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Beatrice Sonntag

Die Jetlagjägerin

Iran - Unterm Schleier im vergessenen Paradies

Iran – das alte Persien. Dieses Land stand auf meiner Reise-Wunschliste schon seit ich denken kann. Mir war immer klar, dass in Sachen Geschichte, Architektur und Kultur kaum ein Land dem Iran das Wasser reichen kann. Ich stellte mir die großartigen Moscheen in Isfahan und Shiraz vor, wusste aber, dass ich diese Wunder nur mit einem Kopftuch würde sehen können. Meine Faszination für Religion ist ungebrochen, aber in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat meine Toleranz gegenüber allen Religionen deutlich abgenommen. Man mag davon halten, was man will, aber ich zeige immer weniger Verständnis für Dinge, die Menschen tun, nur weil ein Gott, den sie selbst erfunden haben, es ihnen vorschreibt. So ist es. Ich gebe es zu. Für mich war der Zwang, meine Haare und meinen Körper verstecken zu müssen, ein unvorstellbarer Gedanke und ich hatte immer die Befürchtung, dass mir dieser Umstand meine ganze Reise vermiesen würde.
Letztendlich habe ich mich dazu durchgerungen, die Reise anzutreten. Augen zu und durch. Ich wollte Isfahan und Shiraz sehen und war bereit, dafür Opfer zu bringen. Im Nachhinein muss ich einräumen, dass das Kopftuch mir nicht die gesamte Reise verdorben hat und dass ich die Tour durch den Iran genossen habe. Aber ich muss auch ehrlich sagen, dass ich mich während der gesamten Zeit erniedrigt und gedemütigt gefühlt habe. Dieses Gefühl ist nicht verschwunden, bis ich wieder zuhause war. Selten ging mir etwas so sehr gegen den Strich wie die Kleidervorschriften für Frauen im Iran. Und ich glaube, ich kann auch genau sagen warum. Die Vorschriften mögen mir bescheuert vorkommen, aber das ist es nicht. Das, was mich daran stört und was mich so sehr geärgert hat, ist die Ungleichheit. 50% der Bevölkerung müssen die Vorschriften einhalten und die anderen 50% nicht. Das ist es, weshalb sich jede Faser in mir gegen die sackartigen Kleider und das Kopftuch gesträubt hat. Ich wünsche den jungen Frauen im Iran, dass sie sich erfolgreich gegen diese Unterdrückung durchsetzen können. Und den jungen Männern wünsche ich es auch.
Soviel dazu, nur vorab. Und jetzt werde ich von meinen Erlebnissen im Iran erzählen, einem der schönsten Länder dieser Welt. Und dabei versuche ich, das Thema Kopftuch weitestgehend außen vor zu lassen.

Der Pilot kündigt den Landeanflug auf den internationalen Flughafen in Teheran an und die Frauen um mich herum legen ihre Kopftücher an. Wir sind fast da. Es ist spät in der Nacht, aber die Schalter, an denen ich mein Visum erhalte und eine Versicherungsgebühr zahlen muss, sind besetzt. Eine junge Frau erklärt mir geduldig die Prozedur und begleitet mich. Gegen drei Uhr am Morgen stehe ich endlich mit meinem Visum und meinem Koffer vor dem Flughafengebäude. Nur wenige Menschen sind unterwegs. Daher findet mich mein Reisebegleiter schnell. Alireza ist ein kleiner, schlanker Mann mit dunklen Haaren und einem freundlichen Lächeln. Er bringt mich zu seinem weißen Peugeot Pars. Diese Fahrzeuge werden von der iranischen Firma Khodro hergestellt und sind nur im Iran erhältlich. Über dieses Phänomen, dass im Iran alles für den nationalen Markt hergestellt wird, werde ich in den kommenden Tagen noch viel erfahren. Zunächst einmal will ich aber nur schlafen. Der Flughafen ist etwa 60 Kilometer von der 14-Millionen-Stadt Teheran entfernt. Wir nehmen die Autobahn. Auf der modernen Strecke kommen wir zu dieser Tageszeit schnell voran. Auch in der Stadt herrscht kaum Verkehr, weshalb wir das Hotel in der Innenstadt ohne Zwischenfälle erreichen. Nur ein Müllauto kostet uns einige Minuten, denn die Gassen in der Altstadt von Teheran sind so schmal, dass das Müllauto sie vollständig ausfüllt. Wir weichen in eine Hauseinfahrt aus, in die unser Peugeot Pars auf den Millimeter genau passt. So können wir das Müllfahrzeug überholen. Obwohl ich hundemüde bin, fällt mir auf, dass Alireza sein Auto ganz offensichtlich gut kennt und dass er ein hervorragender Fahrer ist.
Das Hotel in der Altstadt ist wunderschön, aber das merke ich erst am Morgen, als ich aus meinem Zimmer heraus in den Innenhof trete. Ein Wasserbecken und viele Pflanzen schmücken den Hof, um den herum sich die Zimmer gruppieren. Es handelt sich offensichtlich um ein historisches Gebäude. Um in den Speisesaal zu gelangen, muss ich ein paar sehr hohe Stufen hinabgehen. Das Frühstück wird im Kellergewölbe serviert.
Alireza ist pünktlich, obwohl er sich durch den morgendlichen Verkehr der Hauptstadt kämpfen musste. Als wir aus dem Hotel auf die Straße treten, bietet sich mir ein anderes Bild als in der Nacht. Viele Menschen und Fahrzeuge sind unterwegs. "Jedes Auto darf nur zehnmal im Monat in die Innenstadt von Teheran fahren. Wegen der Abgase. Aber das Verkehrsaufkommen ist trotzdem geradezu lächerlich. Es ist unglaublich, wie viele Autos unterwegs sind." Wir zwängen uns mit dem Peugeot durch die engen Gassen, nutzen jeden Zentimeter, der zwischen Fußgängern, Sackkarren und Mopeds bleibt.
Unser Ziel ist der Golestan Palast. Wir lassen unser Auto elegant in einer Parklücke am Straßenrand stehen, die exakt acht Zentimeter länger ist als das Fahrzeug. Ich bin beeindruckt. Ein paar Schritte müssen wir aber noch zu Fuß gehen. Links werden Autoteile verkauft. Auf der rechten Straßenseite reihen sich Apotheken aneinander. Ein Mann flüstert Alireza etwas zu. Er verneint und geht einfach weiter. Erst jetzt fällt mir auf, dass entlang des Bürgersteigs in regelmäßigen Abständen Männer stehen. "Das ist der Schwarzmarkt. Garu nennen wir das." Ich schaue ihn verblüfft an. "Nicht was du meinst.“ Er lächelt. „Es sind keine Drogen, sondern illegale Medikamente." Jetzt bin ich noch verblüffter. So erfahre ich, dass der Iran durch das Jahrzehnte andauernde Embargo mittlerweile in der Lage ist, fast alles selbst zu produzieren. Das Land ist beinahe autark, aber eben nur beinahe. Und leider sind vor allem seltene Medikamente eines der Dinge, die es sich einfach nicht lohnt, selbst zu produzieren. So ein gigantisches Budget für Forschung und Entwicklung hat niemand. Also müssen Medikamente gegen seltene Krankheiten und gegen viele Arten von Krebs auf dem Schwarzmarkt eingekauft werden. "Für ein Vielfaches des Preises, den diese Arzneimittel ohnehin schon kosten." Das ist natürlich bitter.
Wir kommen am Golestan-Palast an. Ich staune nicht schlecht, als Alireza am Eingangstor seine Bankkarte zückt. Statt eines Schalters, wo man Eintrittskarten kaufen kann, gibt es ein hochmodernes Ticket-Terminal. Alles funktioniert digital. "Deine Karte funktioniert hier natürlich nicht." Er berührt den Touchscreen und hält wenige Augenblicke später unsere Tickets in den Händen. "Aber der Iran hat ein sehr gutes unabhängiges Finanzsystem. Man kann eigentlich überall mit der Karte zahlen." Wow. Dieses Land ist in Sachen Digitalisierung fortschrittlicher als Deutschland. Dumm nur, dass es vom internationalen Finanzsystem vollkommen abgekoppelt ist. Immerhin hat das Embargo den Iran nicht daran gehindert, zu einem sehr modernen Land zu werden. Wie Alireza richtig vermutet, stellen sich die Menschen in Europa das Land ganz anders vor.
Aber zunächst widmen wir uns dem Golestan Palast, einem prächtigen Gebäudekomplex aus dem 15. Jahrhundert, der einen liebevoll angelegten grünen Park umgibt. "Die persischen Monarchen haben hier viele Jahrhunderte lang regiert. Sieben Könige haben hier gelebt. Wir nennen sie aber nicht Könige, sondern Schah." Alireza zeigt mir an der Außenwand farbenfrohe Kacheln, auf denen verschiedene Motive zu sehen sind. Die Symbole für den Schah stechen heraus: ein Löwe und eine Sonne. "Diese Symbole waren zu Zeiten des Schahs auch auf der iranischen Flagge abgebildet. Heute sind sie verboten. Man sieht sie nur noch hier in den denkmalgeschützten Bereichen des Palastes. Und auf illegalen Demos." Glücklicherweise gibt es ein Gesetz, das die verbotenen Symbole hier schützt. "Es ist ein UNESCO-Welterbe und es ist uralte Kunst. Also darf es bleiben." Alireza zeigt auf Fliesen, auf denen Frauen mit Dekolleté zu sehen sind. "Auch das hier darf nicht zerstört werden, so gerne die Mullahs das auch täten."
Alireza zeigt mir die Rosen, die dem Palast seinen Namen ‚Golestan‘ gegeben haben. Er macht mich auf eine Reihe von sehr europäisch anmutenden Darstellungen aufmerksam. "Daran kann man ablesen, dass die persischen Könige damals gute Beziehungen mit Europa pflegten."
Wir bestaunen den Alabastersarg von Schah Nazredin. Als wir Richtung Eingang gehen, höre ich im Garten ein lautes Lachen. Interessiert schaue ich in die Richtung. Da sind mehrere Männer in eleganten Kleidern zusammengekommen. Alireza klärt mich auf: "Die Herren lachen nicht. Das ist eine Trauerzeremonie." Er bedeutet mir weiterzugehen.
Im Gebäude lerne ich viel über die persische Monarchie und damit über die Geschichte des Landes. Die Gegenstände, die hier zu sehen sind, haben den sieben Schahs gehört, die mit ihren Familien den Golestan-Palast bewohnt haben. Viele Geschenke aus aller Welt sind ausgestellt, darunter eine Bronzestatue der Königin Viktoria, Elfenbeinobjekte aus Indien und ein Metallrelief mit dem Konterfei von Napoleon. Wir streifen durch die Räume, die mit wunderschönen Fliesen verziert sind. Kunstvoller Stuck ziert die Decken. Durch einen vollständig mit Spiegelmosaiken versehenen Treppenaufgang gelangen wir in die erste Etage. Hier befinden sich die repräsentativen Räumlichkeiten, wie der Thronsaal.
Dieser Thronsaal ist besonders reich geschmückt. "Da steht der berühmte Pfauenthron." Alireza zeigt auf einen pompäsen Stuhl. "Der legendäre Pfauenthron, der als Kriegsbeute aus Indien geraubt wurde, ist verschollen, aber viele vermuten, dass Teile des Kunstwerks benutzt wurden, um diesen Thron hier herzustellen. Du kannst ihn auf Youtube in Aktion sehen. Die Krönungszeremonie ist online." Allerdings handelt es sich bei dem Schmuckstück, das wir vor uns sehen, nur um eine Kopie. Das Original befindet sich im Juwelenmuseum, das leider wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. "Diese Kopie wurde hergestellt, um sie in Filmen als Kulisse zu nutzen. Aber sie ist echt gut gemacht und wirkt sehr authentisch." 
Wir verlassen den prunkvollen Thronsaal durch weitere Räume, in denen Staatsgeschenke zu sehen sind. Chinesische Vasen, Dresdner Porzellan und ein Teil eines Meteoriten stehen in Vitrinen und erinnern an eine Zeit, als der Iran nicht so isoliert war, wie er es heute ist.
Im Anschluss an den Palastbesuch widmen wir uns dem Nationalmuseum. Hier führt mich die Ausstellung durch die gesamte Geschichte des Landes. Auf einer großen Karte schauen wir uns das Gebiet zwischen Kaspischem Meer und Persischem Golf an. Es gibt hier alles. Gebirge, Flüsse, Wüsten, fruchtbare Ebenen und natürlich jede Menge alte Siedlungen. In der Wezmeh Höhle im Westen des Iran hat man den Wezmeh Zahn gefunden, ein Beweis dafür, dass Neandertaler hier gelebt haben.
Das Museum zeigt Tonkrüge und Flöten aus Knochen, die aus der Zeit um 6000 vor Christus stammen. Auch Schädel, die nahelegen, dass es sich um die von Außerirdischen handelt, sind zu sehen. Damals haben wohlhabende Menschen die Schädel ihrer Kinder durch den Einsatz von Bändern verformt. Die erste Stadt Susa ist in Miniatur nachgebaut. In der Mitte steht eine Deffufa und ich bin ganz stolz, dass ich seit meiner Reise in den Sudan weiß, was das ist. Aus Susa sind Siegel aus Ton, Figuren aus Bitumen und 5000 Jahre alte Inschriften erhalten. Erstaunlich ist ein Tongefäß, das mit einer Reihe von Steinböcken verziert ist. Dreht man das Gefäß, sieht es so aus, als springe der Steinbock. Wahrscheinlich sehe ich hier gerade das erste Daumenkino der Welt.
Susa war lange Zeit die Hauptstadt des persischen Reiches, daher konnten dort Statuen und Reliefs von Darius und Xerxes ausgegraben werden. Ich folge den vielen Ausstellungsstücken, die mich durch die Zeit der Achämeniden, Selukiden, Alexanders des Großen, Aschganiden und Suleikiden sowie Sassaniden geleiten. Ob ich mir das alles merken kann? Einige dieser Kulturen werden mir auf dem Weg Richtung Süden wieder begegnen.