Die Kugel
»So ein Mist!« Frank Mertens fluchte mit kräftiger Stimme. Er war mit seinem rechten Fuß ins Wasser getreten. Bei jedem zweiten Schritt gab es von nun an ein platschendes Geräusch. Er schaute sich um und erkannte, dass der Feldweg bis auf eine einzige Pfütze trocken war.
Na toll, und ich Depp finde diese und latsche rein. Er schüttelte lachend den Kopf und spazierte weiter. Sein Kumpel Dexter kannte solche banalen Probleme nicht. Ob seine Hundepfoten nass waren oder nicht, machte für ihn keinen Unterschied. Er achtete nicht auf Pfützen. Im Gegenteil. Es schien fast so, als ob er sie mit Absicht suchte, einfach hindurchlief und nebenbei mit seiner Zunge das Wasser schlabberte.
Die Sonne stand noch tief am Himmel und warf lange Schatten des grauhaarigen Rentners und seines hellbraunen Mischlingsrüden, einem Mix aus Schäferhund und Terrier, auf den Weg vor ihnen. Rechts und links glänzten die Felder nass vom nächtlichen Regen und an manchen Stellen hatten sich kleine Seen gebildet. Der Boden war durch den verregneten Frühling derart gesättigt, dass er nicht mehr in der Lage war, die Wassermassen aufzunehmen. Lediglich die geteerten Wege waren durch den böigen Wind der letzten Tage überwiegend trocken.
Dexter sprintete nach vorne und kam wieder zurück. Frank folgte ihm mit langsamen Schritten und genoss die frische Morgenluft. Er blieb kurz stehen, breitete seine Arme aus, schloss seine Augen und drehte sich zur Sonne. Dieses wohlige Gefühl der wärmenden Strahlen auf seinem Gesicht hatte er in den Wintermonaten und im feuchten Frühling vermisst. Widerwillig löste er sich aus dem kraftvollen Moment der Stille und Wärme. Er atmete tief ein, öffnete seine Augen und drehte sich wieder um.
Ein Lichtstrahl blendete ihn und er blinzelte erschrocken. Auf der Suche nach der Quelle sah er ein gutes Stück vor sich auf dem Feldweg ein ungewöhnliches Farbenspiel. Die Sonne wurde von einem glänzenden Gegenstand reflektiert, wodurch ein Leuchtspektakel entstand. Frank genoss kurz dieses faszinierende Bild und ging dann darauf zu.
»Da hat wohl wieder irgendein netter Zeitgenosse seinen Müll im Feld entsorgt, lass uns doch mal nachsehen«, sprach er zu seinem Hund. Als hätte dieser ihn verstanden, lief er mit wedelnder Rute voraus, blieb plötzlich stehen und bellte. Dexter verharrte geduckt am Feldrand. Er stellte sein Nackenfell auf und richtete den Kopf nach vorne. Mit gefletschten Zähnen knurrte er irgendetwas an, was Frank nicht erkennen konnte. Wieder fiel ihm ein Lichtstrahl ins Auge und er erkannte, dass dieser von der Stelle kam, an der sein Hund in Abwehrstellung stand.
Sekunden später erblickte er die Ursache für die Reflexionen. Mitten auf dem Weg lag eine glänzende Kugel von der Größe eines Fußballs in einer schmutzigen Wasserlache. Die Oberfläche war blank und sah aus wie ein Spiegel.
»Fast so wie früher in der Diskothek«, murmelte er, korrigierte sich dann selber. Nein, das waren damals in den Siebzigern alles Spiegelstückchen, die auf einen Styroporball geklebt waren. Das hier war etwas anderes. Es wirkte eher wie eine übergroße Christbaumkugel. Sein verzerrtes Spiegelbild war auf der Oberfläche zu sehen. Er betrachtete das seltsame Ding eine Weile und überlegte, ob er es mitnehmen sollte. Als hätte Dexter seine Gedanken gelesen, bellte er laut. Er stand einen guten Meter von der Kugel entfernt und starrte diese mit nach vorne gerichteten Ohren an.
»Wenn da jemand gegen tritt, zersplittert es und die ganzen Scherben liegen hier am Feldrand«, sprach Frank seine Befürchtung aus. »Das wollen wir doch nicht, oder? Daran könnten sich andere Hunde verletzen.«
Er bückte sich langsam, um den glänzenden Ball aufzuheben. Seine Knie knackten und er hielt kurz inne. Aus der Nähe betrachtet, wirkte das seltsame Objekt nicht mehr wie eine Glaskugel. Es sah massiv aus, wie eine übergroße Bocciakugel. Mit beiden Handflächen umschloss er es und hoffte, dass es nicht allzu schwer sei.
»Scheiße!«
Seine Hände öffneten sich reflexartig, als ob er sich verbrannt hätte. Er taumelte rückwärts und fiel unfreiwillig auf den Hosenboden. Adrenalin schoss durch seinen Körper. Das Herz raste und erschrocken sog er die Luft ein.