Die Kugel
Sie betraten den Wareneingang durch die Stahltür, die eigentlich brandhemmend sein sollte. Der Türrahmen hing schief in den Mauerresten und das Türblatt sah aus wie ein verknittertes Betttuch. Ziemlich genau in der Mitte des Raumes war ein schwarzer Fleck, der sich tief in den Betonboden eingebrannt hatte. Wie bei einem Tintenklecks gingen von hier sternförmig die Spuren der Zerstörung aus.
Martin zögerte vor dem Eingang zum Lagerraum. Das Tor war nicht mehr da und er stand vor einer dunklen, unheimlichen Öffnung in der Wand. Langsam folgte er dem Brandsachverständigen und ging hinein. Es war ein Raum mit einem quadratischen Grundriss und einer Kantenlänge von zehn mal zehn Metern. Der Boden lief von den Wänden zur Mitte hin schräg nach unten zu einem Abflussgitter. Auf diesem lag eine einzige Kugel, glänzend und makellos wie immer. Das Feuer hatte ihr absolut nichts anhaben können.
Michael schaute Herrn Becker an. »Haben Sie die zweite Kugel irgendwo gefunden?«
»Nein, hier gibt es definitiv nur eines dieser Objekte.«
Michael ging zu den Behältern, die sich rechts an der Wand befanden. Sie schienen äußerlich unversehrt, bis auf die Scharniere, die weggeschmolzen waren. Die Klappen standen offen und er schaute in die Kisten hinein. Beide waren leer, also musste mit Sicherheit eines der Objekte entwendet worden sein.
Martin war zur Mitte des Raumes gegangen. Er bückte sich langsam und hob die unversehrte Kugel auf. Wie in Zeitlupe drehte er sich um.
»Michael?«
»Ja?« Er schaute zu seinem Chef und erschrak. Dieser war aschgrau im Gesicht, die Augen waren weit aufgerissen, als hätte er ein Gespenst gesehen.
»Was ist?«, fragte Michael besorgt.
»Die Kugel ist schwerer.«
»Äh, wie meinst du das?«
»Sie ist schwerer!«
»Bist du sicher?«
»Ja, und sie ist größer.«
Michael ging langsam mit wackligen Knien auf Martin zu. »Das ist unmöglich!«
Udo Becker verstand gar nichts. Er blickte irritiert von einem zum anderen.
Martin kam langsam auf ihn zu. Er zitterte am ganzen Körper. Sein Gesicht zeigte eine Mischung aus Überraschung und Entsetzen. Er steckte den Inhalator in die Hosentasche, mit dem er sich gerade noch zwei Hübe des Asthmamittels in den Rachen gesprüht hatte. Er atmete tief ein, hielt für ein paar Sekunden die Luft an und ließ sie langsam zwischen den fast geschlossenen Lippen entweichen.
Dann hob er die Kugel hoch und starrte sie an. Mit belegter Stimme sagte er: