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Kornelia Schmid

Der Palast im Regen

Kapitel 1

Pako Jegife glaubte, Inea sei eine nette Bekanntschaft. Sie hatten sich heute am Markt getroffen und ein wenig geplaudert. Nun saß sie mit ihm im Innenhof seines Anwesens. Doch der Grund, aus dem Inea hier war, war nicht nett. Sie trug in jedem Stiefel ein Messer.
Inea sah Jegife in die Augen. Braune Augen, vielleicht eine Spur gol-den. Er blickte ihr nicht ins Gesicht, sondern betrachtete ihr Haar, das inzwischen nicht mehr von einem Tuch bedeckt wurde. Viel zu warme Nachtluft umstrich Inea und ließ sie schwitzen. Sie könnte einen Zauber wirken, um sich zu kühlen, doch sie tat es nicht. Womöglich würde sie ihre Magie heute noch dringend brauchen. Denn man wusste nie, wie ein solcher Auftrag ausging. Friedlich – oder mit einer Katastrophe.
Würde sie es tun? Inea hatte es schon getan. Doch die Leute waren Soldaten gewesen – offiziell oder im übertragenen Sinn. Diese Personen wussten, worauf sie sich einließen, sie wussten, dass es Gewalt geben würde, und sie riskierten ihren Hals bereitwillig. Bei Jegife hatte sie da ihre Zweifel.
»Womit habt Ihr meinen Vater verärgert, Pako?«, fragte Inea und drehte ihren Becher in der Hand.
Palmenblätter raschelten über ihren Köpfen. Blumen in lackierten Töpfen schmückten die Ecken. In einem Wasserbecken plätscherte eine Fontäne. Die Laternen warfen unruhigen Schein auf die glänzenden Ziergitter in den Fensterbögen. In der Luft hing noch der Geruch von Bockshornklee und Kreuzkümmel, mit denen das Essen gewürzt gewe-sen war. Ein normaler Abend an einem normalen Tag für Inea.
Pako blinzelte sie an. »Ich kenne Euren Vater?«
»Jeder kennt ihn.« Inea lächelte humorlos. Der arme Narr verstand nicht einmal ansatzweise, worum es hier ging. Immer noch nicht. »Un-sere Begegnung war kein Zufall, wisst Ihr. Er hat mich geschickt.«
Pako lehnte sich zurück. »Ich fürchte, ich habe nicht die leiseste Ah-nung, wovon Ihr sprecht.«
Inea beugte sich vor. »Er hat mir aufgetragen, in Eure Nähe zu kommen. Euch zu verführen. Euch im Bett zu töten. Es wie einen Unfall aussehen zu lassen.« Sie hob ihre Hand und ließ leuchtende Magie über ihre Finger wandern. »Ich hätte den Schnitt gesetzt und ihn danach wieder geheilt. Ich hätte dafür gesorgt, dass kein einziger Bluttropfen auf den Stoff getropft wäre. Ihr wärt einfach nur ein Mann gewesen, der sich in einer Nacht zu viel berauscht hat.«
»Sollte ich nun also meine Wachen rufen?« Pako lachte nervös, als sei er sich nicht ganz sicher, ob sie es ernst meinte oder nur eine merkwürdige Art von Humor besaß.
»Er lässt uns immer Schleier tragen.« Inea zupfte an dem rot gefärb-ten Tuch, das inzwischen um ihren Hals hing. »Die Öffentlichkeit soll nicht wissen, wie seine dreizehn Töchter aussehen. Nur so kann er sie als Werkzeuge benutzen. Deswegen konntet Ihr mein Gesicht nicht erkennen.« In Pakos Miene schlich sich leises Verständnis. Inea nickte zur Bestätigung knapp. »Also: Womit habt ihr den König verärgert?«
Pako begriff vermutlich nicht, dass von der Antwort sein Leben ab-hing. Inea wünschte sich, er wäre ein widerlicher Sack, der sich an Kin-dern vergriff oder illegal mit Menschen handelte. Dann könnte sie ih-ren Auftrag mit reinem Gewissen ausführen und ihr Vater müsste nie etwas von ihrem Zögern erfahren. Es würde so vieles einfacher ma-chen. Doch ihre Wünsche wurden selten erfüllt.
»Es …« Pakos Kehlkopf hüpfte. »Es gibt da diese Leute in Narzit. Ich handle mit Informationen, versteht Ihr? Und diese eine Information war sehr wertvoll.«
Inea seufzte. Es wäre ja zu schön gewesen. »Und jetzt will er nicht, dass Ihr sie noch an jemand anderen verkauft.« Das sah ihrem Vater ähnlich. Er behandelte sie wie eine Hure, schickte sie auf eine Mordmission, spielte mit ihrem Leben und das für … nichts. Nichts von Bedeutung. Einfach nur eine Unannehmlichkeit. Kurz loderte Hass in ihr auf, doch Inea schluckte ihn hinunter. Nicht jetzt. Nicht hier.
Pako knetete seine Hände. »Ich habe geschworen –«
Inea schnaubte. »Er gibt nichts auf Schwüre.« Sie sah ihm fest in die Augen. »Hört zu: Ihr packt Eure Sachen, reist umgehend nach Garfa und besteigt dort ein Schiff. Wohin es fährt, ist mir egal, aber es sollte kein briletischer Hafen sein. Lasst Euch hier nie wieder blicken.«
Auf Pakos Stirn stand inzwischen ein dünner Schweißfilm. Er wischte ihn weg. »Ist das die Wahrheit? Oder wollt Ihr mir nur Angst ma-chen? Woher weiß ich, dass Ihr seid, wer Ihr vorgebt?«
Inea zuckte mit den Schultern. »Seid Ihr ein Spieler, Jegife? Denn der Preis für Eure Zweifel könnte Euer Leben sein.«
In der folgenden Stille raschelten nicht einmal die Palmenblätter. Ganz fern klangen die Rufe der Passanten auf der Straße, irgendwo vor Pakos Haus. Pako selbst wirkte erstarrt. Und gerade, als Inea dachte, er würde sich überhaupt nicht mehr rühren, gurrten Tauben im Gebälk und ihr Gastgeber zuckte zusammen. Kurz sah er sich hektisch um, dann sprang er auf und rauschte an ihr vorbei.
Im Torbogen blieb er stehen und blickte sich noch einmal zu ihr um. »Wenn das wirklich die Wahrheit ist, dann rettet Ihr mir gerade das Leben … Prinzessin Schekedien.«
Inea nickte stumm. Das tat sie wohl. Wenn ihr Vater wüsste, wie vie-len ihrer Ziele sie schon zur Flucht verholfen hatte, würde er sie köpfen lassen. Aber sie konnte sich Schlimmeres vorstellen – zum Beispiel solche Missionen tatsächlich auszuführen, wie er es wollte. Pako eilte in sein Haus. Inea blieb sitzen und nippte an ihrem Palmwein. Ihr Vater mochte glauben, sie wäre ein fügsames Mädchen, das alles tat, was er von ihm verlangte. Doch das war sie noch nie gewesen.