Der Seelenwächter
Ich wuchs behütet unter Leichen auf. Zwischen den Körpern, die Großvater und Vater mit Sorgfalt für ihre letzte Reise herrichteten, verbrachte ich eine unbeschwerte Kindheit. Mutter äußerte nicht selten ihre Bedenken, was meinen Aufenthalt im Präparationsraum anging. Doch ihr Mann entgegnete ihr unermüdlich verständnisvoll, dass der Tod das Natürlichste sei, und ein Kind brauche sich nicht davor zu fürchten. In dieser Selbstverständlichkeit entwickelte ich den Respekt für die Dahingeschiedenen und ihre Hinterbliebenen. Ich hatte nie den Wunsch, einen anderen Beruf zu wählen.
Als meine geliebten Eltern verstarben, führte ich das Geschäft weiter. Danach arbeitete ich als Bestatter oft alleine im Waschraum und ein eigenartiges Gefühl drängte sich mir immer stärker auf. Beim Vorbereiten der Verstorbenen spürte ich die Nähe von etwas Fremdem, nicht körperlich, sondern tief im Innern. Zunächst dachte ich, es sei Einbildung und ignorierte dieses Gefühl. Doch als Angehörige mir zunehmend von der Anwesenheit ihrer Verstorbenen erzählten, bröckelte mein Widerstand gegen das Übernatürliche. Ich beschäftigte mich ausgiebig mit dem Dasein nach dem Tod, welches oft als Zwischenzeit bezeichnet wird. Vielleicht wissen Sie, dass in manchen christlichen Traditionen die Seele für 40 Tage in dieser Zwischenwelt verweilt, bevor sie in die Ewigkeit übergeht. Ob es kürzer oder länger ist, kann ich Ihnen nicht sagen, aber mittlerweile bin ich überzeugt, die Dahingeschiedenen in jener Welt zu spüren. Seitdem mir dies bewusst wurde, wuchs die Liebe zu meinem Beruf - was für Sie vielleicht eigenartig klingen mag. Auch wenn die Betreuung der Trauerenden kein leichtes Unterfangen ist, ist es mir wichtig, den Hinterbliebenen einen würdevollen Abschied zu ermöglichen, den sich die Verstorbenen zu Lebzeiten verdient hatten.
Doch eines Tages, als ich die Vorbereitungen traf, um einen mehrfachen Vergewaltiger und Frauenmörder für seine letzte Ruhe herzurichten, empfand ich durchdringend seine unerklärliche Nähe. Freude und Zufriedenheit überkamen mich, als wäre es das größte Glück. Der Mann hatte seinen Frieden gefunden, indem ich ihm nach seiner Haftentlassung zu einem fingierten Freitod verholfen hatte. Wie üblich wusch ich die Leiche, kleidete ihn förmlich ein und gab seinem Gesicht das Antlitz eines Schlafenden. Ich spürte die Erlösung seiner Seele – und es widerte mich an. Mein Gerechtigkeitssinn rebellierte gegen diesen unverdienten Frieden. Ich wusste, dass niemand seine Beerdigung besuchen würde, und so bestellte ich für den nächsten Morgen aus einem Anglerladen zwei Dosen mit lebenden Maden, die ich anschließend über ihn verteilte, damit der Sarg nicht etwas schützte, das weder Schönheit noch Respekt verdient hatte.
Sie können sich meine Überraschung vorstellen, als ich einige Wochen später den Auftrag eines Kindermörders erhielt, der seine Haftzeit hinter sich gebracht hatte und sich nun ein friedliches Ableben wünschte. Ich konnte es mir nicht anders erklären, aber der Frauenmörder musste wohl vor seinem Tod von meinem Dienst erzählt haben, denn ich hatte verständlicherweise mit niemandem darüber gesprochen. Ich bin ein angesehener Bestatter und kein Sterbehelfer. Tage verbrachte ich in Zweifeln, ob ich ein weiteres Mal dazu fähig wäre, jemandem das Leben zu nehmen. Damals bereute der Frauenmörder seine Verbrechen, doch es fehlte ihm der Mut, sich selbst zu töten. Wir einigten uns darauf, dass ich, wenn es erforderlich wäre, ihm behilflich sein würde. Letztendlich trat ich gegen den Stuhl, auf dem er mit einem Strick um den Hals stand, während er unter Tränen beteuerte, sich zu bessern. Nach meinem Empfinden war ein mehrfacher Kindermörder noch verachtenswerter. Ich nahm den neuen Auftrag an.
Wieder setzte ich mich mit dem Nachtod auseinander und dabei begegnete mir wiederholt eine Äußerung: Es muss ein Fenster geöffnet werden, damit die Seele entweichen kann. Dabei erinnerte ich mich an so manche Leichenüberführung, bei der jemand sperrangelweit den Raum des Toten gelüftet hatte und ich davon ausging, es wäre nur wegen des Geruchs. Der Brauch, die aufsteigende Seele ins Freie zu entlassen, brachte mich zu der Erkenntnis, dass sie ohne eine Öffnung gefangen wäre. Die Vorstellung von einem Seelengefängnis ließ mich seither nicht mehr los. Ich dachte darüber nach, ob es einen Ort gab, wo die Seele nicht entfliehen kann und niemand sie befreien konnte. Also fuhr ich zu umliegenden Grotten und nahegelegenen Höhlen. Sie stellten sich als ungeeignet heraus, da sie nicht verschließbar waren. Der Besuch in einem Untertagestollen ließ mich anfangs hoffen. Jedoch ergab sich das Problem, wie ich dort ungesehen mit dem Förderkorb nach unten gelangen sollte. Zudem wäre die gefängnisartige Abschottung in einem abgelegenen Stollen ein nicht zu bewältigender Aufwand gewesen, der niemals unentdeckt bleiben würde. Warum ich damals die stillgelegte Hütte betrat, weiß ich nicht mehr. Stundenlang streifte ich über das Gelände. Zwischen rostigen Rohren und zerbrochenen Fenstern standen die Silhouetten der Hochöfen wie stumme Wächter. Die Atmosphäre war erfüllt von einem Hauch vergangener Zeiten. Während der Kies unter meinen Füßen knirschte, glaubte ich fast, das Dröhnen der Maschinen und das Rufen der Stahlkocher zu hören. Immer wieder schlenderte ich abseits der Wege und durchschritt so manchen unterirdischen Teil des Geländes. Es fühlte sich wie eine Erlösung an, als ich an den Kindermörder dachte. Wenn seine Seele in einem der massiven Anlagenteile gefangen wäre, so würde ihr niemals die Flucht in die Zwischenwelt gelingen.
In den Tagen danach besuchte ich die Hütte einige Male. Anfangs inspizierte ich bei Tag den Außenbereich und suchte nach einem Zugang, um ungesehen auf das Gelände zu gelangen. Es war nicht schwierig, da nicht viel Wert auf Sicherheit gelegt wurde. Es war ein löchriger alter Drahtzaun, der sich ohne Aufwand zur Seite schieben ließ und wieder zugezogen werden konnte. Danach besichtigte ich mit voller Werkzeugtasche das Gelände auch bei Nacht. Seit dieser Zeit haben die damaligen Stahlarbeiter meine höchste Achtung. Selbst einen der Seitendeckel der übergroßen Maschinen zu öffnen, war Schwerstarbeit. Aber die Anstrengung lohnte sich. Nach einigen Versuchen fand ich das Seelengefängnis, welches von dickem Stahl ummantelt war.
Die Erschöpfung von der Nachtarbeit beeinträchtigte meine täglichen Aufgaben als Bestatter. Müde fiel es mir schwer, den Trauernden mit angemessenem Verständnis zu begegnen. Sie hatten einen geliebten Menschen verloren, und ihr Schmerz saß tief. Meine Zweifel wuchsen und sie reichten weit über die Besessenheit des Seelengefängnisses hinaus. Dennoch hatte ich den Auftrag des Kindermörders angenommen und ich hielt immer an meinen Verpflichtungen fest, zumal ich bereits seine letzte Ruhestätte gefunden hatte.
Es waren nun drei Wochen vergangen und der Kindermörder wurde ungeduldig. Er wollte endlich sterben. Wir trafen uns in einem abgelegenen Teil des Parks, um Weiteres zu besprechen. Der Tod mit Gift, welches ihm das Leben nahm, entsprach seiner Vorstellung. Obwohl ich es vermeiden wollte, musste ich meine Unterstützung zusagen, falls er es nicht schaffte, sich selbst die Injektion zu verabreichen. Er wünschte sich ein schlichtes Grab und auf der Beerdigung sollte Vivaldi gespielt werden. Ich widersprach nicht seinen Wünschen und verschwieg, dass das Gift ihn nur betäuben würde. Seine Seele durfte nicht entweichen, bevor ich den noch lebenden Körper eingesperrt hatte. Für seinen Todestag vereinbarten wir den kommenden Sonntag. Ich schlug ihm vor, für seinen letzten Moment eine Bank in einem nahegelegenen Waldstück zu wählen. Was er nichtsahnend dankend annahm.
Ich hatte schon oft mit leblosen Körpern hantiert, aber einen Menschen auf einem Karren über unebene Pfade durch den nächtlichen Wald zu schieben, war eine Anstrengung, die ich nicht erwartet hatte. Die Räder hakten ständig an Wurzeln und Steinen. Als ich den Transporter erreichte, zitterten mir Arme und Beine. Sein von ihm erhoffter Tod verlief recht feige. Er hatte auf der Bank gesessen und hielt die Spritze mit zitternden Fingern. Mit verängstigtem Blick gelang ihm nicht die letzte erforderliche Tat. Ich vermag Ihnen mein gewissenloses Handeln nicht zu erklären, aber von Ungeduld getrieben, setzte ich ihm ohne langes Zögern die Spritze, worauf er nach Sekunden einschlief. Danach wartete ich auf die Nacht und fuhr zur Stahlhütte. Dort angekommen, ließ sich sein Körper auf der Handkarre zunächst mühelos über die Wege rollen, doch das Bewältigen der zahllosen Treppenstufen geriet bald zu einem schweißtreibenden Akt. An der alten, übermannshohen Maschine, bei der ich abends zuvor die erforderlichen Vorbereitungen getroffen hatte, benötigte ich eine Weile, um wieder zu Atem und zu Kräften zu kommen. Ich hievte den Körper hinein, achtete darauf, ihn nicht zu verletzen, und bettete ihn ohne jede Bequemlichkeit in das Kurbelgehäuse der Maschine. Aus der Tasche holte ich die Spritze, die er ursprünglich erwartet hatte. Sie würde ihn in zehn bis fünfzehn Minuten sterben lassen, ohne dass er aufwachen würde. Nach dem Verabreichen blieb mir wenig Zeit, denn es durfte keine Öffnung existieren, bevor er starb. Ich verschloss die schwere Luke und beeilte mich mit dem Anziehen der 18 fingerdicken Schrauben. Nichts regte sich im Innern, weder ein Laut noch ein Klopfen. Nur mein Herz hämmerte in der Brust. Als ich das erste Seelengefängnis verließ, glaubte ich, seine Seele zu spüren. Ich fühlte Genugtuung, denn sie empfand keine Freude und schien sich in ihrer Verzweiflung zu verlieren.
Dies geschah vor 23 Jahren, und bis heute nehme ich mir die Zeit und besichtige an nicht verregneten Tagen regelmäßig das Hüttengelände. Meist besuche ich es alle zwei Wochen. Dann spaziere ich auf den vertrauten Wegen und halte in alter Gewohnheit Ausschau nach Orten, die eine Flucht nicht zulassen. Ich besuche die Stätten, die mir am wichtigsten sind. Es sind nun 16 Seelen, über die ich wache. Keine ist entflohen. Ich spüre jede, wenn ich kurz vor ihrem stählernen Gefängnis verweile. Ihre Empfindungen ähneln einer Traurigkeit, und bei vielen grämt sich die Hoffnung, jemals zu entrinnen. Dennoch sind sie auf einer rastlosen Suche nach dem Weg zur Ewigkeit.
Zu ihren Lebzeiten hatten die Verbrecher ihre Schuld bereut und dafür Jahrzehnte eingesessen. Ihr letzter Wunsch war es, zu sterben. Entweder fürchteten sie sich vor einer weiteren grauenvollen Straftat oder sie hassten sich für ihre Morde. Damals war ich besessen von dem Gedanken, ihnen ihren Seelenfrieden zu nehmen. Aber ich habe diese Menschen belogen, sie meist getötet und ihre Seelen in einer endlosen Verdammnis eingesperrt. Sie werden mir glauben, dass mich das eigene Gewissen immer mehr quält.
Doch die Vorbereitungen sind getroffen und der Platz für das siebzehnte Gefängnis ausgesucht. Ich verspreche Ihnen, mir selbst die todbringende Spritze zu geben. Ich möchte Sie nicht mit meinem Anblick belasten, daher habe ich ein größeres, eisernes Gefängnis gewählt, in dem ich mich hinter mechanischen Teilen verbergen werde. Ich kann den Einstieg nicht selbst verschließen. Deshalb bitte ich Sie. Sperren Sie mich ein und schützen Sie die Ewigkeit vor dem, was ich geworden bin.