vorn zum Display. Der blaue Pfeil des Navis zeigte deutlich nach links. Nach einem prüfenden Blick aus dem Fenster erkannte Mira, dass sich dort keine Straße, sondern ein altes Gebäude befand. Es fügte sich nahtlos in die Reihenhäuser zur linken und rechten Seite ein, allerdings waren Türen und Fenster mit Brettern vernagelt und an dem Mäuerchen des kleinen Vorgartens prangte ein Schild mit der Aufschrift „Zu verkaufen“.
(...)
Grübelnd starrte Mira erneut auf das Display. Natürlich änderten sich Straßen immer einmal, und sicherlich hatte Nikolai nicht immer das neuste Update aufgespielt. Aber dieses Haus sah nicht danach aus, als ob es erst vor kurzem dort errichtet worden wäre. Es musste tatsächlich ein Fehler im Kartenmaterial vorliegen. Ein kurzes Aufleuchten lenkte Miras Blick erneut zum Haus. Hatte sie es sich nur eingebildet oder hatte dort hinter den Brettern jemand gerade ein Licht angeschaltet? Neugierig musterte Mira die vernagelten Fenster. Da war es wieder! Ein kurzes Aufblitzen im Obergeschoss. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sollte es an diesem Fleckchen vielleicht doch etwas Interessantes geben? In den letzten zwei Jahren war sie einige Male von zu Hause ausgerissen und hatte Freundschaften auf der Straße geschlossen. Daher wusste sie auch, dass es in der kälteren Jahreszeit sinnvoll war, sich einen Unterschlupf mit Dach zu suchen. Und leerstehende alte Häuser waren innerhalb der Szene willkommene Lager für die Nacht. Mira hatte sich unter Ausreißern immer wohlgefühlt – wie in einer richtigen Familie. Etwas, das ihre Mutter wohl nie verstehen würde. Die Menschen dort empfand Mira als nicht so oberflächlich und arrogant wie die meisten Personen aus der Welt ihrer Mutter.
„Es kann weitergehen“, Nikolai stieg zurück ins Auto. „Muss wohl ein Fehler im Navi sein. Aber jetzt weiß ich, wo es lang geht.“
(...)
Während der Wagen zurück auf die Straße fuhr, drehte Mira sich noch einmal um und warf einen letzten Blick auf das Haus mit der Nummer 16.