Fremder Wille
Wenn die Kinder vom Jugendamt ins Haus des Lachens gebracht wurden, waren ihre Gesichter von Traurigkeit gezeichnet und die meisten weinten. Sie willkommen zu heißen und ihnen die Angst vor der neuen Umgebung zu nehmen, überließ Josch den Frauen. Nach seiner Meinung besaß er weder das nötige Feingefühl noch mochte er es, wenn die Kinder seinen Anzug mit Tränen und schlimmstenfalls mit Rotzflecken versahen. Obwohl seine Erscheinung mit Anzugweste und Lederschuhen nicht in diesen Alltag passte, wollte er diesen Teil seiner Vergangenheit nicht loslassen.
Lilli verschloss die Akten der Kinder immer ungelesen in einem Schrank. Sie wollte, dass jeder den Kindern unvoreingenommen begegnete, ohne Diagnosen, Vorgeschichten und fremde Urteile im Kopf.
Josch fiel auf, wie anders sich Melina verhielt. Sie weinte nicht, sondern gab sich trotzig und strafte jeden mit einem Blick, als ob sie ihn gleich töten wolle. Beim ersten Abendessen setzte sie sich abseits in eine Ecke auf einen Stuhl ohne Tisch und aß vom Teller auf ihren Knien. Bei den darauffolgenden Mahlzeiten drehte sie sich sogar zur Wand. Lilli beobachtete sie, sagte aber nichts. Josch vermutete, dass sie froh darüber war, dass das Mädchen sich an die Regel hielt und etwas aß. Melina redete mit niemandem, nahm nicht an den Spieleabenden oder sonstigen gemeinsamen Aktivitäten teil. Stattdessen versackte sie in ihrem Zimmer.
Nach einigen Tagen sprach Josch sie an. Wie üblich trug sie die weite schwarze Lotterjeans und die mit Aufnähern übersäte Lederjacke, als wolle sie damit ihre Gleichgültigkeit zur Schau stellen. Ihre dunklen Haare fielen ungekämmt über die runde Brille, ohne ihre wachen Augen zu verdecken. Melina wirkte für eine Jugendliche viel zu erwachsen. Sie war ständig vorsichtig, immer abwartend, mit dem wachsamen Misstrauen eines Menschen, der zu früh zu viel gesehen hatte. Ihre Reaktion kam unerwartet, denn sie blaffte ihn an und erklärte, dass ihr sein Gespräch scheißegal sei. Er sah, wie ihr Zorn sie vor der Traurigkeit beschützte und wie ein Stein gegen jedes kleinste Glück standhielt. Und er erahnte ihre Angst, die sie zu verbergen versuchte.
Eines Abends, bevor die Kinder das Abendessen von den Tischen räumten, verließ er den Saal und wartete im Flur. Als Melina wieder in ihr Zimmer flüchtete, fing er sie ab und fragte sie im Vorbeigehen: „Kennst du eigentlich Kasandra?“
Kurz stutzte sie und antwortete: „Ich kenne keine Kasandra“ und war dabei, mit flotten Schritten weiterzugehen.
„Sie ist kein Mensch, sondern ein Computer, der sogar reden kann.“
Melina blieb stehen. Sie schien kurz nachzudenken, bevor sie antwortete: „Das kann jedes Handy, das ist nichts Besonderes.“
„Stimmt“, sagte Josch und fügte an: „Aber Kasandra ist ein eigenständiges Rechnersystem und kann einiges mehr als dein Smartphone.“
„Du erzählst mir irgendeinen Mist. Ich habe hier noch keinen Roboter gesehen“, gab sie in verärgertem Ton zurück.
„Kasandra ist kein Roboter, sie ist eine Maschine, die in meinem Arbeitszimmer steht. Sie kann nicht rumlaufen.“
Melina drehte sich um, sah Josch mit ihren verärgerten Augen an. „Na und?“
„Wenn du willst, zeige ich sie dir.“
Josch beobachtete, wie ihre Brauen sich minimal hoben und der angespannte Zug um ihre Lippen nachließ. Einen Hauch von Neugier glaubte er in ihrem Blick zu erkennen, bevor sie spöttisch antwortete: „Ich bin kein Kleinkind, was sollte mich diese blöde Maschine interessieren?“
„Kasandra ist nicht dumm. Man muss sie für sich arbeiten lassen, dann kann sie ziemlich hilfreich sein.“
„Und warum sollte ich mit ihr arbeiten?“
„Es gibt zu viele Möglichkeiten, als dass ich sie alle aufzählen könnte. Es liegt an dir, was dich interessiert. Allerdings wäre die Voraussetzung, dass du erst einmal lernst, mit ihr umzugehen.“
„Ich habe keinen Bock auf Schule“, sagte Melina angewidert.
„Du bestimmst selbst, was du lernen willst.“
„Und wer sollte es mir beibringen?“
„Ich zeige dir die Grundlagen, und den Rest kannst du selbst herausfinden.“
„Du verarschst mich.“
„Welchen Grund hätte ich dazu?“
„Wann?“, fragte Melina barsch.
„Wann was?“
„Wann willst du mir Kasandra zeigen?“
„Jetzt?“
Sie nickte als Antwort und folgte Josch, als er in Richtung seines Arbeitszimmers spazierte. Er öffnete die massive Holztür, die mit einem Nummernschloss gesichert war. Damals hatte er drei Monate gebraucht, um die Computeranlage mit den vier übergroßen Schränken in seinem Haus abzubauen und hier neu zu installieren. Mittlerweile lief die Anlage wieder mit voller Leistung. Melina trat vorsichtig ein, doch dann schaute sie sich um und ihr Blick wanderte durch den Raum, als würde sie jedes Detail mustern. Beim Betrachten der blinkenden Racks hielt sie kurz inne. Dann schlenderte sie an einem Regal entlang, welches voll mit elektronischen Komponenten war.
„Wozu brauchst du das ganze Zeug?“, fragte sie.
„Ich brauche es nicht mehr. Als ich noch als freier Hacker gearbeitet habe, habe ich es eingesetzt, um Informationen für meine Kunden zu beschaffen. Mit der Abhörtechnik habe ich Leute belauscht und ihre Gespräche aufgezeichnet. Die Smartphones mit den Prepaidkarten habe ich zum Telefonieren benutzt, da sie kaum nachverfolgbar sind, und der Rest sind elektronische Geräte, um entweder aus dem Netz oder aus dem WLAN Daten zu sammeln. Aber jetzt arbeite ich nur noch mit Kasandra.“ Dabei zeigte er auf die Metallschränke auf der einen Seite des Zimmers.
„Du warst ein Hacker, so ein richtiger, der auch in eine Bank einbrechen kann.“
Josch lachte. Er hatte den Eindruck, dass sie es ihm nicht glaubte. Wahrscheinlich passte seine äußerliche Erscheinung nicht zu ihrer Vorstellung, wie ein Hacker auszusehen hatte. „Ich beschaffe noch immer Informationen, aber seit zwei Jahren für das Bundeskriminalamt, und das Ganze ist sogar halbwegs offiziell.“
„Was für Informationen sammelst du für die Bullen?“, fragte Melina wissbegierig.
„Die Welt hat sich mit dem Internet verändert, und die Verbrecher nutzen alles Erdenkliche, um damit Geld zu verdienen. Oft suche ich im Darknet nach Leuten, die Waffen, Drogen oder anderes im großen Stil illegal und anonym verkaufen. Ich finde heraus, wer sie sind, und gebe diese Information der Behörde weiter.“
„Und wozu brauchst du diese große Kiste dazu?“
„Das ist Kasandra, mein Computersystem. Mit ihr durchforste ich das Tornetz, also das dunkle Internet, in dem keiner direkt entdeckt werden kann, und mit den Programmen auf ihr analysiere ich die Daten.“
„Und sie arbeitet eigenständig?“
Melina hatte das erste Mal ihren Trotz abgelegt und wirkte wahrlich wie ein neugieriges Kind. Er tippte das Passwort auf der Tastatur und sogleich schalteten sich die vier übergroßen Wandmonitore ein, auf denen unzählige Fenster aufgingen und ein Sammelsurium von Grafiken zeigten. „Guten Abend, Josch. Was kann ich für dich tun?“, sagte die Computerstimme.
Melina erschrak. Ihr Blick huschte über die Anzeigen. Nach einer kurzen Weile fragte sie: „Kann ich mit ihr sprechen?“
„Kasandra, begrüße Melina! Sie ist eine Bewohnerin im Haus des Lachens“, sagte Josch.
„Hallo, Melina, ich hoffe, es geht dir gut und du fühlst dich hier wohl.“
Die Jugendliche drehte sich zu den blinkenden Metallschränken, als würde dort jemand stehen. „Danke, es geht so. Was ist deine primäre Funktion?“
Es erfolgte keine Antwort, was für Josch nicht unerwartet kam, denn er hatte Kasandra so programmiert, dass sie nur auf seine Anweisungen reagierte. Melina sah ihn fragend an. „Sie analysiert die Stimme und antwortet nur mir“, erklärte er kurz.
„Aha, und wie soll ich mit dem Ding arbeiten, wenn es mir nicht antwortet?“, fragte Melina schnippisch.
„Langsam. Ich habe dir Kasandra vorgestellt und ich denke, dass das für einen Abend reicht. Wenn du willst, bringe ich dir morgen bei, wie das System bedient wird.“
Melina verschränkte die Arme vor der Brust und hob das Kinn. Fast klang es freundlich, als sie erwiderte: „In Ordnung, wann soll ich da sein?“
„Um 19 Uhr, also nach dem Abendessen. Und jetzt solltest du ins Bett gehen. Es ist schon spät.“
Die Wochen vergingen, und an jedem zweiten Abend verwandelte sich Joschs Technikraum in eine kleine Lernwerkstatt, in der konzentriert gearbeitet wurde. Melina saß neben ihm, die Stirn in Falten gelegt, während sie den Code auf dem Bildschirm studierte. Geduldig erklärte Josch ihr die Grundlagen, zeigte ihr, wie man Schleifen schrieb, Fehler fand und korrigierte. Ihre Finger flogen bald selbstbewusster über die Tastatur, und immer häufiger durchbrach ein triumphierendes Lächeln ihre anfängliche Unsicherheit, wenn ein Programm funktionierte. Josch beobachtete sie dabei mit leiser Zufriedenheit, korrigierte hin und wieder mit einem kurzen Hinweis oder einem aufmunternden Lachen, wenn sie sich in einer Zeile verhakte. Er spürte eine ihm bisher unbekannte Freude, sobald er diesem Mädchen seine Welt zeigte und sie das Wissen aufnahm, als wäre es ein kleines Abenteuer. Lilli hatte ihn in der Gaststätte nicht überzeugt, aber nun gefiel ihm seine Rolle als Tutor. Er fühlte sich zunehmend verantwortlich für Melina, die nur für kurze Momente lachte. Er übernahm keine Vaterrolle, sondern war eher ein akzeptierter Onkel. Sie interessierte sich für die Arbeitsweise der Programme, verfolgte gespannt, welche verschiedenen Zugänge es zum Internet gab, und war ungewöhnlich lernwillig. Josch stellte ihr kleinere Aufgaben und forderte sie heraus, indem er sie selbst nach der Lösung suchen ließ. An einem Tag überraschte er sie, als sie gemeinsam vor den zwei Tastaturen saßen und eine Meldung auf einem der Monitore erschien.
„Was ist das?“, fragte Melina.
„Kasandra verlangt eine Anmeldung.“
„Aber wieso? Ist deine Sprachsteuerung deaktiviert?“
„Vielleicht solltest du versuchen, dich anzumelden?“
„Mit welcher Kennung?“, fragte Melina verwirrt.
„Mit der, die du willst.“
Sie tippte im Zwei-Finger-Such-System Melix als Username ein und ein Passwort, welches nur als Sternchen sichtbar war. Danach poppte ein weiteres Fenster auf, in dem sie ihre Kennung wiederholte. Als eine Meldung erschien, schien Melina völlig perplex, denn auf dem Bildschirm stand die Nachricht:
Herzlich willkommen, Melix!
Josch amüsierte es, wie dieses Mädchen, ohne ein Wort herauszubekommen, auf den Monitor starrte. Nach ein paar Sekunden stotterte sie: „Was, ähm, was mache ich jetzt?“
„Es ist dein Zugang. Du hast nun einen eigenen Bereich auf Kasandra und kannst sie benutzen, wann immer du willst.“
Sie schien dann aber zu überlegen, bevor sie fragte: „Und wie komme ich hier rein?“
„Ich habe dir den Zahlencode auf diesen Zettel geschrieben. Lerne ihn auswendig und dann vernichtest du das Papier!“
Sie nahm den kleinen Zettel entgegen, sah auf die Zahlen, flüsterte sie mehrmals hintereinander und zerknüllte ihn anschließend. Josch lachte verwundert, als sie ihn kurz darauf in den Mund steckte.
„Aber um 22 Uhr ist Schluss, dann gehst du ins Bett, sonst bekommen wir beide Ärger mit Lilli.“
Noch auf dem trockenen Papier kauend versuchte sie zu antworten, was allerdings in einem schmatzenden Gemurmel endete. Dann schluckte sie und antwortete: „Alles klar!“
Es folgte eine längere Pause.
„Josch?“
„Ja?“
„Danke!“
„Gerne“, antwortete er, und doch wusste er nicht, wie er ihr verschmitztes Lächeln deuten sollte.