Daimonion: Federfarben
»Steh auf!« Goreds Stimme hallte über ihr wie ein tosender Donner.
Erneut schmetterte er den Stab auf sie nieder.
Secia rollte sich im letzten Moment weg, sprang in die Hocke, stemmte sich vom Boden ab und rammte ihre Schulter gegen die linke Seite ihres Lehrmeisters. Da Gored sein Gewicht noch nach rechts verlagert hatte, geriet der mächtige Dämon ins Schwanken.
Secia versuchte, ihn weiter zu Fall zu bringen, doch Gored drehte sich geschickt herum und schlug den Stab gegen ihre Rippen. Secia ignorierte den aufflammenden Schmerz, merkte aber, wie sie die Balance verlor. Sie breitete ihre schwarzen Flügel aus und schaffte es, nicht erneut zu stürzen. Noch in der Bewegung riss sie Gored den Stab aus der Hand und schlug ihn gegen seine Knie. Ihr Meister ging zu Boden.
Ohne zu zögern hielt sie ihm das spitze Ende der Waffe gegen die Kehle und hinderte ihn am Aufstehen.
Goreds goldene Katzenaugen weiteten sich in Überraschung, dann wandelte sich seine Miene in ein anerkennendes Lächeln. »Das war sehr gut, ich bin stolz auf dich!« Er breitete seine Hände aus und erklärte das Training so für beendet.
Secia atmete erleichtert auf, löste den Stab und trat einen Schritt zurück, damit ihr Meister sich erheben konnte. Erst jetzt spürte sie die Prellungen an ihrem Körper pochen und das Zittern der angestrengten Muskeln. »Ich habe gute Lehrer«, gab sie das Kompliment zurück. Tatsächlich hätte sie niemals gedacht, sich derart im Kampf verbessern zu können. Die Erfahrungen der letzten Zeit und auch ihre Freundschaft zu dem Ignis Rarr hatten eine zuvor unbekannte Motivation in ihr geweckt.
Gored klopfte sich den Staub von der braunen Kutte und den kurzen, schwarzen Haaren. »Wenn du dich so gut weiterentwickelst, können wir früher als gedacht die Vollendung zelebrieren.«
Secia lächelte erfreut. Diesem Ritual fieberte sie bereits seit ihrer Erschaffung entgegen. Auch wenn es eine harte Prüfung war, würde es sie endlich zu einer mündigen Dämonin des animalen Klans machen. »Darf ich mich entfernen, Meister?«, fragte sie. »Ich wollte Rarr treffen.« Nicht nur ihn, auch Dorion und Antara, die etwas über Xaya herausfinden wollten. Das konnte sie ihrem Lehrmeister allerdings nicht verraten. Sie hoffte, ihre Ungeduld würde nicht zu verdächtig wirken.
Gored nickte, auch wenn sie an seinem leicht verzogenen Mund erkennen konnte, dass er nicht sonderlich erfreut über ihre Partnerwahl war. »Solange du regelmäßig zum Training kommst, habe ich nichts dagegen.«
»Danke.« Secia verbeugte sich respektvoll, breitete ihre schwarzen Flügel aus und hob vom Lehmboden ab. Sie schaute nicht mehr zurück, sondern steuerte geradewegs auf den Luftwirbel hoch über sich zu, das Portal, das aus dem animalen Klan zum Zentrum des Dämonenreichs führte.
Von dieser Seite aus kam man durch die mit Fellen und Gebeinen verzierte Tür und betrat den großen Platz des Ratsgebäudes. Alle Tore zu den sieben Klans standen hier im Kreis auf rotem Marmorboden.
Secia beachtete weder die unterschiedlichen Dämonen, die hier ein- und ausgingen, noch die glänzenden Statuen ihrer Ahnen aus schwarzem Onyx. Sie machte einen erneuten kräftigen Flügelschlag und flog hinauf in den schwarzmarmorierten Himmel durch den Luftwirbel, der ins Neutrale Reich führte. Dieses mit Nebel gefüllte Terrain diente als Pufferzone zwischen dem Reich der Engel und dem der Dämonen. Hier befand sich die kleine Hütte, die sie zusammen mit ihren Freunden auf einer der schwebenden Inseln erschaffen hatte. Secia liebte die Zeit in diesem Klubhaus, wie Dorion es nannte, sehr. Es war ein Ort der Zuflucht und auch der Gemeinsamkeit. Zusammen mit ihren Freunden fühlte sie sich hier sicher.
Als sie in dem von Antara bunt bepflanzten Vorgarten landete, konnte sie eine rote Gestalt mit schwarzen Flügeln im Dunst ausmachen. Gleichzeitig drang ein altbekannter Duft nach Schwefel in ihre Nase. »Rarr!«, rief sie erfreut.
Der Kopf mit den leuchtend roten Haaren drehte sich zu ihr. »Secia!« Sie hörte sein Lächeln mehr, als dass sie es sah. Er kam ihr entgegen und nahm sie in die Arme.
Secia küsste ihn leidenschaftlich und sog den betörenden Körpergeruch in sich auf. Dass sie diesen einst als unangenehm befunden hatte, konnte sie sich heute nicht mehr vorstellen.
Er löste sich von ihr und sah sie mit seinen roten Augen an. »Ich ertrage es immer weniger, so lange von dir getrennt zu sein.« Sein heißer Atem brachte ihr Blut in Wallung. »Warum sind wir nicht vom selben Klan?«