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Michael S.V. Preis

Splitterkristall - Die Schattenchroniken Band 1

Kapitel 3 - Ärger im Paradies

(...)
Sie passierte den Waschraum und bog in einen Flur ab, der zu weiteren Schlafunterkünften führte. Erst jetzt bemerkte sie die Beschilderung an der Wand. Hier war neben den Zimmernummern und Hinweisen auf WCs und Duschen auch ein weiterer Aufenthaltsraum vermerkt. So folgte Mira der Pfeilrichtung, vorbei an einer Vielzahl nummerierter Türen, bis sie am Ende auf den Raum stieß.
Ausgenommen von zwei Mädchen, die es sich an einem lodernden Kamin gemütlich gemacht hatten, war es hier leer. Der Raum selbst hatte eine niedrige Decke, es gab einen roten Teppichboden, mehrere Sessel und eine breite Couch. An der Seite stand ein massiver Holztisch. Die Wandtäfelungen waren ebenfalls aus Holz.
Mira machte es sich auf einem der Sessel bequem und schaute eine Weile gedankenverloren ins Feuer. Doch lange konnte sie ihre Augen nicht offenhalten, die warme Luft und das leise Knistern der Holzscheite ließen Miras Lider immer schwerer werden. Das Mädchen spürte, dass die anstrengenden Geschehnisse der letzten Tage nun ihren Tribut forderten.

In der Dunkelheit, die Mira umhüllte, entflammte ein helles Licht. Mira hatte es schon einmal gesehen. Doch wollte ihr nicht einfallen, wann und an welchem Ort. Eine wohlige Wärme berührte Miras Gesicht, als sie sich dem Schein näherte. Langsam streckte sie die Finger aus, mit einem Mal fühlte sie sich stark zu dem Licht hingezogen, sie wollte Eins werden mit ihm, gänzlich verschmelzen – doch da erstarb der Schein. Aus dem Dunkel schälten sich die Umrisse eines alten Hauses, dessen Fensterläden lose mit Brettern vernagelt waren. Im Inneren des heruntergekommenen Gebäudes erkannte Mira einen Schatten, der sich bewegte, dann sah sie ein kurzes Aufblitzen. „Selbst wenn ihr mich tötet, werdet ihr ihn niemals bekommen!“, schrie eine weibliche Stimme. Erneut blitzte es und der Schatten wankte – dann stürzte er zu Boden.

Erschrocken riss Mira die Augen auf. Ihr Herz pochte wild und Schweiß stand auf ihrer Stirn.
„Was zur Hölle …?“ Mira befand sich immer noch in dem Sessel im Gemeinschaftszimmer. Mittlerweile war es jedoch dunkel im Raum. Die Mädchen waren fort und der Kamin war erloschen. Wie lange hatte sie geschlafen?
Auf zittrigen Beinen gelangte Mira zu einem Wasch­raum. Wieviel Uhr es wohl war? Mit beiden Händen ­schaufelte sie sich kaltes Wasser ins Gesicht. Allmählich beruhigte sie sich wieder. Einen derart realen und verstörenden Traum hatte sie noch nie gehabt. Mira schüttelte den Kopf. Als die Anspannung von ihr abfiel, musste sie sogar ein wenig lachen. „Was für ein Scheiß“, murmelte sie, während sie schnell auf den Toiletten verschwand. Nachdem sie sich erneut die Hände gewaschen hatte, war es Zeit, ins eigene Bett zu kommen.
Auf dem Weg zu ihrem Zimmer blieb Mira noch einmal im Flur stehen und schaute aus dem Fenster. Dort war alles dunkel. Was hatte sie auch erwartet? Es war ja nur ein Traum gewesen. Doch gerade, als sie sich abwenden wollte, durchfuhr Mira ein gehöriger Schreck. Es begann mit einem kurzen Aufblitzen in der Ferne, gefolgt von einem Flüstern: „Komm zu mir.“ Mit pochendem Herzen riss Mira den Kopf herum. Erst nach links dann nach rechts. Doch sie stand allein auf dem Flur. Träumte sie etwa immer noch? Mira kniff sich in den Arm, doch bis auf den zu erwartenden Schmerz geschah nichts.

Mit schweißnassen Händen erreichte Mira schließlich ihr Zimmer. Eilig huschte sie hinein und schloss die Tür hinter sich. Laut hörte sie ihr Herz in der Dunkelheit schlagen und das Blut rauschte in ihren Ohren. Erst nach einiger Zeit war es ihr wieder möglich, sich zu bewegen. Sehr vorsichtig und nur einen winzigen Spalt breit öffnete Mira noch einmal die Tür und spähte auf den Flur, um sicher zu gehen, dass ihr niemand gefolgt war.
Eleonoras tiefes Atmen beruhigte Mira etwas, als sie im Dunkeln zu ihrem Bett schlich. Die Streitereien, der wenige Schlaf, das alles war wohl doch zu viel gewesen. Aber an weiteren Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken. Immer wieder kam Mira der Traum in den Sinn. Das Haus, da war sie sich sicher, war jenes mit der Nummer 16, das ihr bereits auf der Hinfahrt aufgefallen war. Das merkwürdige Haus mit den Lichtern, das an einer Stelle stand, an der es laut Navi gar nicht stehen durfte. Was hatte das zu bedeuten? Hatte es überhaupt etwas zu bedeuten? Und dann dieses Flüstern. Es war Mira vorgekommen, als käme es von weit weg, und doch hatte sie es klar und deutlich verstanden.