Fremder Wille
Ich soll dir einen Namen geben? Als wärst du ein Mensch und kein dämliches Teil mit leeren Seiten. Die Therapeutin meinte, es würde mir helfen, ein Tagebuch zu führen, da ich nicht rede. Nicht mit ihr und sonst, glaubt sie, auch mit niemandem. Ich find es bescheuert, dennoch bekommst du die Worte, denn ich weiß nicht mehr, wohin mit dem ganzen Zeug in meinem Kopf. Es schwirrt wie dunkle Schatten in den Gedanken und manchmal in den Gefühlen. Du bist nichts anderes als ein Schattenbuch für mich, und deswegen werde ich dich Schabu nennen.
Du kannst es nicht wissen, aber mit der Zeit habe ich die Angst vor der Dunkelheit verloren. Ich glaube nicht mehr an die grabschenden Monster, die unter dem Schrank lauern, oder an Geister, die als schemenhafte Gestalten durch den Raum huschen. Wie üblich sitze ich wach auf dem Bett, das ich als mein eigenes bezeichnen sollte. Vor dem Fenster ist die Nacht schwarz, nur eine Laterne brennt weit entfernt an der Straße. Sie schickt ihr Licht nicht bis zum Haus, wo ich seit einiger Zeit lebe. Ich habe mit Lilli darüber gesprochen, worauf sie gleich einen Elektriker bestellte, der eine Leuchte mit Bewegungsmelder an der Mauer zum Hof anbrachte. Mit einem gespielten Lächeln bedankte ich mich für etwas, das nichts änderte, denn wenn niemand an der Lampe vorbeiging, blieb das Dunkel.
Die Uhr zeigt, dass ich nur drei Stunden geschlafen habe. Erst um sechs wird Bernadette in der Küche sein, um das Frühstück vorzubereiten. Jede Nacht wache ich auf. Der Traum, der mich aus dem Schlaf gerissen hat, ist kein Irrläufer meines Unterbewusstseins, sondern alles ist so passiert. Woanders, denn ich lebe nicht zu Hause. Ich habe meine Eltern verloren. Deshalb muss ich an diesem Ort sein. Die Leiterin Lilli nennt es das Haus des Lachens, in dem Kinder wieder lernen, sich zu freuen. Die meisten von ihnen haben keine Familie mehr oder wurden aus einem unerträglichen Elend befreit. Mit meinen 16 Jahren gehöre ich zu den Älteren und wohne nun schon seit Monaten hier. Schabu, es wird dich nicht wundern, aber ich habe das Lachen nicht wiedergefunden.
Lilli und Bernadette geben sich die größte Mühe, doch ich vermisse die Liebe meiner Mutter, die mich mit ihrer Fürsorge nicht selten in den Wahnsinn getrieben hat. Jeden Morgen bestand sie darauf, dass ich diese peinliche Brotdose mit Obst und selbstgebackenen Müsliriegeln mit in die Schule nahm. Obwohl mein Vater selten zu Hause war, erinnere ich mich immer wieder an Momente, in denen wir zusammen auf dem Sofa gesessen haben. Wir dachten uns gemeinsam Geschichten aus, bei denen jeder ein Stück erzählte und er mich ständig aufforderte, mit meiner Fantasie wie eine Möwe über das Meer zu fliegen. Vielleicht bin ich behütet aufgewachsen, doch in den letzten zwei Jahren habe ich immer stärker gegen diese Achtsamkeit rebelliert. Schließlich bin ich kein kleines Kind mehr.
Weißt du, Schabu, ich bereue mein Verhalten, jedes Schimpfen gegen meine Eltern, denn jetzt ist alles ein Schatten, endgültig und unveränderbar. Ich habe mir selbst im Weg gestanden und habe ihnen nicht gesagt, dass ich sie über alles liebe.
Was mir bleibt, ist nicht das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit, sondern ein ständig wiederkehrender Traum, der mich durch die Nächte verfolgt. Darin kommen immer die gleichen Bilder auf, die sich endlos wiederholen, bis ich aufwache und endlich das lebendige Zittern meines Körpers spüre. Die Erinnerung lässt mich immer von dem Abend träumen, als ich nach dem Handballtraining um unser Haus herumging, um durch die Terrassentür hineinzugehen. Durch die hohen Fenster strahlte das Licht in den Garten und ich sah meinen Vater gefesselt auf einem Stuhl sitzen. Fremde Männer umringten ihn. Ich wagte nicht, mich zu rühren, sondern stand wie versteinert zwischen den Bäumen.
Einer der Männer nahm einen dampfenden Topf vom Herd, während ein anderer meinen Vater brutal festhielt. Ich sah, wie sie ihm die heiße Flüssigkeit über seinen nackten Oberkörper gossen. Seine Schreie zerrissen die Stille, während er versuchte, sich vor Schmerz zu krümmen. Er bäumte sich auf, kämpfte verzweifelt gegen die Fesseln, doch es war vergeblich.
Mein Herz raste. Ich war weder fähig wegzurennen noch zu schreien. Von der Angst fest umklammert, spürte ich nichts anderes mehr. Ich bemerkte nicht einmal, dass ich die Luft angehalten hatte, bis die Lungen brannten. Was wollten diese Männer von ihm und warum war niemand hier, um ihn zu retten? Die unausweichliche Erkenntnis, dass ich keine Waffe hatte und nicht die kleinste Chance besaß, die Folter zu beenden, lähmte mich. Ein anderer Gedanke durchbrach das Chaos: meine Mutter. War sie zu Hause? Vielleicht war sie nicht da. Hatte sie es rechtzeitig geschafft, zu fliehen? Wie durch einen Fluch wanderte mein Blick durch das hohe Fenster in die Küche. Dort, auf dem Boden, lag sie. Regungslos. Um ihren Körper eine rote Lache, die sich weit ausgebreitet hatte und jede Hoffnung ertränkte. Ein stummer Schrei blieb in meiner Kehle stecken. Ich zitterte, und der verzweifelte Teil in mir wollte sie berühren, sie aufwecken, doch insgeheim wusste ich, dass es zu spät war.
Dann lösten die Männer die Fesseln meines Vaters und hievten ihn hoch, aber seine Beine trugen ihn kaum. Zwei von ihnen stützten ihn, während ein anderer ein Tuch über seinen Kopf warf. Sie zogen ihn in Richtung Haustür. Ein plötzlicher Instinkt ergriff Besitz von mir. Ich musste weg von diesem Ort. Ich drehte mich um und lief los. Tränen brannten in meinen Augen und Äste rissen an meiner Kleidung. Ich kehrte auf die Straße zurück. Ohne nachzudenken, rannte ich in irgendeine Richtung. Flüchtete in rasender Angst vor dem, was ich gesehen hatte. In mir brannte ein Schmerz, der keinen Ausweg bot. Wohl mehrere Kilometer weiter bemerkte ich, dass ich auf dem Radweg der Landstraße war. Ich blieb stehen, sackte zusammen und hockte schließlich im Graben. Tränen hatte ich keine mehr und mein Herz hämmerte vor Erschöpfung. Der Verstand konnte den Tod meiner Mutter nicht realisieren und ich war unfähig, nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Obwohl es nicht kalt war, fror ich und zitterte am ganzen Leib. Irgendwann schaffte ich es, aufzustehen. Ich brauchte mehr als zwei Stunden, um die Haustür meiner Tante zu erreichen. Die Hausklingel zu drücken, kostete mich eine enorme Überwindung. Denn ich wusste nicht, ob ich das Geschehene jemandem erzählen konnte. Nein, ich würde es nicht schaffen, weil ich nicht akzeptierte, dass es wahr war.
Elinor, die Schwester meines Vaters, drückte den Türöffner, und ich schleppte mich die Treppe hoch bis zu ihrer Haustür. Als sie mich sah, erschrak sie und ihr Gesicht wurde leichenblass. Aufgeregt fragte sie, was geschehen sei. Ich brachte kein Wort heraus und wir gingen ins Wohnzimmer. Ohne Pause redete sie auf mich ein, stellte mir immer die gleiche Frage. Ich schrie sie an: „Sei endlich ruhig!“
„Was fällt dir denn ein, so mit mir zu …“.
Aber ich fiel ihr ins Wort: „Sie haben Mama ermordet.“
„Was?“, fragte Elinor laut, als würde sie mir nicht glauben.
„Sie haben Papa wehgetan und ihn dann mitgenommen.“
„Melina, ist das wirklich wahr?“
„Ich weiß es nicht.“
Meine Tante stand langsam auf. Sie nahm ihr Handy vom Tisch und rief die Polizei an. Sie nannte ihren Namen und erklärte sachlich, es sei ein Verbrechen im Haus ihres Bruders passiert und dessen Tochter, die nun bei ihr sei, habe es gesehen. Kurzes Schweigen folgte. Dann gab sie unsere Adresse durch und meinte, sie würde auf den Rückruf warten. Sie bedankte sich, bevor sie auflegte.
Eine Stunde später standen eine Kommissarin in Zivil und eine Frau vom Jugendamt vor der Tür. Ich schrie minutenlang, als sie mir sagten, dass meine Mutter tot sei. Die fürsorgliche fremde Frau nahm mich in den Arm, drückte mich, bis mir das Atmen schwerfiel und ich aufhörte zu kreischen. In einer Trance, ohne die Realität zu begreifen, fragte ich nach meinem Vater. Die Kommissarin antwortete, dass er nicht im Haus gewesen sei, sie hätten aber Spuren eines Kampfes gefunden. Die Polizei würde bereits nach ihm suchen und ich solle mir keine Sorgen machen. Ich keifte die Kriminalbeamtin an, ohne die richtigen Worte zu finden. Sie entschuldigte sich bei mir, als würde dies etwas ändern.
Seit dieser Zeit gibt es kein Lebenszeichen von meinem Vater. Das Jugendamt hat versucht, Elinor davon zu überzeugen, mich bei sich aufzunehmen. Sie lehnt das wegen ihrer Depressionen vehement ab. Zudem sagt sie, dass sie nicht die finanziellen Mittel besitze. Außerdem habe sie weder ein Zimmer noch ein Bett für mich. Ich gebe ihr keine Schuld daran, dass ich mit 16 Jahren in ein Heim gekommen bin – wir haben uns schließlich nie gemocht.
In den ersten beiden Unterkünften rebellierte ich mit aller Wut. Ich pöbelte die anderen Mädchen an, wenn sie mich nur schief ansahen. Die Jungs schlug ich regelmäßig, und kaum einer wehrte sich, stattdessen schauten sie nur blöd drein. In der Schule spuckte ich die Lehrer an, wenn sie mir mit ihren bescheuerten Fragen zu nahe kamen. Schabu, ich weiß nicht, wieso ich ein solches Miststück bin, aber es ist für mich die einzige Möglichkeit, zu reagieren. Danach kam ich in Lillis Haus des Lachens, was mir absolut hirnverbrannt vorkommt. Jeder von uns hat seine Narben auf der Seele, und manche davon heilen nicht durch ein Lachen. Ich habe mein eigenes Zimmer bekommen, und keiner zwingt mich, die Schule zu besuchen, was ich auch nicht tue. Dennoch werde ich wie die anderen Kinder behandelt, ohne dass sie es wagen, mich zu berühren. Lilli bat gleich zu Anfang um ein Gespräch. Jedoch war das Einzige, was sie von mir verlangte, dass ich den anderen Kindern nicht wehtue. Sie erwähnte nicht einmal Konsequenzen und erwartete keine Reaktion von mir. Die Tage ohne Schule und Hausaufgaben wurden langweilig, und so fing ich an, in der Küche oder im Garten zu helfen. Keiner bewundert mich dafür, niemand lobt mich, stattdessen wird es mit stoischer Selbstverständlichkeit akzeptiert. Was gegen meine Wut hilft, denn es gibt nichts, wogegen sie rebellieren kann.
Auch wenn ich die Wut nur verberge und bei den anderen bloß den Eindruck erwecke, es würde mir besser gehen, kämpfe ich jeden Tag um das bisschen Leben, das ich noch in mir spüre. Das Haus des Lachens ist für mich eine Zwischenstation. Ich habe vor, es zu verlassen. Ich habe keine andere Wahl, denn mein Verstand hämmert mir ständig ein, mein Vater lebt, und ich muss ihn nur finden.
Wenn ich ehrlich bin, ist es zwar ganz nett, meine Gedanken aufzuschreiben, aber mehr auch nicht. Schabu, ich denke, dies wird unsere einzige und damit letzte Begegnung sein.