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Kornelia Schmid

Die Stimme im Licht

Kapitel 2

Sie bauten hinter dem Schilf am Ufer ihre Zelte auf. Der Stamm nannte den See Morror, was in der Alten Sprache so viel wie Der Große bedeu-tete. Merana fand, dass das nicht der schlaueste Name für einen – zu-gegeben großen – See war, aber zumindest verstand ihn jeder. Sie wür-den hier genug Nahrung finden.
Heute Nacht waren die Irrlichter auf dem Wasser verloschen und nur der Schein des Vollmonds tanzte auf den Wellen. Unter der Oberfläche schossen die letzten leuchtenden Fische durch die Wogen, immer weiter in Richtung Norden. Dort, wo manchmal dunkle Strudel die Flüsse aufwirbelten, während Blut in ihren Tiefen trieb. Merana lausch-te dem Summen der Schamanin, das sich unter das Plätschern und das Zirpen der Grillen mischte. Dann war es auf einmal still.
»Dort«, sagte Urla. Die Schamanin war die älteste Person, die Merana je gesehen hatte. Sie trug ihr schlohweißes Haar offen und bedeckte das Gesicht mit einer federgeschmückten Maske. Nur im Dämmerlicht eines Zeltes zeigte sie ihre zerfurchte Haut. Die Kette aus Schnecken-häusern an ihrem Handgelenk klapperte, als sie wild auf einen Punkt hinter Merana zeigte.
Merana wandte den Kopf. Ein einsamer Lichttupfen hüpfte in der Ferne auf und ab. Orange wie ein Feuer. Ein Irrlicht, das ihnen vorgau-kelte, ein Mensch zu sein, damit sie ihm folgten? Oder tatsächlich ein Mensch mit einer Fackel? Nun, ein Neuankömmling mitten in der Nacht wäre merkwürdig, aber nicht unmöglich. Merana war schon einigen Fremden begegnet. Manchmal tauschten die Stämme Werkzeuge miteinander. Manchmal auch Menschen. Ganz freiwillig, natürlich. Männer folgten einer Frau in einen anderen Stamm oder Frauen einem Mann. Merana strich sich die Haare hinter die Ohren und beobachtete den Lichtschein und seine Spiegelung im Wasser.
Sie hatte darüber nachgedacht, wie es wäre, mit einem Mann in einen anderen Stamm zu gehen. Natürlich nicht sofort, irgendwann viel-leicht. Es würde aber bedeuten, ihren Vater hier zurückzulassen. Und ihre Lehrmeisterin Urla. Und alle, die sie kannte. Und überhaupt ihren bisherigen Lebensweg. Dann könnte sie alles sein, was sie wollte. Nun, vielleicht nicht alles. Natürlich nicht. Sie war die Tochter eines Häupt-lings, aber sie würde niemals selbst Häuptling sein. Die Gefährtin eines Häuptlings, das wäre möglich. Merana atmete aus. Viele Häuptlinge waren mit ihren Schamaninnen zusammen, also sollte sie wohl dafür sorgen, dass sie tatsächlich eine wurde. Merana schloss einen Moment lang die Augen.
Der Aufruhr in der Nähe verriet, dass tatsächlich ein Fremder aufgetaucht war. Merana erhob sich und drängte sich durch die Menge, bis sie ganz vorne stand.
Der Neuankömmling trug eine Maske, an der getrocknete Blätter be-festigt waren. Auf seinem Rücken war ein Speer festgebunden. Wahrscheinlich benutzte er ihn nur selten – das hatten Schamanen norma-lerweise nicht nötig. Außerdem hatte er drei grimmig dreinblickende Krieger als Eskorte dabei. Sie blieben ein Stück hinter ihm.
Meranas Vater ging dem Fremden entgegen. »Verstoßen sie neuer-dings sogar Schamanen?«
»Aber nicht doch. Ich bin nur ein Bote«, sagte der andere. Seine Mas-ke hatte keinen Schlitz zum Sprechen und so klang seine Stimme selt-sam dumpf.
»Mitten in der Nacht?«, fragte Meranas Vater. Moko, genannt Der Baum, überragte den Fremden um gut zwei Köpfe, obwohl dieser nicht unbedingt klein war.
Merana fragte sich unwillkürlich, warum dieser große Mann die Schamanenlaufbahn eingeschlagen hatte, wo er doch auch als Jäger oder sogar Häuptling hätte erfolgreich sein können. Nun, man musste sicher nicht alle Menschen und ihre Beweggründe verstehen. Es fühlte sich nicht jeder zu Großem berufen. Und viele hielten Schamanen für groß genug. Merana dachte nur immer: Den ganzen Tag singen, tanzen und Heilpasten anrühren? Das klang nicht sonderlich spannend. Wür-de die Göttin tatsächlich mal vernünftig antworten, wäre das natürlich etwas anderes, aber bisher hatte Merana ihre Stimme nie gehört …
Der Schamane straffte sich sichtlich. »Mein Häuptling zieht es vor, unmittelbar zu reagieren.«
Moko verschränkte die Arme. »Aha. Und wer ist dein Häuptling?«
»Ihr befindet euch hier im Gebiet von Fullo Gundoran.«
Drachenscheiße. Der Stamm des Todpflückers war mindestens doppelt so groß, wahrscheinlich sogar größer, und in den letzten drei Jah-ren beängstigend aggressiv geworden. Allerdings hatte ja niemand ahnen können, dass er jetzt gerade am Morror hockte. Sie sollten besser den Rückzug antreten, vielleicht mit der Bitte, heute Nacht noch hierbleiben zu dürfen. Wenn sie dem breiten Fluss nach Osten folgten, würde es bestimmt auch noch genug Nahrung geben.
Aber Meranas Vater zuckte mit den Schultern. »Nie gehört.« Was natürlich gelogen war. Jeder hatte vom Todpflücker gehört.
Der Moment der Stille zog sich in die Länge. Dann schüttelte der Schamane den Kopf, sodass die Hölzer an seiner Maske klapperten. »Der Gundoran! Fullo Todpflücker.«
»Pflücker? Wer soll das sein?« Meranas Vater bleckte die Zähne zu einem bissigen Grinsen. »Und selbst wenn: Er ist drüben am Ufer. Wir sind hier. In einem Mond ziehen wir vielleicht wieder weiter.«
Obwohl Meranas Vater einen Schritt auf den Schamanen zukam und nun unmittelbar vor ihm stand, musste man dem Fremden zugutehal-ten, dass er keinen Deut zurückwich. Im Gegenteil. Er blickte gelassen zu ihm auf. Masken waren schon etwas Praktisches. Das spricht auf jeden Fall für die Schamanenlaufbahn, dachte Merana.
»Der Gundoran hat einen Pakt mit dem Wassergott geschlossen. Der See gehört ihm«, sagte der Fremde.
Ihr Vater runzelte die Stirn. »Ich dachte mit einem Erdgott?«
»Mit dem auch.« Der Schamane zuckte ein wenig. »Hast du nicht ge-sagt, du hättest noch nie von ihm gehört?«
»Wir glauben nur an die eine Göttin«, rief Urla laut.
Der Fremde wandte nicht einmal den Kopf. »Trotzdem müsst ihr dem Gundoran Tribut entrichten, solange ihr hier seid.«
»Tribut?«, wiederholte Merana. »Wir sollen ihm unsere Sachen schenken? Einfach so?« Das war die verrückteste Idee, von der sie je gehört hatte. »Warum?«
Ihr Vater spuckte dem Schamanen vor die Füße. »Verzieh dich, Blät-tergesicht.«
Der Fremde grunzte. Merana kratzte sich am Kopf. Sie grunzte nie-mals, also was wollte der Kerl mit diesem dämlichen Laut ausdrücken? Dass er ein Trottel war?
»Der Gundoran hat diese Antwort in seiner Weisheit vorausgesehen. Deine Beleidigung muss mit Blut vergolten werden.«
»Die Göttin verbietet solch barbarische Sitten«, sagte Urla.
Jetzt sah sie der Schamane doch an. Wie hatte er die Blätter eigentlich so gut festgepappt? Und gingen die nicht ständig kaputt? Ein ziemlich unnützes Teil, diese Maske. Was definitiv gegen die Schamanen-laufbahn spricht, dachte Merana.
»Oh, wir sind keineswegs Barbaren. Der Todpflücker tötet seine Gegner nicht … meistens. Es wird nur bis zum ersten Blut gekämpft. Unter den Augen der Götter – an welche auch immer ihr glaubt.«
»Was bekommt der Gewinner?«, fragte Meranas Vater.
O nein. Er spielt doch nicht mit dem Gedanken, sich darauf einzulassen, oder?
»Den Stamm des Verlierers. So ist es Sitte.«
»Und wenn ich mich weigere?«
Gut so. Weigere dich. Und dann verschwinden wir von hier.
»Ich fürchte, dann wird unser Stamm deine Beleidigung anderweitig sühnen. Blut wird fließen, so oder so.«
Barbaren. Durch und durch. Merana beschloss, sich niemals einen Gefährten aus dem Stamm des Gundorans auszuwählen. Andererseits … so groß war die Auswahl in ihrem Fall vermutlich nicht. Garo, dieser Idiot, hatte ihr vor einigen Wochen klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass jemand von ihrem Liebreiz bei der Auswahl eines Gefähr-ten wohl einige Kompromisse machen musste. Kompromisse wie ihn.
Die Kiefermuskeln ihres Vaters bewegten sich einen Moment. »Ganz schön mutig, mit solchen Worten hierher zu kommen, Blättergesicht«, sagte er langsam.
Der Fremde grunzte erneut. »Jeder Schamane steht unter dem Schutz der Götter … Sacknase.«
»Wie?«, schnappte ihr Vater.
Merana zog die Brauen zusammen und betastete ihr Gesicht. Garo – was für ein Volltrottel – hatte ihr außerdem einmal gesagt, sie sähe aus wie ihr Vater, nur in dünn, bleich und bartlos. Ach ja und klein. Klein natürlich auch. Letzteres war in diesem Fall keine Beleidigung, sondern nur eine logische Konsequenz. Ihr Vater war der größte Mann, den sie je gesehen hatte und seine muskelbepackten Arme waren so dick wie Baumstämme. Seine Nase wiederum … war genauso dick. Und na ja, vielleicht sah sie auch ein wenig aus wie ein Sack. Ihre Finger fanden den Knoten, der ihr eigenes Antlitz zierte und kniffen ihn ärgerlich zusammen. Verdammt, ganz so rund wie bei ihrem Vater war die doch nicht, oder?
Merana verengte die Augen und schob Spucke in ihrem Mund hin und her, bis sie die gewünschte Konsistenz erreicht hatte. Dann spitzte sie die Lippen und zielte auf das Blättergesicht. Ihr Speichel klatschte unbemerkt auf den Boden. Merana mahlte mit den Zähnen. Unkrautvi-sage. Kackdickicht. Fliegenfriedhof. Dummschwätzer, nein, Dungschwätzer.
Ihr Vater spuckte mit mehr Erfolg als sie einen gewaltigen Schwall direkt vor die Füße des Schamanen. »Also schön, dann sag dem Pflück-scheißer – oder wie auch immer er sich nennt -, dass ich seine Heraus-forderung annehme. Wir kommen morgen zu ihm. Im Licht der Göt-tin.«
Der Schamane machte einen Schritt rückwärts und verneigte sich elegant. »Es wird den Gundoran freuen, das zu hören.«
»Blutdurstiger Drecksack«, brummte Urla, allerdings so leise, dass es kaum jemand hören konnte. Merana pflichtete ihr im Stillen bei.
Sie beobachtete die Fackel des Schamanen, bis die Nacht das hüp-fende Feuer gänzlich verschluckt hatte.

Die Luft über dem Morror war schwer von Feuchtigkeit. Weiße Schwaden hingen reglos über der Wasseroberfläche. Nur ein matter Schim-mer Morgenlicht fiel durch den Dunst auf den Stamm herab, der lärmend am Ufer entlang marschierte. Urla sang. Ihre Stimme brach meh-rere Male beinahe, aber für eine alte Frau legte sich die Schamanin wirklich mächtig ins Zeug. Merana hoffte nur, dass ihr Gebet wirkte und die Göttin ihnen gewogen machte.
Merana strich sich die feuchten Haare zurück und holte zu ihrem Vater auf. Moko schritt voran. Und wenn er schritt, dann schritt er schnell. Alle anderen mussten irgendwie sein Tempo halten, auch wenn sie mit kürzeren Beinen gestraft waren. So ziemlich jeder hatte kürzere Beine als er.
»Mir gefällt das nicht.« Merana sprach leise, denn sie wollte mit ihren Worten weder den Stamm verunsichern, noch die Göttin verärgern. Denn Meranas Zweifel konnte man durchaus so auslegen, dass sie nicht auf die Führung der Göttin vertraute, oder?
Ihr Vater zuckte mit den Schultern. »Ich habe schon ein Dutzend Häuptlinge besiegt.«
Merana schnitt eine Grimasse. »Drei, um genau zu sein.«
Er nickte. »Und die waren wirklich harte Kerle, das kann ich dir sa-gen.«
Konnte sie nicht beurteilen. Bei seinem letzten Kampf war sie ein kleines Mädchen von etwa fünf Jahren gewesen und hatte sich nicht dafür interessiert, auf wen ihr Vater gerade eindrosch. Das musste kurz nach dem Tod ihrer Mutter gewesen sein.
Blinzelnd blickte sie auf den nebelverhangenen See. Seine Oberfläche verharrte in dunkler Stille. Nichts regte sich in der Tiefe.
»Das mit seinem Wassergott ist doch ein Vorwand«, sagte Merana. Denn wenn der Wassergott irgendetwas gegen sie hatte, würde er doch selbst etwas unternehmen, nicht wahr? Er könnte einfach eine Flutwel-le schicken und sie damit wegspülen. Deswegen zur Finsternis mit ihm. Sie umklammerte ihren Speer fester. Sie hatte seine Spitze die ganze Nacht über an einem Stein gewetzt und sie sehr sorgsam an dem Stab befestigt. Anschließend hatte sie noch etwas rote Farbe aufgetragen, um die Waffe furchterregender aussehen zu lassen. Nicht, dass es ihr ge-glückt wäre.
Ihr Vater musterte Merana einen Moment lang und quittierte ihren selbstgemachten Speer mit einem Stirnrunzeln. Ja, er war nicht sonderlich gut. Aber er war ihre erste Waffe, die nicht wie ein Spielzeug wirkte. Trotzdem konnte sie ihn heben und wer sie nicht kannte, würde vielleicht glauben, dass sie damit zustach.
Einen Moment lang hing sie der Vorstellung nach, es wirklich zu tun. Ihre ganze Kraft zusammenzunehmen – so wenig es auch sein mochte – und dann zu schauen, wie weit sich diese Spitze in Fleisch treiben ließ. Das herausfließende Blut betrachten und den Schrei eines Gegners hören. Oh, sie verstand den Reiz des Kämpfens. Doch letztlich war es nicht mehr als ein Reiz, der nur allzu schnell von der Realität eingeholt wurde. Merana verscheuchte die Bilder aus ihrem Kopf.
»Wahrscheinlich ist dieser Pflücker ein Furz, der nur Häuptling wurde, weil sein Gegner zufällig gestolpert ist. Und jetzt meint er, jeden schikanieren zu können. Männer wie er kommen und gehen. Aber ich«, ihr Vater breitete die Arme aus, »ich bin seit dutzenden …«
»Zweiundzwanzig«, sagte Merana.
»… Jahren Häuptling«, sagte ihr Vater.
Er beschleunigte seine Schritte. Verdammt. Merana fiel hinter ihm zurück. Es hatte keinen Sinn, ihn weiter umstimmen zu wollen, das wusste sie. Also ging sie neben Urla und stimmte zögernd in ihren Ge-sang mit ein.
Am See stiegen Vögel auf – ein Zeichen, definitiv! Nur was mochte es bedeuten? Merana beobachtete nachdenklich ihren Flug.

Es war kein Zufall, dass der Stamm des Gundorans im Moment am Morror hockte, denn ganz offensichtlich wollte er länger bleiben. Die Leute hatten Kreise aus rot und weiß bemalten Baumstämmen gebaut und ihre Zelte fest am Boden fixiert. Es hingen derart viele Fische zum Trocknen in einigen Gestellen, dass die Luft stank. Ein Junge arbeitete an einem Mahlstein, der größer als jeder war, den Merana je gesehen hatte. Doch der Junge hatte auch einen beachtlichen Haufen Körner, den er zu verarbeiten gedachte, also lohnte sich das Gerät offensicht-lich. Weidenkörbe, prall gefüllt mit frischem Fleisch wurden zu großen, mit Steinen umrahmten Feuerstellen getragen. Merana beobachtete das Treiben irritiert. So viel konnte der Stamm doch gar nicht verbrauchen? Was würden sie mit dem Zeug tun, das sie nicht aufaßen? Oder … wa-ren hier wirklich so viele Menschen?
Einige Leute arbeiteten außerdem an einer riesigen Konstruktion aus Stäben, die eine Art Spitze bildete. Mindestens drei Mannslängen hoch und absolut sinnlos, soweit Merana das beurteilen konnte. Trotzdem sah das Ding irgendwie eindrucksvoll aus. Welchem Gott auch immer es geweiht wurde, er oder sie würde sicherlich angetan davon sein. Verdammt, sie sollten der Göttin wahrscheinlich auch etwas Nettes bauen.
Kaum jemand hielt in seinem Tun inne, obwohl gerade ein fremder Stamm durch die Siedlung marschierte. Lediglich ein paar Kinder zeigten lachend auf sie. Sie schienen nicht bei der Arbeit mithelfen zu müs-sen, sondern spielten im Schilf. Dabei sahen sie alle wohlgenährt aus, wie Merana auffiel. Was auch immer man vom Todpflücker halten mochte – man konnte ihm zumindest nicht vorwerfen, er würde nicht für seine Leute sorgen.
Ihr Vater hielt inne und blieb mit verschränkten Armen zwischen den Zelten stehen. Merana ließ den Blick schweifen und bemerkte den blattgesichtigen Schamanen, der ihnen entgegen rauschte. Hinter ihm lief ein junger bartloser Mann mit wirren braunen Haaren.
»Moko der Baum, nicht wahr?«, rief er.
»Du hast also von mir gehört«, sagte ihr Vater.
Der Junge blieb vor ihm stehen und legte den Kopf in den Nacken, um zu ihm aufzublicken. »Oh, eine ganze Menge. Aber du nicht von mir. Zumindest nicht genug, wie ich annehme. Sonst wärst du nicht gekommen.«
Ihr Vater spuckte auf den Boden.
Moment mal. Das ist der Todpflücker? Merana musterte ihn erneut. Er konnte – wenn überhaupt – höchstens ein paar Jahre älter als sie selbst sein, hatte graue Augen und schmale Schultern. Insgesamt wirkte er ein wenig unterernährt, wie sie fand. Nicht wie ein Häuptling. Fette Kinder, ein dürrer Anführer. Verkehrte Welt.
»Zieh deine Waffe«, sagte ihr Vater.
»Du willst sofort loslegen?« Der Gundoran lächelte schmal. »Meinetwegen. Lass uns in den Kreis gehen.«
Merana schüttelte den Kopf. Was für ein Irrsinn. Der Kerl musste doch wissen, dass er ziemlich mickrig neben ihrem Vater aussah.
Die Leute um sie herum schienen das Gespräch mitbekommen zu haben, jedenfalls kam die Geschäftigkeit nun zum Erliegen. Die Gesichter blickten interessiert, aber keineswegs besorgt auf die beiden Häupt-linge. Manche tuschelten miteinander.
Gundoran führte sie in einen der Holzkreise. Natürlich hatte nicht der ganze Stamm darin Platz, aber doch eine ganze Menge Leute. Ihre Stimmen schwollen hier drinnen seltsam an und Merana fühlte sich auf einmal bedrückt. Urla wippte nervös neben ihr. Auf ihrer anderen Seite befand sich ein fremdes Gesicht. Der Unbekannte neigte sich ein wenig zur Seite, sodass er ihren Arm streifte. Merana zuckte heftig zusammen und schluckte. Der Mann bedachte sie mit einem irritierten Blick. Merana lächelte entschuldigend und spürte, wie sie rot wurde. Wahr-scheinlich einer aus Gundorans Stamm. Konnten diese Idioten keinen Abstand einhalten? Das wäre höflich. Noch gehörten sie schließlich nicht zusammen.
»Wir werden heute Abend ein wenig feiern, schätze ich«, sagte er. »Du kannst auch zu uns kommen.«
Merana öffnete schon den Mund, als Urla neben ihr mit einem Schnauben kundtat, dass sie den Fremden nicht für würdig hielt, Merana gegenüber eine solche Einladung auszusprechen. Also zuckte sie nur mit den Schultern und er wandte sich wieder ab. War bestimmt auch besser so, dachte sie. Man musste es ja nicht gleich übertreiben mit dem Zusammenschluss.
»Ein Kampf bis zum ersten Blut!«, schrie Blättergesicht der Menge entgegen. Viele jubelten und stampften mit den Füßen. Merana hielt sich still.
»Wessen Blut auch immer als erstes vergossen wird, ist der Verlierer und muss dem Gewinner seinen Stamm abtreten.«
Jajaja. Komm zum Punkt.
»Willigen die beiden Kämpfer in diese Regeln ein?«
Gundoran nickte. »Ja.«
Ihr Vater grunzte und stieß auf den fragenden Blick des Schamanen hin schließlich ein ärgerliches »Joh« aus.
»So möge der Kampf beginnen!«
»Gundoran!«, brüllte jemand und »Zeig’s ihm, Baum!« ein anderer. Urla stimmte einen Segensgesang für ihren Häuptling an und rasselte mit ihren Ketten, doch die Laute schafften es nicht, das Geschrei der Menge zu übertönen.
Meranas Vater legte seinen Wolfspelzmantel ab und nahm sein Kriegsbeil in die Hand. Es war ein riesiges Ding, dessen Anblick schon ausreichte, damit Merana sich noch mickriger fühlte. Die graue Steinfläche des Blatts war solange poliert, bis sie glatt und glänzend war und die Kante war so dünn und scharf, dass ihr Vater seinem Gegner schon mit geringem Druck tiefe Schnitte zufügen konnte. Der Stiel war dick, der Griff mit Lederstreifen umwickelt. Urla hatte mit Blut einen vielzackigen Stern, das Zeichen der Göttin, auf die Waffe gemalt. Moko trug dasselbe Zeichen auch auf der Stirn. Merana fand, dass ihr Vater ziem-lich furchteinflößend aussah. Ganz im Gegensatz zu Fullo Todpflücker.
Blättergesicht hielt dem Gundoran eine Schale hin und neigte res-pektvoll den Kopf. Moment, wo kommt das jetzt her? Merana war zu sehr mit der Betrachtung ihres Vaters beschäftigt gewesen, dass sie es nicht mitbekommen hatte. Der Häuptling ergriff das Gefäß, musterte den Inhalt einen Moment lang und lächelte dann zuversichtlich.
»He!«, rief Merana laut und sie war nicht die Einzige.
Die blonden Brauen ihres Vaters rutschten zusammen, bis sie fast eine Linie bildeten. »Was trinkst du da?«
Der Todpflücker schwenkte die Flüssigkeit in der Schale. »Ein Mittel, um mich für den Kampf zu kräftigen.«
»Das ist Betrug«, rief ihr Vater.
Der Gundoran zuckte mit den Schultern. »Wer sagt das? Ich darf dich nicht vergiften, aber selber kann ich trinken, was ich will.«
Ihr Vater blickte kurz zu Merana herüber. Nein, zu Urla neben ihr. Die Schamanin hob ratlos die Schultern.
»Jeder Kämpfer darf nur eine einzige Waffe führen«, sagte sie.
Der Gundoran lachte. »Du willst mir nicht weismachen, mein Ge-tränk wäre eine Waffe?«
Meranas Vater schnaubte laut. »Das verzerrt den Sinn des Kampfes. Ich verlange, ebenfalls davon zu trinken.«
Der Gundoran grinste. »Bist du dir sicher? Es ist ein sehr spezielles Getränk. Die Wirkung könnte … zu viel für dich sein.«
Drachenscheiße. Zu viel für dich. Jetzt hat er ihn. Merana knirschte mit den Zähnen.
»Ich bestehe darauf!«, rief ihr Vater.
»Ihr habt es gehört! Er möchte von meinem Getränk trinken!«, schrie der Gundoran in die Runde. Sein Stamm jubelte. Ein verdammt schlechtes Zeichen.
Als der Todpflücker ihrem Vater die Schale reichte, kribbelte Mera-nas Nacken. Sie beobachtete, wie sich sein Kehlkopf ein paarmal beim Schlucken bewegte. Dann reichte er seinem Gegner die Schale zurück. Der Gundoran blickte hinein und trank dann den Rest. Sein Blattschamane nahm das Gefäß entgegen und ging dann direkt auf Urla zu, um sich neben sie zu stellen. Merana hätte gerne ihr Gesicht gesehen, doch sie hatte den Kopf abgewandt.
»Deine Waffe«, brummte Meranas Vater. Seine Pupillen schienen seltsam klein. Oder bildete sie sich das nur ein?
Der Todpflücker verschränkte die Arme. Jetzt fiel auch Merana auf, dass ihm niemand ein Beil oder einen Speer gereicht hatte und er auch sonst nichts bei sich trug. Ihr Vater taumelte plötzlich und spuckte auf den Boden. Urlas Finger krallten sich in Meranas Arm. Vielleicht fürch-tete die Schamanin, Merana würde sonst vorstürzen. Wahrscheinlich fürchtete sie das zurecht. Frost biss sich in ihren Nacken und verur-sachte ihr Gänsehaut am ganzen Körper. Ihr Herzschlag beschleunigte sich.
»Fühlst du dich nicht wohl?«, fragte der Todpflücker laut.
»Was … war in dem Becher?«, presste Meranas Vater hervor. Sein Blick wirkte trüb und seine Beine so wackelig, dass er nicht mehr lange dauern konnte, bis er in die Knie ging.
»Ein Gift aus einer roten Blume«, sagte der Gundoran mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. »Ein garstiger Trick, wie ich gestehe. Es hat Jahre gedauert, um meinen Körper so weit daran zu gewöhnen, dass es mir nichts mehr ausmacht.«
Merana schnappte nach Luft. Ihr Vater stemmte sein Beil in den Boden, um sich gebückt daran festzuhalten.
»Ich nehme an, du hast diese Zeit nicht dafür aufgebracht?« Der Todpflücker lachte humorlos. »Wie bedauerlich. Ohne das Gegengift wirst du wohl sterben.«
Die Kälte wich flammender Hitze. Merana wollte den Kerl aufspie-ßen. »Lass mich los«, zischte sie und versuchte Urlas Hand abzuschüt-teln.
»Nein«, knurrte die Schamanin. »Der Kampf ist im Gange und wir dürfen nicht eingreifen. Recht ist Recht.«
»Das ist Unrecht!«, brüllte Merana. »Wo ist denn hier ein Kampf?«
»Gemeiner Betrüger«, würgte ihr Vater heraus. Zumindest glaubte sie, dass das seine Worte waren, denn sie gingen im allgemeinen Stim-mengewirr unter.
Der Gundoran erhob die Stimme. »Oh, ich greife dich nicht an. Nicht in diesem Zustand. Das hätte keine Ehre.«
»Gib meinem Vater das Gegengift!«, schrie Merana, stieß Urla end-lich weg und stürmte vor.
Die Augen des Todpflückers zuckten kurz in ihre Richtung. Dann band er einen Beutel von seinem Gürtel und schüttete den Inhalt auf seine Handfläche. Merana konnte nicht erkennen, was es war. Sie nahm ihren Speer und hielt ihn dem Gundoran unter den Hals. Er hob lediglich eine Braue.
»Meinst du das hier?« Der Gundoran öffnete die Hand, sodass sie die roten Kugeln darauf erkennen konnte. »Der Saft dieser Beeren kann wahre Wunder wirken.«
Merana wollte nach den Beeren greifen, doch der Todpflücker zog seine Hand blitzschnell zurück. Seine Lippen verzogen sich zu einem dünnen Lächeln, dann drückte er die Beeren auf das Blatt ihres Speeres, sodass der Saft über den Stein rann und ihn rot färbte. Merana konnte nur ungläubig gucken. Fullo Gundoran sah ihr einen Moment lang in die Augen, bevor er den Kopf zu ihrem Vater wandte.
»Du solltest dafür sorgen, dass das Gegengift schnell in dein Blut ge-langt.«
»Was?«, murmelte Merana.
»Mädchen, nicht!«, rief Urla.
Ihr Vater taumelte vorwärts und riss Merana die Waffe aus der Hand. Der Schaft rutschte durch seine Finger und er hielt zitternd die Spitze in der Hand. Er schrie auf, als er sie in seinen Arm stieß.
»Bis auf das erste Blut! Ich habe gewonnen.« Der Todpflücker musste nicht brüllen, damit ihn alle hörten. Die Luft war still wie nach einem Gewitter. Dann brach sein Stamm in Jubel aus.
Der Speer knackste und Meranas Vater verlor das Gleichgewicht. Sie erreichte ihn noch rechtzeitig, um ihn notdürftig zu stützen. Als sie sich hilfesuchend zu Urla umsah, reagierte die Schamanin nicht. Na-türlich nicht. Ihre Maske war reglos bis auf die Federn, die im leichten Windzug zitterten. Ihre Gestalt wie erstarrt.
»Es brauchte nur ein paar Beeren, um Moko den Baum zu besiegen«, sagte der Gundoran leise, sodass nur Merana und ihr Vater es hörten. »Und das mit dem Gegengift war gelogen. Es waren einfach nur Kirschen.«
»Du -«, schrie Merana.
»Vorsicht«, sagte der Todpflücker. »Wenn du mich jetzt angreifst, fällt er wahrscheinlich auf die Schnauze. Das mit dem Tod war eben-falls gelogen. Was ich ihm gegeben habe, war einfach nur Mohnsaft.«
Merana schüttelte ungläubig den Kopf. »Bitte was?«
Der Gundoran lächelte dünn. »Das ist eine Blume, die im Süden wächst. Wir bauen sie an, weil der Saft schmerzlindernd wirkt. Dein Vater braucht nur ein wenig Ruhe, dann wird er sich schon erholen.«
Merana heulte auf. Noch immer hielt sie ihren Vater fest. Sein Gewicht zerrte an ihren schwachen Muskeln. Der Todpflücker wandte sich ab und verließ den Kreis. Statt seiner kam Blättergesicht auf sie zu.
»Lass mich diese Wunde behandeln«, sagte er leise.
Doch Merana schlug seine Hand beiseite. »Bleib verdammt nochmal weg von ihm!«
Blättergesicht seufzte. »Wenn wir die Wunde nicht säubern, könnte sie faulen. An deiner Stelle würde ich das Risiko nicht eingehen.«
Urlas dürre Gestalt trat neben den Schamanen.
»Du.« Eine erneute Hitzewoge schoss in Meranas Kopf. »Du hast nichts getan.«
»Recht ist Recht.« Urla ging vor ihr in die Hocke. »Wir gehören nun zu Gundorans Stamm. Der Häuptling wird für uns sorgen – auch für deinen Vater.«
Moko stöhnte hörbar. Niemals – niemals! – würde er sich hilflos in die Hände des Feindes geben, der ihn betrogen und unterworfen hatte. »Darauf geschissen«, sagte Merana. Ihre Augen brannten, während sie ihren Vater in die Höhe zog. »Das ist nicht unser Stamm.« Und so torkelten sie aus dem Holzkreis heraus, wo sich die Menge bereits zerstreut hatte. Allein. Merana begriff plötzlich, dass sie das noch nie in ihrem Leben gewesen war. Ihr Leben … jetzt würde alles anders werden.