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Marc Vollmer

Organisch

Vollständige Kurzgeschichte

Der Geruch war säuerlich, süßlich, schneidend. Zwei Beamte standen bleich im Flur des Altbaus, die Gesichtsmasken fest über Nase und Mund gezogen. Elvira Drabon nickte knapp, hob das Absperrband an und trat ein. Sie verzog keine Miene.
„Wir haben nichts angefasst“, murmelte einer der Uniformierten. Elvira warf ihm einen kurzen Blick zu, antwortete jedoch nicht.
Die Wohnung war riesig, aber zum Leben zu unbehaglich. Kein Sofa, keine Schränke, kein Hinweis auf normales Wohnen. Stattdessen reihten sich weiße Labortische durch die Räume, übersät mit technischen Apparaturen, Kabelsträngen und gläsernen Schälchen, die sich in mehreren Lagen stapelten. Manche waren leer, andere enthielten Reste von Flüssigkeit oder dünne, halbtransparente Gewebestreifen.
Die Fenster waren mit silberner Hitzeschutzfolie abgedichtet, doch das Licht drang diffus hindurch und tauchte alles in einen fahlen Glanz. Jemand hatte die Türen des großen Kühlschranks nicht wieder geschlossen. Der beißende, metallische Geruch, den eine Nachbarin gemeldet hatte, stammte eindeutig von den fleischartigen Stücken, die in offenen Plastikschalen darin lagen. Zudem war es heiß. Unerwartet heiß. Mindestens dreißig Grad. Mit Schweißperlen auf der Stirn schlug Elvira die Türen des Kühlschranks zu und zog die Jeansjacke aus.
Sie bewegte sich langsam durch die Räume, prüfte mit den Augen, was die Finger besser nicht berührten. Die Monitore zeigten nur den Bildschirmschoner. Nichts erklärte sich spontan. Nichts wirkte improvisiert, alles erschien ihr professionell, nur eben an einem unerwarteten Ort mitten im Villenviertel der Stadt.
Elvira zog ein altes Handy aus der Jackentasche, schoss ein paar Fotos. Kein Hightech-Gerät, kein automatisches Übertragungstool. Sie speicherte lokal, kontrolliert, offline. So wie immer. Die Kollegen nannten sie „Retro“, was selten liebevoll klang. Ihr Festhalten an analogen Methoden galt als rückständig, manche empfanden es auch als paranoid. Sie sah das anders. Wer wie sie jahrelang erlebt hatte, wie forensische Spuren verschwanden, wie Cloud-Server manipuliert, Logins gefälscht und Metadaten gelöscht wurden, der verließ sich nicht auf bequemes Gerät. Sie vertraute nur sich selbst.
Sie ging zu einem der Fenster, öffnete es, holte tief Luft und zündete sich anschließend eine Zigarette an. Nach dem dritten Zug nahm sie die Akte hervor und las. Die Wohnung gehörte einem Johann Kranz. Die kurze Recherche von Klara ergab, dass er vor einigen Jahren als Neurowissenschaftler gefeiert wurde, dann von einem der großen Unternehmen verklagt wurde. Seither war er aus allen Medien verschwunden. Die erste Prüfung seiner Konten zeigte: Kranz war nicht mittellos. Ein Vermögen aus Bargeld und Aktien. Genügend, um für immer unterzutauchen.
Unentschlossen. Es lag eigentlich kein Verbrechen vor, kein Toter, keine Spuren von Gewalt und eingebrochen hatte auch niemand. Dennoch spürte sie das leichte Ziehen in der Magengegend. Etwas stimmte hier nicht. Sie nahm ihr Nokia zur Hand und wählte die Nummer von Thomas, dem Technikspezialisten vom Dezernat.
„Hallo Retro Drabon, immer wieder schön von dir zu hören“, sagte er gutgelaunt. „Da du mich sicherlich nicht zu einem Essen einladen willst, nehme ich an, du hast wieder einen Fall für mich.“
„Über ein Essen können wir gerne danach verhandeln“, erwiderte sie trocken.
„Sehr interessant, aber lass mich raten: Es ist kein offizieller Fall?“
„Bisher noch nicht.“
„Okay, was kann ich für dich tun?“
„Du müsstest dir eine Wohnung ansehen. Hier steht überall technisches Equipment rum und ich würde gerne wissen, wozu es benutzt wurde.“
„Mhm, lass mich mal in meinen Terminkalender sehen. Wie wäre es in fünf Wochen so gegen 13 Uhr?“
„Thomas!“
„Alles klar, ich komme gleich vorbei. Welche Ausrüstung brauche ich?“
„Überwiegend deine Erfahrung und vielleicht ein Tool, um Passwörter zu knacken.“
„Alles klar.“
Sie sagte ihm noch die Adresse durch und er meinte anschließend, er wäre in 30 Minuten vor Ort.
Sie nutzte die Zeit, um sämtliche Fenster zu öffnen, denn der Gestank hatte sich mittlerweile auch in ihrer Nase als unerträglich erwiesen.

Als Thomas eintraf, führte Elvira ihn durch die Räume.
„Was ist dein erster Eindruck?“
„Hier wurde an organischem Material experimentiert, offenbar elektrisch stimuliert.“
„Was ist in diesen runden Schälchen drin?“ Dabei hob Elvira eine gläserne, verschlossene Petrischale mit einer dünnen fleischigen Masse hoch, die in einer durchsichtigen Flüssigkeit lag.
„Kann ich nicht sagen. Spontan würde ich auf Mikrotomie tippen, ein Verfahren, um mikrometergenaue Scheiben aus Gewebe zu extrahieren.“
„Wie lange wirst du brauchen?“
Mit einem Lächeln zuckte er mit den Schultern. Thomas drehte sich daraufhin zu dem Tisch, auf dem die meisten Gerätschaften standen. Mit einem Finger tippte er auf die Tastatur. Der Bildschirmschoner verschwand und es wurde ein Passwort verlangt. „Irgendeine Idee?“
„Nein.“
„Vielleicht haben wir Glück.“ Er steckte einen USB-Stick in den Rechner und schaltete ihn aus, um ihn danach wieder hochzufahren. Es erschien ein blauer Bildschirm mit einer Textauswahl. Thomas wählte die Option: „Neues Passwort festlegen“.
„Was versuchst du?“
„Ein neues Passwort in die Registry zu schreiben.“
Nach einem Reboot sagte er: „Ich bin drin.“
Auf dem Desktop befand sich ein Icon auffällig in der Mitte. Ohne lange zu zögern, drückte er auf das Programmsymbol und sogleich erschien eine Bedienebene mit einer Meldung: „Echtzeitsystem nicht erreichbar“.
Elvira schwieg und beobachtete. Kurz lugte Thomas über den Tisch und schaltete ein Gerät ein, das ungefähr so groß war wie drei nebeneinandergestellte Schuhkartons. Die Meldung erlosch.
„Dann wollen wir mal sehen, was dieses Baby anrichtet.“
„Stopp!“, sagte sie etwas lauter. „Was hast du vor?“
„Ich schätze, das System wird Stromsignale auf das Gewebe schicken und dann werden wir sehen, was passiert.“
Sie folgte mit den Augen seinem Finger. In einer größeren Glasschale lag eine dieser hauchdünnen Scheiben und an diese waren mindestens zehn kaum sichtbare Drähte angeschlossen.
Kurz nachdem Thomas einen Button gedrückt hatte, flackerte der kleinere Monitor auf. Ein leises Summen erklang. Schließlich öffnete sich ein leeres Textfenster. Drei Punkte blinkten für Sekunden und es erschien ein einziges Wort:
Hallo.
Thomas hatte weder die Tastatur berührt noch die Maus bewegt. Seine Miene wurde ernst und sekundenlang starrte er nur auf dieses Wort, als würde er auf etwas warten. Elvira fragte: „Das ist wahrscheinlich nur eine Routine, die eine dumme Begrüßung schreibt. Oder?“
„Könnte sein“, sagte Thomas. „Aber vielleicht ist es auch etwas anderes.“
Er tippte:
>> Welcher Tag ist heute?
Die Reaktion geschah unmittelbar:
>> Was ist Tag?
Elvira trat näher. Der Bildschirm wirkte plötzlich fremd. Das Etwas, das eine Frage stellte, erweckte für einen Augenblick den Eindruck, es sei lebendig.
Thomas schrieb:
>> Wer bist du?
Antwort:
>> Ortranet.
Er runzelte die Stirn.
>> Was ist Ortranet?
Langsam schrieben sich die Buchstaben auf den Monitor:
>> Organisch trainierbares Netzwerk.
Thomas schaute sich die Apparatur nochmals an. Betrachtete die Kabel, die Verbindungspunkte, die Schnittstelle zum Rechner. Dann ließ er sich auf den Stuhl zurückfallen, als hätte ihn etwas getroffen. „Genial“, murmelte er. Und in seiner Stimme lag Ehrfurcht.
Als wirklich eindrucksvoll empfand Elvira das Ganze nicht. Nach ihrer Meinung waren dies nur programmierte Antworten auf simple Fragen. „Was ist daran so beeindruckend?“, fragte sie.
Er schnaufte durch, als hätte sie die blödeste Frage aller Fragen gestellt. „Wenn ich mich nicht irre, ist dies eine Intelligenz, die nicht mathematisch, sondern organisch funktioniert.“
Kurz stutzte Elvira, jedoch wusste sie nicht so recht, was er damit meinte. „Na, und?“
„Ich brauche Zeit, um das weiter zu untersuchen. Anschließend kann ich dir mehr sagen.“
„Wie lange?“
„Tage oder Wochen. Keine Ahnung.“ Thomas‘ Mimik hatte jeden Schalk verloren. Obwohl er mit Elvira sprach, blickte er hochkonzentriert auf die unveränderte Textausgabe.
„Willst du die ganze Apparatur abbauen und mit ins Labor nehmen?“, fragte sie unsicher.
„Nein, auf keinen Fall. Bloß nichts verändern.“
„Du willst hier deine Untersuchungen durchführen?“
„Auf jeden Fall!“
„Okay, dann werde ich bei der Chefin vorbeifahren.“
Thomas hielt ihr vier verschlossene Petrischalen mit den darin befindlichen Scheiben hin. „Kannst du die vielleicht beim biologischen Institut an der Uni abgeben? Professor Leibholz wird sie untersuchen.“
Sie zögerte. Steckte dann die Glasbehälter mit spitzen Fingern schnell in die Jackentasche.
Obwohl es schon kurz nach sechs war, brannte noch Licht bei der Dezernatsleiterin Helga Schnabel. Elvira klopfte und trat hinein. Gestresst und mit leicht zerzaustem Haar saß ihre Chefin hinter dem Schreibtisch.
Elvira lieferte den mündlichen Bericht ab. Wortkarg, sachlich und ohne Vermutungen.
„Kein Hinweis auf ein Verbrechen? Kein Toter? Kein Täter? Es wird Ihnen nichts anderes übrig bleiben, als eine Vermisstenanzeige zu erstellen und den Fall abzuschließen.“
Elvira hätte ihr recht gegeben, aber ihr Bauchgefühl rebellierte. „Hinter der Sache steckt mehr. Johann Kranz hatte revolutionäre Ideen und vielleicht ist ihm etwas gelungen, was die Welt bisher für unmöglich hielt. So ein Mann verschwindet nicht einfach.“
„Ich gebe Ihnen zwei Tage, dann schließen Sie den Fall ab!“
„Aber...“, wollte Elvira widersprechen.
„Benötigen Sie weniger Zeit?“
„Nein, alles gut. Schönen Abend noch.“
Am nächsten Tag fuhr Elvira in die Wohnung von Kranz. Thomas hockte vor einem Stapel Papieren. Blass, unausgeschlafen und fahrig. „Hast du die ganze Nacht durchgearbeitet?“
„Keine Ahnung. Es spielt keine Rolle. Etwas fehlt.“
Elvira musterte ihn. Er wirkte wie in Trance. „Du sprichst in Rätseln.“
„Ich habe auf einem der Rechner Forschungsunterlagen gefunden. Kranz hatte ein System entwickelt, das sehen, hören und mit minimalem Lernaufwand komplexe Schlüsse ziehen konnte, und zwar auf eine Weise, zu der keine KI bisher in der Lage war.“
Sie hasste Hightech-Technologien. Für Elvira waren sie keine Weiterentwicklung, sondern ein Alibi für die Menschheit, endgültig ihren Verstand in das Zentrum der Nutzlosigkeit zu katapultieren. „Er hat einen neuen Algorithmus entwickelt?“
Sekunden starrte Thomas sie erst mit glänzenden, ernsten Augen an. Dann sagte er: „Nein, er hat die Natur genutzt. Außerdem hat Professor Leibholz die Proben untersucht.“
Auf die Pause, die nun folgte, reagierte Elvira leicht aufgebracht: „Was hat er herausgefunden?“
„Es handelt sich um Gehirnproben von Primaten.“
Jetzt trieb es Thomas mit seinen dahingeworfenen Informationen auf die Spitze. „Erkläre mir endlich, was das alles zu bedeuten hat, sonst gehe ich dir gleich an die Kehle.“
„Entschuldige.“ Und schon wieder machte Thomas eine Pause. „Kranz hat keinen Algorithmus entwickelt, sondern hat die Primatengehirne als organisches Netzwerk genutzt. Es ist ihm gelungen, mit besonderen Stromimpulsen das Gewebe zu stimulieren, um es mit Daten zu trainieren. Sie wurden intelligent.“
„Du willst mich verarschen?“
„Nein, Elvira. Es ist die Wahrheit. Allerdings ist die letzte Version seiner Forschung verschwunden. Ich glaube, sie war dort drüben auf dem Tisch.“
Mit einer kurzen Drehung folgte Elvira der Richtung seines Fingers. Schon aus der Entfernung sah sie, dass der Tisch zu unordentlich war.
„Was unterscheidet die Version von den Vorgängern?“
Thomas fuhr sich nachdenklich über die Stirn. „Wenn die Forschungsberichte stimmen, hat Kranz die Stimulierung so weit verfeinert, dass er nahezu das gesamte Potenzial des Primatengehirns aktivierte. Beim Menschen ist immer nur ein Teil der Nervenzellen gleichzeitig aktiv.“ Er deutete auf eine der Schalen. „Diese winzigen Gewebescheiben konnten elektrische Signale von Mikrofonen und Kameras vollständig verarbeiten. Ihre Fähigkeit zur Mustererkennung übertrifft selbst die leistungsfähigsten KI-Systeme. Und das, obwohl sie nur mit einem Bruchteil an Trainingsdaten gefüttert wurden.“
Elvira spürte, wie sich ihr Nacken verkrampfte. Die Vorstellung schockierte sie. Dabei waren es nicht die Technologie, sondern die Dimensionen dessen, was diese Technik anrichten würde.
„Das heißt…“ Ihr verschlug es kurz die Stimme. „Wir könnten ganze KI-Zentren mit diesen organischen Modulen ersetzen? Und noch übertreffen?“
Thomas nickte. „Ja, solange sie mit Sauerstoffemulsion versorgt werden.“
Ihr Blick blieb an den Glasgefäßen hängen. Der Gedanke, dass in ihnen Denken stattgefunden hatte, nicht simuliert, sondern lebendig, ließ sie frösteln. Was, wenn Thomas recht hatte? Was, wenn das hier nicht bloß ein abstruses Forschungsprojekt war, sondern eine Grenze, die jemand überschritten hatte? Elvira zwang sich zur Ruhe. Sie war Ermittlerin, kein Ethikrat. Schnell verdrängte sie das Unfassbare und rief Klara an. Sie solle alles über Kranz herausfinden.
Es kostete sie einiges an Überzeugungsarbeit, Thomas dazu zu bewegen, nach Hause zu fahren, um den Schlaf nachzuholen, aber vor allem sollte er etwas essen. Sie brachte ihn bis zu seiner Wohnung. Danach fuhr sie weiter ins Büro zu Klara.
„Was hast du herausgefunden?“
Klara kicherte kurz und warf ihr einen vielsagenden Blick zu.
„Bitte, erspar mir heute die Spielchen.“
„Alles klar“, erwiderte Klara noch immer mit einem Lächeln. „Kranz hat sich über einen Vermittler vor drei Monaten anonym ein kleines Haus am Stadtrand gekauft. Die Adresse habe ich dir bereits rausgesucht.“ Sie klickte auf eine Taste von ihrem Computer. „Und schon hast du sie als SMS auf deinem hochmodernen Superhandy.“
Ein Pieps aus Elviras Jackentasche bestätigte den Eingang.
„Danke. Ich muss los!“
„Gerne geschehen, Retro.“
Mit den Kollegen der Streife verschaffte sich Elvira Zugang zu dem Haus, nachdem sie geklingelt, gerufen und geklopft hatten. Sie betrat die kleine Luxusvilla vorsichtig und war sich nicht sicher, ob sie ihre Waffe im Halfter lassen sollte. Das Haus wirkte leblos, aber nicht verlassen. Zeitungen lagen im Flur auf der Anrichte, Schlüssel hingen neben der Tür.
Ein Kollege rief: „Frau Drabon, kommen Sie bitte ins Wohnzimmer.“
Auf dem Sofa lag ein Mann, vermutlich Johann Kranz, mit leerem Blick zur Decke. Seitlich an der Schläfe ein blutiger Fleck. Der Revolver lag auf dem Boden, als wäre er ihm nach dem Suizid aus der Hand gefallen.
An einen Selbstmord zu glauben, lehnte Elvira gleich gedanklich ab. Sie hatte zwar kein Motiv, keinen Täter, dafür einen Toten und das dürfte ihrer Vorgesetzten für einen Fall durchaus ausreichen. Aber es gab auch eine Wahrheit, die niemand glauben würde. Nicht einmal sie selbst – noch nicht.
Sie schaute sich ein weiteres Mal um. Ein Smartphone lag halb versteckt hinter Kranz‘ Rücken. Elvira zog einen dieser Einweghandschuhe an und nahm es hervor. Die Gesichtserkennung poppte auf und gab den Hinweis, dass die Erkennung nicht erfolgreich war. Sie hielt es dem Toten vors Gesicht. Die Freischaltung ließ Elvira für einen Moment hoffen, doch statt des Erscheinens eines Startbildschirms verlangte das blöde Teil nun noch einen vierstelligen Zahlencode. Die stupide Kombination aus Nullen versagte, genauso wie die klassische Zahlenreihenfolge von eins bis vier. Sie hasste diese Teile und noch mehr ärgerte sie sich darüber, dass sie wissen wollte, ob es darin einen Hinweis gab, der vielleicht den Tod von Johann Kranz erklären würde.
Sie gab die Anweisung, dass die Leiche zur Obduktion gebracht werden sollte. Zwar war die Todesursache eindeutig, aber ob Kranz die Waffe selbst abgefeuert hatte, sollte auf jeden Fall geklärt werden. Sie verließ die kleine Villa und fuhr mit dem Smartphone ins Dezernat.
Thomas saß mit den Füßen auf dem Tisch im Labor und schaufelte sich etwas aus einer dieser Styroporschachteln in den Mund. Als er sie sah, hob er die Hand und kaute kurz, um den letzten Bissen herunterzuschlucken. „‘Tschuldige, bin gerade in der Mittagspause. Willst du auch etwas?“
Elvira blickte kurz in die Schachtel, erkannte das frittierte Essen vom Chinesen und winkte ab. Sie legte ihm die Tüte mit Kranz‘ Smartphone auf den Tisch. „Das Teil verlangt einen Zahlencode.“
„Sehr interessant und was soll ich jetzt machen?“, sagte er wieder mit diesem Grinsen.
„Auslesen, knacken, hacken oder was weiß ich.“
Er nahm die Tüte und drückte seitlich auf das Gerät. „Gesichtserkennung“, sagte er trocken und zwinkerte fast unscheinbar.
„Ich habe es vor den Toten gehalten. Erst gab es eine Freigabe und dann erschien ein Feld für vier Zahlen.“
„Doppelte Sicherung. Ziemlich aufwendig“, murmelte Thomas mit gerunzelter Stirn.
„Was ist jetzt? Kannst du das Ding knacken oder nicht?“
„Ohne Gesicht ist das nicht so einfach. Das hier ist nicht dein gutes altes Nokia, Retro.“
Innerlich fing sie an zu kochen. Sie mochte Thomas wirklich gern, aber mit seinen Spielereien konnte er sie zur Weißglut treiben. „Kein Problem, ich fahre kurz rüber zur Gerichtsmedizin und bringe dir dann den Kopf.“
Er lachte kurz auf, schüttelte sich anschließend, anscheinend durch die Vorstellung. „Ganz ruhig, das kriege ich auch so hin.“
Sie zog ihre Jeansjacke aus, hängte sie an den Ständer und setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
„Was noch?“
„Ich warte.“
„Auf was?“
„Bis du es geknackt hast.“
„Du bist mir eine. Aber okay.“ Er verschloss die Schachtel, schob sie an den Rand des Tisches. „Das kann ein paar Stunden dauern.“
„Gut“, sagte sie mit einem aufgesetzten Lächeln. „Morgen früh bin ich wieder da.“ Sie nahm ihre Jacke und verließ das Labor im schnellen Schritt.
Ihr schriftlicher Bericht dauerte heute länger als gewöhnlich, nicht weil sie im Zwei-Finger-Suchsystem tippte, sondern weil sie ihn ständig neu verfasste. Eine derartige funktionierende Technik auf ein Stück Papier zu schreiben, das für immer beständig blieb, verursachte in ihr einen sehr bitteren Beigeschmack. Sie hasste Technologie und lebte mit der Überzeugung, dass sie keinerlei Notwendigkeit hatte. Sie fand weder eine Beschreibung noch eine passende, nichtssagende Formulierung und warf auch das letzte Protokoll in den Müll. Sie fuhr nach Hause, um ihre Schildkröte zu füttern.
Am nächsten Morgen traf sie noch vor Thomas im Labor ein. Sie wartete eine halbe Stunde auf ihn, bis er endlich mit einem Coffee-to-go erschien. „Guten Morgen“, sagte er mit einem Lachen im Gesicht.
„Du kommst spät“, erwiderte Elvira.
„Nicht später als sonst. Was kann ich für dich tun?“
Zu früh, um sich aufzuregen, redete sich Elvira ein. „Bist du mit dem Smartphone weitergekommen?“
„Yepp! Geknackt und voll aufgeladen. Extra für meine liebste Retro.“
„Ich mag den Spitznamen nicht.“
Breites Grinsen. „Ich weiß.“
„Also, was jetzt?“
Thomas nahm das Smartphone aus einer der Schubladen. „Du kannst es einschalten. Die Spurensicherung hat schon alle Abdrücke genommen. Die doppelte Sicherung ist vollständig deaktiviert.“
Das Display zeigte nur wenige Symbole. Elvira starrte die bunten Bildchen für eine Weile an. Thomas sagte dann: „Es gibt eigentlich nichts Interessantes. Das letzte Telefonat ist drei Wochen her und ansonsten hatte Kranz nur die App für Notizen genutzt. Komisches Zeug, das er da reinschrieb.“
Elvira schaute erst auf das Display und strafte dann Thomas mit einem ernsten Blick.
„Drück ganz unten links auf das Symbol.“
Sogleich erschien die letzte Notiz. Elvira stutzte, als sie las: „Frankenstein hätte vielleicht damit leben können. Doch was ich schuf, war der Verrat an jedem Lebewesen.“ Sie scrollte weiter, aber es folgten nur Erinnerungsnotizen für seine Forschungsarbeiten: Wann und wo er jenes Experiment unter welchen Voraussetzungen durchzuführen plante.
Was hatte die Notiz über Frankenstein zu bedeuten? Elvira versuchte, an diesem Morgen nochmals den Bericht zu schreiben. Vergeblich. Für sie war der Fall noch nicht geklärt. Sie fuhr wieder in das Labor mit dem Unbehagen, sie habe etwas übersehen. Nach zwei Stunden resignierte sie. Sie hatte nichts gefunden, was ihr Bauchgefühl auch nur im Ansatz beruhigte.
Das Mittagessen ignorierte sie, wie so oft. Stattdessen fuhr Elvira zur kleinen Villa, wo Kranz aufgefunden worden war. Auch hier das gleiche Spiel: rumlaufen, Details betrachten und frustriert darüber nachdenken, was ihr an der Sache nicht gefiel. Sie hatte weder einen Anhaltspunkt noch einen Hinweis. Frankenstein hatte ein Monster erschaffen und mit den Primatengehirnen in den Petrischalen hatte Kranz nichts anderes getan. Der Zusammenhang genügte Elvira nicht, sie rief bei dem Kollegen von der Hundestaffel an.
Es dauerte eine Dreiviertelstunde, bis die Hündin Joanna mit ihrem Herrchen ankam. „Sie haben Glück. Sie ist die beste Spürnase im Umkreis von 200 Kilometern“, sagte der Beamte stolz.
„Gut.“
„Nach was soll Joanna suchen?“
„Ich weiß es nicht. Kann sie nicht ein wenig rumschnüffeln?“
Der Hundeführer schien leicht verärgert zu sein, doch dann hob er kurz die Schultern an, kniete sich zu seiner Hündin und sagte: „Such!“
Joanna sah ihn mit leicht geneigtem Kopf fragend an.
„Such!“, folgte wieder die Anweisung.
Die Hündin trottete ziellos mit der Schnauze auf dem Boden durch den Raum.
„Sie soll das ganze Haus durchsuchen“, sagte Elvira und kam sich dabei wie ein Frischling vor, der gerade die Ausbildung absolviert hatte und keine Ahnung hatte.
Der Kollege zeigte der Hündin mit einer Handbewegung an, sie solle auch in den anderen Teilen des Hauses suchen. An der Stelle, wo Kranz sich erschossen hatte, bellte sie und wedelte mit dem Schwanz. „Gut gemacht“, lobte sie der Hundeführer und sah dabei zu Elvira.
„Das ist die Stelle, wo die Leiche gefunden wurde. Weiter!“
„Such!“
Im Erdgeschoss schnüffelte Joanna eine Weile in den Ecken des Arbeitszimmers, dann blieb sie vor einem raumhohen Regal stehen und bellte. Unruhig, angespannt und aggressiv. Der Beamte streichelte ihren Kopf, doch sie beruhigte sich nicht. Das Bellen hallte von den Wänden wider. Elvira betrachtete das Regal, stieß mit der Hand dran und wunderte sich, dass es sich ein kleines Stück bewegte. Der Beamte kam ihr zu Hilfe, obwohl sie ihn nicht brauchte, denn das Regal ließ sich mit Leichtigkeit zur Seite schieben. Dahinter ein dunkler Raum ohne Fenster. Joanna bellte. Links neben dem Eingang fand Elvira einen Schalter. Das grelle Licht offenbarte ein weiteres Labor. Kleiner und nur mit einem großen Tisch in der Mitte. Darauf befanden sich Gerätschaften, die sie zum Teil erkannte.
„Brauchen Sie uns noch?“, fragte der Hundeführer, der Joanna zwei Leckerlis gegeben hatte.
„Bleiben Sie in Bereitschaft. Ich melde mich, wenn ich Sie nicht mehr brauche.“
Joanna schien hocherfreut, endlich das Haus verlassen zu dürfen. Ohne Leine folgte sie ihrem Herrchen nach draußen. Elvira rief Thomas an.
„Dein Ritter naht, um für dich die Schlacht zu schlagen“, sagte der Technikspezialist, als er ankam. „Was hat das holde Weib gefunden, dass sie mich rief?“
„Kannst du mal mit dem Scheiß aufhören? Dort drüben ist ein verstecktes Labor.“
Thomas grinste zufrieden und drehte sich in die gezeigte Richtung. Seine Mimik änderte sich schlagartig. Er trat in das kleine Labor und sagte: „Da ist es ja!“
„Was?“, fuhr ihn Elvira genervt an.
„Die letzte Version von Kranz‘ Forschung. Das Teil hat zusätzliche Sensorik und kann wahrscheinlich weitaus mehr als die Varianten in dem anderen Labor.“ Er betrachtete eine größere Petrischale, wieder mit Kabeln versehen, doch das organische Gewebe besaß fast die Abmessung eines Untertellers.
„Was ist das?“, fragte Elvira.
„Kann ich nicht sagen, muss zuerst zur Untersuchung. Aber für ein Primatengehirn ist es zu klein.“
Kaum hatte er es gesagt, nahm Elvira ihr Nokia-Handy und drückte die Wahlwiederholung. „Joanna soll sofort zurückkommen!“, befahl sie und wartete nicht einmal die Antwort ab.
Kurz darauf stand die Hündin mit ihrem Herrchen vor der Tür. „Soll sie wieder nur schnüffeln?“, fragte der Beamte mit einem Schmunzeln im Gesicht.
„Ja, fangen Sie im Keller an.“
Es dauerte nicht lange, bis Joanna anschlug. Im dritten Kellerraum bellte sie vor einem Haufen Gerümpel fast das Haus zusammen. Thomas und der Hundeführer räumten den Kram zur Seite. Eine Tür offenbarte sich. Nicht verschlossen. Durch die kleinen Kellerfenster sahen sie einen Tisch aus Aluminium und eine Handvoll medizinischer Geräte. Er stank nach Chlor und Bleichmittel. Elvira schritt sofort zu einer größeren Gefriertruhe und ohne Zögern öffnete sie die breiten Deckel.
„Heilige Mutter Gottes“, rief der Beamte aus.
Thomas‘ Gesicht wurde so ernst, dass seine Augen schmäler wurden.
Elvira betrachtete den tiefgefrorenen Toten. Nackt und eingepfercht. Der Schädel offen und darin fehlte die Masse. Das Gehirn wurde entfernt. Sie musterte den ganzen Körper und fand einen Zettel in einer Hand des Toten, der in einer Klarsichtfolie steckte.
Sie nahm ihn und die beiden anderen schauten ebenfalls darauf. Handgeschrieben, anscheinend mit zittrigen Fingern: „Gott verzeih mir, aber er war schon tot.“
Nachdem die Spurensicherung und der Gerichtsmediziner die Villa verlassen hatten, fuhr Elvira nach Hause. Sie nahm ein Salatblatt und fütterte Theraphelia. Die Schildkröte fraß gemütlich und sie sah ihr dabei zu. Ihr Ärger legte sich kaum. Nach dem Auffinden von Kranz‘ Leiche hatte sie nicht veranlasst, die Villa vollständig zu durchsuchen. Der Suizid schien offensichtlich und sie hatte nicht alles beachtet. Aber ihr Bauchgefühl gab langsam Ruhe.
Es dauerte dann doch zwei Tage, bis alle Ergebnisse auf Elviras Tisch lagen. Der gefrorene Körper gehörte zu Joshua Decker, einem alten Obdachlosen. Der Gerichtsmediziner bestätigte, dass er bereits tot war, als ihm der Schädel geöffnet worden war. Altersbedingter Herzstillstand. Das Gewebe in der Petrischale stammte ebenfalls von ihm. Hauchdünn geschnitten.
Der Bericht wurde nicht besser, nur ausführlicher. Elvira verfluchte Kranz bei jedem Wort, das sie schrieb. Wieso hatte er vor seinem Tod nicht alles zerstört? Jetzt musste sie darüber berichten und irgendwann würde irgendjemand verstehen, wie Johann Kranz die Welt verändert hatte.