Fremder Wille
Gellende Schreie und hastige Schritte durchdrangen das Haus, als wäre es ein von Unruhe getriebenes Monster. Als er hier eingezogen war, hätte ihm der Lärm beinahe den Verstand geraubt. Zu der Zeit hatten noch die Schüsse an seinen Nerven gezerrt und das Hämmern ihn keinen klaren Gedanken fassen lassen. Doch nach Wochen verstummte die Nagelpistole schließlich, als die letzten Platten ihren Platz fanden. Die Schläge der Hämmer verebbten zunehmend, da die Maurer und Elektriker langsam zum Ende kamen. Was blieb, war das Geschrei der Kinder, das in einem wilden Durcheinander die Luft um ihn herum erfüllte. Jeden Tag, wenn sie von der Schule heimkehrten und sich aus ihrer Gefangenschaft des Stillsitzens befreiten, verwandelte sich das Haus in ein von unerträglichem Lärm heimgesuchtes Nest. Anfänglich war Josch versucht gewesen, wie ein wütender Drache aus seinem Technikraum zu schießen, um die Ungeheuer streng zur Ordnung zu rufen. Doch jedes Mal, wenn er zur Tür stürmte, hörte er es: Unter all dem Lärm klang das reine, unbeschwerte Lachen von Kindern. In diesen Momenten hielt er inne, ließ die Klinke los und sank zurück in seinen Sessel. Plötzlich fühlte er keine Wut mehr, nur das leise, sanfte Echo von Freude, das ihn durchzog, als hätte es die Macht, dieses Chaos in etwas Schönes zu verwandeln.
Mittlerweile wohnte er bereits seit zwei Jahren mit Bernadette in der Einrichtung, die Lilli erschaffen hatte. Die Kinder lebten hier, und viele erfuhren zum ersten Mal das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Sie besuchten die Schule, schimpften über Hausaufgaben und folgten mehr oder weniger den Regeln. Aber sie spielten auch, lachten und erlebten ein Dasein ohne Angst. Sie durften hier sein, was sie waren – Kinder. Lilli, einst die charismatische und brillante Anführerin einer Gruppe talentierter, aber sozial unbeholfener Programmierer und Hacker, hatte in ihrer früheren Karriere die Grenzen der Legalität wiederholt überschritten. Als Leiterin war sie verantwortlich für zahlreiche Aktionen, bei denen sensible Daten auf oft illegale Weise beschafft wurden, was ihr schließlich zum Verhängnis wurde. Ein folgenschwerer Fehler führte zu ihrer Verurteilung, und sie verbüßte eine zweijährige Strafe auf Bewährung. Auf Drängen des Richters gab sie ihre kriminellen Aktivitäten auf. Anstatt weiterhin souverän in der Welt der Cyberkriminalität zu agieren, entschloss sie sich, ihrer Sehnsucht zu folgen. Sie hatte die Welt des Hackens gegen diesen Dschungel von unermüdlicher Fürsorge und kräftezehrender Freude eingetauscht.
Josch hatte dies damals nicht verstanden, aber er war hier eingezogen, um seine Liebe nicht zu verlieren. Lilli hatte Bernadette das Angebot unterbreitet, als Erzieherin für sie zu arbeiten. Wegen ihrer Begeisterung hatte er sein eigenes Haus vermietet und seine hochtechnisierte Computeranlage in einem rustikalen Arbeitszimmer im hinteren Trakt des Hauses installiert. Lilli hatte ihnen zusätzlich eine großzügige Drei-Zimmer-Wohnung im Ostflügel überlassen, für die sie keine Miete zahlten.
Wenn die Kinder noch in der Schule waren, half Bernadette in der Küche aus oder versuchte, einen Teil der Unordnung zu bekämpfen. Dies war für Josch die beste Zeit, sich in sein Arbeitszimmer zurückzuziehen. Mittlerweile hatte er keine Kunden mehr und arbeitete nur noch für das BKA. Für sie durchsuchte er das Darknet nach Beweisen, um die eine oder andere Straftat nachzuweisen. Die Arbeit war im Laufe der Monate zur Routine geworden und langweilte ihn zu oft. Er sehnte sich nach den alten Zeiten zurück, in denen er als Seniorhacker allein gearbeitet und sein Geld nicht immer rechtens verdient hatte. Doch er beschwerte sich nicht, nahm die Situation hin, denn damit gab er Bernadette die Sicherheit, die sie brauchte, um mit ihm zusammenzuleben. Er hatte ihre gemeinsame Entscheidung nie bereut, in einem Haus zu wohnen und zu arbeiten, in dem lautstarke Trampeltiere hausten und es alles gab außer einem einzigen ruhigen Tag.
An einem Abend hämmerte es an der Tür seines Arbeitszimmers, als schlüge jemand panisch mit den Fäusten dagegen. Josch sprang, so schnell es seine Korpulenz zuließ, vom Bürosessel auf. Er hastete zu der verriegelten Zimmertür und riss sie aufgeregt auf. Dabei überschlugen sich seine Gedanken, und er rechnete mit dem Schlimmsten. Doch davor und auf dem Flur war niemand zu sehen. Er hörte nur das Trippeln von kleinen Füßen, die sich aus dem Staub machten. Die Kinder hatten ihren Spaß daran, ihn von der Arbeit abzuhalten. Selbst mit einem Puls im roten Bereich schaffte es Josch jedoch nicht, ihnen deswegen böse zu sein.
In letzter Zeit ertappte er sich zunehmend dabei, dass er am frühen Nachmittag von einer seltsamen, unerklärlichen Unruhe umgetrieben wurde und es ihm schwerfiel, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Er kontrollierte ständig die Uhr und fragte sich, wo die Rasselbande blieb, die mit dem Bus von der Schule kam. Wenn dann die Horde lautstark durch die Eingangstür stürmte, lehnte er sich in seinem Bürosessel zurück, öffnete die linke Schublade und nahm die Ohropax heraus. Anfangs hatte er noch bei Telefonaten oder in Videokonferenzen erklärt, woher der Lärm kam. Aber nun fragte keiner mehr, und manchmal sah er die Leute auf dem Monitor lächeln, wenn Kindergetöse durch das Haus hallte.
Das wohl Gewöhnungsbedürftigste für ihn waren die Mahlzeiten. Lilli bestand darauf, dass sie alle morgens und abends zusammen am Tisch saßen. Sie akzeptierte nicht die kleinste Ausnahme. Das Frühstück war ein Gewusel von schlechtgelaunten Trotzköpfen, die aufgeregt über die angezogenen Klamotten und darüber diskutierten, ob sie wirklich zum heutigen Schulbesuch passten. Josch fand es unbegreiflich. Es waren Kinder, die allem Erdenklichen eine unnütze Beachtung schenkten, als wäre es überlebensrelevant. Wenn sie dann aufstanden, um den Tisch abzuräumen, und endlich in den Bus einstiegen, um zur Schule zu fahren, saß er einige Minuten allein in dem großen Saal. Er genoss die Stille und trank erleichtert seinen Kaffee. Wenn die Bagage verfrachtet war, setzte sich Bernadette zu ihm, und nicht selten hielt sie schweigend seine Hand. Beim Abendessen vollzog sich dann ein Gegacker, bei dem jeder mitteilte, was ihm an diesem Tag widerfahren war. Keiner hörte dem anderen zu oder zeigte Interesse. Nach seiner Meinung plapperten die Kinder ohne Sinn. Selbst beim Abräumen der Tische und dem darauffolgenden Küchendienst, bei dem alle mithalfen, verstummte das Durcheinander von Wortlawinen kaum. Für Josch entsprach dies einer unverständlichen Welt. Vielleicht hatte er davor zu lange Zeit davor allein gelebt.
Eines Abends lud Lilli ihn zu einem Gläschen Wein in die Gaststätte im nächsten Ort ein. Zu seiner Verwunderung wollte sie mit ihm allein sprechen.
In dem gepflegten Lokal wartete sie, bis der Wirt den Wein serviert hatte, ehe sie fragte: „Was ist los, Josch?“
„Nichts. Es ist alles in Ordnung“, antwortete er, ohne sie anzuschauen.
„Ich habe nicht den Eindruck. Es scheint mir, als würde dir etwas fehlen.“
„Lilli, mir fehlt nichts. Ich darf mit Bernadette zusammenleben, und sie ist glücklich.“
„Aber es reicht dir nicht.“
„Gib einem alten Kauz die Möglichkeit, sich einzugewöhnen. Im Haus des Lachens ist alles anders. Ich habe immer alleine gelebt, und der Trubel ist eine echte Herausforderung für mich.“
„Wie läuft es mit dem BKA?“
„Wie üblich, sie sind zufrieden. Was wohl daran liegt, dass die Anzahl der Verbrechen ständig steigt und ich doch einiges dazu beitrage, dass zumindest ein paar Fälle gelöst werden.“
„Es ist langweilig.“
„Natürlich, aber in meinem Alter ist es besser, es etwas ruhiger angehen zu lassen.“
„Du bist 49“, sagte sie und lachte kurz auf.
„Korrekt, aber ich bin für die Kinder ein Opa.“
„Das war der Übergang, den ich gebraucht habe. Was hältst du davon, mehr mit den Kindern zu machen?“
„Nichts, das ist dein Job und der von Bernadette.“
„Josch, du weißt doch, dass wir gerade mit der Betreuung für die Schule nicht hinterherkommen.“
„Mag sein“, antwortete er und hob dabei die Hand zu einem Abwinken, als ob ihn das nichts anginge.
„Ich finde auf die Schnelle niemanden, der extra für die Hausaufgabenbetreuung rausfährt. Den meisten ist der Weg zu weit.“
Josch sparte sich einen Kommentar und hoffte, Lilli würde das Thema wechseln.
„Also habe ich mir überlegt, ob du nicht den Kindern helfen könntest. Du weißt, vielen fällt die Umstellung noch schwer, und die meisten von ihnen haben nie gelernt, dass Schule wichtig ist.“
„Auf keinen Fall! Und überhaupt, was sollte ich den Kindern beibringen? Vielleicht, wie man einen Server hackt?“
„Nein, darum geht es nicht. Vielmehr könntest du sie bei den Matheaufgaben unterstützen, und irgendwann würde das eine oder andere Nebenfach dazukommen.“
Widerwillen bäumte sich in ihm auf. Es waren nicht die Aufgaben, die ihn störten, sondern es war die pure Angst davor, mit Halbwüchsigen an einem Tisch zu sitzen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. „Wie gesagt, das ist dein Problem“, antwortete er nun doch etwas zu barsch.
„Sie brauchen aber jemanden, und wir glauben, das würde dir auch guttun.“
Ungehalten gab er zurück: „Wer ist wir?“
„Du kannst dir denken, dass ich mit Bernadette darüber gesprochen habe. Also gib dir einen Ruck und versuche es zumindest. Nur so lange, bis ich jemanden gefunden habe.“
Seit diesem Gespräch waren Monate vergangen. Lilli hatte ihm keine Chance gelassen. Anfangs schickte sie die Kinder mit ihren Hausaufgaben zu seinem Arbeitszimmer, wo sie vorsichtig an die Tür klopften und ihn mit gesenktem Kopf leise fragten, ob er ihnen bei einer Aufgabe helfen würde. Mürrisch hatte er zugesagt und gehofft, es wäre die letzte Ausnahme. Das Schwierige waren nicht die Schulaufgaben, sondern sein veraltetes Verständnis, wie diese gelöst wurden. Seine Lebenserfahrung und die eigene Vernunft spielten dabei keine Rolle. Ebenso erzeugte seine Vorstellung des Lernens eine Übellaunigkeit, die die Kinder des Öfteren mit Geschrei und herumfliegenden Stiften und Heften erwiderten. Dann erklärten ihm die älteren Jugendlichen, dass die Schule eine strikte Vorgehensweise erwartete und diese auf jeden Fall einzuhalten war.
Es vergingen einige Wochen, bis er von Bernadette gelernt hatte, dass seine Erfahrung nicht übertragbar war, sondern er sich erst auf die Gedankenwelt der Kinder einlassen musste. Als er begriff, dass sie eine völlig andere Vorstellung von dem Stoff hatten, der für sie absolut neuartig war, veränderte sich vieles. Er arbeitete daran, die Kinder zu verstehen. Mittlerweile half Josch ihnen fast jeden Tag mit den Hausaufgaben. Meist saßen sie ein bis zwei Stunden zusammen und lachten oft beim Lernen.