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Kornelia Schmid

Die Stimme im Licht

Kapitel 1

Der Häuptling des fremden Stammes hieß Wotto, was an und für sich völlig in Ordnung war. Kräftiger Klang, einfach zu merken. Dass ihm seine Leute allerdings den Namen Haudrauf – kräftiges Wort und ein-fach zu interpretieren – verpasst hatten, stimmte Saso alles andere als zuversichtlich. Wotto war ein gutes Stück größer als er selbst und seine nackten, muskelbepackten Oberarme verrieten, dass er in der Tat wohl öfter auf Dinge – und vermutlich auch auf Lebendiges – draufhaute. Als wäre das nicht genug, schleppte er eine bodenlose Unverschämtheit an Waffe mit sich herum.
Saso selbst, bescheiden wie er war, hatte sich einen eleganten, gekonnt bemalten und insgesamt ziemlich raffiniert aussehenden Speer gebastelt, während Häuptling Haudrauf mit einem Hammer daher-kam. Saso schluckte. Mit Oldo Brüller, seinem letzten Gegner, hatte er nur bis aufs erste Blut gekämpft. Aber wie hart musste man mit einem verdammten Hammer draufhauen, damit das Opfer – also Saso – blutete? Mit einer kleinen Schnittwunde würde dieser Kampf hier nicht erledigt sein.
Saso, du bist verrückt, sagte er sich, als wäre das etwas Neues. Denn das war es nicht.
Nun denn, die Sache hatte bestimmt auch etwas Gutes. Saso schluckte. Saso schluckte noch einmal. Nur einfallen wollte ihm einfach nichts. Immerhin war es ein schöner Morgen. Die Sonne leuchtete gelb am Horizont und ließ die Tautropfen im Gras glitzern. Zwischen ihnen hingen schimmernde Spinnennetze. Die Felsen im Schluchtenland formten ein einprägsames Muster. Die Bäume an den Hängen … Ach, verdammt. Saso wusste, dass er sich mit der Betrachtung der Landschaft nur selbst ablenken wollte. Ich schinde Zeit. Und das macht mich zu einem Feigling. Pah. Feige zu sein verstieß gegen seine Prinzipien. Denn ein paar davon durfte man sich selbst als Verrückter erlauben.
Haudrauf stapfte auf ihn zu. Hinter ihm standen die Leute aus sei-nem Stamm: zwei hochgewachsene Schamanen mit Masken ganz vorne, dahinter in Berglöwenpelze gehüllte Frauen und Männer, die sich auf Knüppel stützen und Saso grimmig musterten. Und das war genau der Haufen, den anzuführen er sich vorgenommen hatte. Wenn alles gutging. Was, Saso blickte auf den Hammer, nicht unbedingt wahrscheinlich war.
»Nun, also …« Er räusperte sich. »Ich, Saso Nebelläufer, fordere hiermit -«
»Du bist der Kahragon?«, unterbrach ihn Haudrauf. Sogar seine Stimme hatte etwas Hämmerndes. Er blieb vor Saso stehen und musterte ihn von oben bis unten – was schnell erledigt war, denn Saso war nicht sonderlich groß.
»Ähm ja, so nennen sie mich«, sagte Saso.
Haudrauf pfiff anerkennend. Die Leute hinter ihm raunten. Die grimmigen Gesichter waren prompt weniger grimmig, sondern vielmehr neugierig, vielleicht sogar ein wenig aufgeschlossen. Was es ein-facher machen würde, diesen Haufen zu führen – wobei das ja egal war angesichts dieses dämonenverseuchten Hammers.
»Und, bist du wirklich durch die Nebel gelaufen?«, fragte Haudrauf.
Saso zuckte mit den Schultern. »Gegangen, gelaufen, um mein Leben gerannt … was auch immer.«
Haudrauf legte den Kopf schief. »Und, was hast du dort gesehen?«
Saso hob die Schultern. »Na Nebel.«
»Und sonst?«
»Man sieht nichts im Nebel.« Saso lächelte seinen Kontrahenten an, als wäre er ein Kind, das die Welt nicht versteht. Ein wenig Einschüch-terung vor dem Kampf konnte schließlich nicht schaden. Zumindest glaubte er das. Denn Einschüchterung hatte noch nie zu seinen Talenten gehört. Wer einschüchtern wollte, musste groß sein, muskelbepackt und einen Hammer schwingen.
Haudrauf spuckte auf den Boden. »Hat sich also nicht gelohnt.«
Lohnt sich nicht alles im Leben? Außer vielleicht ein Kampf mit Wotto Haudrauf … aber sonst …
»Na ja, ich habe einen ausgefallenen Namen bekommen.« Saso grinste kurz.
Haudrauf nickte heftig. »Stimmt. Gut gemacht.«
Einen Moment lang blickten sie sich voll gegenseitigen Respekts in die Augen und Saso hing der Vorstellung nach, er könnte sich einfach dem Stamm anschließen und mit Haudrauf ein paar Geschichten am Lagerfeuer austauschen. Dann räusperte er sich. »Wo war ich?«
»Du wolltest mich zum Zweikampf herausfordern, um Häuptling meines Stammes zu werden«, sagte Haudrauf hilfreich und schulterte seinen Hammer.
Saso schluckte. Und schluckte noch einmal. »Ah, ja, genau. Das wollte ich.«
»Blöde Idee«, bemerkte Haudrauf.
So viel Weisheit hätte ich dir gar nicht zugetraut.
»Ja, das stimmt.« Saso sah sich gerne als ehrlichen Menschen, deswegen kam er nicht umhin, seinem Gegner in dieser Angelegenheit recht zu geben.
Haufdrauf runzelte die Stirn. »Dann lass es doch.«
Saso schloss die Finger fest um seinen Speer. »Geht nicht. Ich habe jemandem versprochen, Großes in meinem Leben zu vollbringen.«
»Deiner Mutter?«
Verdammt. Wahrlich ein weiser Mann. »Ähm«, sagte Saso.
Haudrauf pfiff noch einmal. »War bestimmt eine große Frau.«
»Nein, kleiner als ich.«
Saso wechselte den Speer in die linke Hand. Die meisten Leute fanden das komisch, aber er konnte ihn so einfach besser halten und es brachte die Gegner aus dem Konzept.
»Also dann«, sagte Haudrauf.
»Also dann«, sagte Saso.
Er brachte seine Waffe in Position, sah wie Haudrauf mit dem Hammer ausholte, warf sich zur Seite und spürte einen Schlag auf den Kopf, der ihm Schwärze vor die Augen trieb.

»He, Kahragon.«
Oh, es hatte also etwas Gutes. Genau wie er vermutet hatte. Er hörte die Stimme seiner Mutter. Ihren lieblichen Klang. Wie die Laute der Vogelgötter. An die er eigentlich nicht glaubte. Aber wenn es Vogelgötter gäbe, dann wäre seine Mutter sicherlich bei ihnen auf ihren Geisterbäumen. War sie aber nicht.
»Kahragon? Nebelläufer?« Jemand zupfte an seiner Schulter. »Wie hieß der Kerl mit Vornamen?«
»Soso?«
»Nein, Saso«, würgte er hervor. Seine Mutter sollte das wissen. Innerlich seufzte er. Tot war er schon mal nicht. Außer es gab doch ein Jenseits und seine Mutter war nicht hier. Was er für unwahrscheinlich hielt. Natürlich könnte es auch verschiedene Jenseitse geben und er war in dem gelandet, wo niemand wusste, wie er hieß. Welche Form grausamer Marter wäre es, bis in die Ewigkeit mit Soso angeredet zu werden? Zu schrecklich für alle Götter, von denen ihm die Schamanen erzählt hatten. Also war er wohl oder übel noch am Leben. Wie war denn das passiert?
Saso blinzelte vorsichtig. Über ihm hing ein Frauengesicht, das nur zur Hälfte mit einer roten Maske bedeckt wurde. Immerhin, was er sah, war hübsch. Hübsche Lippen, ein hübsches Kinn. Aber warum küm-merte ihn das überhaupt?
»Hallo«, sagte Saso. Seine Stimme klang so feierlich wie das Gebrüll der Ziegen.
»Ich glaube, dem geht’s gut«, sagte eine andere Stimme.
»Mir geht’s gut?«, wiederholte Saso. Hinter seiner Stirn summte ein Wespenschwarm, der immer wieder beharrlich gegen seine Schädelde-cke schwirrte und sie löcherte. Bunte Punkte tanzten vor seinen Augen und ließen das Gesicht der Schamanin verschwimmen.
»Na ja, Wotto bemüht sich inzwischen, eher zu stupsen als zu hau-en«, sagte sie.
»Weiser Mann«, krächzte Saso. Wieder einmal. Dieser Wotto hatte es drauf. Haute drauf … hatte … Oh, mein Kopf.
»Man merkt, dass Wotto seinen Schädel erwischt hat«, bemerkte die andere Stimme richtigerweise.
Saso drehte den Kopf ein wenig und machte die Silhouette einer weiteren Gestalt neben sich aus. Ein Mann mit demselben rotbraunen Haar wie die Schamanin. Geschwister vielleicht? Zumindest trug auch er eine Halbmaske, doch sie war schwarz. Ah, jetzt wusste er es wieder. Die beiden hatten bei dem Kampf in der ersten Reihe gestanden. Wottos junge Schamanen.
»Erwischt? Eingeschlagen, würde ich sagen«, erwiderte die Frau.
»Dann hätte er ja ein Loch darin«, sagte der Mann.
»Da sollte ein Loch sein. Siehst du das Blut?« Sie zog Saso an den Haaren und hob seinen Kopf damit ein Stück in die Höhe. Blitze zuck-ten vor seinen Augen und er brüllte auf. Dann sank er wieder zurück.
»Ist wohl nicht von ihm«, sagte der Schamane.
»Von wem dann?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Es ist seines. Es hat gespritzt, als Wotto ihn getroffen hat.«
»Aber wenn da doch kein Loch ist. Wie soll es dann spritzen?«
»Aber da sollte ein Loch sein. Oder glaubst du, ich habe mir das eingebildet?«
»Es fühlt sich an, als wäre da ein Loch«, pflichtete Saso der Schamanin bei. »Jedenfalls würde ich das sagen, wenn ich wüsste, wie es sich anfühlen müsste, wenn da ein Loch wäre.«
»Da ist aber kein Loch«, sagte der Mann.
Die Frau schlug ihrem Bruder mit der Faust in die Seite – vielleicht als eine Art stummer Protest. Sasos Blick blieb an der Geste hängen, dann riss er sich los und versuchte sich aufzusetzen. Die Schamanin packte ihn beherzt am Hemd und zerrte ihn so vorwärts. Saso stöhnte. Loch. Kein Loch? Er war noch am Leben.
Um ihn herum wuchs Gras. Der Tau war verschwunden und die Sonne stand mittagsgrell über ihm. Die Konturen der Felsen zeigten sich nun unspektakulär gleichförmig und einige Insekten schwirrten durch die Luft.
»Wo bin ich?«, fragte er.
»Genau da, wo der Häuptling dich erwischt hat«, sagte der Mann.
»Dir den Schädel eingeschlagen hat, um genau zu sein«, ergänzte seine Schwester.
»Aber da ist doch kein -«
Die Schamanin schnaubte laut. »Also, jedenfalls kannst du bleiben, bis du wieder auf den Beinen bist. Dann solltest du allerdings weiterziehen. Wotto Haudrauf duldet keine Konkurrenten in seinem Stamm. Nicht einmal so hoffnungslose wie dich.«
»Verstanden«, murmelte Saso. »Dann suche ich mir eben einen an-deren Stamm.«
Die Lippen der Frau zuckten kurz. »Gute Idee, solange du nicht wie-der den Häuptling herausforderst.«
Wahrscheinlich war es am besten, nicht darauf zu antworten. Wenn er zugab, dass er genau das vorhatte, würden sie ihn für verrückt halten. Andererseits wäre das nicht mehr und nicht weniger als die Wahr-heit.

Das kühle Wasser prickelte beinahe schmerzhaft auf seiner Kopfhaut, aber es wusch das Blut davon. Saso kniff die Augen zusammen und tauchte den Kopf noch einmal unter. Als er blinzelte, waren die Wogen des Flusses rot. Das konnte unmöglich alles von ihm sein.
Die Abendsonne glitzerte auf den Wellen. Am anderen Ufer leuchteten die ersten Irrlichter. Saso sah hinüber. Als hätten sie seinen Blick bemerkt, zuckten sie und hüpften davon. Merkwürdig, dass sie nicht einmal versuchten, ihn anzulocken. Offenbar hatten sie Besseres zu tun. Er beobachtete sie noch eine Weile, wie sie durch das hohe Gras flussaufwärts sprangen. Schließlich waren sie verschwunden. Heute würde er ihnen nicht folgen.
»Solltest du aber.«
Ah, sie sprach wieder zu ihm. Saso war nicht in der Stimmung zu antworten. Er strich seine nassen Haare zurück und wunderte sich noch einmal über die seltsame Färbung des Wassers, die einfach nicht davonschwimmen wollte.
Dann zuckte er mit den Schultern, sammelte seine Habseligkeiten zusammen und erhob sich. Er blickte nach Westen und beschattete die Augen mit der Hand. Die Sonne hing über den Felskämmen. Wind fegte durch die Landschaft und ließ ihn frösteln.
Wenn seine Informationen stimmten, waren im Süden die Stämme von Häuptling Fullo Todpflücker, Moko dem Baum und Nurno Schimmerfuß unterwegs. Und wahrscheinlich noch andere, von denen er nur nichts gehört hatte. Gegen keinen der drei Männer hatte er schon einmal gekämpft, aber sie waren alle berüchtigt.
Saso seufzte. Sein Kopf schmerzte noch immer. Er schnippte mit den Fingern und blaue Funken erschienen auf seiner Haut. Saso drückte sie an die Stelle, wo Wotto Haufdrauf draufgehauen hatte und schloss einen Moment lang die Augen. Seine Haut pulsierte angenehm und der Schmerz zog davon. Einfach so. Es hat dermaßen viele Vorteile, ver-rückt zu sein, dachte Saso. Wenn die anderen das wüssten, würden sie alle liebend gerne ihren Verstand zugunsten seltsamer Stimmen und verwirrender Lichtsprengsel hergeben.
»Ich bin keine seltsame Stimme.«
»Hm«, sagte Saso.
»Und deine Magie ist auch nicht seltsam. Denk doch mal nach, Jun-ge.«
»Nicht jetzt. Die Kopfschmerzen sind gerade erst weggegangen«, sagte Saso.
»Die Zeit ist reif. Die Spalte kann nun versiegelt werden. Ich brauche nur genug Blut dafür.«
»Klappe, Fini«, sagte Saso und folgte dem Verlauf des Flusses.
»Falsche Richtung!«
Die Zelte der Siedlung Wottos blieben hinter ihm zurück. Als Saso sich noch einmal umsah, hatten die Felsen sie bereits geschluckt und die Gegend schien verlassen. »Ich brauche einen Stamm«, sagte er.
»Du hast aber keinen. Nach all den Jahren hast du es immer noch nicht geschafft, Häuptling eines Stammes zu werden.«
Saso schnaubte. Warum musste sie es ihm auch noch unter die Nase reiben? »Im Süden gibt es noch ein paar Kandidaten. Diesmal wird es klappen. Ganz bestimmt.«
»Hör zu, es ist viel passiert seitdem.«
Saso rollte mit den Augen. »Natürlich ist viel passiert. Ich war, ähm, zwölf oder sowas?«
»Wenn es um Menschen geht, die nicht mehr als einen Funken Magie im Blut besitzen, braucht man tatsächlich einen ganzen Stamm, damit das Ritual gelingen kann. Findest du aber Menschen, die mehr Kraft in sich tragen, würden wenige von ihnen schon reichen.« Fast wirkte es, als würde die unsichtbare Stimme Luft holen. »Diese Personen sind einfach zu erkennen. Du musst nur darauf achten. Die Magie ist bei ihnen -«
Ein Windstoß wirbelte durch seine Haare. Saso hielt inne. »Ich ver-stehe nichts von dem, was du sagst.«
»Magie, sage ich! Verwirrende Lichtsprengsel hast du es genannt. Oder warum glaubst du, hast du Haufdraufs Schlag überlebt?«
»Also, das habe ich mich auch schon gefragt. Aber du bist nicht hilf-reich, Fini.«
»Hör auf, mich so zu nennen.« Die Stimme schwieg einen Moment, er hörte lediglich ein leises Grollen in seinem Kopf. Dann meldete sie sich mit einem lautstarken Seufzen zurück. »Finde Leute, die so sind wie du.«
Saso lachte auf. Als ob es jemanden gäbe, der so war wie er.
»Ich bin hilfreich, Saso«, sagte die Stimme. »Ich werde dir die richti-gen Leute schicken. Du wirst sehen.«
»So? Ich dachte immer, du sprichst nur zu mir und zu niemandem sonst?«
»Sei kein Trottel, Junge.«
Saso zuckte mit den Schultern und marschierte weiter. Die Dunkelheit würde bald hereinbrechen und mit ihr kam das Licht. Seltsame Zeiten, würde er sagen, wenn sie nicht schon immer seltsam gewesen wären. Zumindest für ihn.