Splitterkristall - Die Schattenchroniken Band 1
(...)
Mira brauchte einen Moment der Orientierung, als sie ihre Augen wieder öffnete. Sie lag auf dem Boden vor dem Schrank. Neben ihr befand sich der Glasbehälter. Er war zerbrochen und überall glitzerten feine Scherben. Mira wurde gewahr, dass sie etwas in ihrer Hand umklammert hielt. Sie öffnete ihre zittrigen Finger und starrte auf den glänzenden Kristall. Sein Licht war erloschen. Ehe sie jedoch weiter darüber nachdenken konnte, hörte sie ein Knarren aus dem Flur, gefolgt von einem Schatten, der am Zimmer vorbeihuschte. Erschrocken fuhr Mira zusammen. Dann kroch sie auf allen Vieren zur Tür und warf einen vorsichtigen Blick hinaus. Ihr Herz schlug heftig und sie konnte vor Aufregung kaum einen klaren Gedanken fassen. Vom vermeintlichen Besucher war nichts zu entdecken, dafür befand sich am Ende des Flurs eine Tür, die einen Spalt weit offenstand. Ungläubig rieb sich Mira die Augen. Das war völlig unmöglich. Helles Tageslicht fiel von dort in den Flur und der Wind wehte vereinzelt Schneeflocken in das Haus hinein. Den Kristall noch immer fest umklammert, kämpfte sich Mira auf die Beine und näherte sich der Tür.
Durch den Spalt drang eiskalte Luft. Mira zog den Reißverschluss ihres Anoraks bis hoch zu ihrem Kinn. Dann nahm sie allen Mut zusammen und öffnete die Tür. Grelles Weiß strahlte ihr entgegen und ihre Augen brauchten einen Moment, um sich daran zu gewöhnen. Vor ihr erstreckte sich eine überwältigende winterliche Kulisse. Aus weiten Wäldern erhoben sich gigantische Bergmassive, über und über bedeckt mit Schnee. Völlig überwältigt stolperte sie einige Schritte zurück. Doch dort, wo noch vor wenigen Augenblicken das Haus gestanden hatte, war nichts mehr außer Schnee.
Mira war sich sicher, jetzt hatte sie vollkommen den Verstand verloren. Verstört strich sie sich durch die Haare, während sie fieberhaft überlegte, was sie jetzt tun sollte.
Nicht weit von ihr bemerkte sie Rauchschwaden, die unmittelbar hinter einem kleinen Tannenwäldchen aufstiegen. Vielleicht war dort jemand, der ihr helfen konnte!
Mira erkannte, dass nur ein paar Schritte entfernt in regelmäßigen Abständen Holzpfähle aus dem Weiß herausragten, die zentimeterhohe Schneehüte trugen. Diese schienen einen Weg zu säumen, der in Richtung des kleinen Waldes führte.
Ohne weiter nachzudenken, begann Mira, sich auf den Pfad zuzubewegen. Dabei sank sie immer tiefer in den Schnee ein und spürte, wie die Nässe durch den Stoff ihrer Schuhe drang und die Kälte erst ihre Füße erreichte und dann ihre Beine emporkroch. Mühsam kämpfte sie sich weiter voran, bis sie den Weg erreicht hatte. Hier war der Schnee schon etwas plattgetreten, sodass Mira besser vorankam. Der Pfad führte Mira zunächst an den Rand des Plateaus, und von dort aus einige Meter schräg den Berg hinab bis zur nächsten Ebene. Dort konnte Mira auch den Ursprung des Rauchs ausfindig machen. Aus der Ferne erkannte sie zwischen mehreren Tannen zwei Personen, die an einem Lagerfeuer saßen. Mit größter Vorsicht folgte Mira dem Pfad weiter hinab. Mittlerweile zitterte sie am ganzen Körper und das Atmen fiel ihr schwer. Die Kälte brannte ihr im Hals und in den Lungen.
Unten angekommen verließ Mira den Weg nach einigen Schritten wieder, um sich dem Lager erst einmal von der Seite zu nähern. Schließlich wusste sie nicht, wer dort auf sie warten würde und zog es vor, zunächst einen Blick auf die Fremden zu werfen. Auch wenn ihr bewusst war, dass sie in dieser irrsinnigen Situation sicherlich auf Hilfe angewiesen sein würde.
Die beiden Personen waren in dicke Mäntel mit fellbesetzten Kapuzen gehüllt. Sie schienen in eine hitzige Diskussion verwickelt. Mit wilden Gesten unterhielten sie sich lautstark. Dabei waren sie so mit sich beschäftigt, dass sie Mira nicht bemerkten, die bis auf wenige Meter an sie herangeschlichen war und sich hinter einem Baum versteckte.
Obwohl Mira die beiden deutlich verstehen konnte, war es schwer, ihrer Diskussion zu folgen, geschweige denn zu verstehen, um was es sich dabei handelte.
„… sicherlich nicht, Herr Tolrok“, erklang die Stimme der ersten Person. „Sie wissen genauso gut wie ich, dass es unübersehbar das Falsche wäre, diese und jene Einstellung nachzuvollziehen. Aber nun gut, wenn Sie unbedingt wollen. Von mir werden Sie zu dieser Äußerung keine Meinung erhalten.“
„Sehr geehrter Herr Nushok,“ antwortete die zweite Person lautstark. „Es ist sehr wohl wichtig, Ihre Meinung einzuholen, wo wir doch beide wissen, dass es mir ferner nicht akzeptabel erschiene, meine sehr wohl qualifizierte Bemerkung zu dieser Thematik kundzutun.“
„Jetzt hören Sie schon auf, Herr Tolrok, qualifizierte Meinung, pah!“, entgegnete der erste wieder. „Wenn ich das schon höre. Sie wissen genauso gut wie ich, dass es gar nicht in Ihrem Ermessen liegt, diese Unterhaltung zu einem glanzvollen Ausgang zu begleiten.“
Der zweite schnaubte verächtlich auf. „Jetzt werden Sie nicht beleidigend! Als ob es an Ihnen wäre, diesem Gespräch eine sinnvolle Botschaft mitzugeben. Sie sind es doch, der auf engstirnige Art derlei verbohrt ist, und sich gegen jeglichen vernünftigen Satz sträubt.“
Mira hatte genug zugehört. Wer auch immer diese merkwürdigen Kerle waren, Mira war derart durchgefroren, dass sie nur noch an das wärmende Feuer denken konnte, das nur ein paar Schritte von ihr entfernt war.
„Ent … schuldigung“, bibbernd vor Kälte kam Mira hinter dem Baum hervor.
Die beiden Gestalten verstummten augenblicklich und drehten sich zu ihr um. Mira stutzte. Etwas stimmte mit ihren Gesichtern nicht. Die Schatten ihrer Kapuzen lagen ein Stück darüber, doch die Nasen der beiden wirkten unförmig und ihre Augen glitzerten merkwürdig.
Der erste von ihnen erhob sich und kam Mira langsam entgegen. Dabei griff er mit beiden Händen nach seiner Kapuze und ließ sie in den Nacken rutschen.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Mira ihm ins Gesicht. Es hatte wenig Menschliches. Die Spitze der breiten Nase war schwarz und glänzte feucht und erinnerte Mira an die eines Hirschs. Auch die großen dunkelbraunen Augen waren die eines Tiers. Über ihnen saßen buschige Brauen. Das Markanteste an dem Wesen jedoch waren die zwei Hörner, die gedreht an den Seiten seines Kopfes herauswuchsen. Ganz so, wie die eines Widders.
„Hat sie ihn?“, sagte das Wesen plötzlich.
„Ich kann es nicht bestätigen, doch die Vermutung über diesen Umstand liegt nah“, bekräftigte das zweite.
„Was … wer …?“, stammelte Mira, während sie ein Stück nach hinten wich.
„Aber wäre es nicht falsch? Sie dürfte nicht hier sein. Nicht hier bei uns“, fuhr das erste Wesen fort, während es auf Mira zuging. Dabei bemerkte Mira nun auch die kräftigen fellbedeckten Beine, an deren Enden Hufe statt Füße waren.
„Nein, auf keinen Fall hier bei uns. Zu gefährlich, viel zu gefährlich“, war die Stimme des zweiten Wesens zu vernehmen. „Sie muss aufwachen …“
Mira stolperte und landete rücklings im Schnee. Das Wesen hatte sie erreicht und beugte sich über sie. Unfähig etwas zu sagen, starrte Mira es angsterfüllt an.
„Sofort aufwachen!“